Tag Archive: Drogen


Amy Winehouse

Als dem Vorübergehenden ganz aufgeregt mitgeteilt wurde, dass Amy Winehouse gestorben ist, sagte er nur: Das ist doch zur Abwechslung mal wieder ein Opfer der Drogensucht, das nicht sofort verdrängt wird — nicht so wie die meisten anderen, die es mangels Vermarktbarkeit nicht zu medialer Präsenz gebracht haben und überall aus dem Stadtbild und aus der allgemeinen Wahrnehmung verschwunden gemacht werden sollen.

Anmerkung: Ich mochte ihre Stimme…

Glubschohr

Ich wusste, dass ich alt geworden war, als mich vor einigen Monaten das erste Mal ein deutlich jüngerer und offenbar mit MTV aufgewachsener Mensch fragte, ob ich ein bestimmtes, neues Musikstück schon gesehen hätte. Und. Als dieser deutlich jüngere Mensch mich völlig verständnislos anschaute, als ich ihm daraufhin sagte, dass ich schon lange kein acid mehr nähme.

In jeder Zeit nehmen die Heranwachsenden in ihrer zum Körper gewordenen Verzweiflung die jeweils modernen Mittel, um die Wahrnehmung zu füttern und erträglicher zu halten. Zu meiner Zeit nahm man Drogen, um seine eigenen Trugbilder zu sehen und seine ganz persönliche Geisteskrankheit zu entwickeln. (Was mich. Hervorbrachte.) Und. In der heutigen Zeit nehmen sie Medien, um die kollektiven Trugbilder zu sehen und die kollektive Geisteskrankheit zu übernehmen. (Was das hervorbringt. Was mich jedenall und übertag ergibt und umstickt.)

Der trockene Rausch

Jede wirksame Droge ist eine Substanz, die chemisch auf das Gehirn einwirkt und auf diese Weise das Bewusstsein verändert. Das ist der Rausch, der von einer Droge verursacht wird; und jedem dürfte klar sein, dass Räusche in aller Regel nicht vernünftiger machen. Aber keine Droge könnte wirken, wenn dieser Rausch nicht schon im Hirne als Reaktion auf körperliche Prozesse vorgesehen wäre, wenn er nicht in vergleichbarer Weise durch körpereigene Substanzen hervorgerufen werden könnte. Niemand glaube, dass ein derartiger „Trockenrausch“ geeigneter sei, Vernunftleistungen hervorzurufen als ein Rausch, der mit Hilfe von Drogen eingeleitet wird. Nicht nur die Geschichte der Religion ist eine Geschichte des trockenen Rausches voller süßwarmem Größenwahns als Flucht vor der ständigen Demütigung des Narzissmus in der Realität, auch sollte jedem Menschen der heutigen Zeit auffallen können, dass ein solcher „ekstatischer“ Rausch auch jedem nicht religiösen Menschen offensteht — und das gleiche Potenzial zum Siechtum der Sucht in sich trägt wie ein drogeninduzierter Rausch. Ob es die scharweis gröhlenden Schlachtenbummler der wöchentlichen Soap-Operas für Männer, der professionell aufgeführten Sportwettbewerbe, sind; ob es die Kaufräusche sind, in die Menschen angesichts des Angebotes verfallen und bei denen sie ihr Kaufverhalten zuweilen vollständig von ihren Bedürfnissen entkoppeln; oder ob es sich um den Rausch eines Verliebten an seinen eigenen Hormonen, ich spreche da gern von „körpereigenen Sexualtoxinen“, handelt — jeder dieser Räusche zeigt, dass ein Rausch ohne extern zugeführte Drogen möglich ist, ja, dass ein solcher Rausch oft wesentlich längerfristig den Verstand beeinträchtigt als ein Drogenrausch.

Die Manipulation durch Rhetorik bedient sich, so sie wirksam und geschickt ausgeführt wird, eines psychischen Materiales, das einen trockenen Rausch auszulösen vermag. Die Wirkung ist verheerend. Ganze Gesellschaften sind für die abstrakte Kopfgeburt eines Begriffes wie „Nation“ besoffen vor Begeisterung in den Krieg gezogen. Um sich davor zu schützen, ist es durchaus wichtig, zu wissen, dass ein vollwertiger Rausch ohne Benutzung von Drogen induziert werden kann. Demnächst wird es hier eine Bundestagswahl mitten in einer für viele Menschen beängstigenden Krise der gesamten Gesellschaft geben, und in den PR-Abteilungen der antretenden Parteien suchen schon recht kompetente Menschen nach Material, mit dem wirksame Räusche erzielt werden können, die dann zu einer wenig vernünftigen Entscheidung bei der Wahl führen sollen — denn argumentativ geht man beim Verkauf der Politik an das Volk schon lange nicht mehr vor.