Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

2. Kor 4, 18

Der griechische Mathematiker Eratosthenes von Kyrene ist heute den meisten Menschen durch das nach ihm benannte Siebverfahren zur Ermittlung von Primzahlen bekannt — das übrigens bis heute in gewissen Abwandlungen in Gebrauch ist.

Dieses Verfahren war aber nicht seine größte geistige Leistung. Denn diese. Vollbrachte er im Jahre 246 vor unserer Zeitrechnung, als er vernahm, dass ein Obelisk in Assuan an einem Tag im Jahr, am 21. Juni (nach heutigem Kalender), keinen Schatten warf. Er schloss daraus völlig richtig, dass an diesem Tage die Sonne genau senkrecht über der Steinsäule stehen müsse. Aber am gleichen Tage warf ein Obelisk zu Alexandria — Eratosthenes leitete die dortige, gerade fertig gestellte Bibliothek — sehr wohl einen Schatten. Die Sonne konnte also zum gleichen Zeitpunkt über dem einen Ort senkrecht stehen, und über den anderen Ort nicht.

Es ist nicht überliefert, wie viel Kopfzerbrechen diese Beobachtung dem Mathematiker kostete, aber es ist überliefert, welchen Schluss er daraus zog; es war der Schluss, dass die Oberfläche der Erde gekrümmt sein müsse. Ein Schluss übrigens, welcher der gewöhnlichen Auffassung zur Zeit Eratosthenes widersprach, der vielleicht sogar für so manchen Lacher gut war.

Für einen Mathematiker lag in dieser Situation nichts näher, als die ganze Sache einmal durchzurechnen. Wie hoch der Obelisk zu Alexandria war, das war ihm bekannt, und die Länge des kürzesten Schattens am 21. Juni maß er einfach nach. Aus dem Verhältnis der beiden Längen konnte er einen Winkel für die Sonneneinstrahlung errechnen, dieser betrug 7,2 Grad. Dann bestimmte er die Entfernung zwischen Assuan und Alexandria, die 787,5 Kilometer betrug. Als zusätzliche Annahme führte er ein, dass die Krümmung der Erdoberfläche an jedem Ort gleich ist, dass die Erde also eine Kugel ist. Mit diesen Daten und mit der naheliegenden Annahme der Kugelgestalt der Erde berechnete er den Umfang der Erde und kam auf 39.375 Kilometer. (Wenn man für die Umrechnung eines griechischen Stadions in Meter andere, ebenso plausible Werte nimmt, wird der gemessene und berechnete Wert für den Erdumfang noch genauer.)

Dieser Wert weicht nur um 1,8 Prozent vom heutigen Kenntnisstand ab. Er ist durch relativ einfache Messungen und nahe liegende Gedanken gewonnen worden.

Auf die Antike folgte die faule Blüte des Christentums und das christliche Mittelalter, das kein Interesse mehr an Messungen und nahe liegende Gedanken hatte, sondern es bevorzugte, seine Auffassung von der Wirklichkeit aus einem damals schon alten Buch orientalischer Herkunft — das von Christen bis heute als „Heilige Schrift“ bezeichnet wird — herauszulesen. Die Erde war natürlich eine Scheibe im Zentrum des Universums. Und wer anderer Auffassung war, wurde ermordet.

Die Schriften von Eratosthenes sind bis auf eine Handvoll Fragmente und Zitate bei anderen Autoren verloren gegangen.

Die Schriften vieler anderer antiker Forscher sind völlig verloren.

Die blutgetränkten Schriften der Bibel sind hunderttausendfach überliefert.

Wenn es Nacht wird im Reiche der Vernunft, denn scheint kaum noch ein Quäntchen Licht in die Zukunft. Es gibt kein mögliches, friedliches Miteinander von freiem, nach Einsicht strebenden Denken und dem Fundamentalismus der alten Schriftreligionen und dem ebenso seelengierigen Fundamentalismus der modernen Ideologien, die beide ihre Forderungen an die Menschen, so bald sie es können, mit jeder nur möglichen Gewalt durchsetzen werden.