Tag Archive: DDR


Herzlichen Glückwunsch!

Ich gratuliere der Deutschen Demokratischen Republik zum siebzigsten Jahrestag ihrer Staatsgründung. Niemand hätte damit rechnen können, dass sie so lange halten wird…

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Staatsdesign

Es muss demokratisch aussehen, doch wir müssen alles in der Hand haben

Walter Ulbricht

Blüte

Die Landschaften, sie blühen. Und. Die Seelen jener Menschen, die inmitten dieser Landschaften ihr Leben fristen, sie sind so welk und braun geworden.

Siebzehnter Juni

„Hach ja, damals“, sagte der Vorübergehende zu seinem verdummten Zeitgenossen, „als eine Arbeitsnormerhöhung um zehn Prozent zu einem Volksaufstand in der DDR führte. Heute machen die Angehörigen der Classe politique so etwas zwar in der gleichen Größenordnung, aber in viel geschickterer Verpackung: Sie erhöhen das Renteneintrittsalter. Und es funktioniert so verpackt ganz hervorragend. Die Menschen arbeiten rd. zehn Prozent mehr, ohne einen persönlichen Vorteil dadurch zu haben; ja, einige sind dabei sogar froh, Arbeit zu haben und nicht auf Hartz fear im rechtsfreien Raum des Sozialsystems angewiesen zu sein. Nichts ist so wirksam wie die Kombination aus Angst und Propaganda“.

Akteneinsicht

Wo kann ich in der BRD eigentlich beantragen, mir einmal in aller Ruhe die Akte anzuschauen, die der BRD-Inlandsgeheimdienst „Verfassungsschutz“ über mich angelegt hat?

Platz des Volksaufstandes 1953

Es gibt zwei Arten von Tieren; solche, die niedlich sind und solche, die lecker sind. Es gibt auch zwei Arten von Volksaufständen; solche, die der herrschenden und besitzenden Klasse gefallen und bei denen sie noch Jahrzehnte später in bis zur Obszönität feierlichen Reden zu allerlei staatsaktiger Seelenbeize den Großen Geist der unbezwingbaren Freiheit mit weihevollen Worten verherrlichen, ja, nach deren Datum sie schließlich sogar einen Platz in der Hauptstadt benennen, in der sich dieses Pack naturgemäß konzentriert und solche, die der herrschenden und besitzenden Klasse nicht gefallen, in der jüngeren Zeit etwa in Stuttgart oder in Frankfurt. Wer Augen hat, um damit etwas zu sehen, der schaue hin, und wem es noch an Verständnis dafür fehlt, warum der Akt der Unterzeichnung eines Vertrages von der classe politique zum Feiertag der BRD erwählt wurde und nicht etwa der Tag, an dem die Menschen für ihr verdammtes Lebensrecht unter beachtlichem persönlichen Risiko einstanden, wird dieses Verständnis leicht bekommen, wenn er nur hinschaut.

In der DDR verwurzelt

Eine Kanzlerin der Bundesrepublik Angela Merkel, die in einer Pressekonferenz vorm Bundesadler steht und in die Kameras und Mikrofone hinein ihrer um keinen Deut relativierten Freude darüber Ausdruck verleiht, dass auf der anderen Seite des eurasisischen Kontinents eine Einheit hochspezialisierter Mordarbeiter der USA einen zugegebenermaßen üblen und entbehrlichen Zeitgenossen vorsätzlich erschossen hat, sie belegt in solchem Auftritt, dass die Grundlagen ihres politischen Denkens und Handelns mehr im Staatsverständnis der Deutschen „Demokratischen“ Republik als in den Artikeln des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland verwurzelt sind. Wenn sie — oder ein anderes Mitglied des von ihr zusammengestellten und angeführten Kabinetts — demnächst von rechtsstaatlichen Maßstäben spricht, die irgendwo anzulegen seien, denn hat dieses Reden ein gutes Stück Glaubwürdigkeit verloren. Auf eine unfreiwillig komische Weise macht diese Nachfolgerin von Dr. Helmut Kohl wahr, was dieser einst den Wahlberechtigten der DDR versprochen hat, als sie erstmals eine richtige Wahl bekommen sollten: Es wächst zusammen, was zusammen gehört — nur habens die Menschen damals gern anders herum verstanden.

Zwanzig Jahre danach

Der „Eiserne Vorhang“, der sich mitten durch Deutschland zog, wurde von einem „Eisigen Vorhang“ abgelöst, der die Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten voneinander trennt.

Die Telefonzelle

Vor noch gar nicht so langer Zeit gab es Telefonzellen. Sie waren nicht nur gelb und wegen dieser Signalfarbe sofort sichtbar, sie waren auch Zellen, also abgeschlossene Räume im öffentlichen Raum. Die Tür war schwer und dämpfte den Schall; die Geräusche von außen drangen nur gedämpft hinein und das in der Zelle geführte Telefonat drang nur gedämpft nach außen. Diese Form spiegelte die Auffassung wider, dass ein Gespräch, und sei es auch ein Telefongespräch, einer gewissen Privatheit bedarf, die auch mit gestalterischen Maßnahmen zu schützen ist — und zwar völlig unabhängig davon, wie banal oder persönlich wichtig die Inhalte eines solchen Gespräches sind.

Die Telefonzelle ist genau so aus dem öffentlichen Blickraum verschwunden, wie die Anschauung einer schützenswerten Sphäre des Privaten für obsolet erklärt und aus dem öffentlichen Bewusstsein entfernt wird. Die öffentlichen Münzfernsprecher der heutigen Zeit stehen ungeschützt vor dem Tosen der Straße im Freien, und die Menschen, die sich dieser Apparate bedienen, kämpfen gegen dieses Hindernis für das sprechende Miteinander an, indem sie mit sehr lauter Stimme in das Mikrofon sprechen, so dass eventuell umstehende Menschen sehr leicht dem Gesprächsverlauf folgen können. Die meisten Menschen haben heute jedoch ein Handy. Und. Sie benutzen es an allen nur denkbaren Orten. Überall lassen sich heute die kleinen Geschäfte, die bitteren Familiendramen, die Freundschaften und die schutzlos gewordenen Beziehungen akustisch verfolgen, sie werden dem Ohr geradezu aufgedrängt. Niemand scheint mehr ein Empfinden dafür zu haben, dass für eine persönliche Kommunikation ein geschützter, privater Raum von Nöten ist. Es mag eine pure Koinzidenz sein, dass die Austilgung dieses Empfindens durch die Neugestaltung des öffentlichen Münzfernsprechers nur kurz nach der so genannten „Wiedervereinigung“ erfolgte, aber es ist auch eigentümlich passend, dass diese Neugestaltung in eine Zeit fiel, in der die im Alltag fühlbare Illusion des Kontrastes zu einem Überwachungsstaat DDR nicht länger aufrecht erhalten werden musste; eine Entwicklung, an deren Ende die heutigen staatlichen Allheitsträume einer totalen Prävention und Überwachung stehen, die zu einem angemessenen Unbehagen führen, das sich im Wort von der Stasi 2.0 Bahn bricht.

Werbung ist Lüge!

Damals, als die Grenzen zwischen der DDR und der BRD geöffnet wurden und als noch niemand den kommenden Aufkauf der DDR durch Unmengen Geldes und vielleicht noch größere Mengen professionell vorgetragener Lügen ahnen konnte, strömten viele Menschen aus der DDR in die BRD, um sich das ihnen unbekannte Deutschland einmal anzuschauen. Es war eine bemerkenswerte Zeit, in der man vieles über die gut verdrängten, wirklichen Zustände in der BRD durch direkten Augenschein lernen konnte, wenn man nur hinschaute und die Menschen aus dem Andersdeutschland nicht — wie es leider allgemein üblich war — als primitiv und rückständig ansah, nur des Witzes und des rohen Spottes würdig.

(Man konnte übrigens auch vieles über die BRD und über die DDR lernen, indem man seinerseits mit viel Zeit im Gepäck das „andere Deutschland“ besuchte und einen offenen Geist mit sich führte. Das habe ich mit großem Genuss immer wieder getan, und bei aller Tristesse, ich habe es auch genossen. Deprimierend war allerdings der Kontakt mit jenen „Wessies“, die in der neuen Situation nichts besseres zu tun wussten, als die Läden in der DDR leer zu kaufen, weil ja alles „so schön billig“ war. Immerhin: Allein an diesem asozialen Verhalten hätten die Menschen in der DDR merken müssen, wie groß die Armut und die Lebensnot in der BRD wirklich waren. Jetzt werden es viele aus direkter Erfahrung wissen.)

Interessant war, in welcher Weise diese Menschen aus der DDR auf die für sie ungewohnte Warenflut in den Kaufhäusern der BRD reagierten. Es ist ja nicht so, dass ihnen die angebotenen Produkte fremd gewesen wären; sie kannten selbstverständlich auch Waschmittel, Zahnbürsten, Trinkwasser und Toilettenpapier. Was sie nicht kannten, war, dass es von jeder dieser Produktgattungen mehrere Dutzend unterschiedlich benannter und verpackter Angebote in verschiedenen Preisklassen gibt. Diese Menschen, die es gewohnt waren, sich mit einem überschaubaren und damit auch durchschaubaren Angebot zu bescheiden, wussten angesichts dieses Angebotes gar nicht mehr, was sie kaufen sollten. Wenn sie dann einmal eine Kaufentscheidung zu fällen hatten, denn griffen sie sich oft die unterschiedlichen Packungen und lasen, was darauf gedruckt war; in der selbstverständlichen Erwartung, dass es etwas mit den realen Eigenschaften und Vorzügen des Produktes zu tun haben müsse. Die „Wessies“, die Zeuge dieses verzweifelten Lesens wurden, haben darüber gespottet und gelacht — und hinter dem leichtfertigen Spott stand das viel zu wenig bewusste Wissen, dass die Anpreisungen auf den Packungen nichts über das darin Verpackte aussagen, dass also die Menschen in der BRD mit den Mitteln der Werbung jeden Tag ihres alltäglichen Lebens belogen werden, dass sie das auch wissen und dass sie sich stumpf daran gewöhnt haben. Schade, dass damals zu viele Menschen aus der DDR viel zu verblendet waren, um das so wahrnehmen zu können, wie es ist.

Diese stumpfe Gewöhnung ist etwas, das überwunden werden sollte. Foodwatch hat den „Goldenen Windbeutel 2009“ für die dreisteste Werbelüge verliehen. Unter den zur Auswahl stehenden Kandidaten hat bei einer öffentlichen, über das Internet zugänglichen Wahl der mit hohem Aufwand beworbene Trinkjoghurt „Actimel“ das Rennen gemacht, vielleicht auch deshalb, weil es unmöglich geworden ist, der damit verbundenen, allgegenwärtig platzierten Werbelüge zu entkommen. Die Werbung sagt dem Inhalt der kleinen Fläschchen nach, dass er „wetterfest“ machte und die „Produktion lebenswichtiger Abwehrzellen“ ankurbele und auf diese Weise Infektionen vorbeuge. In Wirklichkeit ist das Gesöff nicht wirksamer als ein beliebiger anderer Joghurt, aber es ist wesentlich teurer, enthält wesentlich mehr Zucker und sorgt durch seine aufwändige Verpackung für ein Anwachsen der Müllberge. Foodwatch schrieb hierzu in angemessener Klarheit:

Die absolute Werbelüge. Actimel ist teuer, überzuckert, produziert einen Haufen Müll und ist nicht besser als ein gewöhnlicher Joghurt. Von wegen starke Abwehrkräfte! Den Actimel-Produzenten von Danone sowie Werbefigur Kachelmann wünsche ich für diese Abzocke eine heftige Erkältung an den Hals.

Es wird Zeit, dass es niemand mehr stumpf hinnimmt, wenn Reklame, Verpackung und Etiketten wie gedruckt lügen. Der Spott über „diese Dummen aus der DDR“ fällt nämlich auf jene zurück, die sich ohne Widerstand und ohne zum Handeln führende Einsicht immer noch jeden Tag belügen lassen. Diese sind die eigentlichen Dummen, und oft sind sie sogar die Betrogenen, wenn sie das ganze mit Lügen an die „Zielgruppe“ gebrachte Zeug auch kaufen. So lange nicht auf den Etiketten steht, was sich in der Verpackung befindet, und so lange sich nicht in der Verpackung befindet, was auf den Etiketten steht, so lange kann kein Mensch selbst bestimmen, was er kauft.