Tag Archive: Entsolidarisierung


Ein Viertel weniger

„Seltsam“, sagte der Vorübergehende zu seiner Zeitgenossin, „wie leicht sich die Menschen eine dumme Emotion machen lassen, weil ausgerechnet in den Zeitungen der Milliardäre steht, dass Frauen im Durchschnitt ein Viertel weniger als Männer verdienen; und seltsam auch, wie leicht sie darüber vergessen, dass etwa die Pflegekräfte mit ihrem schnell zerstörten Rücken nur einen Bruchteil dessen als Lohn erhalten, was jene selbsternannten Leistungsträger dafür bekommen, dass sie die richtige Kraft-mal-Weg-Arbeit an andere delegieren. Schau dir nur an, wie die contentindustrielle Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf wohlgewählt gesetzte Themen jede möglicherweise wirksame Solidarität an der Wurzel verrotten lässt, und du weißt, wo die Argumentationen des Feminismus nach ihrer bourgeoisen Transformation angekommen sind: Im Manipulationsbaukasten der Ausbeuter“.

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Habgier

Die dumme Idee, die — früher mit gutem Grund als niedere Strebung betrachtete und verachtete — Habgier zur ausschließlichen Grundlage des menschlichen Miteinanders in einer Gesellschaft zu machen, erzeugt zwangsläufig ein Miteinander von Dieben, Betrügern und Räubern in der Haltung ständigen gegenseitigen Misstrauens und Neidens. Alles weitere. Steht auch in jeder Zeitung.

Der Traum der Herrschenden

Die von der gegenwärtig herrschenden Klasse gewünschte Gesellschaft besteht aus Uninformierten, die leicht durch Uniformierte in Zaum gehalten werden können, wenn sie doch einmal ihr Lebensrecht einfordern. Und genau so. Sehen alle Pläne zur politischen Gestaltung der Gesellschaft aus.

Ferrero Küsschen

Guten Freunden gibt man ein Küsschen. Oder auch zwei.

Fernsehwerbung für Ferrero Küsschen

Zu den deprimierenden Kennzeichen des allgemeinen Lebensschadens im Lande Barbarien gehört es, dass es den Menschen kaum noch möglich ist, einem anderen Menschen gegenüber Zuneigung auszudrücken. Alle hierfür verfügbaren Wörter und Phrasen sind nicht nur durch die Konvention so blass geworden, dass sie unnötig wortreich und oft in kühler Formelhaftigkeit nichts mehr ausdrücken, sie bringen auch durch die allgegenwärtige sexualisierende Werbung für Parfüms, Pralinen, Eiscremes und Pizzen eine unangemessene und in der Wirklichkeit des Miteinanders völlig unerwünschte Unterschwingung des verschlingenden Konsums in die Mitteilung. Dort, wo Menschen dennoch ihre gefühlsmäßige Nähe verbalisieren wollen, geraten sie in diesem schwierig gewordenen Unterfangen meist in eine sprachliche Retardierung auf kindischem Niveau, die auch kein guter Ersatz für die im gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozess verloren gegangene Ausdruckskraft der Sprache ist, sondern vielmehr dumm, unernst und unfreiwillig komisch wirkt. Doch steht für einen anderen Bereich des emotionellen Ausdruckes mehr als genügend unverbrauchten sprachlichen Materiales zur Verfügung, das sich unverminderter Kraft erfreut: Es ist immer noch möglich, jemanden anders mit klaren und echt wirkenden Worten deutlich zu machen, wie sehr man ihn hasst und verachtet. Wo die sprachlich ausgedrückte Nähe blass und verlogen wirkt, der ausgedrückte Widerwillen hingegen heiß und echt, da ist der Zerfall des Miteinanders bereits geschehen, da sind die Menschen längst Einzelkämpfer auf einem Schlachtfeld voller Überfluss geworden.

Opfer

Ein „hübsches“ Beispiel dafür, wie im Streben der heutigen Blendredner nach kaltem Schönsprech angesichts des Üblen der irrationale Unfug längst überwundener Zeiten neu geboren wird, ist das deutsche Wort „Opfer“.

In seiner ursprünglichen Bedeutung meinte dieses Wort einen Abwehrzauber durch eine bewusste, die Schrecken des Schicksals vorauseilend vorwegnehmende Gabe an irgendwelche personal, nach dem Vorbilde des Menschen gedachten Weltenlenker, die sich mit dem „freiwillig“ gegebenen Opfer als eine Art „Schutzgeld“ besänftigen lassen und begnügen sollten und deshalb im Angesichte des Geopferten nicht den dräuenden Schaden über die Gemeinschaft der Menschen ergießen sollten. Wie sehr die so bedienten Gottheiten im Zuge einer solchen Frömmigkeit zum Widerspiegel der Willkür der menschlichen Herrschaft gerieten (und auf diesem Wege die Herrschaft vergöttlichten) und wie sehr ein solcher magisicher Aberglaube zum Zement der Herrschaft und ihres willkürlichen Gewaltanspruches taugt, wird durch bloßes Betrachten offenbar. Untrennbar mit diesem Konzept verbunden ist in einer christlich geprägten Gesellschaft die auf Paulus zurückgehende theologische Konstruktion, dass Jesus aus Nazaret sich stellvertretend für alle daran Glaubenden am Galgen geopfert habe und ihren Tod auf sich genommen habe, damit diese leben können, ja, in Erfüllung narzisstischer Süßträume ewiglich leben können.

Der moderne, nur scheinbar sachliche Ge- und Missbrauch dieses Wortes ist ein völlig anderer und dient nur zur Verblendung der Lesenden und Hörenden. Wenn immer die Gewalt — sei es die menschliche Gewalt des Alltags in einem Wettbewerb jedes Menschen gegen jeden Menschen auf einem Schlachtfeld voller Überfluss und auch jene vor allem im Maßstab monströsere Gewalt des Krieges oder aber auch das wuchtige Ablaufen natürlicher Prozesse, das man eine Katastrophe heißt — aus Menschen Geschädigte und Getötete macht, so wollen die Blendredner das klare Sprechen und Schreiben von Geschädigten und Getöteten vermeiden, weil es bei den Hörenden einen zu deutlichen Eindruck der Tatsächlichkeit des Geschehens hervorruft und im so geweckten Hirne vielleicht auch immer wieder einmal die Frage nach den Gewalttätern und ihren persönlichen Vorteilen oder nach der Hilflosigkeit des nützlichen Gottes im Dienste dieser Gewalttäter weckt. Solche Fragen sind schädlich für die eingeforderte Verherrlichung der Gewalt. Da kommt den Blendrednern der classe politique und den von ihnen in Brot gehaltenen Speichelleckern in Glotze und Journaille die Möglichkeit eines solchen sprachlichen Rückgriffes auf das psychische Material magischer Konzepte gerade recht, und sie ernennen die geschädigten und getöteten Menschen kurzer Hand zu Opfern. Dass ihre pfäffischen Schergen von der Judaskanzel hinweg weiterhin das Wort im älteren, primitiv-magischen Sinne gebrauchen, passt prächtig in die Absicht des sprachlichen Gewaltverberges. Und. Führt im Kontext einer christlich durchjauchten Gesellschaft zu der durchaus erwünschten, vorbewussten und doch psychisch wirkmächtigen Auffassung vieler Menschen, dass sie nicht mehr zu Betroffenen der Gewalt werden können, weil andere ja an ihrer Stelle zu Opfern geworden sind — die latente Entsolidariserung, die sich mit diesem mindfuck verbindet, ist dabei ein zusätzlicher Gewinn für die Profiteure der Gewalt.

Den wenigsten Menschen ist diese Manipulation durch Sprache bewusst. Doch wer mit offenen Ohren durch die Straßen geht, kann hören, dass sich zumindest bei den Pubertierenden eine dumpfige Einsicht regt, denn diese nehmen sich das umgepresste Wort „Opfer“ und verwenden es unter sich genau so böse, wie die Sprecher des undeutlichen Deutsch und Gutsprecher der Gewalt böse sind. „Opfer“ gilt unter ihnen als derbes Schimpfwort, und es wird auch gern einmal als Adjektiv verwendet, um etwas herabzuwürdigen — „Wie opfer ist das denn?!“ meint keineswegs die Haltung eines Menschen, der sich in der gern geforderten und moralisch verherrlichten Form für andere hergibt, sondern einen Zustand von Schwäche, Ausgeliefertsein und völliger Wehrlosigkeit gegenüber der erlittenen Gewalt. Das Unbewusste der so sprechenden, jungen Menschen hat sehr genau aufgefasst, was mit der Sprache und auf diesem Weg auch mit dem Denken der Sprechenden angestellt werden soll.

Mit Gruß an Tugrul

Trübe Sonne

Wenn es ein Sonnentag im Mai ist, ganz hell und die radfahrende Haut mit schönem Wind streichelnd, wenn man eines solchen Tages den brütenden Moloch der Stadt zu verlassen gedenkt und auf diesem Wege durch seine längst enteignete, deflorierte, dem nackten Gewinnstreben geopferte, im Zerfall zuckende Heimat fährt, denn greift eine kaum passende Traurigkeit würgend nach dem Herzen. Das kalte Geschwätz der Sozialpädagogen dringt in das Ohr, das leere Gelaber dieser Assimilatoren und Erwachsenenerzieher, die mit ihrem verachtenswerten Seelengeficke wahrlich schon genug von meinen Freunden in den Freitod getrieben haben, als sie aus ihnen mit professioneller Beflissenheit geschäftlich verwertbare Funktionseinheiten machen wollten. Oh ja, sie sind jetzt alle hierher gezogen, weil es ja so schön „alternativ“ hier ist, und sie bringen das mit, was sie wohl für ihre „Kultur“ halten, eine Kultur der Aasmaden des Konsums. Ich steige vom Fahrrad ab, um gegen den ersten Impuls nicht zu fliehen, aber ich beschließe auch, mir diese Wortfetzen aus den Menschzerfetzern nicht anhören zu wollen, und so stecke ich die Stöpsel in die Ohren, die den geistlosen Krach der Straßen mit Musik überlagern, und ich drücke auf den kleinen Taster, der das nächste Stück abspielt.

Wie passend es doch ist. Atom Heart Mother von Pink Floyd, ein großartiges Stück, das die Kälte, Faszination und Beliebigkeit aller Formen in der zerfallenden Postmoderne wie mit einer Abtastnadel zerlegt und in Musik wandelt. Da ich an meinen Ohren hänge, verzichte ich auf eine alles in den Schatten stellende Lautstärke, erlaube mir, auch noch ein paar Klänge der Umgebung zu hören und setze mich auf ein sonnenbeschienenes, warmes Stück Straße. Die Augen geschlossen, damit man mir nicht gleich ansieht, wie sehr mir zum Weinen zumute ist — denn genau aus einem solchem Grund, wegen so etwas unerhörtem und gefährlichem wie dem Weinen in der Öffentlichkeit, bin ich einmal von der Polizei verhaftet worden und „zu meinem eigenen Schutz“ und natürlich gegen meinen Willen in eine psychiatrische Klinik verbracht worden, wo man mich eine Woche lang wegschloss. (Und nein, ich war nicht verwirrt, ich war einfach nur traurig, und ich hatte und habe allen Grund dazu. Es ist doch beachtlich, wie einem das Fühlen der Traurigkeit ob eines beschädigten Lebens noch verweigert wird, wie man sich in plumpen Spaß oder doch wenigstens in Stumpfheit üben soll, um nicht aufzufallen und deshalb gesellschaftlich sanktioniert zu werden.) Es ist die stete Kälte und Gewalt, die uns Menschen allen. Diese kleinen Gesten aufzwingt, die stete, tägliche Kälte und Gewalt.

Nach gut sechs Minuten, „Breast Milky“ hatte gerade begonnen, öffnete ich die Augen aber, weil sich ein lautes, klapperndes Geräusch mit der Musik durchmischte, ein Krach, der sich nicht selbst erklärte und der meine Aufmerksamkeit erzwang. Es handelte sich um eine Horde von vielleicht dreißig Menschen, die uniform gekleidet und stockklappernd nordic walking betrieben und sich offenbar darin gefielen, sich dabei so auf dem flanierenden Zeigen und Sehen zu präsentieren. Es ist inzwischen sogar schon chic geworden, wenn man ohne Not eine Gehhilfe verwendet. Ob es wohl auch bald „sportliche“ Rollstühle geben wird, deren tägliche Benutzung ganz toll für Herz, Kreislauf und Leistungsfähigkeit als Batterie im betrieblichen Produktionsprozess ist?

Ich zog es vor, rasch auf das Rad zu steigen und weiterzufahren, raus aus dem Moloch, die fabrikneuen Trümmer meiner zerstörten Heimat hinter mich lassend. In mir die Erinnerung an die dort entfernten Menschen, die so roh und unverbildet waren, dass sie ein Wort wie „Solidarität“ nicht in den Mund nahmen, sondern einfach lebten. Brach liegt alles, aber auch alles fern. Ich bin froh darüber, dass es endlich wieder so warm ist, dass es eine Freude ist, draußen zu sein. Und ich habe nicht mehr die Absicht, auch nur noch einen einzigen Winter zu erleben. Bei Lichte betrachtet, ist das bisschen Lust den ganzen Schmerz doch gar nicht wert.

Das moderne Schwarz

Wir wollen darüber schweigen, dass ein Bürger den anderen mied, dass fast kein Nachbar für den anderen sorgte und sich selbst Verwandte gar nicht oder nur selten und dann nur von weitem sahen. Die fürchterliche Heimsuchung hatte eine solche Verwirrung in den Herzen der Männer und Frauen gestiftet, dass ein Bruder den anderen, der Onkel den Neffen, die Schwester den Bruder und oft die Frau den Ehemann verließ; ja, was noch merkwürdiger und schier unglaublich scheint: Vater und Mutter scheuten sich, nach ihren Kindern zu sehen und sie zu pflegen — als ob sie nicht die ihren wären […] Viele starben, die, wenn man sich um sie gekümmert hätte, wohl wieder genesen wären.

Nein, hier beschreibt nicht jemand die gegenwärtigen Zustände unter der Heimsuchung einer zum allesfressenden Moloch gemachten Wirtschaft und einer davon bedingten, stetig fortschreitenden Vernichtung sämtlicher menschlichen Bindungen und Werte. Das Zitat stammt aus der Novellensammlung „Decamerone“ von Giovanni Boccacio, in welcher dieser Zeuge seiner Zeit in einer noch heute bedrückenden Weise beschreibt, was für ein umfassender Zerfall mit der Ankunft des „Schwarzen Todes“ im Florenz des 14. Jahrhunderts einher ging.

Heute bedarf es solcher Pestilenzen nicht mehr, um wirklich jedes, auch noch das blutsverwandtliche, Miteinander zu zerrütten; heute genügt hierfür der Trockenrausch des Konsumismus, die Angstpeitsche der Armut und die so genannte „Flexibilität“, die den Opfern von den Profiteuren dieses Irrsinnes abverlangt wird.

Die unmittelbare Reaktion der mittelalterlichen Gesellschaft auf die tödliche Seuche des „Schwarzen Todes“ und die eigene Machtlosigkeit gegenüber einem übergeordneten Prozess waren übrigens Pogrome gegen gesellschaftliche Randgruppen, vor allem gegen Juden. Auch dies mag eine Nähe zur Seuche des gegenwärtigen Wirtschaftens herstellen — denn auch in viel jüngerer Zeit reagierten die Menschen auf Krisen des Wirtschaftssystemes, indem sie Mordpöbel aller Art bildeten. Dieser Irrsinn. Ist noch nicht unterbunden.

Die Anderen

Als die Syphilis zur großen Plage in Europa wurde, nannte man sie in Deutschland, in England und in Italien die „französische Krankheit“, in Frankreich jedoch lieber „die italienische Krankheit“. In Russland war es die „polnische Krankheit“, in der Mongolei hingegen die „russische Krankheit“. Die Japaner sprechen bis heute von der Syphilis etwas blumig als von einem „chinesischen Geschwür der himmlischen Strafe“.

Im zweiten Weltkrieg waren die Kakerlaken ein allgegenwärtiger Begleiter. In Deutschland nannte man die wenig appetitlichen Insekten „Russen“, und in Russland nannte man sie „Deutsche“.

Die Kakerlaken und die Erreger der Syphilis kennen weder Kanonenmusik noch Flaggen noch auf Landkarten gezeichnete Linien, innerhalb derer gewisse Formen der Gewaltausübung durch eine Clique von Besitzenden gelten. Solche kranken Kopfgeburten kennen nur die Menschen, und sie verwenden allerlei sprachliches Blendwerk, um die winzigen Unterschiede zwischen verschiedenen Menschen künstlich zu vergrößern und diesen Vergrößerungen psychische Wucht zu geben. Die Kakerlaken und die Erreger der Syphilis haben nichts weiter als ein DNA gewordenes Verlangen nach Erhaltung und Reproduktion. Deshalb wird es die Kakerlaken und die Erreger der Syphilis wohl auch dann noch geben, wenn sich die Menschen längst in sinnlosen Kämpfen auf einem Schlachtfeld voller Überfluss ausgetilgt haben. Die einzige Möglichkeit, diesen Ausgang des gegenwärtig über die menschlichen Gesellschaften ablaufenden Prozesses abzuwenden, bestünde darin, dass sich Menschen auf ihr Gemeinsames und auf ihre Fähigkeit zum intelligenten Handeln besinnen, dass sie einsehen, dass es so nicht weitergeht — wer würde so eine hoffnungslose Hoffnung entwickeln?