Tag Archive: Doppelmoral


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Juratitte

„Wie auffällig es doch ist“, sagte der Vorübergehende zu seiner Begleiterin im Wind, „dass die Boulevardpresse, wenn sie mit süffisantem Tone über die Abmahnungen für gestreamte Pornofilme aus dem Internet berichtet, zwar kein Wort zum Hintergrund schreibt und mit keiner Silbe erwähnt, dass nach der Rechtsauffassung dieser Abmahnanwälte jeder Klick im Zukunft abmahnfähig werden könnte, und stattdessen diese Gelegenheit gleich nutzt, ein paar pralle Titten auf die Seiten zu stempeln“.

Gewalttäter warnen: Gewalt ist falsch!

Es ist doch immer wieder erhebend und klingt klingeling schön nach Menschenrecht und Demokratie, wenn die classe politique des Staates, der — nur ein einziges Beispiel von vielen — Gegnern eines sinnlosen Prestige-Bahnhofes in Stuttgart die Augen aus dem Kopf schießt, vor Gewalt gegen Demonstranten im Ausland warnt. Es gibt nun einmal einen Unterschied zwischen dem Widerstand gegen die Entscheidungen „demokratisch“ gewählter Regierungen im Ausland und dem Widerstand gegen die Entscheidungen „demokratisch“ gewählter Regierungen, zu denen man selbst gehört…

Zweierlei Lügner

Wie entrüstet doch Mitmensch Spießer im Bierdunst ist, wenn Mitdämon Journalist bei ihm die richtigen psychologischen Knöpfchen drückt, weil ein korrumpierter, geltungsgeiler Bischof lügt — als wenn nicht der ganze Trost der christlichen Religion eine einzige jesuserbärmliche Lüge wäre — wie schnell er, wenn der Speichelfluss des Affektes aus ihm herausquillt, aufgeregt nach dem Glase grabscht und mit richtig laut werdender Stimme den Rücktritt eines verlogenen Kirchenbonzen fordert, und wie gewillt er ist, eine darin völlig schamlose, durch und durch verlogene und korrupte Regierung wiederzuwählen…

Der Schutz des Lebens

Es ist immer wieder erstaunlich, dass so viele Menschen, die zum „Schutz des Lebens“ gegen jede Abtreibung sind und deshalb ein mit Staatsgewalt durchgesetztes Verbot jeder Abtreibung fordern, doch immer noch bei all ihrer plakativen Lebensschützerei mit der Todesstrafe sympathisieren können und nichts in vergleichbarer Lautstärke und Deutlichkeit gegen die industriell unterstützte Menschenmetzelei der Kriege zu sagen wissen.

Blockade

Jeder Mensch, der jetzt wegen der Anfertigung und Verteilung von Kopien urheberrechtlich geschützter Werke in einem Gefängnis der Vereinigten Staaten von Amerika sitzt, blockiert damit nur den Gefängnisplatz für einen der vielen Soldaten, die völlig grundlos Zivilisten abgeknallt oder ausgebombt haben.

Der europäische Schleier

Es ist doch seltsam. Die gleichen Menschen, die sich so lautstark und recht künstlich emotional über die Verschleierung der Frauen aufregen können, die im größten Teil der islamischen Welt üblich ist, die noch das harmlose Kopftuch für einen verachtenswerten und gefährlichen Gräuel halten, sie wundern sich nicht einen Moment in ihrem Leben darüber, dass die Frauen in der christlichen Welt ihr wirkliches Aussehen hinter einer Maske aus Kosmetik und sonstigem Körperverberg verstecken müssen, dass sie sich sogar zuweilen durchoperieren lassen müssen, um nicht gesellschaftlich ausgegrenzt zu sein. Auch das christliche Europa und sein geistkrankes Bastardkind in Nordamerika hat seine obligatorischen Schleier und Kopftücher für Frauen, genau so augenfällig und verpflichtend wie die Verbergtücher des Orients, nur dass diese um einiges teurer und damit diskriminierender für arme Frauen sind. Allein in diesem Unterschied. Zeigt sich ein Stück des kulturellen Unterschiedes.

Gleichgültiges Fest

Es ist Sommer. Die Sonne hat keine Wahl und scheint auf nichts Neues. Die Straßen der Stadt sind warm. Die Menschen. Treibt es nach draußen. Da muss ihnen doch etwas geboten werden, damit. Sie nicht zu denken beginnen. Ein rauschendes Fest nach dem anderen wird auf den Straßen und Plätzen Hannovers aufgeführt, mit lärmender Musik und Bier im Plastikbecher, vierunddreißig internationen Pfannen, aus denen es zum Himmel stinkt und Feuerwerk. Und Feuerwerk. Für den Vorübergehenden, den Fühlenden und Denkenden, entsteht der Eindruck einer verzweifelten Riesensause auf einem sinkenden Schiff.

Und wer unter den Menschen sich trotz der vielen vorgestanzten Angebote darauf besinnt, dass er noch etwas selbst machen könnte, wird von der Polizei aufgelöst. Es ist eben nicht alles gleich gültig unter den Bedingungen der totalen Verwirtschaftung. Aber das. Soll den Feiernden gleichgültig bleiben.

Doppelt hält besser

Er sagte: „Die heutige Zeit ist doch gar nicht morallos. Noch nie hat ein Mensch so viel Moral wie heute gebraucht. Er braucht sie sogar in doppelter Ausführung, einmal für sich selbst und ein weiteres Mal mit etwas strengeren Maßstäben für andere Menschen.“

Die frühe Wurzel

Die Gesamtheit der Maßnahmen zum so genannten „Jugendschutz“ haben ein künstliches und gewaltsames Gepräge, es sind strafbewehrte Maßnahmen der Zensur und Vorenthaltung, die den davon betroffenen, jungen Menschen das volle Lebensrecht eines Menschen abzusprechen trachten. Darin spiegelt sich wider, dass die Idee der „Jugend“ und wohl auch die Idee der „Kindheit“ als unreife und zu schützende Phase des Menschseins eine künstliche, unnatürliche, vielleicht sogar kranke zivilisatorische Idee ist, die nur durch Anwendung staatlicher Gewalt aufrecht erhalten werden kann. Im gleichen Maße, in dem direkte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche eine besondere Ächtung erfahren hat, ist die institutionalisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der Form einer recht weit gehenden Entrechtung und künstlich erzwungenen Unselbstständigkeit als gesellschaftliche Norm etabliert worden, was heute so weit geht, dass man Menschen abspricht, dass sie vollwertige, mit voller Verantwortung und vollem Existenzrecht ausgestattete Menschen seien, bevor sie nicht eine zahlenmäßig festgelegte Spanne an Lebenstagen vollendet haben. Mit dieser Vorgehensweise wird dem Menschen vom frühesten Moment seines Lebens an und über die prägenden Jahre hinweg ein Eindruck jener überwältigenden und jeden Widerstand zwecklos machenden Gewalt eingestempelt, der den Menschen zum leicht verwertbaren Objekt des staatlichen und wirtschaftlichen Herrschaftsanspruches macht. Wer vom Menschenrecht und von der Freiheit spricht und gleichzeitig jungen Menschen beides vorenthält, um sie in Zwangsmaßnahmen und „schützender“ Zensur zu knechten, der wünscht nicht Recht und Freiheit, sondern früh in Unterwürfigkeit geübte Restmenschen, die im Krisenfall nicht ans eigenständige Handeln als ersten Impuls des Seins gewöhnt sind, sondern verantwortungslos nach der Knute schreien, die sie zerstört. Kaum eine zivilisatorische „Errungenschaft“ ist ein so guter Nährboden für faschistoide Gesellschaften wie der so genannte „Jugendschutz“. Wohl auch deshalb. Waren die Idealbilder der Mutterschaft und der Kindheit in so auffälligem Maße wesentlich für die areiligiöse Ikonografie der nationalsozialistischen Barbarei.

Auswärtiges Denken (44)

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