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Personalisierung

Ob diese ganzen Menschen, die keinerlei Probleme mit ihrer privatwirtschaftlichen Überwachung und großen Datensammlungen für die optimierte Auslieferung personalisierter Reklame zu haben scheinen und die ihre idiotische Gleichgültigkeit in der Burg eines „Ich habe doch nichts zu verbergen“ inappellabel machen, wohl immer noch so gleichgültig sein werden, wenn sie in einer nicht mehr allzufernen Zeit auch personalisierte Preise bezahlen müssen?

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Datenschutz

Dem so genannten „Datenschutz“ würde sicherlich mit sehr viel mehr Sympathie und Verständnis durch die davon betroffenen Menschen begegnet, wenn fühlbar wäre, dass es sich um einen Schutz für Menschen und nicht um einen Schutz von Datenbeständen und Geschäftsvorteilen handelt. Aber das wird im Lande des Listenprivileges und vergleichbarer lobbyistisch-kryptokratischer Regelungen niemals fühlbar werden, so dass allein die langsame gesetzliche Strangulierung des von Menschen gestalteten Internet in der Wahrnehmung verbleibt. Schon vor dem Inkrafttreten der DSVGO war das Betreiben einer unbeachteten, persönlichen Website in der Bundesrepublik Abmahnistan mit existenzbedrohenden juristischen Risiken verbunden.

Völlig unbetroffen von den weit in die Rechtspflichten der vielen privaten Mitgestalter des Internets eingreifenden Regelungen sind und bleiben natürlich die umfassenden und regelmäßig ausgeweiteten Überwachungs- und Datensammelbefugnisse staatlicher Stellen. Am Ende dieses Prozesses, wenn er für die leichtere Gewöhnung Scheibchen für Scheibchen so weiter läuft, wird ein Quasimonopol des Staates auf personenbezogene Daten entstanden sein, ergänzt um etliche Regelungen, die ein geschäftliches Ausnutzen klandestin erworbener Datensammlungen legalisieren, aber jeden Betreiber einer Website, deren Webserver eine ganz gewöhnliche Logdatei schreibt, kriminalisieren.

DSGVO

Das mit der DSGVO funktioniert ganz prächtig. Seit Tagen habe ich jeden Tag (nervige) Mails mit der Frage, ob ich weiter im Verteiler bleiben möchte und ob ich der damit verbundenen Datenverarbeitung zustimme. Nur von den verbrecherischen Spammern bekomme ich keine derartigen E-Mails, sondern weiterhin Spam. Und die Unternehmen, die mit diesem Gesetz an die Leine gelegt werden sollten, verzichten einfach auf die Einhaltung des Gesetzes, haben kein Problem damit, zudem den politischen Apparat, der solche Gesetze gibt, zu verspotten und vertrauen wohl auf ihre Anwaltsarmeen.

Die kleinen privaten Websitebetreiber haben hingegen keine Anwaltsarmeen. Für diesen Sommer sage ich in der Bundesrepublik Abmahnistan eine Flut von fies formulierten, kostenpflichtigen Abmahnungen von schäbigen Zeitgenossen mit Jurahintergrund voraus.

Ich fühle mich so datengeschützt! 😀

Die Politik in der BRD und in der EU tut alles dafür, das Internet zu erwürgen und seine privaten Gestalter zu gängeln, einzuschüchtern und zu kriminalisieren, bis ein reines Kommerznetz übrig bleibt. Und zwar mit Absicht.

It’s the same constant, unremitting spew of people talking without speaking and listening without hearing. There is no conversation. Just contests over who can shout the loudest and score the most points.

Das psychisch motivierte, in seinem narzisstischen Irresein zuweilen wie verhungert anmutende Betteln und Schreien um Aufmerksamkeit und technisch verabreichte Zuwendungsäquivalente über irgendwelche Social-Media-Dienste ist schlicht mit der Idee der Privatsphäre so inkompatibel, wie es auch mit jeder anderen zivilisierten Idee inkompatibel ist. Die Orwellness ist eine psychische Suhle, in welcher der Verstand erstickt.

Werter EuGH, werte Grundrechteschutzämter…

…wie erwirke ich jetzt die Löschung meiner illegal in die Vereinigten Staaten von Amerika übertragenen Daten? Wer haftet dafür, wenn die Durchsetzung meiner Grundrechte in den Vereinigten Staaten von Amerika nicht möglich ist? Und welche Folgen hat eine über anderthalb Jahrzehnte fortgesetzte, grundrechtswidrige Praxis für jene, die dafür verantwortlich sind und davon profitiert haben?

Ach, geht nicht? Niemand haftet? Und weitere Folgen hat es auch keine? Ich verstehe.

Um im heutigen Urteil des EuGH einen großen Sieg für den Datenschutz zu sehen, muss man schon sehr verblendet und dumm sein. Das Kind ist längst im Brunnen ersoffen. Ein großer Sieg für den Datenschutz wäre es, wenn die kommerzielle und politische Missachtung des Grundrechtes auf eine Privatsphäre endlich zu einer nennenswerten Haftungspflicht bei den dafür verantwortlichen Menschen und Unternehmungen führte. Sicher, es ist wahr, dass einige große Unternehmungen nicht mehr existierten, wenn Datenschleuderei zu Strafe und Haftung führte. Aber ebenso sicher ist es wahr, dass Geschäftsmodelle, die auf der Missachtung von Grundrechten basieren, in keiner Weise wünschenswert sind.

Lieber M.

Lieber M.,

bitte versteh mich nicht falsch. Ich habe nichts gegen dich. Ich habe dich ja auch noch nie irgendwo getroffen, was auch nicht weiter überraschend ist, weil wir doch sehr verschiedene Lebensbereiche haben: Du als Naturwissenschaftler und ich als… naja… Penner.

Ganz im Gegenteil, ich mag dich sogar recht gern. Du hast einen bemerkenswert guten und breit gefächerten Musikgeschmack und machst wirklich den Eindruck eines aufgeschlossenen und vielseitig interessierten Menschen. Und außerdem scheinst du in technischen Fragen recht ungebildet zu sein. Das scheint dich aber nicht weiter zu stören, denn wenn ein Gerät mal — aus deiner Sicht der Dinge — kaputt ist, kannst du es dir leisten, das nicht mehr wie gewünscht funktionierende Gerät einfach wegzuwerfen und dir ein neues zu kaufen. Aber auch das mag ich in gewisser Weise, denn es sind Menschen wie du, die das dumpster diving zu einer lohnenden Betätigung machen.

Deinen Computer — der auf eBay übrigens zwischen 130 und 150 Euro eingebracht hätte; allein das Motherboard geht sicher für einen fluffigen Fuffie weg — habe ich im Müll gefunden. Computer aus dem Müll sind ja immer Glückssache, zu oft entpuppt sich der Kasten nach einer ersten Inspektion lediglich als ein Teilespender für halb-obsolete Hardware. Das war bei deinem nicht der Fall. Sicher, du hast ihn weggeworfen, weil er ziemlich „zerschossen“ war, das darauf laufende Windows 7 Home Premium von unser aller Freund Microsoft brauchte fast zehn Minuten zum booten und war am Ende dieses Vorganges nahezu unbedienbar.

Woher ich das weiß? Nun, deine „Maßnahme zum Datenschutz“, die darin bestand, einfach das SATA-Kabel zwischen Board und Festplatte herauszunehmen, war nicht besonders wirksam. Nein, es ist wirklich nicht so, dass ich in deinem Privatleben herumschnüffeln wollte, ich wollte einfach nur wissen, ob die Terabyte-Platte nur ein dekoratives Objekt für einen Haufen Schrott ist, oder ob ich sie noch verwenden kann. Ich kann große Festplatten immer gut gebrauchen. Erfreulicherweise war deine Festplatte kein Stück Schrott. Dein Windows-Desktop sieht übrigens so aus (und der Monitor, auf dem er dargestellt wird, stammt ebenfalls aus dem Müll):

Foto vom Desktop des Müllrechners

Vieles daran finde ich sehr erfreulich. Nein, deine Faszination für gerenderte Autos in der ungefähren Ästhetik eines Zäpfchens gehört nicht dazu, aber hey, wir haben alle unsere komischen Vorlieben. Doch ich finde es erfreulich, dass so viel Bewusstsein für die Probleme der Computersicherheit hast. Dabei bist du weit über solche einfachen Dinge wie einen Tor-Browser hinausgegangen; du verwendest GnuPG, vermutlich, um deine E-Mail zu verschlüsseln; du verwendest TrueCrypt, weil es halt andere Leute einen Dreck angeht, was du auf deiner Festplatte hast; du sorgst mit KeePass dafür, nicht überall das gleiche Passwort zu verwenden und dir deine Passwörter so festzuhalten, dass man sie dennoch nicht einfach lesen kann. Es wäre vermutlich schon viel gewonnen, wenn jeder so umsichtig wäre. Die Eingabe eines Passwortes zur Anmeldung an den Computer und die Verschlüsselung deiner Arbeitsverzeichnisse war dir aber scheinbar doch ein wenig zu viel Getippe vor dem Datengenuss, so dass der Rechner mit deinem Desktop hochfuhr, ohne dass ich eigens ein Passwort hätte erraten müssen. Das Experiment, ob ich deinen Thunderbird starten kann und ohne Eingabe eines Passwortes deine E-Mail abholen oder in deinem Namen E-Mail versenden kann, habe ich nicht gemacht, denn ich bin kein Arschloch, das so in deiner Privatsphäre rumlümmeln möchte. Einmal ganz davon abgesehen, dass ich sie dann mit POP3 abgeholt und damit dir vorenthalten hätte. Ich habe auch darauf verzichtet, deine alten Mails zu lesen, ich habe mich nur anhand der Dateigrößen davon überzeugt, dass sie noch lokal im Thunderbird-Verzeichnis vorliegen.

Ich habe mir ebenfalls gespart, mal zu schauen, was ich anhand der Browser-Chroniken der drei von dir verwendeten Browser über dich herausbekommen kann. Und deine privaten Fotos habe ich wirklich nur ganz kurz angeschaut, um nach Anblick deiner vollständigen Bewerbungsunterlagen schnell wieder davon abzulassen — eine hübsche Tochter hast du übrigens, die hoffentlich ein schönes Leben vor sich hat. Was die von dir genutzte Software über dich verrät, wenn man nur den Desktop betrachtet, hat mir als kurzer, leicht gruseliger Einblick schon gereicht. Und deinen anerkennenswert breit gefächerten und teilweise sehr interessanten Musikgeschmack — wenn man vielleicht einmal von peinlichen Fehlgriffen wie Rosenstolz absieht — habe ich ja schon erwähnt. Dieses uTorrent scheint dir ja auch ganz gut gefallen zu haben…

Du hattest natürlich Recht: Dein Windows 7 konnte man nicht mehr benutzen. Es war ein schmerzhaft zuckender Krampf im Allerwertesten, in einem Zustand, in dem man jemanden damit bestrafen konnte, der Vater und Mutter totgeschlagen hat. Ich habe mich deshalb auch gleich gefragt, ob es sich um ein Problem mit deinem Rechner — wie gesagt: er war ja Müll — handeln könnte, und deshalb habe ich nach zwanzig Minuten einer dir sicherlich wohlbekannten Qual¹ ein Xubuntu 14.04 LTS von einem USB-Stick gebootet, den ich zufällig in der Tasche hatte. Damit hatte ich nicht nur ein sehr performates Stück Computermüll vor mir stehen, sondern ferner keinerlei Hinweis auf irgendeinen Schaden an deiner Hardware gefunden. Nun gut, ich mag AMD nicht, weil ich schon viel Ärger mit AMD hatte. Aber das ist noch kein Schaden; dein Rechner lief wirklich gut, und auch die Performanz deiner Festplatte war mehr als nur befriedigend.

Denn darin hattest du ganz einfach unrecht: Dein Rechner war kein Müll. Dein völlig verhunztes Windows, das war Müll. Das hättest du einfach neu installieren können, und wenn du wirklich nicht weißt, wie das geht, hättest du ein paar hundert Meter weiter stadtauswärts einen kleinen Computerladen gefunden, dessen übrigens sehr freundlicher und kompetenter Inhaber dir sicher dieses Problem für rd. ein blaues Läppchen mit gotischen Fenstern gelöst hätte — oder dir noch einen richtig guten Preis für dein Gerät gemacht hätte, wenn du aus anderen Gründen einen neuen kaufen wolltest. Natürlich nicht die rd. 150 Öcken, die du auf eBay erzielt hättest, denn er will verständlicherweise auch von etwas leben; aber zwischen achtzig und hundert Euro hättest du dafür bekommen. Ohne, dass du dich dem üblichen Betrugsrisiko auf eBay hättest aussetzen müssen. Und hey, denk doch mal in Ruhe drüber nach, M.: Computer sind viel zu schade zum Wegwerfen!

Aber wie ich am Icon des Bietagent auf deinem Desktop sehe, hättest du wohl auch mit eBay keine Probleme gehabt.

Und mit noch etwas hattest du Unrecht: Es macht deine Festplatte nicht unlesbar, wenn du das SATA-Kabel entfernst. Man kann einfach ein anderes Kabel nehmen. Aber du kannst ja auch nicht alles wissen, M., wo du doch schon beachtliche Leistungen im Studium erbracht hast:

Eine der vielen Dateien von der Festplatte: Ein Zeugnis über eine Vordiplom-Prüfung in Chemie, vom Bildschirm abfotografiert.

Ich könnte noch viel über dich schreiben, M., wenn ich mir nur die Mühe gemacht hätte, ein bisschen weiter in deiner Privatsphäre rumzuwühlen. Die schwarzen Balken in deinem Zeugnis habe ich übrigens gemacht, weil ich vor deiner Privatsphäre mehr Respekt habe als du selbst — und deshalb Wert darauf lege, dass du aus diesem Artikel heraus für andere Leser nicht leicht identifizierbar bist.

Was ich alles hätte machen können, wenn ich kein Penner, sondern ein richtig asozialer Verbrecher gewesen wäre, kannst du dir vielleicht inzwischen vorstellen. Deine in sehr guter Qualität eingescannte Unterschrift und die umfangreichen Angaben über dich aus deinen Bewerbungsunterlagen wären mir zum Beispiel eine große Hilfe bei einem Identitätsmissbrauch gewesen. Den Rest, den ich — wie gesagt, ohne mir auch nur Mühe zu geben oder gezielt danach zu suchen; ich wollte nur nachschauen, ob die Festplatte noch benutzbar ist — in lediglich zehn Minuten gesehen habe, solltest du dir selbst vorstellen können, und wenn du wissen möchtest, welches Missbrauchspotenzial darin liegt, dann frag doch einfach mal die Polizeibeamten in der kleinen Wache um die Ecke, denn die werden dir darüber eine Menge erzählen können.

Zu meinem großen Missfallen gibt es leider richtige Arschlöcher da draußen; Leute, die jeden zwischenmenschlichen Maßstab verlieren, wenn sie die Möglichkeit sehen, sich auf Kosten anderer Menschen einen Vorteil zu verschaffen, Leute, deren Empathievermögen auf den Niveau eines gebrannten Ziegelsteines liegt. Und nur für den Fall, dass du das noch nicht weißt: Es gibt davon so verdammt viele. Gerade in deiner Umgebung.

Deshalb solltest du daraus lernen und nie wieder so eine Festplatte wegwerfen. Nein, du musst dafür nicht zum Hammer greifen. Ein auch für informationstechnisch weniger geneigte, Windows-verwendende Mitmenschen brauchbares Programm zum Unlesbarmachen einer Festplatte ist zum Beispiel Disk Wipe². Dafür musst du noch nicht einmal Geld bezahlen, aber so ein Fünfer für die Entwickler, die dir das schenken, wäre schon nett. Ein PayPal-Konto hast du ja…

Am besten, du erzählst jetzt auch jedem anderen, dass ein bisschen Selbstverantwortung im Datenschutz eine gute Idee ist und dass du schon einmal selbst ganz knapp an einer kleinen persönlichen Katastrofe vorbeigeschrammt bist. Denn ich habe derart „auskunftsfreudige“ Festplatten aus Müllrechnern nicht zum ersten Mal in meinem Leben gesehen.

Dein
Nachtwaechter

P.S.: Natürlich ist die Festplatte jetzt vollständig gelöscht. Wenn du dich dafür bedanken möchtest, drück einfach dem nächsten Bettler, der dir übern Weg läuft, ein paar Euro in die Hand, statt ihn mit einem verachtungsvollen Blick und vielleicht sogar hässlichen Stammtischparolen und Schimpfwörtern abzuspeisen. Vielleicht bin es ja ich.

¹Auch im abgesicherten Modus war die Windows-Installation unbenutzbar. Wenn es mir das wert gewesen wäre, hätte ich mir vielleicht mal mit msconfig angeschaut, was deinen Rechner so lähmt. Der soeben gesetzte Link zu Microsoft benötigt übrigens zwingend JavaScript.

²Richtige Profis fahren ein GNU/Linux hoch und machen es mit dd. Wie das geht, findet sich unter Angabe sehr naheliegender Suchbegriffe in diesem Internet.

Die Ausrede des Gleichgültigen

„Gegen die ständige Überwachung kann ich nichts machen… das Kind ist eh in den Brunnen gefallen, also lassen wir es doch einfach ersaufen!“

Ich habe doch nichts zu verbergen…

„Ich habe doch nichts zu verbergen“, sagt Mitmensch Dumpf, um seine Gleichgültigkeit gegenüber dem immer weiter ausgeweiteten Überwachungsstaat zu rationalisieren und sich selbst nicht eingestehen zu müssen, dass seine Gleichgültigkeit in einer Angst wurzelt, die jeden richtigen Gedanken noch in seiner frühesten Regung erwürgt. Mitmensch Dumpf sagt das, um aus seiner gespielten Offenheit für jeden Einblick ungesagt eine Pflicht für jeden anderen Menschen zur Offenheit für jeden Einblick zu formen; und um jeden, der sich gegen solche Offenheit verweigert, subtil der verborgenen Schändlichkeiten und Widerwärtigkeiten zu bezichtigen, die hinter der Fassade der Privatheit gären mögen.

Interessanterweise gelingt es Mitmensch Dumpf in seiner Dumpfheit niemals, den gleichen groben Hebel auf das Treiben der staatlichen Geheimdienste anzuwenden, das mit so viel Sorgfalt vor den Menschen (und damit auch vor Mitmensch Dumpf) verborgen wird, in deren Auftrag dieses Treiben vorgeblich geschieht.

Datenschutz

Wohl gehört will es sein. Ausgerechnet jene Politiker, die gar nicht genug Überwachung und polizeiliche wie geheimdienstliche Totalverdatung ihrer Bürger haben können, fordern dann mehr gesetzlich erzwungenen Datenschutz, wenn es um Google, Facebook und andere kommerzielle Anbieter geht. Sie belegen damit, dass es ihnen beim Datenschutz gar nicht um ein sinnvolles Bürgerrecht zum Schutz der Privatsphäre geht, sondern um eine Art staatliches Monopol aufs Datensammeln über sowie darauf basierendes automatisches Bewerten und Behandeln von Menschen, gar nicht so unähnlich dem Leistungsschutzrecht für die Presse.

„Steuersünder-CD“

Was für ein Glück, dass es immer weider einmal CDs mit illegal gewonnenen Daten von so genannten „Steuersündern“ gibt, die trotz ihrer kriminellen Herkunft von Institutionen der Bundesrepublik Deutschland mit Steuergeldern aufgekauft werden — sonst müsste man womöglich auch in der BRD noch damit anfangen, nach ganz normalen juristischen Grundsätzen polizeilich zu ermitteln und, damit dies auch zu Erfolgen führt, einige Experten für die Verfolgung von Steuerhinterziehern auszubilden.

Seltsam übrigens, dass im Jahr 2012 noch Daten auf CD geliefert werden sollen. Ob dieser Datenträger so explizit benannt wird, weil er nach dem Tod der Diskette der glaubwürdige Datenträger mit der geringsten Speicherkapazität geworden ist? Wie unerfreulich für solche Ideen des Staates würde der Begriff einer mobilen Festplatte mit mindestens einigen hundert Gigabyte klar machen, dass hier im großen Maßstab Kontoführungsdaten von Menschen auf eine zurzeit unbekannte Weise illegal abgegriffen wurden und in die Hände von zwielichtigen Gestalten gerieten, die diese Daten einfach verkaufen.

Richtung und Garheit

Wie könnten Narren müde werden!

„Kinder auf der Landstraße“, Franz Kafka

Schutz! — Datenschutz ist ein Schutzrecht, keine Verpflichtung. So wie das Briefgeheimnis niemanden daran hindern kann, Postkarten zu schreiben, so wie das Fernmeldegeheimnis es (manchmal leider) nicht untersagt, seine persönlichen Telefongespräche lautstark vor dem gesamten Fahrgastraum einer Straßenbahn als unfreiwilligem Auditorium zu führen, so kann (oder sollte) auch der Datenschutz niemanden daran hindern, noch intimste Daten öffentlich oder in einem möglicherweise zum Tratsch neigenden Kreis von Mitmenschen preiszugeben. Es ist nicht verboten, so etwas zu tun. Und es will auch niemand verbieten. Doch selbst die mit ihren Daten freigiebigsten Menschen wären wohl eher unangenehm berührt, hörte jemand ihr Telefon ab oder öffnete und läse jemand ihre persönliche Briefpost. Im „materiellen“ Leben ist den meisten Menschen bewusst, welche Angelegenheiten nicht auf eine Postkarte gehören und niemanden anders etwas angehen; im „virtuellen“ Leben scheint das vielen nicht bewusst zu sein¹.

Schutz? — Ja, wovor schützt denn der Datenschutz? Er schützt die Menschen davor, dass ihre Daten eine unerwünschte Verwendung finden. Diese ist nicht nur darin zu sehen, dass jemand mit besser gezielten Werbelügen bombadiert würde und auch nicht darin, dass Kriminelle in die Lage versetzt würden, die Identität eines anderen Menschen für wenig erfreuliche Machenschaften zu missbrauchen, sondern auch. Dass andere aufgrund eines Einblickes in die leicht und automatisch verarbeitbaren Daten eine Deutungshoheit über diejenige Person bekommen könnten, aus deren Leben diese Daten herausragten. Ein Vermieter könnte anhand eines bloßen Einblickes in (möglicherweise jahrealte) Daten entscheiden, an welche Personen er eine Wohnung vermietet; ein Versandhaus könnte Entscheidungen über die Bonität fällen; ein Personaler könnte seine Entscheidungen über einen Arbeitsvertrag von den (vom betroffenen Menschen längst vergessenen) Daten abhängig machen. Dies kann losgelöst von der Komplexität der realen Person und ihrer derzeitigen Lebenssituation getan werden und auf wenigen, für den Entscheider in seiner Machtposition bequem quantisierbaren Merkmalen basieren. Schon heute führt das data mining dazu, dass Banken und Versandhäuser die einem Menschen zugeordnete Bonität unter anderem nach seiner Wohnadresse bewerten; dass sie die viel komplexeren Lebensräume von Menschen mit datenmäßig erfassten sozialen Mauern abstecken und Menschen danach beurteilen, auf welcher Seite der Mauer sie leben, ohne dass das den meisten Menschen bewusst wäre. Die Daten. Haben in solchen Punkten schon längst ihr „Eigenleben“ entwickelt und lassen auch immer wieder einmal die davon betroffenen und durch die Datenbrille betrachteten Menschen in kafkaesken Situationen zurück. Die unkontrolliert zirkulierenden Daten führen zur Ohn-Macht der Person, aus deren Leben Abrieb diese Daten einst einmal entstanden.

Asymmetrie — Die Websites, die man unter dem irreführenden Begriff social web zusammenfasst — es gibt neben Facebook, Google Plus und Twitter noch viele eher unbedeutende Angebote dieser Art — sind für die Idee des Datenschutzes problematisch. Dies nicht, weil sich Menschen darüber mitteilen und dies in einer gewissen Öffentlichkeit geschähe, sondern weil in einem bislang ungekannten Maß die Summe solchen Mitteilens vieler Menschen als Datensammlung weniger Unternehmen mit eher ungewissem Geschäftsmodell anfällt. Diese Sammlung ist keineswegs öffentlich. Und sie enthält vieles, woran die darin datenmäßig erfassten Menschen gar nicht mehr denken. Eine Website, die das monströse Ausmaß der Datensammlung durch Facebook dokumentiert hat…

Die Domain www.europe-v-facebook.org wurde gesperrt

…ist gerade erst unter mir nicht näher bekannten Umständen aus dem Internet entschwunden, nachdem viele Medien über die beachtenswerten Ergebnisse dieser Bemühung berichtet haben². Der zugehörige Channel bei YouTube existiert noch, aber leider ist die Website (noch) nicht bei archive.org verfügbar und somit fürs erste verloren gegangen. Den vielen Menschen, die nur einen geringen Einblick in die Datensammlung haben, indem sie mit anderen Menschen über eine zentralistisch organisierte Struktur im Web kommunizieren, ihnen stehen wenige Menschen gegenüber, die einen vollständigen und automatisch verarbeitbaren Einblick über alles Kommunizieren, Surfen, Liken, Betrachten erlangen und diesen Einblick als Herrschaftswissen beliebig auswerten und benutzen können. Angesichts des fragwürdigen Geschäftsmodelles der unter Gewinnerzielungsabsicht auftretenden Unternehmung Facebook ist es eher wahrscheinlich, dass diese Datensammlung einmal ein für viele davon betroffene Menschen unerwünschtes „Eigenleben“ entwickeln wird. Das Internet, das dem Individuum einmal Freiheit und Möglichkeit zur Entfaltung versprach, entwickelt durch die künstliche Zentralisierung seiner kommunikativen Funktionen in wenige Anbieter ein Instrumentarium, den von einer herrschenden und besitzenden Elite gehegten Wunsch nach Konformität und Berechenbarkeit der Menschen zu erfüllen. Und somit neue Knechtschaft und verhinderte Entfaltung der Mehrzahl von Menschen zu schaffen, durchzusetzen und zu zementieren. (Ein aktueller Nachtrag: Die Website Europe versus Facebook ist inzwischen wieder verfügbar. Zum Glück.)

Silberscheibe — Wie monströs die Datensammlung auf Seiten Facebooks in Wirklichkeit ist, zeigt sich darin, in welcher Form Facebook die Daten auf Nachfrage (und keineswegs freiwillig) übermittelt: Es geschieht in Form einer CD. In einem Fall mit 1200 DIN-A4-Seiten gesammelten Daten zu einer einzigen Person. Und dies waren keineswegs alle von Facebook gespeicherten Daten zu dieser Person. Beim Einblick in diese Daten wurde deutlich, dass Facebook das wichtigste Prinzip des Datenschutzes, die möglichst große Sparsamkeit in der Datenhaltung, systematisch missachtet hat. Auch Beiträge, die der Nutzer gelöscht hat, bleiben in der Sammlung künftigen Herrschaftswissens erhalten und sind nur „als gelöscht markiert“. Selbst bei einer Löschung des Accounts ist davon auszugehen, dass Facebook alle Daten behalten wird — und im Regelfall eine beachtliche Zeit dazu imstande sein wird, den vollständig identifizierten ehemaligen Nutzer weiter auf seinem Weg durch das Internet zu verfolgen.

Das Sparen erzwingen — Wenn Unternehmungen wie Facebook (aber keineswegs nur dieses) nicht willens sind, Daten sparsam zu erheben und vorzuhalten, gibt es nur eine Möglichkeit, dem zu begegnen, um auch von solchen Unternehmungen Datenschutz zu erzwingen: Man muss mit der Preisgabe seiner Daten so sparsam sein, wie es gerade noch möglich ist; und man muss diese Haltung mit allen verfügbaren technischen Mitteln unterstützen. Kein echter Name, keine persönliche Mailadresse, kein zutreffendes Geburtsdatum, kein wirklicher Wohnort… so sollte die Grundhaltung sein, wenn man nicht einen besonderen Grund hat, einem bestimmten Anbieter zu vertrauen oder wenn nicht bestimmte dieser Angaben für ein wirklich wünschenswertes Angebot erforderlich sind. (Ein Versandhandel kann nur liefern, wenn er einen Empfänger und eine Lieferadresse kennt.) Die Datenskandale nach den erfolgreichen Crackerangriffen der letzten Monate sollten auch dem Letzten deutlich gemacht haben, dass man in Bezug auf Datensparsamkeit keinem einzigen Unternehmen pauschal trauen kann. Tatsächlich werden immer wieder so leicht missbrauchbare Daten wie Konto- und Kreditkarteninformationen ohne besondere Not auf einen über das Internet zugänglichen Server abgelegt, also einem Opferrechner, der vielfachen Angriffen aller Art ausgesetzt ist. Wo die Unternehmen bis zur Inkompetenz verantwortungslos sind, ist jedes Vertrauen fehl am Platze, wenn es keinen guten Grund dafür gibt.

Mauern und Tore — Es ist erstaunlich, wie häufig mir Links auf Inhalte zugesteckt werden, die ich nur betrachten kann, wenn ich einen Account bei Facebook habe. Dieser Account. Wird von vielen (meist jüngeren) Menschen beim anderen Menschen einfach vorausgesetzt. Für mich als jemanden, der ich nicht einmal dazu bereit bin, mich in pseudonymer Form von Facebook tracken und verdaten zu lassen, ist eine Mauer um viele Inhalte geschaffen, die ich nur durch die von Facebook vorgesehene Türe betreten kann — mit persönlichen Daten als Eintrittsgeld. Ich muss davon ausgehen, dass derartige Zustecksel bei anderen Menschen noch häufiger sind, so dass für viele Menschen ein spürbarer sozialer Druck aufgebaut wird, ihre Daten an Facebook zu geben, damit ihnen das Internet für ihre persönlichen Absichten überhaupt erst nützlich wird. Auch ist es immer häufiger zu sehen, dass eine Authentifizierung vermittels Facebook ersatzlos an die Stelle dezentraler, site-spezifischer Registrierungsprodzeduren gesetzt wird, so dass Menschen ohne Facebook-Account auch von der aktiven Teilnahme in Bereichen des Internet ausgeschlossen werden, die gar nicht zu Facebook gehören. Was für ein sonderbarer eiserner Datenvorhang das doch ist, und wie bereitwillig sich Leute zur Zollstelle irgendwelcher Unternehmungen machen!

Zwei? Null. — That so called „social web“ is an ignorant, pubertal, irresponsible part of the web, and a growing one too. Growing? No, rampant.

Zeitachse — Wie viel mehr die Menschen doch englisch lesen und sprechen, als sie es verstehen. Dass Facebook sich künftig als „Timeline“ verstehen will und von anderen so verstanden werden soll, ist schon als Begriff etwas, was tief blicken lässt. Es soll dort eine Zeitachse abgebildet werden, auf der sich das Leben der dort datenliefernden Menschen in vielen automatisch auswertbaren Spuren niederschlägt. Ob die gleichen Menschen, die im Internet so bedenkenlos freigiebig werden, das alles wohl auch in ihren Lebenslauf schreiben würden?

Erzwungene Entdatung — Wie eingangs gesagt, Datenschutz ist ein Schutzrecht, und es sollte niemanden behindern, der „mutig“ genug ist, ohne diesen Schutz zu leben. Wer sich vor zentralen Anbietern mit fragwürdigen Geschäftsmodell hemmunglos datenmäßig entkleiden — oder meinethalben: entdatenschützen — möchte, der soll das tun! Für den Außenstehenden ist es oft schwierig, „Mut“ von Dummheit zu unterscheiden, aber das halte niemanden ab! Doch eine Sache ist widerwärtig, bei allem Faseln vom social web geradezu antisozial und verachtenswert: Dass ein so genannter „Button“, der nichts weiter ist als eine in Javascript implementierte Tracking-Wanze eines datensammelnden Unternehmens mit fragwürdigem Geschäftsmodell, die auf fremden Websites eingebettet werden kann³; dass so ein so genannter „Button“ auch Menschen zugemutet wird, die diesen wie wahnsinnig dumm wirkenden „Mut“ nicht aufbringen wollen. Dass von dieser versteckten Spionage vor allem weniger technikaffine Nutzer betroffen sind, die sich nicht mit geeigneten Plugins wie NoScript zur Wehr zu setzen wissen und in der Regel nicht einmal das mögliche Problem erfassen können, macht die ganze Sache nur noch überrumpelnder und widerwärtiger.

Dummheit unter Kieler Brise — Dass das Kieler „Unabhängige“ Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein angekündigt hat, demnächst wegen der Einbettung eines „Buttons“ von Facebook empfindliche Ordnungsgelder gegen Websitebetreiber zu verhängen, um geltendes Recht durchzusetzen, hat für teilweise heftige Empörung gesorgt. Die Datenschützer mögen sich doch — so sagten es die eifrigen Einbetter der Trackingwanzen in ihre Websites und damit die Schergen eines Datensammlers und Trackers — sie mögen sich doch gefälligst nicht an die armen Websitebetreiber, sondern direkt an Facebook wenden, diese blöden, weltfremden Datenschützer! Obwohl dafür keinerlei juristische Handhabe besteht. Was für eine idiotische Forderung! Und wie sehr sich diese Forderung mit einer Ablehnung jeder eigenen Verantwortung für den Zustand kombiniert, der ein solches Eingreifen von Datenschützern erst erforderlich macht! Ganz so, als wäre es unmöglich, eine Website zu betreiben, ohne diese verkappte Tracking-Wanze darin einzubauen; ganz so, als habe ein Sitebetreiber nach der Einbettung dieser Tracking-Wanze keinerlei Verantwortung dafür, dass seine eigene Website in eine Tracking-Vorrichtung für Facebook umgewandelt ist. Man stelle sich diesen unfassbaren Schwachdenk nur einmal mit anderen Rechtsverstößen vor! Zum Beispiel stelle man sich einmal vor, Menschen würden ein extern gehostetes Bild auf ihre Website einbetten und für das so entstehende Ergebnis die Verantwortung ablehnen! Zum Beispiel ein Bild, das in vielen ferneren Kulturkreisen als problemlos benutzbar, ja, sogar. Als heilsam und glücksbringend gilt: Eine Swastika. Das aber unter deutschem Recht nicht ohne einen besonderen Kontext benutzbar ist. Und diese Bildeinbetter. Würden jede Verantwortung dafür. Zurückweisen. Und fordern, dass stattdessen auf den Bildhoster im Auslande zurückgegriffen werden möge, der doch ein in seinem Rechtsraume völlig zulässiges Bild verwendet, so dass juristisch gar keine Handhabe besteht. Und sie würden „argumentieren“, dass die Einbettung dieses Bildes ja in vielen anderen Ländern auch problemlos möglich sei. Und. Sie würden sagen, dass ein Vorgehen gegen diese Praxis dem „Geist des Internet“ zuwider liefe. Oh, was würden gewisse Leute diesen Freiraum gern nutzen, wenn es ihn nur gäbe! Aber: Dass es diesen Freiraum nicht gibt, ist beinahe jedem Menschen klar und in seiner Motivation einsichtig. Seltsamerweise beginnen viele Menschen aber zu glauben, dass es Freiräume für Rechtsverstöße gibt, wenn diese Rechtsverstöße nur nicht sofort offensichtlich sind, wenn sie nur fein abstrakt und technisch sind. In diesem dummen Glauben spiegelt sich die technische Unwissenheit dieser Menschen wider. Und. Es ist genau diese selbstverschuldete Dummheit und aus Unwillen ersprossene Unwissenheit, die das Geschäft von netzvampiristischen Websites wie Facebook überhaupt erst ermöglicht.

Alternative — Die Cholera ist keine gute Alternative zur Pest, sondern Gesundheit ist die gute Alternative. Google Plus ist keine gute Alternative zu Facebook, sondern genau so mies und schlimm. Das freie, möglichst dezentrale Internet ist eine gute Alternative zum so genannten social web, sonst nichts.

Lenken und ablenken — Vielleicht wären die Datenschützer in ihrem Bemühen etwas überzeugender, wenn ihr Blick nicht so einseitig wäre; wenn sich ihr Blick etwa mit der angemessenen Strenge und Unerbittlichkeit auf staatliches Datensammeln in der Bundesrepublik legte. Wer geht mit Aufklärung der Menschen und den gegebenen juristischen Möglichkeiten gegen überflüssige polizeiliche Überwachungskameras im öffentlichen Raum vor? Wer geht gegen die Weitergabe von Bankdaten in die USA vor? Wer hat beim Internetzensurgesetz einer Ursula von der Leyen davon gesprochen, dass die unkontrollierte Manipulation der Namensauflösung dem BKA die Möglichkeit gewährt, unbemerkbar E-Mails mitzulesen? Wer sprach oder spricht vom Missbrauchspotenzial der poltisch gewünschten Vorratsdatenspeicherung? Wer nimmt Stellung zum Wunsch vieler Mitglieder der classe politique nach einem möglichst gläsernen Bürger? Es waren und sind keine Datenschutzbeauftragten. Im einseitigen Vorgehen gegen Unternehmungen und Websitebetreiber verbleibt ein unangenehmer Nachgeschmack beim Genuss, ein Eindruck von Aktionismus und von der Ablenkung der öffentlichen Aufmerksamkeit von einem anderen, eher noch größeren Problemkreis, ganz so, als sollte sich unter einer Wolke nur gefühlten Datenschutzes ein allgegenwärtiger Blick eines anonymen, großen Bruders auf das Leben aller Menschen richten. Wenn sich dies auch noch mit einer einseitigen Ausrichtung auf ausländische Unternehmen richtet (ich habe noch nie ein kritisches oder aufklärerisches Wort zu den deutschen VZ-Sites gehört), ist zusätzlich der Eindruck nicht leicht abzuschütteln, dass zu diesem Zweck auch nationale Empfindungen instrumentalisiert werden sollen, um eine möglichst breite Wirkung der Ablenkung zu erzielen. Die Kritik am staatlichen Datenschutz ist also durchaus berechtigt, sie hat nur die falsche Richtung. Und dokumentiert damit, dass die Ablenkung hervorragend funktioniert.

Bundestrojaner 2.0 — Es hätte vielleicht keinen Widerstand gegen den so genannten „Bundestrojaner“ gegeben, nein, viele Menschen hätten ihn sich sogar freiwillig installiert, wenn ein solches Schnüffelprogramm unter dem Banner des social web unter die Leute gebracht worden wäre; als eine Möglichkeit, mit seinen „Freunden“ in Kontakt zu treten und interessante „Dinge“ zu „teilen“; als eine Vorrichtung, die zusätzliche Besucher auf die eigene Website bringen kann (und somit vielleicht auch etwas Geld über Werbebanner einbringt) und einem ein Auditorium und Aufmerksamkeit bei anderen Menschen verschafft. Gern hätten sich die gleichen Menschen dafür datenmäßig nackig gemacht, die es jetzt für Facebook und Google Plus tun — und jedem, der ihnen sagt, welche Gefahren damit verbunden sind, hätten sie einen Vogel gezeigt und ihn als „rückständig“ beschimpft. Gut, dass in Deutschland niemand auf diese naheliegende Idee gekommen ist.

¹Ich hoffe, dass „materiell“ und „virtuell“ ein besseres Gegensatzpaar ist als der so übliche Polit- und Pressesprech von „virtueller“ und „wirklicher“ Welt. Denn das Internet hat und ist in der Welt geformte Wirklichkeit, und der unterschwellige Versuch, ihm diese Wirklichkeit mit solchem Wortblendwerk abzusprechen, ist angesichts der Bedeutung, die dem Netze von den Absprechenden dann doch wieder zugemessen wird, wenn es nur um die Durchsetzung von Restriktion geht, lächerlich. Aber auch meine beiden Wörter treffen es nicht. Ich kann gar keine guten Wörter finden, um einen Unterschied auszudrücken, was vielleicht daran liegt, dass ich einen solchen Unterschied nicht empfinde. Was unterscheidet denn eine „virtuell“ gepflegte Freundschaft von einer althergebrachten Freundschaft, die über Briefe und Telefon gepflegt wird und die niemand mit einem so unsinnigen Wort wie „virtuell“ benennte?

²Das Verschwinden dieser Website ist der Grund, der mich zum Schreiben anregte. Ich will nicht, dass es ins Schweigen fällt. Wenn jemand eine archivierte Version der Website hat, wäre ich dankbar, wenn diese irgendwo im Internet verfügbar gemacht würde. Es kann völlig banale Gründe haben, dass diese Website verschwunden ist, etwa eine nicht bezahlte Rechnung. Es kann aber auch auf juristische Winkelzüge von Facebook zurückzuführen sein; immerhin behauptet Facebook beispielsweise, das „geistige Eigentum“ an den gesammelten Daten zu haben und könnte über diesen absurden Anspruch versuchen, die Veröffentlichungen des Ausmaßes der Datensammlung und der Struktur der gesammelten Daten zu unterbinden. Ob letzteres der Fall ist oder nicht: Die bloße Inanspruchnahme eines „geistigen Eigentums“ über die Daten anderer Menschen ist bereits für die vom Datensammeln betroffenen Menschen kafkaesk genug, um das Gruseln zu bekommen.

³Der Begriff „Button“ ist für diesen IFRAME, in dem eine JavaScript-Anwendung läuft, im höchsten Maße irreführend. Es ist etwas fundamental anderes als eine Schaltfläche, wenn es auch auf dem ersten Blick ähnlich aussieht. Selbst abgemeldete Nutzer sind damit noch bei ihrer Bewegung durch das Internet verfolgbar. Dass Facebook dies gern tut, zeigt sich schon darin, dass es Facebook nicht gefällt, wenn für die Funktionalität „Like“ andere Implementationen verwendet werden. Die irreführende Sprache aus der Reklameabteilung von Facebook sollte besser nicht ohne Anführungszeichen verwendet werden. Es ist kein „Button“. Es ist eine Tracking-Wanze, die den Leuten hinterhältig mit dem irreführenden Wort „Button“ untergeschoben wird. Die wenigsten Menschen scheinen sich darüber im Klaren zu sein, dass selbst ohne gesetzte Cookies und ohne IP-Adresse mit einem Schnipsel JavaScript eine eindeutige Identifikation des Browsers (und damit in der Regel des Nutzers) beinahe immer möglich ist. Diese fließt leicht mit anderen, persönlicheren Daten zusammen oder kann gar im Zuge einer späteren Facebook-Registrierung zu einer konkreten Person zugeordnet werden.

Der eine Tag

Zeitgenosse: Heute ist der Europäische Datenschutztag.

Nachtwächter: Das passt ja zur Europäischen Union, dass sich der Datenschutz auf einen einzigen Tag im Jahr beschränken soll…