Tag Archive: Deutsch


Die Schiffe zum Hafen rufen

Eine Milliarde Worte ists her
Dass die Seeleute verschwanden.
Eine Geschichte für die Kinder
Um sie in den Schlaf zurückzuwiegen.

Eine Million brennende Bücher
Wie Fackeln in unseren Händen.
Ein Gewebe aus Idealen
Um unser Zuhause zu schmücken.

Eintausend Generationen,
Der Boden, auf dem wir wandeln.
Ein Berg von Irrtümern
Auf dem wir genussvoll klettern.

Einhundert Uhren ticken,
Die Gerade wird ein Kreis.
Dreh am Glücksrad
Oder lern das Navigieren!

Ein Chor, erfüllt von Sehnsucht
Wird unsere Schiffe zum Hafen rufen.
Die ungezählten einsamen Stimmen,
Wie Geflüster in der Dunkelheit.

Eine Sekunde der Besinnung
Kann dich zum Mond bringen.
Das lässlichste Verzögern
Kann dich brennend runterreißen.

Ein einziger Funke Leidenschaft
Kann einen Mann für immer ändern.
Ein Augenblick in seinem Leben
Ist alles, um ihn zu brechen.

Ein Bruchteil eines Herzschlags
Machte uns zu dem, was wir sind:
Ein Bruder und eine Schwester
Im Guten oder im Schlechten.

Eine Milliarde Worte ists her,
Dass sie ein Lied vom Reisen sangen.
Ein Widerhall des Chores
Wird sie wieder zurückrufen.

Ein Chor, erfüllt von Sehnsucht
Wird unsere Schiffe zum Hafen rufen.
Die ungezählten einsamen Stimmen,
Wie Geflüster in der Dunkelheit.

Heut nacht zünden wir die Feuer an.
Wir rufen unsere Schiffe zum Hafen.
Heut nacht gehen wir auf Wasser
Und morgen sind wir vergangen.

Heut nacht…

Covenant: Call the Ships to Port | YouTube-Direktlink | Übelsetzung und alle Verhörer von mir.

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Der feine Unterschied…

Wenn ich jemanden totschösse, dann beschrieben Journalisten diesen Vorgang in den journalistischen Produkten als: Er hat jemanden erschossen. Doch wenn ein Polizeibeamter jemanden mit seiner Dienstwaffe totschießt, dann beschreiben Journalisten das in den journalistischen Produkten mit den Worten: Jemand starb durch einen Schuss aus einer Polizeiwaffe. Und in Härtefällen stellen die Journalisten uns auch die ganz besonders gebauten Waffen der Polizeibeamten vor; diese Waffen, mit denen die werten Polizeibeamten gar nicht mehr schießen müssen, sondern bei denen sich nur noch ein Schuss löst.

Die Orgel unter den Sprachen

Die Behauptung, dass Deutsch „die Orgel unter den Sprachen“ sein soll, erschließt sich in ihrem tiefsten Sinn erst, wenn man die Äußerungen der gegenwärtigen Merkel-Westerwelle-Regierung zu PRISM hört: Der Ton der deutschen Sprache dröhnt einem niederschmetternd aus vielen, sehr großen Pfeifen entgegen.

Mind matters

In der deutschen Sprache, die ja dort, wo es derb wird, nicht gerade arm an scharfen und klaren Begrifflichkeiten ist, gibt es diese drei gedanklichen Konzepte nicht, die einem Sprecher des Englischen in den Wörtern ghost, spirit und mind zur Verfügung stehen und von ihm auch gern in kurzen, prägnanten Wendungen wie mind matters verwendet werden. Diese Konzepte fallen im Deutschen zusammen in das eine Wort vom „Geist“, dessen begrifflicher Nebel von der spukhaften Erscheinung über die anspornende Begeisterung bis hin zu den Leistungen des Verstandes reichen muss. In diesem ungreifbaren begrifflichen Nebel lässt sich leicht die Bedeutung des Gesagten verbergen, um das Irrationale dem Hörer schmackhaft zu machen, auf dass sich auch ja ein Nebel auf das Denken lege. Wo die begriffliche Einsheit eines Gespenstes und einer zerebralen Leistung dem Denken seinem Stempel aufprägt, ists nicht erstaunlich, dass so viele Menschen einen state of mind erreicht haben, in welchem sie den Quellen intellektueller Leistung in einer Haltung ehrfürchtiger Achtung und Leicht-Gläubigkeit gegenübertreten, die sogar parareligiösen Charakter erreichen und sich auf bloße Äußerlichkeiten erstrecken kann — man denke etwa an die Beliebtheit weißer Kittel und klinisch reiner „Labore“, in denen im Gegensatz zur Bedeutung des lat. Verbes laborare sichtbar niemals gearbeitet wird, in der Reklame für diverse Zahnhygiene-Produkte — während sie einer solchen intellektuellen Tätigkeit in ihrem unmittelbaren Umfeld oder gar in ihrem eigenen Leben eher mit der ängstlichen Scheu und meidenden Ächtung begegnen, die einem Gespenste anstünde. Das Irrationale und Unmündige. Ist in diesem Punkte fester Bestandteil der deutschen Sprache und legt sich allzu leicht in die Überlegungen der deutsch Sprechenden, und zwar auch dort, wo ein klarer Gedanke angemessener als die Lyrik wäre.

Und nein, N., „body-mind“ durch „Körper-Geist“ zu übersetzen ist keine gute Idee. Du würdest den „Heiligen Geist“ doch auch nicht im Englischen zu einem „holy ghost“ machen…

Orgel

Zeitgenosse: Deutsch ist die Orgel unter den Sprachen.

Nachtwächter: Eine Sprache, die für einen leckeren Kuchen das Wort „Zwetschgendatscherl“ findet, erinnert mich eher an das Schlagzeug als an Orgelpfeifen.

Vom Deutsch der Spieler

Ich finde es ja rückblickend interessant, dass die Programmierer von Arcade-Spielen in den frühen Achtziger Jahren noch völlig anders als heute üblich auf die Anforderung reagiert haben, ihre Produkte für einen potenziell weltweiten Markt aufzubereiten. Heute wird beinahe immer vorausgesetzt, dass die Spieler dieser Spiele schon ein paar Worte Englisch verstehen oder doch wenigstens hinzunehmen bereit sind, dass sich also der Markt sprachlich zu einer künstlichen, kommerziellen Kultur vereinheitlicht hat und dass deshalb nicht mehr auf lokale Eigenheiten eingegangen werden muss. Damals jedoch wurde sehr wohl darauf geachtet, dass die Spieler in ihrer Muttersprache angesprochen wurden, selbst, wenn es sich um einen eher mittelgroßen Sprachraum wie den deutschen handelte, und anstelle des heute so allgegenwärtigen „Game Over“ gab es dann eben ein…

Spiel vorbei

…deutlich deutsches und unmittelbar verständliches „Spiel vorbei“.

Standbild: Qix, Taito America Corp., erstmals erschienen im Oktober 1981

Tatsächlich sind die Texte in Qix in vier Sprachen verfügbar, in Englisch, Französisch, Spanisch und Deutsch; die dargestellte Sprache kann vom Aufsteller eingestellt werden. Und diese Texte beziehen sich nicht nur auf eine Handvoll lakonischer Meldungen, sondern die (damals noch überschaubar wenigen) Elemente des Spieles werden auch in deutscher Sprache kurz erklärt:

Um Stix zu ziehen, den schnellen oder den langsamen Stix-Knopf niederdrücken

Punktzahlen je nach Gebiet. Schnelles Punktemachen 250. Langsames Punktemachen 500

Ihre Gegner: Sparx, der Qix, der Zünder

Offenbar ist damals noch niemand auf die Idee gekommen, dass es irgendwie „altmodisch“ und unpassend klinge, wenn man die Menschen in einer Sprache anspricht, die sie unmittelbar verstehen. Ganz im Gegenteil, die Übersetzung der dargestellten Texte zeigt eine auffällige Bemühtheit um treffende Ausdrucksweise. Sogar an die damals gar nicht so selbstverständlichen deutschen Sonderzeichen wurde bei der Programmierung gedacht.

Es gab zwar schon einige Produkte, die auf einem weltweiten Markt gehandelt werden sollten, aber das bullshit-Wort von der „Globalisierung“ war noch nicht von den Blendern aus Politik und Reklame erfunden. Es wurde noch nicht versucht, die Menschen an eine ebenso künstliche wie als gebieterisch verkaufte Globalkultur anzupassen, sondern die Produkte sollten sich an die lokale Bedingtheit der Menschen anpassen. Und das war den Herstellern dieser Produkte durchaus eine Investition wert.

Natürlich gelang dies nicht immer so gut wie im Beispiel Qix, vor allem die Umlaute erwiesen sich immer wieder als ein Problem:

Munze einwerfen

Standbild: Frenzy, Stern Electronics Inc., erstmals erschienen im Mai 1982

Nicht nur die „Munze“, auch die sonderbare Trennung in „Hoechster Gebnis“ zeigt auf, dass hier deutlich weniger Mühe investiert wurde. Allerdings wurde überhaupt eine gewisse Mühe investiert, um das Produkt lokal vermarktbar zu machen. Offenbar fand es noch niemand „unmodern“, statt der englischen Worte „Push 1 or 2 player button“ die deutschen Worte…

Startknoepfe druecken

„Startknoepfe druecken“ anzeigen zu lassen. Auch bei Frenzy (und schon bei seinem 1980er Vorgänger Berzerk) lässt sich die Sprache unter Englisch, Deutsch, Spanisch und Französisch auswählen — dass Russisch und Chinesisch nicht als Sprachen für Spiele der frühen Achtziger Jahre angeboten werden, ist in den damaligen poltischen Verhältnissen bedingt.

Mit heutigen Augen gesehen, wirken die damaligen Versuche, die Menschen bei ihrer eigenen Sprache abzuholen, in ihrem fragmentarischen Charakter beinahe lächerlich und die Übersetzungen teilweise übertrieben pathetisch*:

Gratuliere Spieler 1 - Das War ein Ruhmvoller Sieg! Trag Deinen Namen in die Heldenliste ein! Move stick to change letter then press FIRE to store it.

Das liegt aber daran, dass heute, dreißig Jahre später, niemand mehr einen solchen Versuch macht. Und das liegt keineswegs daran, dass die heutigen technischen Möglichkeiten schlechter geeignet wären, sondern es liegt daran, dass die „Zielgruppe“ solcher Produkte nicht mehr den geringsten Wert darauf zu legen scheint, unmittelbar zu verstehen, was sie da liest. Und das gilt leider nicht nur bei unwichtigen Dingen wie dem Zeitvertreib an einem münzbetriebenen Spiel.

* Übrigens ist der englische Text keineswegs weniger pathetisch, er lautet: „Congratulations Player 1 — You have joined the immortals in the FRENZY hall of fame — Enter your initials“. Dass einen die Anzeige des erzielten Punkterekordes… sorry… Hoechster Gebnis… bis zum Ziehen des Steckers am Abend „unsterblich“ macht, ist doch ein bisschen übertrieben. 😉

Jesus starb in Las Vegas

Glaubt ihr, dass ihr ihn ganz genau so liebtet?
Selbst, wenn auch er von jedem Glauben abgefallen wäre?
Ihr gabt und gebt euer eigenes Blut
Und einen Ruheplatz für diese lächerliche Krone
Und euren ganzen Unfug — für nur einen einzigen Dollar.
Ihr werdet Menschen bitten, euch zu folgen und zu dienen,
Ihre Länder zu verlassen und ihre Väter,  so sie euch lieben.
Doch die Betrüger und die Huren —
Es mag schon sein, dass sie euch ebenfalls folgen —
Doch sie werden auf eine Gegenleistung warten
Die reicher als eure Worte ist.

Jesus starb in Las Vegas
Und hier haben alle Lichter den Geschmack
Seines ganzen Blutes, Schmerzes und Widerstrebens.
Jesus starb in Las Vegas
Und er starb mit der Überheblichkeit
Jener, die sich geliebt fühlen; so sehr geliebt und verraten.

In einem unterbelichteten* Motel verratet ihr eure Freunde
Und ihr heiratet für ein paar Dollar eine Nutte:
Eine Zigarre. Unmittelbare Hochzeit. Drei Nägel
Reichen hin, um Geschichte zu werden, wenn mans nur annimmt
Und wenn man daran glaubt.
Jemand wird ihm folgen und den Flaggen und Königen entsagen,
In Sandalen oder in einem Cadillac.
Ihr werdet seinen Platz haben. Doch sie werden
Euch vergessen. Und. Ihr wisst gar nicht,
Wie bequem ein Gott ersetzt werden kann.

Jesus starb in Las Vegas
Und hier haben alle Lichter den Geschmack
Seines ganzen Blutes, Schmerzes und Widerstrebens.
Jesus starb in Las Vegas
Und er starb mit der Überheblichkeit
Jener, die sich geliebt fühlen; so sehr geliebt und verraten.

Nichts ist ansteckender als Sünde.

Spiritual Front: Jesus died in Las Vegas | YouTube-Direktlink
Die dem Original nicht völlig gerecht werdende Übelsetzung und alle Verhörer sind von mir.
Gruß an Claudia und an Don Ralfo

* Die im Adjektiv „dim“ enthaltene Ambiguität von „schummrig, dunkel“ und mehr umgangssprachlich „schwer von Begriff“ ist meiner Meinung nach völlig beabsichtigt, aber nicht gut übertragbar, deshalb die seltsame Übersetzung als „unterbelichtet“, da hier eine eine vergleichbare Überschneidung von Bedeutungskreisen im Deutschen auftritt. Es ist dennoch nicht halb so deutlich wie das Original geworden.

Versteigerte Rechtschreibung

Wer wirklich daran glaubt, dass sich die gegenwärtige deutsche Rechtschreibung mit ihrem barocken Wust unsinniger Detailregeln noch in irgendeine Zukunft retten ließe, muss nur eine viertel Stunde lang eBay benutzen, um diesen Glauben zu verlieren. In dieser viertel Stunde lässt sich auch leicht bemerken, dass sich die Menschen auch ohne Beherrschung der genormten Rechtschreibung gut genug verstehen, um allerlei Geschäftchen miteinander machen zu können. Und dort. Wo die Sprache dem Geschäfte dienen soll, bedarf sie auch keiner hübschen Form mehr. Der Zerfall der Rechtschreibung und der Ausdruckskraft der deutschen Sprache ist ein Spiegelbild des überall vernehmbaren Blahs von Kaufleuten, die lieber Tabellen als Gedichte lesen, und des überall vernehmbaren Blahs von Werbern, die lieber plump als fein in der Psyche herummeißeln. Hier werden sie geholfen. Wahnsinnig billig.

Marketing?

Eben beim Lesen meiner Mail habe ich den interessanten Hinweis bekommen, dass es sich beim rüpelhaften und nicht besonders sportlichen Vorgehen der JAKO AG gegen einen Blogger doch um eine Form des Marketings handeln könne, immerhin ist ja jetzt eine zuvor eher unbekannte Marke allgemein bekannt geworden.

Nun, das ist eine interessante Idee. Von dieser Methode des „Marketings“ habe ich schon vor vielen Jahren einmal gehört, und das hörte sich so an:

Chef: Herein! … Ah, Frosch.

Frosch: S. Frosch, bitte.

Chef: Schnauze! Ich muss mit Ihnen reden, Frosch.

Frosch: S. Frosch, bitte.

Chef: Schnauze! Es ist wegen Ihrer Kampagne für Conquistador Kaffee. Nun, ich musste mich heute morgen mit dem Manager von Conquistador treffen, und er ist sehr unglücklich wegen Ihrer Kampagne. Sehr unglücklich. Tatsächlich hat er sich erschossen.

Frosch: Schlimm?

Chef: Nein, wirklich gut. Bevor er von uns gegangen ist, hat er eine Nachricht für den Sekretär des Unternehmens hinterlassen, deren wesentlicher Punkt es ist, wie enttäuscht er von Ihrer Arbeit war, und insbesondere, warum sie den Namen von Conquistador Instant-Kaffee in Conquistador Instant-Lepra geändert haben. Warum, Frosch?

Frosch: S. Frosch, bitte.

Chef: Schnauze! Warum haben Sie das getan?

Frosch: Es war ein Scherz.

Chef: Ein Scherz?

Frosch: Nein, nein, kein Scherz… eine Marketing-Kampagne.

Chef: Ich sehe, Frosch.

Frosch: S. Frosch, bitte.

Chef: Schnauze! Schauen wir uns doch einmal die Verkaufszahlen an. Als sie diesen Wert übernommen hatten, Frosch, war Conquistador ein Markenführer. Hier haben Sie ihre erste Kampagne gestartet: „Conquistador Kaffee gibt dem Wort ‚erbrechen‘ eine neue Bedeutung“. Hier haben sie ihr Einführungsangebot gestartet, zu jeder Packung einen kostenlosen toten Hund hinzuzugeben. Und das hier ist das Ergebnis Ihrer zweiten Kampagne, „der prickelnde, frische Kaffee, der Ihnen eine eine reizende neue Cholera, Räude, Wassersucht, einen Tripper, die Staupe und eine Herzerweiterung* verschafft. Aus dem Hause Conquistador“.

Frosch: Es war keine gute Verkaufsstrategie**.

Chef: Warum, Frosch?

Frosch: S. Frosch, bitte.

Chef: Schnauze! Ja?

Frosch: Nun, immerhin kennen die Leute den Namen.

Chef: Aber sicher kennen sie den Namen. Sie haben die Fabrik niedergebrannt. Der Eigentümer hält sich in meinem Badezimmer versteckt… der Eigentümer hielt sich in meinem Badezimmer versteckt.

Frosch: Sie werden mich doch jetzt nicht etwa feuern, Chef?

Chef: Sie feuern?! Drei Männer tot, die Fabrik niedergebrannt, jede Bedeutung verloren und unsere Firma völlig bankrott. Was… was… was… was können Sie dazu sagen? Welche Entschuldigung können Sie vorbringen?

Frosch: Entschuldige, Vater!

Chef: Oh. Ja. Nebenbei bemerkt: Ihr Film hat einen Preis gewonnen.

Monty Python: Conquistador Coffee Campain | YouTube-Direktlink
Sorry für die vielen Fehler, die in der Übelsetzung stecken müssen…

* Unsicher: Ich verstehe hier „athlete’s heart“, bin aber nicht sicher.

** Nur, wenn ich „soft-sell“ hier richtig als kleines Wortspiel mit „hard-sell“ für eine aggressive Verkaufsstrategie verstanden habe.

Ferrero Küsschen

Guten Freunden gibt man ein Küsschen. Oder auch zwei.

Fernsehwerbung für Ferrero Küsschen

Zu den deprimierenden Kennzeichen des allgemeinen Lebensschadens im Lande Barbarien gehört es, dass es den Menschen kaum noch möglich ist, einem anderen Menschen gegenüber Zuneigung auszudrücken. Alle hierfür verfügbaren Wörter und Phrasen sind nicht nur durch die Konvention so blass geworden, dass sie unnötig wortreich und oft in kühler Formelhaftigkeit nichts mehr ausdrücken, sie bringen auch durch die allgegenwärtige sexualisierende Werbung für Parfüms, Pralinen, Eiscremes und Pizzen eine unangemessene und in der Wirklichkeit des Miteinanders völlig unerwünschte Unterschwingung des verschlingenden Konsums in die Mitteilung. Dort, wo Menschen dennoch ihre gefühlsmäßige Nähe verbalisieren wollen, geraten sie in diesem schwierig gewordenen Unterfangen meist in eine sprachliche Retardierung auf kindischem Niveau, die auch kein guter Ersatz für die im gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozess verloren gegangene Ausdruckskraft der Sprache ist, sondern vielmehr dumm, unernst und unfreiwillig komisch wirkt. Doch steht für einen anderen Bereich des emotionellen Ausdruckes mehr als genügend unverbrauchten sprachlichen Materiales zur Verfügung, das sich unverminderter Kraft erfreut: Es ist immer noch möglich, jemanden anders mit klaren und echt wirkenden Worten deutlich zu machen, wie sehr man ihn hasst und verachtet. Wo die sprachlich ausgedrückte Nähe blass und verlogen wirkt, der ausgedrückte Widerwillen hingegen heiß und echt, da ist der Zerfall des Miteinanders bereits geschehen, da sind die Menschen längst Einzelkämpfer auf einem Schlachtfeld voller Überfluss geworden.

Opfer

Ein „hübsches“ Beispiel dafür, wie im Streben der heutigen Blendredner nach kaltem Schönsprech angesichts des Üblen der irrationale Unfug längst überwundener Zeiten neu geboren wird, ist das deutsche Wort „Opfer“.

In seiner ursprünglichen Bedeutung meinte dieses Wort einen Abwehrzauber durch eine bewusste, die Schrecken des Schicksals vorauseilend vorwegnehmende Gabe an irgendwelche personal, nach dem Vorbilde des Menschen gedachten Weltenlenker, die sich mit dem „freiwillig“ gegebenen Opfer als eine Art „Schutzgeld“ besänftigen lassen und begnügen sollten und deshalb im Angesichte des Geopferten nicht den dräuenden Schaden über die Gemeinschaft der Menschen ergießen sollten. Wie sehr die so bedienten Gottheiten im Zuge einer solchen Frömmigkeit zum Widerspiegel der Willkür der menschlichen Herrschaft gerieten (und auf diesem Wege die Herrschaft vergöttlichten) und wie sehr ein solcher magisicher Aberglaube zum Zement der Herrschaft und ihres willkürlichen Gewaltanspruches taugt, wird durch bloßes Betrachten offenbar. Untrennbar mit diesem Konzept verbunden ist in einer christlich geprägten Gesellschaft die auf Paulus zurückgehende theologische Konstruktion, dass Jesus aus Nazaret sich stellvertretend für alle daran Glaubenden am Galgen geopfert habe und ihren Tod auf sich genommen habe, damit diese leben können, ja, in Erfüllung narzisstischer Süßträume ewiglich leben können.

Der moderne, nur scheinbar sachliche Ge- und Missbrauch dieses Wortes ist ein völlig anderer und dient nur zur Verblendung der Lesenden und Hörenden. Wenn immer die Gewalt — sei es die menschliche Gewalt des Alltags in einem Wettbewerb jedes Menschen gegen jeden Menschen auf einem Schlachtfeld voller Überfluss und auch jene vor allem im Maßstab monströsere Gewalt des Krieges oder aber auch das wuchtige Ablaufen natürlicher Prozesse, das man eine Katastrophe heißt — aus Menschen Geschädigte und Getötete macht, so wollen die Blendredner das klare Sprechen und Schreiben von Geschädigten und Getöteten vermeiden, weil es bei den Hörenden einen zu deutlichen Eindruck der Tatsächlichkeit des Geschehens hervorruft und im so geweckten Hirne vielleicht auch immer wieder einmal die Frage nach den Gewalttätern und ihren persönlichen Vorteilen oder nach der Hilflosigkeit des nützlichen Gottes im Dienste dieser Gewalttäter weckt. Solche Fragen sind schädlich für die eingeforderte Verherrlichung der Gewalt. Da kommt den Blendrednern der classe politique und den von ihnen in Brot gehaltenen Speichelleckern in Glotze und Journaille die Möglichkeit eines solchen sprachlichen Rückgriffes auf das psychische Material magischer Konzepte gerade recht, und sie ernennen die geschädigten und getöteten Menschen kurzer Hand zu Opfern. Dass ihre pfäffischen Schergen von der Judaskanzel hinweg weiterhin das Wort im älteren, primitiv-magischen Sinne gebrauchen, passt prächtig in die Absicht des sprachlichen Gewaltverberges. Und. Führt im Kontext einer christlich durchjauchten Gesellschaft zu der durchaus erwünschten, vorbewussten und doch psychisch wirkmächtigen Auffassung vieler Menschen, dass sie nicht mehr zu Betroffenen der Gewalt werden können, weil andere ja an ihrer Stelle zu Opfern geworden sind — die latente Entsolidariserung, die sich mit diesem mindfuck verbindet, ist dabei ein zusätzlicher Gewinn für die Profiteure der Gewalt.

Den wenigsten Menschen ist diese Manipulation durch Sprache bewusst. Doch wer mit offenen Ohren durch die Straßen geht, kann hören, dass sich zumindest bei den Pubertierenden eine dumpfige Einsicht regt, denn diese nehmen sich das umgepresste Wort „Opfer“ und verwenden es unter sich genau so böse, wie die Sprecher des undeutlichen Deutsch und Gutsprecher der Gewalt böse sind. „Opfer“ gilt unter ihnen als derbes Schimpfwort, und es wird auch gern einmal als Adjektiv verwendet, um etwas herabzuwürdigen — „Wie opfer ist das denn?!“ meint keineswegs die Haltung eines Menschen, der sich in der gern geforderten und moralisch verherrlichten Form für andere hergibt, sondern einen Zustand von Schwäche, Ausgeliefertsein und völliger Wehrlosigkeit gegenüber der erlittenen Gewalt. Das Unbewusste der so sprechenden, jungen Menschen hat sehr genau aufgefasst, was mit der Sprache und auf diesem Weg auch mit dem Denken der Sprechenden angestellt werden soll.

Mit Gruß an Tugrul

Wurzelwort

Das schrecklichste Wort der deutschen Sprache ist — und jeder, der mit gebrochenen Menschen ernsthaft spricht, kann dies mit Leichtigkeit prüfen — das Wort „Mutter“. Mit keinem anderen Wort verbindet sich für die Sprecheneden so viel Ausgeliefert-Sein, so viel hilflos ertragene Demütigung, so viel erlebte Gleichgültigkeit, so viel schamlos zugesprochene Lüge, so viel leichtherziger Verrat und so viel Unfähigkeit, für die erlittene Misshandlung wenigstens einen wirksamen Hass zu empfinden. Alles andere Getue um dieses Wort, alles staatliche Schützen und Fordern von Ansehen und Vergötzen von Mutteridealen, es dient nur der kollektiven Verdrängung — und der lebenslangen Fortsetzung des individuellen Zerbruchs, der wahren Wurzel des Staates.

R., ich wollte, ich könnte so sprechen, dass du fühlst!