Tag Archive: Bildung


Gebildete

Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säkulum, wenn ich in meinem Plutarch lese von großen Menschen!

Friedrich Schiller, aus „Die Räuber“

„Aus der Sicht dessen, was das deutsche Bürgertum als ‚Bildung‘ bezeichnet, bin ich völlig ungebildet“, sagte der Vorübergehende zu seinem eingeschüchterten Zeitgenossen mit Minderwertigkeitskomplex, „denn als ‚gebildet‘ wird nur bezeichnet, wer seit Jahrtausenden tote Sprachen beherrscht, sich regelmäßig seit Jahrhunderten überholte Kulturleistugen wie etwa eine Oper anschaut und der Gesamtheit der gegenwärtigen Kultur einschließlich der Wissenschaft mit tiefer Skepsis, wenn nicht gar mit Verachtung entgegentritt. Der ‚Gebildete‘ kann lateinische Sprichwörter von sich geben, ist aber ein mathematischer Analphabet ohne tiefere Kenntnisse wissenschaftlicher Methodik; er betet die Vergangenheit an und ist voll des wortreichen Lobes für die Leistungen der Alten, während die Vorgänge in einem Computer für ihn ein von Aberglauben und Magie umsponnenes Mysterium sind und stets bleiben. Und. Er kann in dieser Verblendung jeden Menschen verachten und als Dummkopf verunglimpfen, der als Vorübergehender seine Sinne auf die Gegenwart ausrichtet, so dass sein Interesse, Wissen und Können lebenspraktische Bedeutung hat“.

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Bildung

Bildung zeigt sich darin, dass ein Mensch in den Erscheinungen und Ereignissen Ähnlichkeiten und Gleichartigkeiten erkennen kann, die über der wahrgenommenen Unmittelbarkeit Muster und Strukturen formen. Wer dumm oder unwissend geblieben ist, glaubt zwar, immer wieder etwas Neues zu erleben, versteht aber aus all seinem Erleben heraus nichts und hat deshalb auch kaum Möglichkeiten des Ausdrucks seines Erlebens oder gar der selbstverantwortlichen Gestaltung seines Lebens.

Brüstendes Eingeständnis

Ich brauchte weniger als fünf Minuten, um zu erfahren, dass er Soziologie studiert hatte, denn er hielt es wie ein Veganer und erzählte es mir völlig anlass- und kontextlos. Auch ansonsten sprach er auffällig, mit einer Sprache, die zwar reich an unnötigen Fremdwörtern, aber dafür arm an erkennbarem Aussagewillen war. Alles an seinem kurzen Auftritt in meinem Leben brüstete sich mit Bildung und belegte in dieser Geste, wie wenig von dieser Bildung er wohl in Wirklich- und Wirksamkeit haben wird…

Buchbild

Solange Menschen in allerlei künstlerischer und propagandistischer Illustration das Lesen eines Buches oder ein Buch als Symbol der Bildung verwenden, solange sind sie noch nicht im Internet angekommen, solange sind sie noch so unreflektiert konservativ, dass sie sich im Vergangenen verwurzeln wollen und diese Wurzel am liebsten auch anderen aufzwängen… es ist schon von realsatirischem Reiz und lächerlich, dass jene, die für die Bildung in die Bresche zu springen vorgeben, dabei so offensichtlich und offen sichtbar den Fortschritt ablehnen. Von dieser Haltung zum Biblizismus religiöser Idioten ist es nur noch ein kleiner Weg.

Bildung 2.0 im Smartzeitalter

Es gibt immer mehr und auch leider immer mehr einflussreiche Menschen, die glauben, dass Word, Excel und Powerpoint als „Bildung“ völlig ausreichend sind und dass sich der gesamte „Informatikunterricht“ an der Schule deshalb auf die Bedienung dieser drei Anwendungen beschränken sollte. Weil Word alle Rechtschreibfehler korrigiert, Excel alles Wichtige ausrechnen kann und Powerpoint dann die anderen Menschen mit effektvoll aufbereiteten dürren Fakten und Argumenten verblenden kann.

Verwechslungsgefahr

Der Vorübergehende sagte zu seinem Begleiter: „Verwechsle niemals die im Zeugnis bewertete Schullaufbahn mit Bildung, verwechsle niemals eine gute Bildung mit Intelligenz und verwechsle niemals eine ausgeprägte und tatkräftige Intelligenz mit Güte, Menschlichkeit, Fähigkeit und Weisheit. Und. Wisse in jeder Situation, was darin das Wichtigste von diesen dreien ist“!

PISA-Test für Erwachsene

Aus dem Text: „Bitte sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind bis 10 Uhr hier ist.“

Frage: Um welche Uhrzeit sollten die Kinder spätestens im Kindergarten eintreffen?

Aus dem PISA-Test für Erwachsene

Kein Wunder, dass Menschen bei solchen Tests nicht gut abschneiden, dass sie ihre Konzentration zurückfahren, weil das Testverfahren mit jeder dummen Frage ihre Intelligenz offen beleidigt und verachtet. Genau das wird nämlich in Wirklichkeit dabei getestet: Wie sehr sich jemand als Menschenmaterial, als Batterie für den betrieblichen Produktionsprozess, eignet; wie gut er als ein gewünschtes Produkt eines staatlichen Bildungssystems dazu imstande ist, diszipliniert und gewissenhaft auch noch die geisttotesten Aufgaben abzuarbeiten.

Erstaunlich eigentlich, dass diese „Bildung“ noch in Punkten angegeben wird. Und. Nicht in Watt.

Die Schule

Mala malus mala mala

„Die Schule“, sagte der Vorübergehende zu seiner Zeitgenossin, „du meinst diese Einrichtung, in der die Erwachsenen von morgen auf die ganzen Anforderungen von gestern und — bei diesen unter den Schergen der Gartenzwerge so hochangesehenen altsprachlichen Gymnasien — sogar auf die Anforderungen von vorgestern vorbereitet werden?“

Zur Biologisierung der Intelligenz

Kein Vormarsch ist so schwer wie der zurück zur Vernunft.

Bertold Brecht

Das Problem bei der plumpen genetischen Betrachtung der menschlichen Intelligenz ists, dass es sich bei der menschlichen Denkfähigkeit (und nicht nur bei dieser) um eine komplexe, systemische Erscheinung handelt, die weder in ihrem Wesen noch in ihrer Beschaffenheit vollständig verstanden ist — das Denken trifft doch auf Schwierigkeiten, wenn es selbstbezüglich über das Denken nachzudenken trachtet. Gewiss wird es einen gewissen Anteil genetisch erworbener Fertigkeit im Denken geben, doch schon der Versuch einer Messung dieses Anteiles ist diee Idee, einen nummerischen Maßstab für eine eher intuitiv erfasste Größe zu finden, oder genauer, diesen zu erfinden. Der so genannte „Intelligenzquotient“ ist recht grob und misst vor allem funktionale Subsysteme der Intelligenzleistung, und diese Messung orientiert sich daran, wie gut ein Mensch in einem technokratisch-industriellen Produktionsprozesse verwendbar ist. (Die Rolle der ebenfalls kaum zu fassenden Kreativität bei der Entwicklung oder Abwandlung von Strategien zur Lösung neuer Probleme kommt in diesem von Militärs erfundenen Verfahren gar nicht vor.) Nicht nur, dass sich einige Anforderungen derartiger „Intelligenztests“ leicht durch ein Computerprogramm bewältigen lassen — etwa die Ergänzung von Zahlenreihen durch das Verfahren der finiten Differenzen — und dass wohl niemand bezweifelt, dass ein Computerprogramm nicht als intelligent betrachtet werden kann; auch werden schon bei diesen scheinbar objektiven Verfahren Leistungen gemessen, die bereits eine deutliche sozial erworbene Komponente haben. Bei einer Untersuchung einer größeren Gruppe Menschen wird sich wohl schnell herausstellen, dass Kinder schlecht bewerteter Eltern ebenfalls schlechte Ergebnisse erbringen, diese Korrelation spiegelt jedoch die behauptete Erblichkeit der Intelligenz nicht wider, sondern entsteht in einem übergeordneten sozialen Prozess, in dem die betrachteten Menschen als soziale Wesen verflochten sind. Die volkswissenschaftlichen — also unwissenschaftlichen und am Stammtisch erblühenden — biologischen Analogien verwirren bei solchem Zahlenwerk den Sinn. Es ist zwar wahr, dass aus der geschlechtlichen Vereinigung zweier Eintagsfliegen keine Spinne entstehen oder dass kein Hamster als Kind zweier Mäuse geboren wird; allerdings kann die Kind zweier Menschen, die bei Intelligenztests nur durchschnittlich oder auch schlecht abschneiden, sehr wohl ein Genie sein oder doch wenigstens deutlich bessere Zahlen erzielen. Ein solches Kind bedürfte hierzu vor allem der Bildung und lustvoller Anreize zur Benutzung seiner intellektuellen Fähigkeiten.

Dass — plump zusammengefasst — Deutschland auf „biologischem Wege“ verblöde, weil sich dümmere Menschen besser fortpflanzten, ist keine Aussage, die auf besondere intellektuelle Schärfe schließen lässt. Die Menschen in Deutschland verblöden auf „sozialem Wege“ — in den kalten sozialen Menschenprägwerken der Schule, der Contentindustrie und einer Arbeitswelt, die mitdenkende Mitarbeiter tendenziell ausgrenzt und bestraft.

Bildung und Wettbewerb

Unbegrenzte Konkurrenz führt zu einer riesigen Verschwendung von Arbeit und zu dieser Lähmung des sozialen Bewusstseins von Individuen […] Diese Lähmung der Einzelnen halte ich für das größte Übel des Kapitalismus. Unser ganzes Bildungssystem leidet darunter. Dem Studenten wird ein übertriebenes Konkurrenzstreben eingetrichtert und er wird dazu ausgebildet, raffgierigen Erfolg als Vorbereitung für seine zukünftige Karriere anzusehen.

Albert Einstein

Bildung

Die Grünen haben ihre Wahlplakate in den öffentlichen Blickraum gestellt, und neben dem erwartungsgemäßen ideologischen Dummschwatz ist sehr viel von „Jobs“ und von „Bildung“ die Rede. Dieser Schwerpunkt auf Bildung spiegelt trefflich die Tatsache wider, dass diese Partei beinahe nur noch aus Pädagogen zu bestehen scheint, die Politik vor allem als Fortsetzung ihrer Parallelwelt des zwangsschulischen Bildungssystems sehen — und zu dieser schulmeisterlichen Selbstüberschätzung passt auch, dass darunter noch der Text „Aus der Krise hilft nur Grün“ gestempelt wird. In wie weit eine (wünschenswerte, aber innerhalb des bestehenden Schulsystemes nicht erzielbare) Verbesserung der Bildung nun allerdings dazu führen soll, dass plötzlich wieder ein Bedarf der Wirtschaftsunternehmen an Arbeitskräften bestehen soll, bleibt eine Frage, die von den platten Parolen nicht beantwortet wird.

Was an der Schule gelehrt wird

Wir müssen auf der Schule Sozialkunde und politische Wissenschaft lehren. Aber müssen wir das? Nein, da ist kein Müssen, denn es ist eine harter Fakt, dass wir in der Schule gar nicht Politik und Sozialkunde lehren können! Der Lehrer, der es versuchte, er sähe sich bald ohne Schüler, ohne einen Cent in der Tasche auf der Straße, wenn nicht sogar auf der Anklagebank, wo er sich verteidigen müsste, während eine gestelzte Anklageschrift wegen seines Aufruhrs gegen die Ausbeuter gegen ihn stünde. Unsere Schulen lehren die Moral eines Adels, der durch das Geschäftssystem verdorben ist; und sie erheben diese militärischen Eroberer, diese Raubritter und diese Großverdiener zu Vorbildern des Ruhmes und des Erfolges.

George Bernhard Shaw, Back to Methuselah (1921)