Tag Archive: Demagogie


SPD: Die Angstpartei

Vermutlich hat so ziemlich jeder Fühlende und Denkende schon über die aktuelle Wahlwerbung der SPD den Kopf geschüttelt. In monströser Größe werden Bilder aufgestellt, die vor allem die Aufgabe haben, den politischen Mitbewerb zu verunglimpfen.

Heiße Luft würde die Linke wählen

Die „Linke“ (übrigens ein gnadenlos dummer Name für eine poltische Partei, wenn sie sich nur über die Sitzordnung im Parlament benennt, ohne damit eine inhaltliche Position einzunehmen — aber das passt ja gut in den gegenwärtigen Politikbetrieb) ist also vor allem „heiße Luft“. Und die SPD will für „Verantwortung“ stehen, aber übernimmt nicht einmal die Verantwortung für den unter der Regierung Schröder / Fischer angerichteten sozialen Kahlschlag in der BR Deutschland.

Finanzhaie würden FDP wählen

Und völlig klar, die FDP ist nicht nur die für zu bedeutend gehaltene Splitterpartei für die Interessen der Apotheker (und hat der Idee des Liberalismus in der BR Deutschland in dieser Rolle einen so nachhaltigen Schaden zugefügt, dass diese Idee wohl für viele Jahrzehnte tot ist), sondern eine richtige Vertretung der Haie, die nach den Finanzen und den Leben der Menschen happsen. Dass keine mit FDP-Beteiligung zustande gekommene Regierung der BR Deutschland eine so weit gehende „Deregulierung“ und staatliche Unterstützung der totalen und totalitären Verwirtschaftung des gesamten menschlichen Lebens und Schaffens etabliert hat wie die Regierung Schröder und Fischer, das soll der Betrachter dieser Plakate wohl vergessen haben.

Dumpinglöhne würden CDU wählen

Und genau in der gleichen Weise soll der Betrachter der dummen Plakate vergessen haben, dass unter einer SPD-geführten Regierung ein staatlich subventionierter Elendsarbeitsmarkt in der BR Deutschland etabliert wurde, in dem die Menschen zu bloßen Fällen reduziert wurden und unter Androhung der völligen Verarmung, Obdachlosigkeit und des Hungers zu unterbezahlter Quasizwangsarbeit verpflichtet wurden — dies nannte man zum Hohn auch noch „Sozialpolitik“. In der Folge dieser asozialen Sozialpolitk leben heute viele Menschen in Deutschland trotz eines vollen Arbeitstages unter der Bedingung einer empörenden Armut.

Aber alles das soll vergessen gemacht werden. Und die Strategen dieser ehemaligen Volkspartei haben auch ein gutes Rezept gefunden, wie man Menschen zum Vergessen bringt, nämlich, indem man ihnen Angst macht. Denn das weiß jeder Demagoge: Unter Angst ist selbst die elementarste Verstandesleistung, selbst so etwas wie ein schlichtes Sich-Erinnern, für die meisten Menschen nicht mehr zu erbringen. An die Stelle einer glaubwürdigen und für einen Denkenden ernst zu nehmenden Argumentation ist die pure Verbreitung von Angst vor dem „politischen Mitbewerb“ getreten.

Angesichts dieser Monströsität und dieses offenen Spieles mit Lüge und Angst könnte man leicht denken, dass hier eine neue Dimension erreicht wäre. Das ist aber nicht der Fall, denn schon im Bundestagswahlkampf 2005 hat die SPD in ihrer Reklame versucht, eine vernünftige Entscheidung des Wählers zu unterdrücken, indem Angst vor den politischen Alternativen geweckt wurde. Der einzige Unterschied zur jetzigen, auf reine Polarisation und Verunglimpfung des politischen Gegners ausgrichteten Schmutzkampagne besteht darin, dass man im Jahr 2005 noch gescheut hat, den jeweilgen Mitbewerb beim Namen zu nennen. Stattdessen sprachen die Werber im Auftrage der ehemaligen Volkspartei SPD einfach nur von „den Anderen“ (was wohl durchaus beabsichtigt an die plumpesten Reden im Bierdunst der Stammtische appellieren sollte), vor denen die Wähler doch gefälligst Angst haben sollten. Das sah in monströser Plakatform denn so aus:

Wir stehen für den Kündigungsschutz. Aber wofür stehen die Anderen?

Wir stehen für den Mut zum Frieden. Aber wofür stehen die anderen?

Schon im Jahr 2005 sollte die pure Angst vor „den anderen“ jeden Gedanken daran im Entstehen hindern, dass unter einer SPD-geführten Regierung der Kündigungsschutz durch die Einführung einer zweijährigen Probezeit (bei gleichzeitigem Rückbau finanzieller Absicherung im Falle der Arbeitslosigkeit) zur Bedeutungslosigkeit verwässert wurde und dass eine SPD-geführte Regierung unter Frieden vor allem militärische Abenteuer der Bundeswehr hart am Rand des Grundgesetzes zu verstehen schien.

Die SPD der Nuller Jahre ist vor allem eine Partei der Angst. Die Wahlwerbungen der SPD setzen eine Angstbereitschaft bei potenziellen Wählern voraus, und sie tun alles, um diese Bereitschaft in reale Angst vor möglichen Alternativen zur SPD zu verwandeln. Da die SPD nicht mehr wegen einer politschen Absicht gewählt werden soll, die etwas mit den Bedürfnissen der Wähler zu tun hat, kann neben der erstrangigen Absicht der bloßen Angstvermittlung beliebig gelogen werden. Und. Von dieser Möglichkeit machen die Kampagnen auch breiten Gebrauch, damals 2005 zur Bundestagswahl und heute 2009 zur Europawahl.

Natürlich muss dieses Spiel mit der gehetzten Psyche verdeckt gespielt werden. Ein offenes und die werbende Absicht nicht verbergendes „Angst würde SPD wählen“ dränge in seiner Zielrichtung sofort in das Bewusstsein, würde dort erkannt werden und führte in Plakatform bestenfalls zu Ausbrüchen der spontanen Heiterkeit. Die gewiss hoch bezahlten Werber, die im Auftrage der SPD jetzt schon seit einigen Jahren solche Kampagnen entwerfen, wollen eine Angst, die kein Bewusstsein aufkommen lässt. Und darin. Zeigt sich die innere Nähe der SPD (oder zumindest derjenigen lichtscheuen Gestalten in der SPD, die eine solche Ausrichtung wünschen) zur Verfasstheit jener totalitärer Regimes, die sich vor allem durch die mit allen Mitteln erhaltene Angst der Bevölkerung an der Macht erhalten; ja, darin zeigt sich der undemokratische Charakter derer, die sogestalt für sich werben lassen. Und dieser. Fügt sich recht nahtlos in das totalitäre Verständnis der SPD-Führung, dass Menschen ihr gesamtes Leben abstrakten wirtschaftlichen „Sachzwängen“ unterordnen sollen.

Eine deutlichere Empfehlung, diese Partei wenigstens so lange nicht zu wählen, bis sie sich von ihrer gegenwärtigen Führung und der von diesem lichtscheuen Gesindel angestrebten Angstherrschaft befreit und sich innerlich erneuert hat, könnte gar nicht mehr ausgesprochen werden. Die Alternativen gibt es ja, es sind jene, vor denen Angst gemacht werden soll — auch jene, die in den verachtenswerten Kampagnen nicht namentlich genannt werden.

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Deutschland in Europa

dô wart sîn riuwe alsô grôz
daz im in daz hirne schôz
ein zorn unde ein tobesuht,
er brach sîne site und sîne zuht

Hartmann von Aue, Iwein

Im Vorbeifahren auf einem Wahlplakat der FDP den claim gelesen: „Für ein Deutschland in Europa“. Es ist doch tröstlich, dass diese hemmungslosen, kryptofaschischtischen Volksverkäufer, die am liebsten jedes Lebensrecht eines Menschen unter Erwägungen wirtschaftlicher Ausbeutbarkeit bewerten und entwerten würden; dass dieses Pack wenigstens die Geografie unverändert lassen will. Es handelt sich wohl um das erste Wahlversprechen in diesem Jahr, das ich glauben kann.

Bei so viel Dummheit und Dumpfheit mag sich auch der politische Mitbewerb in Form der CDU nicht zurückhalten. Allerdings ist der claim hier noch ein bisschen kürzer gefasst und fetter gedruckt: „Wir in Europa“. Damit auch letzte verhinderte Volksgenosse diese Nullaussage richtig zu deuten vermag, ist das Wort „Wir“ in den Farben schwarz, rot und gelb hinterlegt. Es erinnert leicht an die zum Glück nicht ganz so langen tausend Jahre, in denen das Deutschland der Reichen und Schwerindustriellen sich mal so richtig in Europa auswüten konnte. Aber aber, wirrer Werber, die passenden Farben für diesen Anklang sind doch etwas andere, nämlich schwarz, weiß und rot.

Die Genossen von der SPD, nachdem sie so lange genossen haben, dass man sie in der verblendeten Wahrnehmung für so etwas wie eine Partei mit einem besonderen sozialen Zug hielt, sie verzichten in ihrem groß gedruckten claim vollständig darauf, so etwas wie einen eigenen Standpunkt zu vermitteln. Statt dessen soll eine Kampagne der reinen Abgrenzung etwas an den miesen Umfragewerten dieser sonst so Sozial-Populistischen Demagogen ändern, und so wird in großen Schreibuchstaben zum kontrastarmen Bild eines Föns getextet: „Heiße Luft würde die Linke wählen“. Etwas kleiner steht darunter „Für ein Europa der Verantwortung“. Es ist allerdings nicht zu befürchten, dass diese Worte voller heißer Luft und kaltblütiger Verlogenheit bedeuten würden, dass Schröder, Müntefering, Hartz, Rürup und der ganze Rest der großtenteils kriminellen Bande, der unter der Schröder-Fischer-Regierung damit begonnen hat, Deutschland im Zustand der politsch gewollten Massenverelendung an den Meistbietenden zu verkaufen, jemals zur Verantwortung gezogen würde.

Wer wissen will, wie man das Wort „Politikverdrossenheit“ wirklich buchstabiert, der muss sich nur anschauen, zu welchen Kürzeln diese unverschämte Leere und Verachtung denkender Menschen auf Plakaten transportiert wird.

Elektrisches Auge

Aus aktuellem Anlass und mit nasskaltem Gruß an ZensUrsula von der Leyen heute wieder einmal ein flugs übersetzter Songtext aus meiner Jugend, in der es selbst in der populäreren Musik noch etwas gab, was im gegenwärtigen Auswurf der Contentindustrie gar nicht mehr vernehmbar ist: Mit wirklichem Mitteilungswillen verbundene und zitierfähige Texte.

Elektrisches Auge

Hier oben im Raum
Schaue ich auf euch hinab.
Meine Laser verfolgen
Alles, was ihr tut.
Ihr glaubt, dass ihr ein Privatleben habt…
Glaubt doch nicht an so etwas!
Es gibt wahrlich kein Entkommen,
Ich bin ununterbrochen wachsam.
Ich bin aus Metall gemacht,
Meine Schaltungen glimmen.
Ich bin unvergänglich.
Ich halte das Land sauber.
Ich bin der ausgewählte elektrische Spion;
Augengeschütztes, elektrisches Auge.

Immer im Blickpunkt;
Ihr könnt mein Glotzen nicht fühlen.
Ich zoome in euch hinein;
Ihr wisst nicht, dass ich existiere.
Es macht mich stolz, eure geheimen Bewegungen zu untersuchen.
Meine tränenlose Netzhaut macht Bilder, die als Beweise gelten.
Elektrisches Auge, oben am Himmel,
Fühlt, wie ich glotze, wie ich immer da bin;
Es gibt nichts, was ihr dagegen tun könnt.
Entwickelt und offen gelegt,
Ich weide auf jedem eurer Gedanken;
Und das lässt meine Macht groß werden:
Geschütztes, überwachendes, elektrisches Auge.

Frei nach „Electric Eye“ von Judas Priest
(1982 auf „Screaming For Vengeance“ veröffentlicht)

Die Übelsetzung und alle — trotz der recht scharfen und deutlichen Aussprache von Rob Halford eingeschlichenen — Verhörer sind von mir. Ich habe mich beim Übertragen entschieden, das in seinem Numerus unbestimmte englische „you“ in der Pluralform zu übersetzen, im Englischen ist es auch als direkte Ansprache eines einzelnen Gegenübers zu verstehen. (Jüngere Sprecher des amerikanischen Englisch disambiguisieren dies zuweilen durch die analytische Konstruktion „you all“ oder kontrahiert „y’all“ für die zweite Person Plural, und diese umgangssprachliche Konstruktion hat gute Chancen, es in Zukunft einmal in die offiziellen Grammatiken zu schaffen.) Diese kleine Unbestimmtheit gibt dem englischen Originaltext eine zusätzliche gefühlte Schärfe und Härte, die sich nicht durch Übertragung in ungekünstelte Alltagssprache in das Deutsche hinüberretten lässt. Auch ist es unmöglich, die Homophonie von „I“ (ich) und „eye“ (Auge) und die daraus gezielt gebauten Unbestimmtheiten zu übertragen — ich bin mir selbst nicht darüber sicher, dass ich jedes Mal die beabsichtigte Bedeutung getroffen habe. Überall, wo „Auge“ steht, kann auch „ich“ gemeint sein, und umgekehrt — und da das „elektrische Auge“ als Icherzähler auftritt, wird diese Überschneidung prägend für die Wirkung des Textes. Obwohl Judas Priest — im Gegensatz zu einigen anderen Vertretern des klassischen heavy metal — im Allgemeinen keine auffallend gestelzte Sprache pflegte, ist die Übersetzung einiger Songtexte doch schon sehr schwierig, und mit dem hier entstandenen Ergebnis bin ich alles andere als zufrieden.

Nach diesen Anmerkungen zu den Schwächen meiner Übelsetzung nun noch eine Kleinigkeit zum Hintergrund, warum ich diesen Text in das Bewusstsein rufen möchte:

Dass es mit den Freiheitsrechten in der BR Deutschland unter den Ideen einer Demagogin wie ZensUrsula von der Leyen und ihren allzu willfährigen Schergen unter den großen Zugangsprovidern nicht mehr so weit her ist, werden einige Leute wohl erst dann bemerken, wenn sie einen Proxyserver oder Nameserver aus China in ihre Netzwerkkonfiguration eintragen, um wieder an einem ungefilterten Austausch der Menschen Teil haben zu können. Und viele andere Menschen werden es nicht einmal dann bemerken, weil sie sich völlig mit der Tagesschau, den Talkshows, der Bildzeitung und DSDS zufrieden geben. Die neue Zeit der dezentralen Medien wird an der entstehenden great firewall of Germany erwürgt, bevor sie auch nur eine gesellschaftliche Wirkung entfalten konnte.