Tag Archive: Blindheit


Stammbaum und Scheuklappe

Kaum etwas kann schon dem „normalen“, ohne jegliche Sekundärliteratur an seine Lektüre herangehenden Bibelleser so klar machen, dass die Geschichten von Jesus aus Nazaret aus etlichen Quellen zusammengestückelt wurden, wie schon der Anfang des Neuen Testamentes heutiger Bibelausgaben, wie das erste Kapitel des Matthäus-Evangeliums. Dieses beginnt mit einem ellenlangen mythischen Stammbaum Josephs, des Vaters Jesu:

Dies ist das Buch von der Geschichte Jesu Christi, der da ist ein Sohn Davids, des Sohnes Abrahams. Abraham zeugte Isaak, Isaak […]

Die trockenen Einzelheiten, die jetzt folgen, gehören nicht zu den Glanzlichtern der Weltliteratur und werden nur noch von 1. Chr 1-9 unterboten. Sie münden in der Feststellung…

[…] Jakob zeugte Joseph, den Mann der Maria, von welcher ist geboren Jesus, der da heißt Christus. Alle Glieder von Abraham bis auf David sind vierzehn Glieder. Von David bis auf die babylonische Gefangenschaft sind vierzehn Glieder. Von der babylonischen Gefangenschaft bis auf Christus sind vierzehn Glieder.

…dass Joseph bei all seinem Dasein als Handwerker (Zimmermann ist eine viel spätere christliche Deutung des Wortes „tektos“) doch von großer Herkunft war, und mit ihm auch Jesus. Und genau diese Feststellung wird gleich anschließend durch die etwas andere Feststellung entwertet, dass Joseph gar nicht der Vater ist:

Die Geburt Jesu Christi geschah aber also. Als Maria seine Mutter, dem Joseph vertrauet war, erfand sich`s, ehe er sie heimholte, daß sie schwanger war von dem heiligen Geist.

Mensch mit ScheuklappenJedes Mal, wenn ich mit einem der vielen Befallenen dieser psychischen Seuche des biblizistischen Fundamentalismus US-amerikanischer Prägung spreche, die sich leider auch hier und auch im Schatten jener großen „Volkskirchen“, die sich in ihrer Öffentlichkeitsarbeit so gern als „aufgeklärt“ geben, mit beinahe der gleichen rasenden Geschwindigkeit wie die Armut auszubreiten scheint; jedes Mal, wenn ich einer dieser Blindseelen als Vorübergehender begegne und mir erzählen lassen muss, was für ein tolles und wahres Buch die Bibel sei, frei von jedem Widerspruch und direktestes Wort Gottes an die Menschen, gemacht, dass man gläubig lese und sein Leben daran ausrichte, fällt mir auf, dass diese Menschen in vielen Jahren Bibel-Lese nicht einmal über solche Offensichtlichkeiten gestolpert sind und in all ihren Veranstaltungen und (meist etwas kitschigen) Büchern wohl niemals darauf hingewiesen werden. In solchen „kleinen“ Ausfällen der Wahrnehmung spiegelt sich jene „Gabe des heiligen Geistes“, die einer braucht, um einen derartigen Weg in den Himmel der eigenen Einlullung stracks und unbeirrt zu beschreiten: Die Scheuklappe.

Für R.

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Die Glaubensstärke

Die so genannte „Glaubensstärke“ religiöser Menschen, die übrigens unermüdlich von den religiösen Institutionen eingefordert wird, sie besteht nicht etwa darin, dass ein Mensch durch seinen Glauben Berge versetzt. (Mt 21, 21) Sie besteht vielmehr darin, dass der „glaubensstarke“ Mensch einfach die Augen schließt, den Berg nicht sieht und mit festem Blick in das Nichts in die Welt hineinruft, dass doch alles in wunderbarer Ordnung wäre. Wer aber einen Stein anfasst, der ist böse wie der Satan selbst, husch fern fort davon, Gefahr!

Und wenn es nicht einige Menschen gäbe, die gelegentlich mit ihren Händen — denn des Glaubens bedarf es hierzu nicht, wohl aber des Wissens um die eigene Kraft, die Beschränkungen des eigenen Lebens und den eigenen Lebensplan — einige kleinere Steinchen an einen anderen Ort getragen hätten, denn wäre die Welt unter dem Zement des „Glaubens“ erstickt. Begleitet. Vom herzvollen und begeisterten Sang blinder Glaubender.

Der europäische Schleier

Es ist doch seltsam. Die gleichen Menschen, die sich so lautstark und recht künstlich emotional über die Verschleierung der Frauen aufregen können, die im größten Teil der islamischen Welt üblich ist, die noch das harmlose Kopftuch für einen verachtenswerten und gefährlichen Gräuel halten, sie wundern sich nicht einen Moment in ihrem Leben darüber, dass die Frauen in der christlichen Welt ihr wirkliches Aussehen hinter einer Maske aus Kosmetik und sonstigem Körperverberg verstecken müssen, dass sie sich sogar zuweilen durchoperieren lassen müssen, um nicht gesellschaftlich ausgegrenzt zu sein. Auch das christliche Europa und sein geistkrankes Bastardkind in Nordamerika hat seine obligatorischen Schleier und Kopftücher für Frauen, genau so augenfällig und verpflichtend wie die Verbergtücher des Orients, nur dass diese um einiges teurer und damit diskriminierender für arme Frauen sind. Allein in diesem Unterschied. Zeigt sich ein Stück des kulturellen Unterschiedes.