Tag Archive: Deprimierendes


Wort und Geist

Die religiöse Gemeinschaft, der er angehörte, nannte sich „Wort und Geist“, und aus ihrem Haus schall es so psychojauchzend selbsthypnotisch in die brennend Welt hinein. Der Vorübergehende wusste genau, dass hier mit dem Wort etwas gemeint war, das vor vielen Tausend Jahren schon verstummt und jetzt zum Buchstaben skelettiert war, und das hier mit dem Geist etwas gemeint war, in dem kein Gehirn mehr wirken sollte.

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Der Tisch

Ich träumte, dass sich ein bezahlter Sozialarbeiter auf meinem Weg um mich kümmere, damit er mich verkümmern macht. In der Person dieses Sozialarbeiters überlagerten sich zwei Menschen, die mir früher einmal wichtige Freunde waren, mit denen ich viel viel sprach, die aber jetzt eben so gut auf dem Mars leben könnten, so fern sind sie von meinem Leben an der unsichtbaren Kette ihrer systemisch kontrollierten Bedürfnisse. Auch ein Lehrer, der in meiner Kleinzeit mir gegenüber den Menschen heuchelte, fand sich in den Gesten dieser Überlagerung. Er redete lange auf mich ein, um mich Erwachsenen zu erziehen, um mich, den Lächelnden und Vorübergehenden, zu dem zu führen, was er für Glück hielt.

Und. Er hatte einen gewissen Erfolg damit, weil ich Hunger hatte, selbst noch im Schlafen. Denn er lud mich, ganz unverbindlich, wie er in der Lüge der Werber sagte, dazu ein, dass ich doch einfach einmal kommen sollte, um wenigstens zu essen. Diese Menschen, die dafür bezahlt werden, dass sie an der Assimilation arbeiten, verpacken ihre Gewalt ja immer als ein Angebot, das freiwillig angenommen werden könnte, und sie verschweigen. Immer den Hunger und Einsamkeit und die Angst; diese Peitsche, die Menschen so scharweis in jene professionell kalte Hölle treibt, in der sie ihren Job machen.

Noch im Traum wusste ich das. Und lachte darüber. Aber ich kam, denn ich hatte Hunger. Dort. War ein großer, grellweiß neonflackernder Raum mit einem Tisch, an dem etwa fünfzig Menschen saßen. Als dieser Sozialarbeiter mich kommen sah, konnte er das Triumphierende in seiner Haltung kaum unterdrücken, aber er musste mich ja „professionell“ behandeln und tat dies auch in großer Geübtheit. Er rückte mir in gespielter Demut und Dienstbarkeit einen Stuhl an den großen Tisch, direkt neben seinem Platz, damit er besser vor dem Druck der versammelten Runde auf mich einreden könnte. Am Tisch das Schweigen des Elendsgemeinschaft. Alle dort bekamen das, was sie dort haben wollten: Einen schmalen Teller und kleine Geschenke. Nur ich nicht, denn „ich war ja noch nicht dabei“, aber ich könnte natürlich „freiwillig und in eigener Verantwortung“ mitmachen. Doch der Traum macht die Seele frei von der strukturellen Gewalt, deshalb flüchtet man auch so gern in ihn. Und so. Konnte ich dieser Ansage heiter entgegentreten und diesem Wolf im Schafspelze erklären, was er da gerade tut, was er an mir und anderen tut. Noch, als er vom Tode sprach — auch diese Wucht musste er an mir probieren — blieb ich heiter und sprach vom Leben, dass dem Tod vorangeht und dem Lebenden Alles ist. Die anderen Menschen an diesem großen Tisch hatten ihre bohrenden und gefräßigen Blicke auf mich gerichtet, sie sahen aus, als wollten sie jeden Moment die verinnerlichte strukturelle Gewalt an mir ausleben, doch sie waren während dieser Situation wie versteinert. Das Klappern der Bestecke, der Grund dieses Ortes, war. Verstummt. Ich stand auf und ging aus diesem grellen Raum in eine hungrige, graue Trübsal, die mir in diesem Kontrast wie ein warmes Licht erschien.

Und. Ich erwachte aus dem Albtraum. Ich musste weinen, weinen um meine zwei Freunde, die mir einst so viel bedeutet hatten, und die jetzt fernweit sind und um alle die anderen Menschen da drinnen. Es gibt Träume, die den Geschmack des Freitodes süß erscheinen lassen, Träume, in denen sich das geraubte, enteignete, missbrauchte Leben spiegelt.

Und nochmal JAKO…

Wenn ich in der heute veröffentlichten Presseerklärung von JAKO lese, mit welcher routinierten und wertneutral beflissenen Selbstverständlichkeit dort gelogen und darauf vertraut wird, dass morgen das Aktuellere die Aufmerksamkeit vom heute Aktuellen abziehen wird, denn weiß ich, was für ein lichtscheues Gesindel diese Leute wirklich sind. Und wenn ich nur daran denke, dass jetzt schon ein ganzes Rudel von Journalisten diese verzerrte Darstellung mitsamt ihren dummdreisten Werbetexten in die Zeitungen von morgen kopiert hat, und dass die Rotationsmaschinen bereits laufen, die solchen Text zur morgigen Deinung machen, denn wird mir ganz leer. Es ist einfach nur noch deprimierend.

Ein Platz an der Tonne

Ich war auf die Minute pünktlich, wie immer, denn ich trage keine Uhr. Und ich klingelte wie verabredet zwei Mal kurz nacheinander. Als nach gut einer Minute der Summer immer noch nicht zu hören war, klingelte ich erneut, ganz wie verabredet. Und. Ohne Erfolg. Sollte ich den Weg vergebens gemacht haben? Niemand schien da zu sein, jedenfalls niemand mit genügend Bewusstsein, um die Türe zu öffnen. Ich beschloss, dem Unterfangen eine weitere Chance zu geben, denn ich weiß ja, dass das Elend die Betroffenen dazu treibt, vor den grellen Tagen mit ihren gewaltsamen Anforderungen in einen den Tag überbrückenden Schlaf zu fliehen und stattdessen in den unbedrängteren Nächten zu leben. So wartete ich weitere fünf Minuten an diesem schönen, sonnigen Nachmittag und versuchte es zum dritten Male. Wiederum. Ohne den gewünschten Erfolg. Dann erst gab ich auf.

Jetzt sitze ich im Schatten unter einem Baum, etwas erschöpft an meinem Platz an der Tonne. Nicht nur mattgebleicht vom Weg, sondern auch von der ungedämpften Seele. Hinter mir dröhnt eine der vielen Schnellstraßen, die diese Stadt mit dem kalten Skalpell der technischen Effizienz durchschneiden, die Luft ist voll Gestank. Vor mir gehen Menschen vorbei, betrachten bemüht unauffällig den seltsamen Menschen mit seiner komischen Frisur, der da auf einer Bank sitzt, auf der sie wegen ihres eingebildeten sozialen Status niemals Platz nehmen würden, und sie wundern sich wohl ein wenig darüber, was er dort schreibt. Und. Dass er überhaupt etwas zu schreiben hat. Wenn ich zu ihnen hinschaue, um diese wandelnen Krämpfe zu sehen, wenden sie ihren Blick schnell und peinlich berührt ab, hinfort vom Schreiber auf der Bank, hin zur grauen, dreckigen Straße, die wohl weniger Furcht als ein lebender Mensch einflößt. Nur ihre Hunde haben diese Scheu nicht, aber dafür ein Würgeband um den Hals und eine zerrende Leine. Ihres Herren. Neben mir in der Mülltonne und um mich herum die stinkenden, ausgetrunkenen Bierflaschen, der Zement der Zustände, ein Festmahl für Wespen und sonstige Aasfresser. Die Stadtamseln, ihr Gefieder wirkt schon zu Lebzeiten ein wenig gerupft, haben neben diesem gärenden Wahn ihre kleine städtische Amselwelt aufgebaut und picken Gewürm und „zivilisatorischen“ Abfall. Und. Ich wundere mich über die unterschiedlichen Gewichte, mit denen Menschen das Gleiche wiegen und erwägen. Eine Verabredung, eine Begegnung, auf die ich mich so gefreut hatte, dass ich in meinem trüben Dasein neben der unvermeidlichen Mülltonne im Lande Überfluss eine ganze Woche lang nur von dieser Freude zehren konnte, kann für jemanden anders sehr viel weniger Bedeutung haben, ja, nur so ein austauschbares, bedeutungsloses Ereignis unter vielen vielen anderen sein. Und während ich das inmitten des Lärms, des Gestankes und der wandelnden Angst in mir bewege, erahne ich. Wieder einmal. Aus welchem psychischen Stoff das Elend wohl gewebt ist, das so viele Menschen eingesponnen hat.

Der Weg des Christentums

Steche, schlage, würge hie wer da kann. Bleibst du darüber tot, wohl dir, einen seligeren Tod kannst du nimmerdar erlangen. Denn du stirbst im Gehorsam gegenüber dem göttlichen Wort und Befehl.

Martin Luther, Wider die stürmenden Bauern

Von den religiös verpackten, aber politisch motivierten Mordreden der mittelalterlichen Päpste, über die religiös verpackten, aber politisch motivierten Mordreden eines Martin Luther, über die parareligiös dargebrachten und mit christlichen Versatzstücken garnierten, aber politisch motivierten Mordreden eines Adolf Hitler und seiner herztoten Schergen bis hin zu den religiös verpackten, aber politisch motivierten Mordreden heutiger Herrscher in vom fundamentalistischen Christentum geprägten Gesellschaften führt ein gerader Weg durch die menschliche Geschichte. Und. Wenn der Vorübergehende mit seinem heiteren Blick diesen ganzen Weg zurückverfolgt, stellt er fest, dass am Anfang dieses Weges nicht dieser Jesus steht, von dem die Anhänger der christlichen Religion so viel frömmelndes Gewese machen.

Einsneunundneunzig

Wenn eine Partei oder ein Politiker mit den Mitteln der Werbung „vermarktet“ werden, wenn Parteien oder Politiker also methodisch und „inhaltlich“ in gleicher Weise wie ein Joghurt, ein Hundefutter, ein Toilettenpapier oder eine andere abstrakte Ware angepriesen werden, denn ist es nicht weiter verwunderlich, dass politische Billigware einen beachtlichen Erfolg am „Markt“ erzielen kann. Wie. Jede andere Billigware auch. Der Kauf in einem so genannten „Discounter“, der ja vor allem damit wirbt, dass dort die Waren nur wenig Geld kosten, er ist ein Spiegelbild der zunehmenden materiellen Armut; und das Kreuz beim billig und mit Stammtischparolen beworbenen politischen Angebot ist ein Spiegelbild der zunehmenden intellektuellen Armut. Beide Formen der Armut. Sind von einer um ihre Privilegien ringenden herrschenden Klasse gewollt und werden von ihr mit aller Gewalt ausgebreitet.

Die moderne Partnersuche

Lonely Hearts - Verlieben per SMS und Telefon - Die moderne Partnersuche!

Ohne Worte.

Quelle des Scans: Hallo Sonntag Hannover vom 26. Juli 2009

Ferrero Küsschen

Guten Freunden gibt man ein Küsschen. Oder auch zwei.

Fernsehwerbung für Ferrero Küsschen

Zu den deprimierenden Kennzeichen des allgemeinen Lebensschadens im Lande Barbarien gehört es, dass es den Menschen kaum noch möglich ist, einem anderen Menschen gegenüber Zuneigung auszudrücken. Alle hierfür verfügbaren Wörter und Phrasen sind nicht nur durch die Konvention so blass geworden, dass sie unnötig wortreich und oft in kühler Formelhaftigkeit nichts mehr ausdrücken, sie bringen auch durch die allgegenwärtige sexualisierende Werbung für Parfüms, Pralinen, Eiscremes und Pizzen eine unangemessene und in der Wirklichkeit des Miteinanders völlig unerwünschte Unterschwingung des verschlingenden Konsums in die Mitteilung. Dort, wo Menschen dennoch ihre gefühlsmäßige Nähe verbalisieren wollen, geraten sie in diesem schwierig gewordenen Unterfangen meist in eine sprachliche Retardierung auf kindischem Niveau, die auch kein guter Ersatz für die im gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozess verloren gegangene Ausdruckskraft der Sprache ist, sondern vielmehr dumm, unernst und unfreiwillig komisch wirkt. Doch steht für einen anderen Bereich des emotionellen Ausdruckes mehr als genügend unverbrauchten sprachlichen Materiales zur Verfügung, das sich unverminderter Kraft erfreut: Es ist immer noch möglich, jemanden anders mit klaren und echt wirkenden Worten deutlich zu machen, wie sehr man ihn hasst und verachtet. Wo die sprachlich ausgedrückte Nähe blass und verlogen wirkt, der ausgedrückte Widerwillen hingegen heiß und echt, da ist der Zerfall des Miteinanders bereits geschehen, da sind die Menschen längst Einzelkämpfer auf einem Schlachtfeld voller Überfluss geworden.

Der Schäfer

Nothing eases suffering like human touch.

Letzte Worte von Robert James „Bobby“ Fischer

Bevor ich sie hörte, roch ich sie. Ein würziger Duft, den ich schon lange nicht mehr in die Nase bekam. Einige hundert Meter weiter auf dem Fahrrad längs des recht abseitigen Weges, und ich hörte auch das charakteristische Blöken einer Herde Schafe. Sie trotteten artgemäß langsam über die Wiese und verwandelten die in kauenden Mündern verschwindenden Kräuter und Gräser in Kotklümpchen.

Bei den Schafen ein Mann, dessen Gesicht verriet, dass er regelmäßig draußen arbeitet. Ich grüßte den Schäfer. Und der Schäfer grüßte zurück, prostete mir mit der Flasche Alsterwasser zu, die er in der Hand hielt und fragte mich mit einer Stimme, die gleichermaßen laut wie deprimiert klang, ob ich eine Bremse hätte. Das demonstrierte ich gern auf der Stelle, meine schlecht eingestellte Bremse brachte das Rad unter herzhaftem Quietschen genau neben dem Schäfer zum stehen. Ich fragte, warum er das fragte, ob ich auf dem Weg wohl noch einige freilaufende Schafe zu erwarten hätte. Und er antwortete, dass keine Schafe mehr auf dem Weg seien, dass er mich aber um eine „kleine Spende“ bitten möchte. Ja, da war ein Schäfer, der ganz offensichtlich jeden Tag viele Stunden arbeitete, und der dennoch die Menschen um Geld anbettelte. Ich erklärte ihn, dass ich selbst vom Betteln lebe und gerade noch ein paar Cent in der Tasche hätte. Hinter mir kam ein weiterer Radfahrer, einer, dessen Gefährt nicht wie das Meinige nach einem angerosteten Haufen Schrott von eher zweckmäßiger Funktion aussah, sondern den Eindruck erweckte, dass sein Fahrer richtig viel Geld in sein Hobby Radfahren investierte. Dieser Radfahrer grüßte auf dem Gruß des Schäfers hin gar nicht erst zurück, und als der Schäfer ihm bat, anzuhalten, fuhr er um so schneller weiter. „Es sind immer die Falschen, die anhalten“, sagte der Schäfer, „immer welche, die selbst nichts haben. Was soll ich denn machen? Von den Schafen kann ich nicht mehr leben, und den Leuten ist das völlig gleichgültig, wenn ich mit den Viechern verrecke.“

Er war geübt darin, die Tränen zu unterdrücken, aber das Beben in der Stimme war unüberhörbar. Ich ging langsam weiter und sah zu, wie ich selbst den heutigen Tag überstehe. Die kurze Zeit der gemeinsam erlebten Vereinsamung im Elend war vorüber.

Es wird dunkel. Und. Unentwegt blöken die Schafe.

Die leeren Reihen

Sie erzählte mir wortreich, was es doch für ein schöner Abend gewesen sei. Sie war im Theater. Dort wurde eine Veranstaltung mit „verhaltensgestörten“ (das war ihr Wort dafür) Kindern aufgeführt, die sich zu klassischer Musik mäßig dressiert auf der Bühne bewegten, und das sei wirklich so anrührend und schön gewesen. Auch einen guten Platz hat sie gehabt, so erzählte sie, sie saß weit vorne in der siebten Reihe. Wie schön, dass an diesem besonderen Abend alle Plätze das gleiche kosteten. Sonst hätte sie sich diesen Platz von der kleinen Rente gar nicht leisten können. Am liebsten hätte sie sich noch weiter nach vorn gesetzt, aber die ersten sechs Reihen waren für jene geladenen Prominenten reserviert, die diese Veranstaltung ermöglicht haben und dabei immer wieder ihre Namen und Firmierungen in die Presse gedrückt und auf die Veranstaltungshinweise gedruckt haben, frei nach dem Motto: Tue Gutes und rede darüber. Und. Diese sechs Reihen waren völlig leer. Es hatte offenbar für keinen dieser „Wohltäter“ sein Tun so viel Bezug zu seinem eigenen, persönlichen Wollen und Leben, dass er sich an diesem Abend auch ins Theater bequemt hätte. Aber der Werbewirksamkeit des „sozialen“ Engagements. Hat dies bestimmt keinen Abbruch getan. Diese Form der „Wohltätigkeit“ ist nur ein sozial optimierter Weg der indirekten Werbung.

Mit Gruß an M.

Elias

Hör meine Stimme,
Sie erzählt Geschichten;
Erzählt einfach nur die Wahrheit
Über manche Menschen
Für die nichts gerechtfertigt ist,
Die nur für dich beten.
Ein ausgehungerter Mann muss das sein
Der gern vernehmen möchte
Was diese verkrüppelten Gemüter erzählen.
Grüße von mir —
Sie gehen mit dem Wind.

Ich habe nicht die Absicht
…zu vergessen
…nachzutrauern
…mich an diese ganze Zeit zu erinnern;
…zu vergessen
…nachzutrauen
…mich an alle diese Dinge zu erinnern;
…zu vergessen
…nachzutrauern
…mich an all diese Jahre zu erinnern
Bei euch, bei euch.

Hör meine Stimme,
Sie erzählt Geschichten;
Erzählt einfach nur die Wahrheit
Über den ahnungslosen Elias,
Das Lügen dort bei dir.
Ahnungsloser Elias,
Die blutroten Erlöser
Werden niemals nach Hause kommen.
Grüße von mir —
Sie gehen mit dem Wind.

Ich habe nicht die Absicht
…zu vergessen
…nachzutrauern
…mich an diese ganze Zeit zu erinnern;
…zu vergessen
…nachzutrauen
…mich an alle diese Dinge zu erinnern;
…zu vergessen
…nachzutrauern
…mich an all diese Jahre zu erinnern
Bei euch, bei euch.

Wolfsheim, Elias | YouTube-Direktlink
Die Übelsetzung ist von mir und hat gewisse Schwächen in bewusst ambig gehaltenen Textpassagen , sollte aber völlig frei von Verhörern sein.

Bei den zensierten Bloggern

Um zu sehen
Was noch kommen wird
Nahm er eine Zeitmaschine
Zu reisen dorthin
Da sich die zensierten Blogger treffen.

Eine weite Reise
In die Zukunft
War es nicht.

Kaum stieg er aus
Da war er überrascht
Ob des hellen bunten Ortes
Da sie beisammen saßen.
Und. Auch des
Heitren Miteinanders
Im Exil.

Sie saßen lautstark beieinander:
Ein jeder twitterte und bloggte;
Man machte weiter wie gehabt.
Doch bald schon wurde er bemerkt,
Der Neue.
Und. Man war froh
Wegen frischen neuen Geistes —
Denn auch im Lachen fühlten sie die Ödnis.

Doch
Noch bevor er sprechen konnte
Zu stellen seine Fragen
Hoben sie schon an
Ihn zu begrüßen:
„Willkommen bei den Bloggern im Exil!“,
Sagte der eine.
„Sitz bei uns,
Wir schlagen dich mit Rat!“
Keine Pause, schon ein andrer:
„Schreib nicht so lange Texte,
Am Bildschirm liest man ungern!“
Er musste es wohl wissen,
Ihn las ja damals jeder.
Ein Vierter sprach:
„Bring Videos und Witz,
Das gibt dir noch mehr Leser!“;
Und ein Fünfter:
„Der letzte Schrei der Technik
Ist stets ein gutes Thema.“ —
das iPhone trägt er hier selbst noch.
„Vergiss niemals zu twittern
Es verdoppelt deinen Traffic!“,
sprach ein Sechster,
gleich gefolgt von einem Siebten:
„Medien, Film und Fernsehn
Ists, was jeden intressiert,
Schreib dazu, der Erfolg ist dir gewiss.“

So sprachen sie
Pausenlos vom Bloggen
Und hörten gar nicht erst
Was der Besucher wollte.

Und in einer kleinen Pause
Des unentwegten Schwatzens
Meldete
Aus einer dunklen Ecke
Einer sich dazwischen.
Er hatte kein Gesicht mehr.
Seine Stimme schrie im Flüstern
Und stellte doch nur eine Frage:
„Neuling,
Hast du deine Leser
Ausgestattet?“

„Sag, Gesichtsloser,
Was meinst du nur mit ‚ausgestattet‘?“
Sprach der Reisende erstaunt.

„Haben sie von dir gelernt,
Dass ihre Trübsal nicht allein ist?
Und? Dass man
Ihr widerstehen kann?
Ja? Muss?
Wissen sie,
Jetzt,
Wo sie dich nicht mehr haben,
Selbst sich auszudrücken?
Aus ihrem eignen Leben?
Kennen sie deine Texte?
Werden sie in den Archivdiensten
Danach suchen?
Sie anderen als Tipp zustecken?
Dass die Namenlosen
Eine Stimme sich schaffen?
Haben sie
Gelernt, den Medien zu misstrauen?
Und? Die Lügen der Herrschaft
Jeden Tag aktiv
Zu korrigieren?
Auch ohne dich?
Oder war alle deine Mühe
Ein Wölklein Staub im Wind,
Hinfortgeblasen
Vom Sturm
Des immer wieder Neuen?“,
das war seine leise Antwort.

Am hellen Tisch der Lautestete,
Leise geworden, sagte er:
„Das sind die,
Denen das Bloggen
Nicht ein Selbstzweck war;
Die, denen man mit ihrem Blog
Auch ihr Lebenswerk zerstörte.
Leise und ohne Gesicht
Sind sie unter uns.“
Am Ort
Da sich die zensierten Blogger treffen
War das Gespräch
Verstummt.