Tag Archive: Bloggen


Stimmen aus Deutschland

Tweet von @netzpolitik vom 30. Juli 2015, 17:54 Uhr: Meine Mutter hat gerade im ARD-Tagesschau-Videotext gelesen, dass mir lebenslange Haft droht. Kann man sich nicht ausdenken.

Meldung der Tagesschau, auf die hier Bezug genommen wird. Dauerhaft archivierte Version gegen die Pflicht zur „Depublizierung“.

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Übers Bloggen (21): Wie viele Blogger…

Wie viele Blogger sind wegen PRISM von Facebook weggegangen? Wie viele von Twitter? Oder von Google Plus? Oder von einem ähnlichen „kostenlosen“ Web-Angebot, das aus der Sicht seiner Betreiber dafür da ist, menschliche Kommunikation in einen sozial optimierten Geschäftsvorfall zu verwandeln? Das also nicht in erster Linie zum Nutzen der Menschen da ist, sondern um ein fragwürdiges Geschäftsmodell zu ermöglichen?

Wie viele von denen, die sich in schwärmerischen, feuchten Träumen für eine „digitale Elite“ halten (und sich von der Scheißpresse und von den Scheißwerbern gern den extraklebrigen Honig ums Maul schmieren lassen, sie seien digital natives), nur, weil sie Blogs dank einer fertigen, leicht benutzbaren Blogsoftware auf dem Niveau pubertärer Poesiealben mit „Inhalten“ füllen können, haben innerhalb der letzten vier, fünf Wochen irgendeine Konsequenz für ihre Internetnutzung gezogen? Wie viele haben mit jedem Versuch aufgehört, möglichst viele ihrer Leser zu Anbietern wie Twitter, Google, Facebook, etc. mitzunehmen, um dort große Zahlen von „Followern“ zu haben, sich selbst zum Schwanzvergleich, und den Geheimdiensten zur sehr interessanten Offenlegung menschlicher Beziehungen und konvergierender Interessen von Menschen.

Wie viele haben nur den JavaScript-Tracking-Schnippsel von Google Analytics entfernt; eine Vorrichtung, die ihnen nur ein paar Zahlen gibt, also nicht einmal eine Spur von wirklichem Wert?

Wie viele haben ein letztes Mal ihr blinke geiles Gadget gestreichelt und sich gesagt: „Es ist eine verdammte Trackingwanze, ein Trojaner, der nicht auf meinem Computer läuft, sondern inzwischen auf meinem ganzen Leben — und dabei war die Illuision doch gestern noch so schön“? Um dann einzusehen, dass eine Systemreinigung nötig ist; eine Systemreinigung nicht nur des Computers, sondern des ganzen Lebens, bei der auch etwas mittlerweile Liebgewonnenes (und auch etwas Teures) unrettbar verloren geht? Wie viele sind wenigstens von der wie eine Alarmglocke schrillenden Kombination wach geworden, dass die Google-Street-View-Wagen im Vorbeifahren alle WLANs gesnifft haben und dass die smart phones mit Googles Android-Betriebssystem bei ihrer Backup-Funktion unverschlüsselt WLAN-Passwörter an Google übertragen?

Wie viele wollen auch nur wissen, was zusammengeführte Daten in den Rechnenzentren der Allesüberwacher alles offenlegen? Und wie wenig darin noch verborgen bleibt?

Wie viele sind bereit, auszuprobieren, was der Preis der Privatsphäre ist? (Während ich das schreibe, habe ich nebenbei beim Kommunizieren meine kleinen Schmerzen mit GnuPG. Kryptografie ist weder einfach noch reibungslos. Auch für erfahrene Computernutzer nicht.) Wie viele sind bereit, reflektierend abzuwägen, wo sich dieser Preis lohnt? Und wofür er sich lohnt?

Wie viele haben so einen Gedanken auch nur laut gedacht? Bloggend, also mit Außenwirkung? Gedacht? Um zu helfen, dass andere diesen Gedanken mitdenken? Um wenigstens etwas geistige Tätigkeit vor der Resignation gegenüber dem big brother zu zeigen, wenn es schon nicht zu einer Umkehr kommt?

Unreflektierte Resignation. Ist keine besonders intelligente Haltung. (Und selbst die reflektierte Resignation kann dumm wirken, ich werde oft von Mitmenschen als „dumm“ bezeichnet.)

Wie viele Blogger aus der so genannten „Piratenpartei“ — die zumindest aus meiner etwas fernstehenden Sicht von einer ungut-naiven Technikverliebtheit geprägt ist — ja, wie viele von dieser kleinen Untergruppe der Bloggenden haben wenigstens einen dieser Gedanken verbloggt?

Und. Wie viele Blogger würden sich sofort eine Software des Verfassungsschutzes, der NSA oder des Geheimen Weltamtes für totale Unterdrückung installieren, wenn man ihnen nur erzählte, dass diese Software Besucher auf ihr Blog bringt; Besucher, die Werbeeinnahmen und gefühlte Bedeutung mit sich bringen? Wie viele Blogger dokumentieren im Moment nur ihre dumme Gleichgültigkeit, wenn sie ihr Blog zu einem Vehikel für die Reklameklickgroschen machen und diesem Zweck das Erfordernis weniger erfreulicher und weniger leicht verdaulicher Mitteilungen unterordnen.

Und. Wie viele dieser Blogger betrachten sich zu allem Überdruss auch noch als politisch?

Und. Warum wundern sie sich noch über ihre Bedeutungslosigkeit?

„Bloggergate“

Was ist denn das Üblere, das Traurigere? Dass manchmal ein Mensch falsches Geld macht, und dafür unter institutionaliserter Empörung und allgemeinem Kopfnicken ins Gefängnis geht? Oder ists, dass so regelmäßig das Geld falsche Menschen macht, die sich der Aufmerksamkeit, der Anerkennung, ja, des Lobes aus den vielen Mündern anderer falscher Menschen völlig sicher sein können.

Interview-Anfrage zum Thema: Hannover-Blog

Hallo Elias,

ich glaub die mail ist eher an dich gerichtet…

Bis dann
Frank

=== Original-Nachricht ===
Betreff: Interview-Anfrage zum Thema: Hannover-Blog
Datum: Mon, 01 Nov 2010 15:12:36 +0100
Von: [Name und Mailadresse von mir entfernt]
An: [Mailadresse hier entfernt]

Hallo!

Ich bin [Name von mir entfernt] und möchte einen Artikel über Blogs mit dem Thema Hannover schreiben. Er soll auf dem Internetportal der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (www.haz.de) veröffentlicht werden. Ich würde mich freuen, wenn ich Dich dazu interviewen dürfte.

Wir könnten uns in einem Café treffen und ich stelle Dir einige Fragen oder ich schicke dir eine E-Mail mit den Fragen und Du beantwortest sie.
Ich würde mich sehr über eine Antwort freuen.

Herzliche Grüße
[Name von mir entfernt]

Werte Frau [Name von mir entfernt],

sie haben es mir wirklich nicht leicht gemacht, auf ihre Anfrage zu antworten — was bereits damit begonnen hat, dass sie ihre Mail zum Thema „Bloggendes Hannover“ an die falsche Adresse gesendet haben, obwohl dort an jeder möglichen und unmöglichen Stelle ein Kontaktformular verfügbar ist, mit dem sie mich direkt erreicht hätten. Wie sie sich vielleicht vorstellen können, ist die offiziell angegebene Kontaktadresse nicht meine, sondern die eines guten Freundes, der mir netterweise den Webspace für meine wenigen noch in der Bundesrepublik gehosteten Projekte zur Verfügung gestellt hat, weil er diese Projekt schätzt und fördern möchte. Es ist für jemanden wie mich, der nur noch von dem lebt, was im kampflos gegeben wird, nicht immer leicht, meine Absichten umzusetzen.

Aber gut, so etwas kann in der geschäftigen Hektik der kommerziellen Content-Produktion schon einmal passieren; auch für mich gibt es keine Sache, die so einfach wäre, dass ich sie nicht falsch machen könnte.

Obwohl jede Mitteilung an diese öffentlich angegebene Adresse in einer Flut der Spam zu ertrinken droht, hat es ihre Mail ja dennoch zu mir geschafft. Trotz ihrer Absenderadresse bei einem großen deutschen Freemailer, der sich durch seine Reklame-Kooperation mit der Nutzlosdienst-Abzocker-Firma „Antivirus Security“ seinen hoffentlich nachhaltig schlechten Ruf verdient hat. Dass Mails mit einer Absenderadresse dieses Freemailers bei uns pauschal als Spam aussortiert werden, können sie vielleicht nachvollziehen. Für alle Menschen, mit denen wir kommunizieren, sind dermaßen plumpe Überrumpelungsversuche eines Freemail-Providers so widerwärtig, dass sie froh über die Existenz von Alternativen sind.

Zumal es recht erstaunlich ist. Dass sie zwar für die HAZ Content erstellen, aber nicht einmal eine Mailadresse in der Internetdomain dieses Blattes haben. Da ich auch bei einer kleinen Benutzung der Suchfunktion der HAZ-Homepage nach ihrem Namen und nach plausiblen Kürzeln dieses Namens nicht fündig geworden bin, musste ich zu dem Eindruck kommen, dass sie nicht regulär bei der von ihnen angegebenen Zeitung arbeiten, sondern dort im besten Falle als preisgünstige Kraft — ob im Praktikum oder Volontariat kann ich natürlich nicht so leicht herausbekommen — jene Inhalte erstellen, deren einzige Aufgabe es ist, das eigentliche Geschäft der Contentindustrie zu ermöglichen, nämlich die Menschen mit möglichst geringen Aufwand an Arbeit und Geld zu den vermarkteten Werbeplätzen zu locken, auf dass es auch viele viele geldwerte page impressions gebe. Es weiß ja jeder Angler, dass die Fische nicht nach dem Haken schnappen, sondern nach dem Köder. Und dieser. Muss dann auch den Fischen gefallen, nicht unbedingt dem Fischer. Da macht so ein Vermarkter wie der Madsack-Verlag denn auch gern einmal solche „hübschen“ Autorenenteignungsversuche wie dieses unsägliche Ding unter dem ebenso unsäglichen Namen „MyHeimat„, um noch preisgünstiger an regional eingefärbte Inhalte zu gelangen. Auf dem Hintergrund des eigentlichen Zieles beim Geschäft mit der Zeitung verblüfft es mich auch nicht weiter, was als Ergebnis meiner früheren Begegnungen mit Zuarbeitern der Contentindustrie in der redaktionellen Aufbereitung für die Vermarktung verschwiegen wurde, und was in teilweise sinnentstellender Weise grell hervorgehoben wurde — und auch die in den wie einbalsamiert anmutenden Darbietungen des institutionalisierten Kulturbetriebes liegenden Schwerpunkte des „Kulturteiles“ der HAZ erklären sich wie von selbst, während die Stadt Hannover kulturell verödet und die letzten im Rahmen der so genannten „Stadtentwicklung“ unerwünschten Nischen lebendigen Kulturlebens ausgetilgt werden, weil sie schlicht nicht glatt und kalt genug sind.

Wenn sie auch nur einen kleinen Teil des Abriebes meines Daseins im Internet wahrgenommen hätten, denn hätten sie sich vermutlich ausmalen können, dass ich nach alledem eine derartige Vermarktung meiner Person nur noch als wandkalt und weit unterhalb meiner Würde erachten kann. Allerdings weiß ich, dass die emotionale Regung, die im Betrieb einer Zeitung am schnellsten verlernt wird, die Scham ist.

Es steht ihnen selbstverständlich frei, sich aus der Fülle der von mir veröffentlichten und recht marginalen Inhalte zu bedienen, sie sind beinahe alle unter den Bedingungen der Piratenlizenz veröffentlicht. Wenn dies ohne jegliche Verlinkung und Quellenangabe geschieht, entspricht das durchaus denjenigen Gepflogenheiten der Contentindustrie, an die ich mich — zusammen mit beinahe jedem anderen Mitgestalter des deutschsprachigen Internet — gewöhnen musste.

Dass ich einen derartigen Schriftwechsel (selbstverständlich anonymisiert, denn ich bin keine Presse) verbloggen werde, gehört gewiss zu den Dingen, auf die sie eingestellt waren, als sie Kontakt zu einem Blogger wegen des Bloggens gesucht haben.

Lassen sie es sich gut gehen!

Elias

Übers Bloggen: Das Ein und Alles

Ich finde es sehr interessant, dass inzwischen so viele Leute immer wieder einmal davon schreiben, dass die Zeit der Blogs vorüber sein soll. Gewiss, es ist eine angenehme Normalität eingekehrt, und es wird nicht mehr jeder neuen Idee nachgejagt. Und ebenfalls gewiss, einige besonders prominente Blogger geben sich alle Mühe, ihre persönlichen, chronologisch geordneten Websites nicht mehr wie persönliche, chronologisch geordnete Websites aussehen zu lassen, weil sie wohl ebenfalls glauben, dass schon die typische Erscheinungsweise eines Blogs ein Zeichen der Stagnation, des Todes ist. Aber dieses Gerade ist dumm. Mitnichten ist die Zeit der Blogs vorbei, es ist nur die Zeit einer unangemessen großen Aufmerksamkeit für das Konzept einer chronologisch geordneten, persönlichen Website vorbei, während fröhlich weitergebloggt wird. Diese unangemessen große Aufmerksamkeit verband sich vor allem mit einer Idee, nämlich der Idee, über die Tätigkeit des Bloggens ein Geschäft zu machen, Geld zu verdienen. Diese Idee, sie ist freilich tot — und sie war es vom ersten Tag an.

Und jene, die deshalb vom Tod des Bloggens sprechen, offenbaren mit dieser Rede, was ihnen die ganze Zeit beim Bloggen das Ein und Alles war. Die anderen. Stellen weiterhin Texte, Fotos, Lyrik, Belanglosigkeiten, Nichtsiges auf ihre chronologisch geordneten, persönlichen Websites und freuen sich über die Leichtigkeit des Bloggens. Und wenn sie nicht getwittert sind, denn bloggen sie noch heute… 😉

Übers Bloggen: Von der „Medienrevolution“

Immer wieder muss ich bei meiner täglichen Lektüre (mit wachsendem Missvergnügen) Blogger lesen, die unter einem offenbar fortschreitenden Realitätsverlust leiden und deshalb wie besoffen schreiben, dass das Internet und die menschliche Tätigkeit des Bloggens eine mediale Revolution auslösen werde, ja, dass sie diese schon ausgelöst habe und dass diese Revolution alles verändern werde. Ich weiß nicht, in welcher Welt diese Menschen leben, wenn sie sich wegen einiger tausend Klicks auf ihre Texte schon für dermaßen wichtig halten — vermutlich in ihrer eigenen, und vermutlich haben sie auch deshalb so selten etwas Interessantes mitzuteilen. Das heißt aber nicht, dass nicht viele der so Redenden allerlei seltsame und wenig erfolgverheißende Geschäftsideen mit ihrem bisschen Internet verbänden…

Wie unbedeutend so ein Blog wirklich ist, und wie bedeutend die „etablierten“, also zentral organisierten Medien auch unter den Bedingungen der heutigen Allgegenwart des Internet sind, habe ich soeben am eigenen Beispiel erfahren dürfen.

Eine rätselhafte Illustration aus dem so genannten Voynich-Manuskript: Die Mondin mit den zwei SichelnSeit Juli 2005 führe ich ein kleines und kaum beachtetes Blog über meine paar Beiträge zum Verständnis des so genannten Voynich-Manuskriptes. Die Beschäftigung mit einem bis unentzifferten Manuskript in einer mittelalterlichen Geheimschrift ist ein sehr spezielles Thema, und es ist nur deshalb ein Blog daraus geworden, weil ich mit WordPress einigermaßen gut umgehen kann und aus diesem Grunde nur wenig Lust dazu verspürte, eine andere Software zur Inhaltsverwaltung einzusetzen. Für jemanden, der gern verfolgen möchte, wie ich im Dunkeln tappe, ist die kalendarische Darbietung der scheiternden Untersuchungen und des zähen Ringens um etwas Einsicht allerdings auch ein hübscher Einblick.

Die meisten Menschen sind daran offenbar eher desinteressiert, zumal sich auch die eine oder andere Sackgasse in den teilweise sehr langen, mit Daten gespickten Texten findet. Ich kann das durchaus verstehen. Um Unterhaltung geht es mir nicht, ich bringe keine völlig unbelegten Thesen (obwohl: manchmal geht es auch mit mir durch…) und keine aufregenden Bilder, ich dokumentiere einfach nur in sehr unregelmäßigen Abständen, was mir bei dieser Beschäftigung so widerfährt, welche Ideen ich verfolge, was mir auffällt und was ich generell in diesem Kontext für interessant und beachtenswert halte. Dies verbindet sich mit einer neutralen (also nicht nach meinen Auffassungen ausgerichteten und deshalb auch für esoterische Ansätze offenen) Linkliste auf die wenigen deutschsprachigen Resourcen und einer weiteren Linkliste wichtiger Websites in englischer Sprache, ferner stelle ich meine Software für die Bearbeitung von Transkriptionen und meine wenigen Ergebnisse zum freien Download zur Verfügung. Sicher, etwas Lustiges gibt es dabei auch manchmal…

Dies alles ist nicht die Art von Stoff, die jemand zu genießen gedenkt, der einfach nur etwas Zerstreuung sucht, um die objektive Leere seines Daseins nicht fühlen zu müssen. Und dem entsprechend wenig Leser hat dieses kleine Blog — aber für viele dieser Leser mit einem speziellen Interesse ist das Blog eine Quelle relevanter Informationen geworden.

Nun, es bedurfte nur eines einzigen, vergleichsweise banalen Ereignisses, um das (vorübergehend) zu ändern und viele „interessierte“ Leser zu haben. Gestern, am 5. November, brachte das ZDF zur besten Sendezeit einen — soweit mir das mitgeteilt wurde, dem Standard dieses Senders entsprechend eher dürftigen und wenig sehenswerten — Krimi, in welchem das Voynich-Manuskript eine zentrale Rolle in einem Mordfall einnahm. Es bedurfte nur dieser einen Unterhaltungsproduktion eines zentral organisierten Mediums, um den Server, auf dem das Voynich-Blog betrieben wird, für einige Stunden unter Hochlast zu bringen und in drei Stunden mit einer Anzahl von geballt auftretenden Zugriffen zu konfrontieren, die sonst in einem halben Jahr anfällt. Ich wurde im Verlauf dieses Abends sehr froh darüber, dass ich bei der letzten größeren Serverwartung Vorsorge für eventuelle Lastspitzen betrieben hatte, sonst wäre der arme Server heute unter dieser Last zusammengebrochen.

Wo ist die „Revolution“ durch regelmäßiges Füllen von Websites mit irgendwelchen Inhalten, von der gewisse (dabei überdeutlich am Geschäft interessierte) Menschen so unentwegt schreiben und reden? Dieses eine Beispiel eines zuvor eher unbekannten Themas, das von einem deutschen Fernsehsender in einem abstrusen Kontext aufgegriffen wurde, hat gezeigt, wo hier medial „der Hammer hängt“, welche Medien die Themen vorgeben, für die sich die Menschen in ihrer Mehrzahl interessieren — während für die meisten „normalen“ Internet-Nutzer das Internet vor allem aus jenen großen Portal-Seiten besteht, die ebenfalls mit den von zentral organisierten Medien vorgegebenen Themen aufgefüllt werden. Angesichts des Wahlergebnisses der Piratenpartei würde ich einmal vorsichtig vermuten, dass die Menschen, die wirklich schon jeden Tag und beinahe ausschließlich vom Geist eines völlig dezentralen Mediums atmen, gerade einmal zwei Prozent der gegenwärtigen Gesellschaft in der BRD ausmachen und damit eine nicht einmal große Minderheit sind. Sicher, das kann und wird sich zumglück ändern. Aber. Nicht so schnell…

[Eine gesellschaftliche Entwicklung vollzieht sich nun einmal langsamer als die Einführung einer neuen Technik. Und wer auf die gesellschaftliche Entwicklung Einfluss nehmen will, braucht einen langen Atem und eine hohe Toleranz gegenüber dem täglichen Frust — was beides nur durchzuhalten ist, wenn diese Einflussnahme mit intensiver gedanklicher Arbeit, Planung und vernünftiger, regelmäßig an der Wirklichkeit überprüfter Theoriebildung einher geht. Da sehe ich bei vielen Bloggenden mit großem Anspruch schwarz.]

Und ich bin der Meinung, dass das jeder Blogger wissen sollte. Allein schon. Um nicht in der eigenen Selbstbezüglichkeit beim Anblick von einigen Zugriffsstatistiken irre zu werden. Und sich stattdessen lieber auf das zu konzentrieren, wofür man bloggt — auf das Schreiben persönlich geprägter, manchmal sogar interessanter Texte zu den Erlebnissen und Bedingungen des eigenen Daseins.

Und von diesem „Twitter“, diesem kastrierten Blogverfahren für Menschen, die nicht schreiben können. Will ich gar nicht erst reden… 😉

Nur das noch: RT @GWUP Stoppt den Sieg der #Homöopathen! Stimmt für die #Sozialhelden! http://crippled/crypted/url

Krimineller Adressmissbrauch

Es überrascht mich ja nicht weiter, dass die Casino-Spammer keinen besonderen Gefallen an Unser täglich Spam finden können. Beim Lesen dieses wenig beachteten Blogs wird ja die Stümperhaftigkeit und die große Kriminalität der Spam-Mafia sehr deutlich.

Aber dass das einmal so weit gehen könnte, dass Franks Anschrift jetzt in den Spammails eines bekannten Abzock-Casinos missbraucht wird, das hätte ich doch nicht für möglich gehalten. Immerhin: Auf diese Weise belegen die Spammer ihre kriminelle Energie.

Übers Bloggen (18): Was ist Bloggen?

Bei F!XMBR hat Chris die interessante Frage aufgeworfen, was dieses Bloggen eigentlich ist.

Das ist keine einfache Frage, denn es geht bei einem einigermaßen genießbaren Blog doch um deutlich mehr als um einen technischen Vorgang. Statt einer langatmigen Erklärung mag ich die Frage lieber mit einigen kurzen Stichpunkten beantworten — und ich hoffe, dass diese auch manchmal ein bisschen sticheln.

Bloggen ist, wenn ein Mensch zum Blogger wird, wenn er in allen Begegnungen, Ereignissen, Träumen und Gedanken auch etwas sieht, worüber es sich schreiben lässt, wenn er damit beginnt, die Dinge zu hinterfragen, um seinem Schreiben eine Substanz zu geben, die über die spontane und unreflektierte persönliche Reaktion hinaus geht und damit zu einem ernsthaften Akt der Kommunikation wird. Das Schreiben geht in diesem Prozess manchmal wie nebenbei. Und. Das Geschriebene wird manchmal eher wirr, unstrukturiert und belanglos, ohne aber für immer darin zu verbleiben.

Bloggen ist, wenn das regelmäßige Be-Schreiben des Erlebten, Gedachten, Geträumten zu einer von anderen Menschen beachteten Stimme wird, statt in der sumpfigen Privatheit des Freundeskreises oder des Stammtisches zu verhallen. Die Stimme wird dabei beinahe von allein kultivierter, so sie mit einem Hauch Empathie verbunden ist und der Blogger bemerkt, dass sich die wenigsten Menschen freiwillig belügen, anbrüllen, beschimpfen lassen wollen.

Bloggen ist der Ausfluss einer Persönlichkeit. Auch ein Mensch ohne Persönlichkeit kann ein Blog führen, ja, sogar ein schlechter Journalist, aber ein solches Blog ist etwa so attraktiv wie ein Testbild im Fernsehen; es ist kein eigentliches Blog, sondern es trägt den Charakter eines technischen Selbstzwecks mit sich herum.

Bloggen ist, wenn der Blogger auch andere Blogs regelmäßig zu lesen beginnt, andere Auffassungen als die Seinigen kennenlernt, anderer Blogger regelmäßiges Schreiben trotz gelegentlichen Unverständnisses zu respektieren, wertzuschätzen lernt. Das Leben als Blogger kann dabei zu einem beachtlichen Maß verantwortungsvoller Ausgewogenheit führen. Einen richtigen Blogger, der niemals andere Blogs liest, gibt es nicht.

Bloggen ist die Kommentarfunktion; und ein Blog ohne die Möglichkeit eines Kommentares ist kastriert. Die einfache Möglichkeit für jeden Menschen, zu allem Geschriebenen relativ unmittelbar einen erweiternden oder widersprechenden Standpunkt zu äußern, gibt dem Blog einen wichtigen Mehrwert, nimmt der gebloggten Betrachtung ihren Frontalcharakter und ist für den Blogger zuweilen sehr nervig. Zuweilen wird ein Artikel oder gar ein ganzes Blog erst durch sein Kommentare wertvoll.

Bloggen ist aber auch, wenn immer wieder irgendwelche SEO-Spammer keinen anderen Wert in einem Blog sehen als den einer Litfaßsäule, dass ihnen nichts Besseres einfällt, als einen idiotischen Kommentar von lochhafter Leere mit einem Link zur Manipulation der Suchmaschinen zu kombinieren. Ach! Wie viele Kommentatoren doch so „hübsche“ Namen wie „Telefontarife“, „Poker“, „Software“ oder gar „Google-Ranking“ von ihrer Mutter bekommen haben!

Bloggen ist wesentlich besser als Webforen. Jedes Blog ist erkennbar die persönliche Sphäre eines anderen Menschen, und das hält von überdummer Trollerei in den Kommentaren ab — zumindest einen Blogger. Was noch an Trollerei verbleibt, macht keine so großen Probleme wie die Moderation eines Forums, das alle als einen „gemeinsamen Raum“ betrachten und das sehr viele aus diesem Grund nicht besonders pfleglich behandeln. Auch Wohngemeinschaften scheitern oft am Klo und an der Küche.

Bloggen ist aber auch, wenn man als Blogger immer wieder über Websites stolpert, die durch die chronologische Ordnung der Veröffentlichung zwar in einem technischen Sinne ein Blog sind, aber nicht der menschlichen Mitteilung dienen, sondern zur reinen, von aufdringlicher Reklame vergällten Selbstdarstellung und Klickbespaßung verkommen sind. Nach solchem Stolpern steht ein Blogger wieder auf, so er überhaupt hinfiel, und geht weiter in die ursprünglich eingeschlagene Richtung, ohne diesem Stolperstein allzu viel weitere Beachtung zu schenken.

Bloggen ist, wenn einem Blogger sein Blog manchmal wie eine Last am Leben hängt, wenn sich eine Dynamik entwickelt, die anfangs gar nicht absehbar war, wenn manche Woche die Einträge eher kurz und widerwillig werden, wenn das Schreiben zu einem K(r)ampf wird. Und. Wenn solche Zeiten zusammen mit dem Blog durchgestanden werden. Ja! Wenn das Blog an das Leben anwächst.

Bloggen ist, wenn das Blog durch ein Leben mit allen Höhen und Tiefen mitgetragen wird und zum Spiegelbild dieses Lebens wird.

Bloggen ist nichts, was jemand nebenbei betreiben könnte. Aber es findet auch nicht in einem Paralleluniversum neben dem eigenen Leben statt. Es ist eine Haltung wie Fotografieren: „Da ist ein hübsches Motiv, das versuche ich einzufangen.“ Nicht jeder hat Talent, gute Fotos zu machen; und nicht jeder hat Talent, ein gutes Blog zu schreiben. Aber jeder, der das möchte, kann es in beiden Bereichen auch mit einem Minimum an Talent zu beachtlichen Fähigkeiten bringen, wenn er die damit verbundene Mühe nicht scheut. Wer Mühelosigkeit sucht, sollte kein Blog führen, sondern lieber fernsehen.

Bloggen ist keine technische Spielerei, und niemand besucht ein Blog regelmäßig wegen „cooler Widgets“ und einem „tollen Design“. Ein Blog wird in erster Linie wegen seiner Inhalte regelmäßig besucht und gelesen, und wer bloggen will, tut gut daran, das zu wissen, seinen technischen Spieltrieb in einem angemessenen Rahmen zu halten und sich um Inhalte zu bemühen.

Bloggen ist Text. Wer nicht gern liest und schreibt, sollte davon absehen. Fotos sind besser in einer speziellen Galerie-Software aufgehoben.

Bloggen ist überschätzt. Es erreicht nicht Millionen von Lesern, es ist kein Ersatz für individuelle Kultur und Bildung, es kann nicht die Gesellschaft verändern. Es ist schon gar kein „neuer Journalismus“, so sehr man sich einen solchen angesichts des derzeitig existierenden auch wünschen mag. Und. Es ist ein sehr schlechtes Geschäftsmodell — wer Geld machen will, sollte besser in kalter Haltung „Inhalte“ zur Bespaßung der Massen anbieten. Wer dennoch bloggen will, muss damit leben, dass die Wirklichkeit anders aussieht als die trendbesoffene Berichterstattung an sich netzferner Medien.

Bloggen ist eine späte, durch spezielle Software gegebene Erfüllung des Versprechens, dass sich jeder Mensch mit geringem Aufwand eine Stimme im Internet verschaffen kann. Es erfüllt aber nicht die Hoffnung, dass auch jeder Mensch mit einer solchen Stimme etwas mitzuteilen hätte. Immerhin gibt es neben etlichen Sammlungen des Nichtigen und Belanglosen viele lesenswerte Blogs.

Bloggen ist mit dem Nachteil behaftet, dass viele Leser nach dem jeweils aktuellen Beitrag im Blog schauen und den oft im Blog erkennbaren Kontext, in dem dieser Beitrag geschrieben wurde, völlig aus den Augen verlieren. Es ist als Publikationsform nicht gut für Texte geeignet, die einen eher bleibenden Wert haben.

Bloggen ist vergleichsweise unwichtig. Wenn es. Mit dem wirklichen Leben verglichen wird.

Bloggen ist vergleichsweise wichtig. Wenn es. Mit jenen etablierten, zentral organisierten Massenmedien verglichen wird, die so viel wirkliches Leben marginalisieren.

Bloggen ist und bleibt das, was wir Bloggenden daraus machen. Jeder Versuch, es präzise zu greifen, ist zum Scheitern verurteilt. Jede scheinbar sachliche Definition geht an der Sache vorbei. Die Frage, was dieses Bloggen eigentlich ist, sie ist genau so schwierig wie die Frage, was so eine menschliche Persönlichkeit eigentlich ist.

Aktueller Nachtrag: F!XMBR ist jetzt schon seit mehreren Stunden offline, und der Hinweis auf der Platzhalterseite spricht von Wartungsarbeiten. Weiß jemand genaueres darüber, was da los ist? Angesichts der Neigung von Webhostern in der BR Deutschland, nach meudalistischer Gutsherrenart durch willkürliches Sperren und Kündigen „Wohlverhalten“ von ihren Kunden zu erzwingen, habe ich kein besonders gutes Gefühl bei dieser Angelegenheit  — und ich würde F!XMBR wirklich vermissen, wenn es verschwände.

Nachtrag zum Nachtrag: F!XMBR ist wieder da, es war „nur“ ein Serverumzug…

Bei den zensierten Bloggern

Um zu sehen
Was noch kommen wird
Nahm er eine Zeitmaschine
Zu reisen dorthin
Da sich die zensierten Blogger treffen.

Eine weite Reise
In die Zukunft
War es nicht.

Kaum stieg er aus
Da war er überrascht
Ob des hellen bunten Ortes
Da sie beisammen saßen.
Und. Auch des
Heitren Miteinanders
Im Exil.

Sie saßen lautstark beieinander:
Ein jeder twitterte und bloggte;
Man machte weiter wie gehabt.
Doch bald schon wurde er bemerkt,
Der Neue.
Und. Man war froh
Wegen frischen neuen Geistes —
Denn auch im Lachen fühlten sie die Ödnis.

Doch
Noch bevor er sprechen konnte
Zu stellen seine Fragen
Hoben sie schon an
Ihn zu begrüßen:
„Willkommen bei den Bloggern im Exil!“,
Sagte der eine.
„Sitz bei uns,
Wir schlagen dich mit Rat!“
Keine Pause, schon ein andrer:
„Schreib nicht so lange Texte,
Am Bildschirm liest man ungern!“
Er musste es wohl wissen,
Ihn las ja damals jeder.
Ein Vierter sprach:
„Bring Videos und Witz,
Das gibt dir noch mehr Leser!“;
Und ein Fünfter:
„Der letzte Schrei der Technik
Ist stets ein gutes Thema.“ —
das iPhone trägt er hier selbst noch.
„Vergiss niemals zu twittern
Es verdoppelt deinen Traffic!“,
sprach ein Sechster,
gleich gefolgt von einem Siebten:
„Medien, Film und Fernsehn
Ists, was jeden intressiert,
Schreib dazu, der Erfolg ist dir gewiss.“

So sprachen sie
Pausenlos vom Bloggen
Und hörten gar nicht erst
Was der Besucher wollte.

Und in einer kleinen Pause
Des unentwegten Schwatzens
Meldete
Aus einer dunklen Ecke
Einer sich dazwischen.
Er hatte kein Gesicht mehr.
Seine Stimme schrie im Flüstern
Und stellte doch nur eine Frage:
„Neuling,
Hast du deine Leser
Ausgestattet?“

„Sag, Gesichtsloser,
Was meinst du nur mit ‚ausgestattet‘?“
Sprach der Reisende erstaunt.

„Haben sie von dir gelernt,
Dass ihre Trübsal nicht allein ist?
Und? Dass man
Ihr widerstehen kann?
Ja? Muss?
Wissen sie,
Jetzt,
Wo sie dich nicht mehr haben,
Selbst sich auszudrücken?
Aus ihrem eignen Leben?
Kennen sie deine Texte?
Werden sie in den Archivdiensten
Danach suchen?
Sie anderen als Tipp zustecken?
Dass die Namenlosen
Eine Stimme sich schaffen?
Haben sie
Gelernt, den Medien zu misstrauen?
Und? Die Lügen der Herrschaft
Jeden Tag aktiv
Zu korrigieren?
Auch ohne dich?
Oder war alle deine Mühe
Ein Wölklein Staub im Wind,
Hinfortgeblasen
Vom Sturm
Des immer wieder Neuen?“,
das war seine leise Antwort.

Am hellen Tisch der Lautestete,
Leise geworden, sagte er:
„Das sind die,
Denen das Bloggen
Nicht ein Selbstzweck war;
Die, denen man mit ihrem Blog
Auch ihr Lebenswerk zerstörte.
Leise und ohne Gesicht
Sind sie unter uns.“
Am Ort
Da sich die zensierten Blogger treffen
War das Gespräch
Verstummt.

Übers Bloggen (16): Umzug

Der Umzug von einem privat gehosteten Blog nach WordPress.com ist ein schmerzhafter Umzug. Dies gilt auch denn, wenn die technische Seite eines solchen Umzuges relativ problemlos war. Diese besteht einfach darin, die Beiträge des alten Blogs zu exportieren, das neue Blog bei WordPress.com anzumelden und die Exportdatei dort wieder zu importieren. Der Vorgang braucht zwar angesichts der immensen Textmenge, die sich über zweieinhalb Jahre angesammelt hat, recht viel Zeit, aber er funktioniert trotz der verschiedenen WordPress-Versionen völlig fehlerfrei. Ich hätte Schlimmeres befürchtet. (Erfahrung ist eben die Summe von Misserfolgen.)

Damit sind zwar die alten Texte „gerettet“, haben ihre Stimme im Netz behalten, aber die Freiheiten, die ich in den letzten Jahren zu schätzen gelernt habe, sie sind verloren gegangen. Das fängt bereits in der Präsentation an, ohne sich darauf zu beschränken, denn ich kann jetzt nicht mehr mein eigenes Theme verwenden, sondern muss mit den hier angebotenen Themes vorlieb nehmen. Diese passen nicht gut zu meinem bisherigen Stil eines „hellen dunklen“ Erscheinungsbildes, und ich entschied mich deshalb lieber für einen Bruch, für schlichtes Schwarz auf Weiß. Es sieht für mich kalt und kahl aus, erinnert mich an jene Zeiten, in denen ich noch wohnhaft war und nach einem Umzug vor einer leeren Wohnung voller Kartons saß, um in den weißgetünschten Wänden zu ersticken. Nur, dass das hier ein Dauerzustand bleiben wird. Immerhin konnte ich ein eigenes Bild im Kopfbereich des Blogs setzen, und da entschied ich mich nach längerem Nachdenken für ein Motiv, das mir im letzten Jahr vor das Objektiv geriet: Die Fassade einer Mietskasene im warmen Abendlicht, Balkon an Balkon gleichförmig in Reih und Glied, und ein Bewohner meinte in diesem Umfeld, die Vorzüge seines Deutsch-Seins dadurch zeigen zu müssen, dass er ein kleines Fähnchen im stinkenden Wind wehen ließ. Es ist ein deprimierendes Bild, wie aus einer Emigration, nur, dass hier nicht das Land verlassen wurde. Ebenfalls deprimierend ist es, dass so viele Menschen in der BR Deutschland auf den persönlichen Schaden in ihrem Leben reagieren, indem sie in Symbole flüchten, die ein gesellschaftliches Gefüge repräsentieren, dass ihrem Leben eben diesen Schaden zugefügt hat.

Die umgezogenen Texte sind übrigens ebenfalls beschädigt. Alle internen Links verweisen auf die alten Adressen und funktionieren hier nicht mehr.

Auch ist mir jede Freiheit in den verwendeten Plugins genommen. Hatte ich zuvor eine „dynamische Blogroll“, die auf einen als Plugin eingebetteten RSS-Aggregator aufbaute und zeigte, an welchen Stellen etwas aktuell veröffentlicht wurde, so bleibt mir jetzt nur die Blogroll in Form einer schlichten, alphabetisch sortierten Linkliste. Auch für jene Handvoll Leser, die gern und regelmäßig durch den Aggregator gestöbert hat, ist das schade. Hier kann ich nichts vergleichbares machen, und einen technisch minderwertigen Ersatz will ich gar nicht erst versuchen.

Dass ich jetzt nicht mehr über einen Shell-Zugang auf dem Server verfüge, der meine Texte in das Netz trägt, ist für mich ebenfalls ein Problem. Ich bin es gewohnt, einen regelmäßigen Backup zu automatisieren, um im Falle schwerer Pannen das Schlimmste verhindern zu können, und diese Gewohnheit hat mir schon einmal den Hals gerettet, als ein Cracker mit einem Angriff auf ein harmloses und wenig gelesenes Blog erfolgreich war.

Darüber hinaus fühle ich mich etwas unwohl, weil das Blog nun in fremden Händen liegt. Ich weiß nicht, was die Zukunft aus WordPress.com machen wird, und es kann sein, dass dieses Angebot irgendwann einmal für mich unzumutbare Auflagen haben wird oder mir Kosten verursachen wird, die ich als obdachloser Bettler nicht mehr tragen kann. Immerhin sind Blogs bei WordPress.com schon seit einer erheblichen Zeit werbefrei geblieben, es scheint also so zu sein, dass sich WordPress.com mit seinen kostenpflichten Erweiterungen für kostenlose Blogs gut selbst trägt. Dennoch: Auch hier kann der allgemeine Zusammenbruch der Wirtschaft zum Tragen kommen, und der erste Umzug könnte für mich schnell der Beginn eines virtuellen Nomadenlebens werden, das sich dann endlich an mein nicht-virtuelles Leben angepasst hätte. Das ist keine beruhigende Vorstellung. Aber es ist — wenn es so kommt — nicht zu ändern. Ich habe mich längst daran gewöhnt, als ein Vorübergehender zu leben. Sobald hier das erste gelayerte Werbebanner aufscheint, bin ich weg.

Das Schlimmste nach dem Umzug ist wohl aber, dass es nun Monate dauern wird, bis alte Links auf anderen Websites korrigiert sind. Die Tatsache, dass diese frisch belegte Wohnung in einem Ausland, in dem die Freiheit des mitgeteilten Wortes noch einen Wert hat, bei Google und Konsorten noch nicht bekannt ist, verschlimmert diese Situation zusätzlich, denn die umgezogenen Texte können für eine längere Zeit nicht einfach aufgefunden werden. Diese Situation wird sich wenigstens im Laufe der nächsten Wochen verbessern.

Neben diesen bedrückenden Dingen gibt es da noch die kleinen Ärgernisse. Ich kann keinen Einfluss auf die hier verwendete WordPress-Version nehmen, und natürlich ist es die aktuellste. Diese ist leider — anders als meine von Hand gepflegte, uralte Version im vorherigen Blog — eine Bloatware, eine mit Unmengen von JavaScript realisierte Anwendung, die im Browser laufen soll, die aber auf den schmalbrüstigen und alten Geräten, auf die ich in der Regel zurückgeworfen bin, nur noch zäh zu bedienen ist. Das bedeutet, dass ich mich nur noch sporadisch einloggen werde und meine Veröffentlichungen in der Regel mit einem Blogclient verfasse. Deshalb kann es immer wieder einmal vorkommen, dass ein nicht erkannter Spamkommentar hier für längere Zeit stehen bleibt oder ein falsch erkannter echter Kommentar eines „richtigen“ Lesers im Nichts verschwindet. Beides habe ich früher vermeiden können, es ist mir jetzt nicht mehr möglich.

Um die Kommentare in dieser Situation überschaubar zu halten, ist das Blog im Moment so konfiguriert, dass nur Kommentare zu Texten möglich sind, die nicht älter als 60 Tage sind. Auf der anderen Seite ist die Kommentarfunktion jetzt verbessert. Die Kommentare sind in Threads organisiert, so dass eine direkte Antwort auf einen anderen Kommentar möglich ist. Meine alte Bastelei im Kommentarbereich ist damit unnötig geworden, weil sie durch etwas Besseres ersetzt wurde.

Bleibt nur zu hoffen, dass ich so schnell nicht wieder umziehen werde… 😉

Übers Bloggen (15): Keine Lust mehr

An sich ist dies ein weitgehend harmloses Blog. Ich vermeide bewusst an dieser Stelle die ganzen Minenfelder, die fast immer zu gewissen Entgleisungen der Kommunikation führen; wann immer ich aber das Betreten eines solchen Gebietes nicht völlig vermeiden kann, pflege ich einen wenig zur prollen Pöbelei einladenden Stil und ich nehme dafür auch gern in Kauf, dass es deshalb oft ein bisschen langweilig ist. Wer gute Unterhaltung und Ablenkung von der Trübsal seines Lebens sucht, wird hier nicht fündig werden. So unterhaltsam Eskalationen für einige spektakelgeile Zeitgenossen sein mögen, so wenig nützen sie. Wer nach dem modernisierten Motto „Wo zwei sich streiten, schaut der dritte eine Talkshow“ lebt, soll sich zumindest hier, bei den lumières dans la nuit, völlig fehl am Platze fühlen.

So weit zumindest die Absicht. Diese kann sich — wie jede andere Absicht auch — als unrealistisch entpuppen, auf ganzer Linie scheitern. Das würde ich als ein Scheitern des ganzen Projektes betrachten, und es wäre nicht das erste meiner Projekte, das gescheitert wäre. Fehlschläge gehören nun einmal dazu, wenn man etwas tut. Nur, wer niemals handelt, wird garantiert um die Erfahrung herum kommen, dass das Tun manchmal vergebens ist — und manchmal eben auch nicht.

Diese harmlose Absicht kann einem aber auch auf andere Weise ganz ordentlich vergällt werden.

Zum Beispiel kann einem eine solche Absicht durch Zeitgenossen vergällt werden, die es nicht gut finden, wenn jemand seine offensichtlich persönlich eingefärbte Schau auf die Dinge auf einer wenig beachteten Site in das Internet stellt, um sie dort der Kritik der Leserschaft auszusetzen — so wie ich das hier seit zweieinhalb Jahren tue. Diese Zeitgenossen können einfach nicht damit umgehen, dass es wegen der wunderbaren technischen Möglichkeiten des Internet inzwischen nicht nur die breit wirksame Einwegkommunikation einer an der Nabelschnur der Werbewirtschaft hängenden und damit auch alles andere als unabhängigen Journaille gibt, sondern auch die Einfalt und Vielfalt der persönlichen, aus dem einfachen Leben sprechenden Standpunkte in Blogs, Webforen und auf persönlichen Homepages. Warum diese Zeitgenossen nicht einfach ihre Standpunkte auf die gleiche Weise kund tun, bleibt mir allerdings etwas rätselhaft — vielleicht liegt ihnen das offene Kommunizieren nicht so und sie suchen deshalb andere Wege.

Obwohl ich als Heimatloser mit unstetem, ständig wechselndem Dach über mir keine Postanschrift habe, ermögliche ich es jedem, mir über das Kontaktformular im Impressum eine Nachricht zukommen zu lassen. Im Allgemeinen lasse ich mich über derartige Mitteilungen, die ja bewusst und gesucht die Öffentlichkeit des Kommentarbereiches vermeiden, nicht weiter aus, behalte ihnen die vom Schreiber gewünschte Privatheit. Nur so viel sei dazu gesagt: Neben einigen auf diesem Wege eingehenden Richtigstellungen und ernsthaften Kontakten (zum Glück gibt es trotz des sehr einfachen Schutzmechanismus noch keine Spam über diese Schnittstelle) könnte ich mit diesen Mitteilungen ein ganzes Kompendium der Vorurteile gegen gesellschaftliche Minderheiten, des unreflektierten Hasses gegenüber Menschen anderer Meinung oder Glaubensausrichtung und der ungebildeten Barbarei zusammenstellen — also alljener Erscheinungen, die mir schon im Alltag immer wieder begegnen und die hier auch ihren trüben Spiegel gefunden haben.

Und. Gelegentlich wird auch versucht, einzelne Inhalte dieses größtenteils harmlosen Blogs mit juristischen Mitteln aus dem Internet zu entfernen, indem mir mit Klagen oder Abmahnungen gedroht wird.

Da dieses Blog auf dem Server eines schwer kranken und zudem verarmten Freundes läuft, bin ich solchen Aufforderungen bislang stumm nachgekommen, um nicht von meiner Seite etwas zu seiner Last hinzuzufügen. Dies habe ich auch in jenen Fällen getan, in denen ich mich persönlich ganz anders entschieden hätte, und ich habe es oft mit großem Widerstreben getan. Jedes Mal habe ich dabei gehofft, dass sich die hier verwendete Piratenlizenz auch als ein Mittel erweist, die an diesem Ort mundtot gemachte Stimme an anderer Stelle weiter klingen zu lassen.

In letzter Zeit nimmt mir solches Fordern aber ein wenig überhand, und ich stehe inzwischen viel zu regelmäßig vor diesem Problem. Das ist es, was mir die Lust am Bloggen nachhaltig verdirbt. (Und wer sich hier des Archives bedient, um einmal einen tieferen und nüchternen Blick in die Vergangenheit dieses Blogs zu werfen, wird wohl kaum verstehen können, was jemand daran auszusetzen haben könnte, sind es doch vor allem beiläufige Gedanken, Begegnungen, Gespräche und Eindrücke.)

Als ich eben meine Mail überflogen hatte und neben anderen, ebenfalls betrüblichen Mitteilungen wieder einen derartigen Schrieb darin fand, ist mir wirklich schlagartig jede Lust vergangen, weiterhin etwas an dieser Stelle zu veröffentlichen. Es ist gut möglich (aber noch nicht sicher), dass ich dieses Blog zum Ablauf der Frist, die mir in diesem recht patzig formulierten Stück deutschsprachiger „Kommunikationskultur“ gesetzt wurde, lösche. Einfach nur, weil ich so etwas nicht einen Tag länger ertragen will.

Was ich als die recht irrelevante Flaschenpost eines Menschen begonnen habe, der mit seinem Leben Schiffbruch erlitten hat, was ich als Tagebuch der alltäglichen Kälte geführt habe, es ist in dieser Kälte langsam, langsam, ganz langsam erfroren.

Und, ganz ehrlich gesagt: Mir wird auch immer kälter.

Bevor hier derartige Fragen in den Kommentaren kommen: Nein, ich werde hier auf keinen Fall die Identität der Person preisgeben, die es für nötig befindet, mir gegenüber zur Einschüchterung mit der großen Rechtskeule zu winken. Ich werde auch auf keinen Fall den Inhalt dieses Schreibens veröffentlichen. Auch gegenüber Menschen, die mir das volle Maß ihrer Verachtung zeigen, respektiere ich zunächst einmal den gesuchten Wunsch einer nichtöffentlichen Kommunikation. Ich bin mir übrigens wegen des besonderen Stiles, der gewählt wurde, sehr sicher, dass beim Absender ein völliges Desinteresse an diesem Blog besteht.

Größe und Essig

Zeitgenosse: „Kommt dir dein Schreiben nicht selbst lächerlich vor? Wenn du so viel Zeit und Arbeit in dein Blog steckst, warum gehörst du nicht den ganz ‚großen‘ und bekannten Bloggern?“

Nachtwächter: „Weil ich meine Leser nicht unterhalten, nicht ablenken, nicht in den medial vermittelten, irrationalen Glaubenssystemen bestätigen will. Genau das müsste ich tun, um eine große Anzahl Leser regelmäßig zu meinem Blog zu locken und sie zu massenhaften Verlinkungen zu animieren. Ich müsste mein Schreiben von der Aktualität meines eigenen Lebens und Denkens befreien, um es an den abstrakten medialen Begriff von Aktualität anzupassen. Die Themen müsste ich mir vom Medienbetrieb mit seinen aktuellen Nachrichten aus der Politik, aus dem Sport und vom Boulevard de la turd vorgeben lassen, damit sie wie diese heute gesucht und morgen vergessen werden. Dabei würde ich von meinem eigenen Schreiben entfremdet, es würde zu einer Arbeit ohne Wurzel in meinem Leben. Und das suche ich zu vermeiden (es gelingt nicht immer, aber es ist den Versuch wert), um die ganze damit verbundene Mühe niemals zu einer Arbeit werden zu lassen, die, so wohl sie intrinsisch motiviert ist, sich wie eine externe Bedingung auf mein Leben setzt, als kraftraubender Selbstzweck, der den Humor auffrisst. In der Folge dieser Meidung entsteht das, was ich eben schreibe, und es ist bei aller Wichtigkeit, die es für mich selbst hat, genau so marginalisiert wie mein gesamtes Leben. So etwas entfaltet keine breite Attraktivität, oder, um es mit den technischem Wort einer am Wettbewerb orientierten Betrachtung zu sagen: es generiert keine hohen Zugriffszahlen. Die Ästhetik der verschwundenen Wahrheit in den Medien stellt völlig andere Anforderungen als eine vielleicht unbeachtliche, aber doch wenigstens echte Stimme. Mit Essig kann man keine Fliegen fangen.“