Tag Archive: Bibel


Ans Kreuz mit ihm, lasst Barabbas frei¹!

Lobet die Herren, die mächtigen Mörder der Menschen! Es sind genau die gleichen Leute, die den Friedensnobelpreisträger, Ex-Kriegsherrn, Staatsterroristen und Drohnen-Massenmörder Barack Obama auf einem ev.-luth. Kirchentag reden lassen, die auch einen Jesus aus Nazaret im kollektiven Rausch ihrer dummen Psychen unter lautem Jubel gekreuzigt hätten.

¹siehe Mk. 15, 6-15

Werbeanzeigen

Jesus aus Nazaret über TTIP

Es ist aber nichts verborgen, das nicht offenbar werde, noch heimlich, das man nicht wissen werde. Darum, was ihr in der Finsternis saget, das wird man im Licht hören; was ihr redet ins Ohr in den Kammern, das wird man auf den Dächern predigen

Jesus aus Nazaret zugeschrieben, Lk. 12, 2-3 | Unbiblischer Kontext

Mit Gruß an jene politischen Parteien, die sich selbst als die „christlichen“ bezeichnen…

Jugendschutz

„Es ist doch erstaunlich“, sagte der Vorübergehende, „dass dieses Buch mit seinen expliziten Beschreibungen von Vernichtungskriegen und sexuellem Missbrauch nicht auf dem Index steht, um die Jugendlichen davor zu schützen. Dieses Buch, in dem jemand einen Mob aufhält, indem er seine Töchter zum Vergewaltigt-Werden vor die Tür setzt. Dieses Buch, in dem ein anderer tausende Menschen massakrieren lässt, weil sie eine Skulptur gegossen haben, um anschließend zu sagen, dass man nicht töten solle. Dieses Buch, das hunderte von Aufforderungen enthält, andere Menschen selbst für Persönliches und für Nichtigkeiten totzumachen. Dieses Buch, das Eltern empfiehlt, ihre Kinder mit Gewalt gefügig zu machen. Dieses Buch, das von einem übergeordneten Ideal von Reinheit spricht, das den Mord eines Menschen erforderlich machte. Dieses Buch, das erwiesenermaßen bei seinen Lesern immer wieder zu Exzessen des Mordes und des sexuellen Missbrauches geführt hat, bis auf den heutigen Tag. Ja. Ich meine das blutigste Buch der Menschheitsgeschichte, ich meine die Bibel“.

Das ausgewürgte Obst

Christliche religiöse Fundamentalisten, nachdem sie erst einmal damit begonnen haben, die alten hebräischen Legenden für eine wortwörtliche Wahrheit zu halten, versuchen, den Sündenfall wieder rückgängig zu machen, indem sie sich die „Frucht der Erkenntnis“ nicht schmecken lassen, sondern sie mit aller Gewalt wieder herauswürgen, damit sie auch so richtig bratze dumm sein können. Doch selbst nach dieser energischen Hirntötung — in keinem ihrer Liederbücher findet sich auch nur ein jubilierend Wort des Dankes für den autonomen, planenden und Wege eröffnenden Verstand — sind sie noch nicht so steinhaft bewusstlos, dass sie nicht mehr ihre eigene Sterblichkeit erahnen würden, und deshalb nehmen sie es der Eva so übel, nicht von diesem Unsterblichkeitsbäumchen genascht zu haben, dass ihr Frauenhass in allen ihren geäußerten Gesellschaftsideen greifbar wird.

Aus dem Bibelquiz

Frage: Sollte man Kinder körperlich züchtigen

SOLLTE MAN KINDER KÖRPERLICH ZÜCHTIGEN? Die Bibel zeigt, daß körperliche Züchtigung durchaus angebracht sein kann. Es heißt in Sprüche 23:13,14 ('Einheitsübersetzung'): 'Wenn du ihn schlägst mit dem Stock, wird er nicht sterben. Du ... bewahrst ... sein Leben vor dem Untergang' ('Erwachet', 8.8.1979, S. 28).

Quelle: „Erwachet“ (Publikation der Religionsgemeinschaft „Zeugen Jehovas“), Ausgabe vom 8. Mai 1982, „Kleines Bibelquiz“ auf Seite 32 und „Lösung des Bibelquiz“ auf Seite 28.

Stammbaum und Scheuklappe

Kaum etwas kann schon dem „normalen“, ohne jegliche Sekundärliteratur an seine Lektüre herangehenden Bibelleser so klar machen, dass die Geschichten von Jesus aus Nazaret aus etlichen Quellen zusammengestückelt wurden, wie schon der Anfang des Neuen Testamentes heutiger Bibelausgaben, wie das erste Kapitel des Matthäus-Evangeliums. Dieses beginnt mit einem ellenlangen mythischen Stammbaum Josephs, des Vaters Jesu:

Dies ist das Buch von der Geschichte Jesu Christi, der da ist ein Sohn Davids, des Sohnes Abrahams. Abraham zeugte Isaak, Isaak […]

Die trockenen Einzelheiten, die jetzt folgen, gehören nicht zu den Glanzlichtern der Weltliteratur und werden nur noch von 1. Chr 1-9 unterboten. Sie münden in der Feststellung…

[…] Jakob zeugte Joseph, den Mann der Maria, von welcher ist geboren Jesus, der da heißt Christus. Alle Glieder von Abraham bis auf David sind vierzehn Glieder. Von David bis auf die babylonische Gefangenschaft sind vierzehn Glieder. Von der babylonischen Gefangenschaft bis auf Christus sind vierzehn Glieder.

…dass Joseph bei all seinem Dasein als Handwerker (Zimmermann ist eine viel spätere christliche Deutung des Wortes „tektos“) doch von großer Herkunft war, und mit ihm auch Jesus. Und genau diese Feststellung wird gleich anschließend durch die etwas andere Feststellung entwertet, dass Joseph gar nicht der Vater ist:

Die Geburt Jesu Christi geschah aber also. Als Maria seine Mutter, dem Joseph vertrauet war, erfand sich`s, ehe er sie heimholte, daß sie schwanger war von dem heiligen Geist.

Mensch mit ScheuklappenJedes Mal, wenn ich mit einem der vielen Befallenen dieser psychischen Seuche des biblizistischen Fundamentalismus US-amerikanischer Prägung spreche, die sich leider auch hier und auch im Schatten jener großen „Volkskirchen“, die sich in ihrer Öffentlichkeitsarbeit so gern als „aufgeklärt“ geben, mit beinahe der gleichen rasenden Geschwindigkeit wie die Armut auszubreiten scheint; jedes Mal, wenn ich einer dieser Blindseelen als Vorübergehender begegne und mir erzählen lassen muss, was für ein tolles und wahres Buch die Bibel sei, frei von jedem Widerspruch und direktestes Wort Gottes an die Menschen, gemacht, dass man gläubig lese und sein Leben daran ausrichte, fällt mir auf, dass diese Menschen in vielen Jahren Bibel-Lese nicht einmal über solche Offensichtlichkeiten gestolpert sind und in all ihren Veranstaltungen und (meist etwas kitschigen) Büchern wohl niemals darauf hingewiesen werden. In solchen „kleinen“ Ausfällen der Wahrnehmung spiegelt sich jene „Gabe des heiligen Geistes“, die einer braucht, um einen derartigen Weg in den Himmel der eigenen Einlullung stracks und unbeirrt zu beschreiten: Die Scheuklappe.

Für R.

Auswärtiges Denken

Als Noah endlich gelandet ist, baut er Wein an. Er betrinkt sich und liegt dann entblößt im Zelt. In diesem Zustand findet ihn einer seiner drei Söhne — und erzählte es den anderen, die ihn dann zudecken. Und jetzt kommt das Wichtige: Als Noah aufwacht und erfährt, was dieser Sohn ihm „angetan“ hat, wird er zum Sklaven erklärt — und nicht nur er, sondern auch alle seine Nachkommen. Das ist genau das, was der Papst jetzt mit den Missbrauchsopfern auch macht: Betrunken und entblößt hat sich Noah. Aber der, der ihn dabei gesehen hat und es weitererzählt, wird bestraft. Das ist noch immer so! Täter-Opfer-Umkehrung. Da kann man doch nicht sagen, das sei ein tolles Buch, aus dem man einen Verhaltenskodex ableiten solle.

Renée Schröder, zitiert nach Astrodicticum simplex

Die Bibel in Bildern

Jonathan trifft David

Illustration zu 1 Sam 17,57 ff aus einer etwas älteren englischen Bibelausgabe. Der deutsche Text zu diesem Bild liest sich so (1912er Luthertext):

Da nun David wiederkam von der Schlacht des Philisters, nahm ihn Abner und brachte ihn vor Saul, und er hatte des Philisters Haupt in seiner Hand. Und Saul sprach zu ihm: Wes Sohn bist du, Knabe? David sprach: Ich bin ein Sohn deines Knechtes Isai, des Bethlehemiten. Und da er hatte ausgeredet zu Saul, verband sich das Herz Jonathans mit dem Herzen Davids, und Jonathan gewann ihn lieb wie sein eigen Herz.

Ach, wie romantisch!

Das unheilige Evangelium

Und wenn jemand etwas davontut von den Worten des Buchs dieser Weissagung, so wird Gott abtun seinen Anteil vom Baum des Lebens und von der heiligen Stadt, davon in diesem Buch geschrieben steht.

Offb. 22, 19

Wer die Bibel aufmerksam (also nicht so wie ein religiöser Mensch auf seiner Suche nach leckeren Rosinen) liest, ist vielleicht schon einmal über diese bemerkenswerte Lücke in Mk. 10, 46 gestolpert (hier nach einem alten Luthertext zitiert):

Und sie kamen nach Jericho. Und da er aus Jericho wegging […]

Auch, wer nicht aus eigener Leseerfahrung weiß, wie kurz angebunden und schnörkellos der Erzähler des recht urtümlichen und in seinem Kern relativ früh entstandenen Markus-Evangeliums ist, wird an dieser Stelle aufmerksam werden. Da muss doch etwas gewesen sein, was zwischen der Ankunft in Jericho und der Abreise gelegen hat, sonst hätte der Erzähler hier eine andere Erzählweise gewählt und auf die Einleitungsphrase für einen Bericht aus Jericho verzichtet (um so etwas ähnliches wie „Nachdem sie durch Jericho gegangen waren“ zu schreiben). Aber offenbar wurde diese Kleinigkeit, die hier als Bericht der Geschehnisse aus Jericho einst stand, schon von der recht frühen Christenheit als nicht überliefernswert erachtet. Dieser Teil der „Heiligen Schrift“ war wohl nicht heilig genug — oder stand, was dem fröhlichen Skeptiker und aufmerksamen Betrachter der Umwandlung einer einmal recht bedeutungslosen Jesus-Bewegung in eine Religion, wie sie der überlieferte Jesus der Nazarener gehasst hätte, näher steht — nicht mehr so sehr mit der späteren Lehre der christlichen Kirchen im Einklang und fiel deshalb auch aus der Überlieferung und damit aus der Bibel heraus. Ganz so, wie wohl vieles andere auch, bei dem dieser Prozess ein bisschen spurloser vonstatten ging.

Interessanterweise hat sich eine Stelle des unter frühen Gläubigen umlaufenden Markus-Evangeliums, die der späteren Zensur der christlichen Kirche zum Opfer gefallen ist, bis in die heutige Zeit erhalten.

In einem seiner als Abschrift erhaltenen Briefe schreibt Clemens von Alexandria (er lebte ungefähr von 150 bis 220 nach unserer Zeitrechnung), dass es in der Bibliothek von Alexandria noch ein erweitertes Evangelium von Markus gäbe, und zitiert in diesem Zusammenhange auch die folgende, etwas längere Passage, die nach seinen Angaben zwischen den Versen Mk. 10, 34 und Mk. 10, 35 gestanden haben soll (alle Hervorhebungen im Text sind von mir):

Und sie kamen nach Bethanien, und dort war eine gewisse Frau, deren Bruder gestorben war. Sie kam hinzu, warf sich vor Jesus nieder und sprach zu ihm: „Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“ Aber die Jünger wiesen sie ab. Und Jesus geriet in Wut und ging mit ihr in den Garten, wo das Grab war, und gleich danach war ein lauter Schrei aus dem Grab zu hören. Und Jesus trat näher heran und rollte den Stein vom Eingang des Grabes weg. Und gleich danach ging er in das Grab, wo der Jüngling war, streckte seine Hand aus, ergriff dessen Hand und zog ihn hoch. Aber der Jüngling, als er ihn ansah, liebte ihn, und er fing an, ihn anzuflehen, dass er bei ihm bleiben solle. Und sie gingen [zusammen] aus dem Grab heraus und kamen in das Haus des Jünglings, denn er war reich. Und nach sechs Tagen sagte Jesus zu ihm, was er tun solle, und des Abends kommt der Jüngling zu ihm, und trug ein Leinentuch über seinem nackten Körper. Und er blieb die Nacht bei ihm, denn Jesus lehrte ihn das Geheimnis des Reiches Gottes. Und danach stand er auf und ging zurück auf die andere Seite des Jordans.

Nun, dass ein solcher Text beim Lesen des Wortes „Liebe“ gewisse Nebengedanken aufkommen lässt, die schon in der frühen christlichen Tradition geradezu verteufelt wurden (siehe etwa Röm. 1, 27 als nur ein Beispiel), zeigt sich wohl beim bloßen Hinschauen. (Bei einem griechischen oder römischen Leser hätte dieser von Clemens überlieferte Text übrigens kaum Anstoß erregt, aber auf dem Hintergrund der neurotischen Körperfeindlichkeit und des starken Tabus der Nacktheit, die späteres Christentum und Judentum miteinander teilen, wird der Text doch etwas gefährlich. Auch die „Kleinigkeit“, dass Jesus wütend [sic!] über die Abweisung einer Frau durch seine kleine Wandergemeinschaft wurde, ist angesichts der schon früh zur christlichen Religion gehörenden dogmatischen Nichtswürdigkeit der Frau eher unpassend.) Welchen Zweck es für die tendenziöse Korrektur der Überlieferung hat, einen solchen Teil in einer recht alten Zusammenfassung der Jesus-Legende verschwinden zu lassen, ist also leicht durchschaubar. Die mutmaßliche spätere Erwähnung des gleichen Mannes durch den Markus-Erzähler in Mk. 14, 51-52 war offenbar weniger anstößig, obwohl auch hier noch deutlich wird, dass da ein junger Mann in der Nähe Jesu einen auffälligen Hang zu recht luftiger Bekleidung gehabt zu haben scheint (zitiert nach altem Luther-Text):

Und es war ein Jüngling, der folgte ihm nach, der war mit einer Leinwand bekleidet auf der bloßen Haut; und sie griffen ihn. Er aber ließ die Leinwand fahren und floh nackt davon.

Ach ja, warum ich diese für die meisten Menschen völlig unwichtige Beiläufigkeit schreibe?

Nein, nicht um Jesus aus Nazaret zum Vorkämpfer der heutigen Schwulenbewegung zu machen, dafür ist dieser für kaltherzige Gewaltmenschen so nützliche Grund für so viel Gefängnis, Folter und Mord auch völlig ungeeignet.

Sondern. Weil mir heute einer dieser besonders beflissenen christlichen Fundamentalisten beim Betteln eine Kante ans Bein labern wollte, und weil ich in meiner gegenwärtigen Schwäche den Fehler machte, aus dieser Haltung eines Menschen zu schließen, dass dieser Mensch wohl auch bereit zum Denken und zum Kommunizieren sei. Das war er natürlich nicht, er wollte an mir nur ein paar Missions-Bonuspunkte für einen besseren Platz bei Gott einsacken. (Diese leicht zynische Formulierung ist natürlich meine Beschreibung seines Handelns, nicht seine.) Und als ich diesem Menschen unter fröhlicher Bezugnahme auf Mt. 7, 16-20 auf die Früchte von 1600 Jahren christlicher Religion als gesellschaftsprägende Kraft hinwies, den Herrschenden zur Stütze, den Besitzenden zum Wohlgefallen, den Kriegsmördern zum Segen, den Andersgläubigen zum lodernden Scheiterhaufen und den meisten Menschen einfach nur zum alles erdrückenden Kreuz, da erwiderte dieser Fundamentalist in seinem totalen Denkverzicht etwas sehr Bemerkenswertes; er sprach mir nämlich darin zu, dass die Tradition falsch sei und dass man gerade deshalb zur Bibel zurück müsse. Und. Er sagte dies mit der Inbrust einer Überzeugung, die völlig blind gegen die Tatsache geworden ist, dass die Überlieferung der Bibel selbst ein Dokument dieser Tradition ist.

Wie sehr der heute vorliegende Text der Bibel in einer religiösen Tradition geformt wurde, welche Aspekte dabei betont wurden und welche ebenfalls unter den frühen Gläubigen bekannten Aspekte dabei zum Verstummen gebracht wurden, das sollte in dieser kleinen Geschichte deutlich geworden sein. Unter den so genannten „Evangelien“ der Bibel ist der Bericht nach Markus* ein recht früher, er enthält wohl auch deshalb so deutlich sichtbare Spuren der Bearbeitung in einer späteren christlichen Tradition, während die späteren Berichte bereits von dieser Tradition mitgeprägt wurden. Ob das Textfragment aus dem Brief des Clemens von Alexandria eine Erzählung einer wirklichen Begebenheit** wiedergibt — Clemens war leider recht unkritisch gegenüber seinen Quellen und hat allerlei offenbaren Unfug für „echt“ erklärt — spielt in dieser Betrachtung keine so große Rolle. Tatsache ist, dass die Bibel nichts anderes als die christliche Tradition ist, und dass vieles vom späteren gesellschaftlichen Wahnsinn — vom Judenhass, über den systematischen Mord an Menschen anderen Glaubens, über die Kriminalisierung harmloser Privatangelegenheit wie der auf Grundlage der Gegenseitigkeit ausgelebten sexuellen Ausrichtung, über die „Achtung“ einer Frau als ein Wesen zwischen Mensch und Haustier mit deutlicher Tendenz zum Haustiere hin, über den Aberglauben an Dämonen und Hexerei, der sich zur mörderischen Raserei steigerte bis hin zur heute noch wirkmächtigen Verherrlichung der Arbeit um jeden Preis — deutlich in diesem Buche angelegt ist, und zwar vor allem im so genannten „Neuen Testament“, das für viele Christen schon die ganze Bibel zu sein scheint.

Übrigens: Die eingangs dieses Textes zititerte Schutzfluch aus der Offenbarung des Johannes macht deutlich, dass späteren biblischen Autoren (wohl aus Erlebnis und Erfahrung heraus) schon sehr bewusst war, wie ihre Texte „gefleddert“ werden können, um sie mit einer herrschenden Lehrmeinung „kompatibel“ zu machen. Der Fluch richtet sich an frühe Christen, denn für jeden anderen Menschen sind die Veheißungen in dieser wohlkomponierten, aber auch etwas wirren Schrift völlig unbedeutend.

*Wie viele Autoren das Evangelium nach Markus wann geschrieben haben, lässt sich nicht mehr leicht feststellen. Recht sicher ist, dass keiner der Autoren der heute vorliegenden Fassung dieses Berichtes Jesus den Nazarener persönlich kannte; es wurde aber sehr wohl bei der Zusammenstellung aus noch älteren Quellen geschöpft. Alle tieferen Fragen zur Geschichte dieses Buches lassen sich am sichersten durch Verwendung einer Zeitmaschine beantworten. Jesus der Nazarener hat erfreulicherweise selbst kein Wort geschrieben und auf diese Weise auch sehr deutlich gemacht, was er von so einer kalten Religion des Buchstabens hält, die er selbst auf seinem jüdischen Hintergrund sehr gut kannte, und die man heute um sein biblisch überliefertes Wirken und die davon weit emanzipierte Deutung durch Paulus aufgebaut hat. Diese Deutlichkeit fügt sich recht zwanglos in etliche markige Sprüche gegen das religiöse Etablissment seiner Zeit, die von den heutigen Großpfaffen allesamt regelmäßig überlesen zu werden scheinen.

**Ein Skeptiker mag zurecht Anstoß an der „Erweckung eines Toten“ nehmen, die untrennbarer Bestandteil dieser kleinen Erzählung ist. Allerdings gab es in der Antike noch kein sicheres Todeskriterium wie die moderne Feststellung des Hirntodes, und jemand mag durchaus tief komatös in seine Gruft gelegt worden sein. Selbst dieser Teil des Berichtes lässt sich also durchaus als Schilderung eines realen Ereignisses annehmen, ohne dass hierzu metaphysische Annahmen gemacht werden müssten. Die Tatsache, dass hier entgegen der späteren Bearbeitung des gleichen Stoffes im Johannes-Evangelium nicht eigens betont wird, dass die Verwesung schon eingesetzt hat (siehe zum Vergleich Joh. 11, 39) gibt dieser Erzählung sogar eine größere Glaubwürdigkeit. Dass hingegen von den Anhängern Jesu nicht gerade überliefert wurde, wie viele Heilungen, Exorzismen und Totenerweckungen trotz aller Mühe und aller Gebete erfolglos waren, ist völlig verständlich und auch bei den Anhängern heutiger „Wunderheiler“ — die sich ja zurzeit auch in einem rasant wachsenden Randbereich der christlichen Religion breit machen — zu beobachten… 😉

Urbi et Orbi

Wenn einer seinen Nächsten des Morgens früh mit lauter Stimme segnet, das wird ihm für einen Fluch gerechnet.

Quelle: Spr. 27, 14

Das Ende der Welt

Ich […] richtete mein Herz, zu suchen und zu forschen weislich alles, was man unter dem Himmel tut. Solche unselige Mühe hat Gott den Menschenkindern gegeben, daß sie sich darin müssen quälen.

Pred. 1, 12-13, zitiert nach dem 1912er-Luthertext

Im Moment erwarten (erhoffen?) einige Menschen das Ende der Welt, weil im Jahre 2012 der Kalender der Maya-Zivilisation in allen seinen nummerischen Stellen überläuft — und die entsprechenden Sachbücher verkaufen sich gut. Der Weltuntergang war schon immer ein gutes Geschäft, nicht nur für die Emmerichs dieser Welt.

Ja, schon immer, denn die (sehnliche?) Erwartung des Weltunterganges ist nichts neues. Die folgende Liste vergangener Erwartungen und Prophezeihungen des Weltendes ist mit Sicherheit sehr unvollständig. Die Mehrzahl der Menschen lässt sich viel zu gern durch die Erwartung eines Weltendes aus ihrer Verantwortung für das Weltgeschehen entlassen, als dass es nicht immer wieder zu derartigen Vorhersagen gekommen wäre. Natürlich sind diese Vorhersagen schnell wieder vergessen, und die Menschen sind bereit für die nächste Vorhersage.

Beginn der modernen Zeitrechnung — Die früheste Prophezeihung des Endes, die sich nicht erfüllen sollte, findet sich in der Bibel und stammt von Jesus dem Nazarener persönlich. Laut Mt. 16, 28 hat er seinen Jüngern gesagt: „Es stehen etliche hier, die nicht schmecken werden den Tod, bis sie des Menschen Sohn kommen sehen in seinem Reich“ — nun, mit den Jüngern ging es wie mit den zehn kleinen Negerlein, und die Welt drehte sich einfach weiter. Aber vielleicht hatten die Jünger im Sterben noch ein paar hübsche Visionen…

999 — Die biblische Offenbarung des Johannes wurde von der Kirche über Jahrhunderte hinweg so interpretiert, dass das Letzte Gericht und folglich auch das Ende der Welt eintausend Jahre nach der Geburt Jesus stattfinden sollte. Diese Auffassung war — gestützt durch die Autorität einer Kirche, die solche Rechnung anstellte — dermaßen verbreitet, dass das Ende der Welt mit Gewissheit und einer gewissen Ergebenheit in den Willen Gottes erwartet wurde. Die Äcker wurden nicht mehr bestellt, und viele Dokumente aus dieser Zeit begannen mit Wendungen wie „Jetzt, wo die Welt zu ihrem Ende kommt“. Es ist schon davon auszugehen, dass das Jahr 1000 n.u.Z. ein wirklich mieses Jahr geworden ist, allein schon wegen der nicht bestellten Felder und der deshalb verursachten Hungersnot, aber dermaßen mies ist es doch nicht geworden. Leider blieb die Autorität der christlichen röm.-kath. Kirche, von dieser offensichtlichen Fehlprognose völlig unberührt, erhalten, für etliche Menschen bis auf den heutigen Tag. Und. Wir sind Papst.

1033 — Nachdem das Weltende tausend Jahre nach der Geburt Jesu einfach nicht geschah und auch der verblendetste Paulusjünger diese Tatsache nicht ignorieren konnte, nahmen die röm.-kath. Gelehrten an, dass das Ende dann eben tausend Jahre nach dem Tod Jesu eintreffen müsse, den man im Jahre 33 veranschlagte. Auch diese vielgelehrte kirchliche Falschprophetie tat der Autorität der Kirche leider keinen Abbruch. Von einer inneren Einsicht und einer Selbstauflösung der Kirche ganz zu schweigen…

1186 — Im September des Jahres 1186 erwarteten viele Astrologen ein besonderes Ereignis und, damit verbunden, auch das Ende der Welt, weil sich alle sieben Planeten (nicht im modernen Sinne des Wortes, sondern im astrologischen: Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus, Saturn) im Sternbild der Waage trafen. Die Planeten folgten mit himmelsmechanischer Präzision ihren Bahnen und trafen sich (im astrologischen Sinne), und das Weltende ließ weiter auf sich warten. Übrigens glauben auch heute noch Menschen an astrologische Vorhersagen. Ein gutes Geschäft ist dieser dumme Glaube.

1524 — Astrologen in London hatten, nachdem der letzte astrologisch bestimmte und offenbar falsche Termin ein paar hundert Jahre zurücklag und in Vergessenheit geraten war, eine große, weltumfassende Flutkatastrophe für den 1. Februar 1524 prophezeiht, die in London ihren Anfang nehmen sollte. Nicht, dass Regen in London eine ungewöhnliche meterologische Erscheinung wäre, aber ausgerechnet an diesem 1. Februar fiel kein einziger Tropfen. Sehr ärgerlich, denn wer reich war und es sich leisten konnte, hatte in den Bergen große Anlagen mit Vorräten für viele Monate gebaut, die sich nun als recht sinnlose Geldverschwendung erwiesen. Ebenfalls haben sich viele vermögende Menschen mit Schiffen eingedeckt und sich mit hohem Aufwand für eine längere „Fahrt“ eingerichtet. Die Astrologen rechneten freilich noch einmal nach und entdeckten dabei, dass sie hundert Jahre daneben gelegen hatten. Zum Bedauern der Astrologen im Jahre 1624 sollte auch hundert Jahre später nichts geschehen. Leider hat im Zuge dieser Ereignisse niemand gemerkt, dass bezahlte Astrologie ebenfalls eine gewaltige Geldverschwendung ist.

1533 — Der Mathematiker Michaelus Stifelius zu Lochau in Deutschland berechnete den 3. Oktober, acht Uhr vormittags als exakten Zeitpunkt für das Weltende durch Lesen, Interpretieren und Durchrechnen der Offenbarung des Johannes in der Bibel. Zwar kümmerte sich die Welt nicht so sehr darum, dass der berechnete Zeitpunkt eintraf und existierte einfach weiter, aber immerhin kam für Stifelius das persönliche Ende; er wurde wegen seiner falschen Prophezeihung von den Bürgern Lochaus getötet. Wie anders doch die „aufgeklärte“ Gesellschaft mit solchen Idioten umgeht: Heute lässt man einfach ein paar Monate Gras über ein solches vollkommenes Scheitern wachsen, und danach werden die Scharlatane wieder in die Talkshows eingeladen, damit sie dort neuen Schwachsinn verbreiten können und neue Sachbücher anpreisen können. Manche verbreiten ihre faule Mantik sogar jedes Jahresende in angesehenen Zeitschriften mit hoher Auflage…

1665 — Die Pest ging über London und forderte ihre Opfer. Als ob der damit verbundene Schrecken nicht schlimm genug gewesen wäre, trat Solomon Eccles auf und verkündete, dass die gegenwärtige Seuche der Anfang vom Ende der Welt sei. Nun, Eccles kam ins Gefängnis, die Pest ging wieder vorbei, die Welt existierte weiter.

1757 — Der Mystiker Emmanuel Swedenborg hatte intensive „Unterhaltungen“ mit Engeln und erfuhr von ihnen, dass das Ende der Welt im Jahre 1757 läge. Offenbar handelte es sich nicht um besonders gut informierte Engel.

1814, 1801, 1544 und 1537 — Der Astrologe Pierre Turrel war offenbar schon etwas erfahrener im Prophetengeschäft und sagte deshalb voraus, dass das Große Ende aller Dinge in einem dieser vier Jahre eintreten sollte. Es kam zu vier Vorhersagen, weil er das Letzte Datum auf vier verschiedene Weisen berechnete und dabei vier verschiedene Ergebnisse erhalten hatte. Interessanterweise hat ihm das keinen Anlass gegeben, an seiner eigenen Methodik zu zweifeln. Nun, vier Chancen haben seine vier Vorhersagen gehabt, die astrologische Methodik muss wohl völlig unabhängig vom Ansatz ziemlich ungeeignet für solche Vorhersagen sein…

1843 — William Miller, der Gründer einer christlichen Kirche, die einen sehr starken „Endzeitaspekt“ hatte, sagte nach fünfzehn Jahren intensivem Bibelstudium das Ende der Welt für den 3. April 1843 voraus. Als dieser Tag ins Land ging und die Erde trotz des Welt- und Lebenshasses dieser Christen fröhlich weiterexistierte, verschob er das Datum einige Male, und seine Anhänger suchten jedes Mal, wenn das neue Datum kam, hohe Hügel auf. Die auf Miller zurückgehende Bewegung zerbrach in den folgenden Jahren und teilte sich in eine Reihe teilweise auch heute noch bestehender christlicher Kirchen auf, die vielleicht bekannteste von ihnen sind die „Siebenten-Tags-Adventisten“, die immer noch in großer Erwartung leben.

1874 — Charles Taze Russell, ein eifriger Interpretator der Maßverhältnisse in den Pyramiden von Gizeh und der Gründer der „Zeugen Jehovas“, sagte das Ende der Welt für das Jahr 1874 voraus. Es geschah natürlich nichts, und deshalb hat er nachträglich seine Prophezeihung ein bisschen geändert. Bis heute gehört es zur religiösen Lehre der Zeugen Jehovas, dass im Jahre 1874 Jesus in unsichtbarer Form zurückgekehrt sei und dass das große Ende der Welt bevorstehe, in dessen Verlauf der unsichtbar gegenwärtige Jesus offenbar werden wird. Das Datum für dieses große Ereignis wurde auch einige weitere Male aus diversen Zeitangaben in der Bibel ausgerechnet, aber für die Rechnenden unglücklicherweise mit erwartungsgemäß geringem Erfolg. Deshalb stehen im Wachtturm auch eher andere Dinge als eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der eigenen Religionsgemeinschaft, und die meisten Zeugen Jehovas wissen heute nichts mehr von alledem.

1890, 1891 — Joseph Smith, der erste „Seher, Prophet und Offenbarer“ und Gründer der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen), der immerhin seinen Kopf zusammen mit einem Seherstein in seinen Hut steckte und auf diese Weise das ganze Buch Mormon von Gott selbst offenbart bekam und nur noch diktieren brauchte, er hatte auf einer Konferenz am 14. Februar 1835 gesagt: „Das Kommen des Herrn ist nahe, es sollen noch 56 Jahre bis dahin vergehen“. Die Jahre zogen ins Land, und der Herr hatte offenbar etwas Besseres zu tun oder einfach den Termin verschwitzt, aber es gibt immer noch eine ganze christliche Religionsgemeinschaft, deren Anhänger glauben sollen, dass dafür wenigstens die anderen „Offenbarungen“ dieses Propheten ein direktes, heiliges, von Gott geoffenbartes Wort sind. Und wenn sie nicht damit aufgehört haben, in Geheimritualen im Tempel die Namen, Griffe und Zeichen zu lernen, mit deren Kenntnis man sich Eintritt in das celestiale Reich verschaffen kann, denn glauben sie es noch heute.

1914 — Von den Zeugen Jehovas wurde das Jahr 1914 als Ende der Welt angekündigt, aber das Ausbleiben des ersehnten Ereignisses beendete nur für viele Zeugen Jehovas ihre weitere Mitgliedschaft in dieser obskuren, wahnhaften Sekte. Leider blieben genug übrig, um weiteren Nachschub von Haustür zu Haustür zu werben, und das gleiche geschah auch bei jedem folgenden Irrtum dieser Leute. (Allein mit den gescheiterten Prophetien des Weltendes durch die Zeugen Jehovas und den zugehörigen Geschichten könnte ein ganzes Buch gefüllt werden.) Wie ein Zeuge Jehovas trotz alledem mit seinen kognitiven Dissonanzen umgeht? Na, indem er sich einfach das Denken abgewöhnt. Und damit er auch gar nicht erst zum Denken kommt, wird ihm — wie mir neulich erst zwei Zeuginnen Jehovas auf der Straße erzählten — klar gemacht, dass dieses Internet, in dem man unter anderem die gesamte Geschichte der Zeugen Jehovas nachlesen kann, vom Teufel und sehr gefährlich sei.

1953 — Aus den Maßen der Kammern in der großen Pyramide zu Gizeh haben ein paar Verwirrte das Jahr 1953 als Jahr des Weltuntergangs berechnet. Offenbar haben sie nicht genau genug gemessen. Zurück an die Arbeit!

1975 — Die Zeugen Jehovas mal wieder. Und es. War wieder nichts. (Es wird auch nichts mehr werden. Leider bringt das keinen Zeugen Jehovas zum Nachdenken. Es ist doch erstaunlich einfach, den Menschen durch ein umfassendes Programm so zu beschäftigen, dass sein Gehirn nicht mehr zum Denken kommt!)

1982 — Im Sachbuch „Der Jupiter-Effekt“ wurde ausführlich beschrieben, was es doch für schreckliche Auswirkungen haben würde, dass im Jahre 1982 alle Planeten des Sonnensystemes fast in einer Reihe stünden und ihre Gravitation kombinierten. Nichts von allen schrecklichen Vorhersagen ist eingetreten, aber immerhin trat hier wenigstens erstmals ein neuer Wahnsinn auf. Zu den klassischen Pseudowissenschaften der Astrologie, des Spiritismus und zur Religion gesellte sich eine modern verkleidete Pseudowissenschaft, die für viele heute lebendende Menschen sehr viel glaubwürdiger klingt als die klassische bullshit science. Von der astronomischen „Argumentation“ im Buch „Der Jupiter-Effekt“ aus den Siebziger Jahren bis hin zu den heutigen Eso-Schinken und Betrugsprodukten, die eifrig von Energie, Tesla und allerlei Quantenquark schwätzen, ist es eine gerade Linie.

1996 — In der Bibel lässt sich ja lesen, dass vorm Angesichts Gottes tausend Jahre wie ein Tag sind, und manche Fundamentalisten und andere Autisten wollen auch mit dieser orientalischen Metapher auch rechnen. Da Gott für die Schöpfung des Universums sechs Tage, also sechstausend Jahre benötigt hat, um sich dann erstmal auszuruhen und den Schabat zu erfinden, soll auch die Menschheit für sechstausend Jahre arbeiten, um sich dann auszuruhen; so argumentierten wenigstens einige Sektierer, die die Bibel nicht für eine Überlieferung orientalischer Legenden, sondern für ein Rechenbuch gehalten haben. Und weil sie gerade so schön am Rechnen waren, rechneten sie auch gleich aus der Bibel aus, wie viele Jahre die Menschen jetzt schon arbeiten. Dabei kamen sie zum Ergebnis, dass die Erde 1996 untergehen sollte. Die Erde hat das aber irgendwie nicht gewusst, ganz im Gegenteil, 1996 war ein richtig tolles Jahr. Solche und ähnliche Rechnungen werden immer wieder einmal angestellt und in Traktaten und auf Websites veröffentlicht, auch mit derartigem Dummfug könnten ganze Bücher gefüllt werden.

1999 — Um den Nostradamus in dieser Liste nicht völlig zu vergessen: „L’an mil neuf cens nonante neuf sept mois / Du ciel viendra grand Roy deffraieur / Resusciter le grand Roy d’Angolmois. / Auant apres Mars regner par bon heur.“ Nun, im Juli 1999 geschah nichts, was nach einem König des Entsetzens am Firmament ausgesehen hätte, der den mongolischen König zu neuem Leben erweckte. Nicht einmal etwas, worauf diese Worte metaphorisch gepasst hätten. Vom erfolgreichen Pestarzt und wenig erfolgreichen Propheten Nostradamus lernen, das heißt für einen Untergangspropheten übrigens: Siegen lernen. Einfach eine Menge wirres Zeug voller Anspielungen und Chiffren zu Papier bringen und darin nur Jahreszahlen in weiter zeitlicher Ferne nennen! Das schafft eine gute Chance, dass der Unsinn auch ein paar Jahrhunderte später noch von vielen Menschen sehr ernst genommen wird.

2000 — Auch der Weltuntergang durch Computerprobleme im Zusammenhang mit dem Jahr 2000 blieb uns allen erspart. Aber in den Jahren vor dem Jahr 2000 machten eine Menge kleinerer Softwarehäuser ziemlich viel Reibach mit recht stümperhaften Serviceleistungen, die schon damals häufig von billigen Auszubildenden mit wenig Sorgfalt durchgeführt wurden. Die Liste möglicher Probleme in den gängigen Programmierumgebungen der alten Anwendungen (vor allem für Windows und MS/DOS) war wohl bekannt, und das Abarbeiten dieser Liste war recht routiniert. Irrationale Angst und mangelndes Wissen ist eine Kombination, die Scharlatanen immer wieder ein gutes Geschäft mit gesalzenen Rechnungen für objektives Nichts ermöglicht, damals wie heute. Nur, dass heute auch eine florierende technische Scharlatanerie herrscht, das Spiegelbild des technischen Analphabetismus vieler Menschen.

2000 — Natürlich gab es auch richtige Vorhersagen des Weltunterganges, dessen Ursache wohl diesmal darin bestehen sollte, dass sich bei der Schreibweise des Datums alle Stellen auf einmal ändern…

2001 — Die „wacheren“ Kalenderbetrachter haben bemerkt, dass der Gregorianische Kalender kein Jahr Null kennt, dass das neue Jahrtausend also folglich erst im Jahre 2001 beginnt. Mit dieser Argumentation hatten sie völlig recht. Allerdings hatten sie Unrecht damit, dass diese Tatsache irgendwelche Katastrophen bedeuten würde.

2012 — Das ist das Datum, das wir vor uns haben. Ein neuer, heißer Kandidat für eine inzwischen recht müde, aufgewärmte Geschichte… 😉

In Kulturkreisen, die von einer Religion geprägt wurden, die einen Weltuntergang in ihrem religiösen Gebäude integriert haben — und dieser Aufbau ist allen drei monotheistischen Weltreligionen gemeinsam — kommt es immer wieder zu derartigen Ausbrüchen des Wahnsinnes. Die allzu leichtwillige Bereitschaft, aufgrund dürftigster Argumente und gegen alle Vernunft an ein bevorstehendes Ende der Welt zu glauben, spiegelt die Sehnsucht nach einem solchen Ende wider, und diese Sehnsucht ist ihrerseits das Spiegelbild der Lebens- und Weltverachtung, die in diese Religionen eingebettet ist; letztlich des Selbsthasses, den diese Religionen von den Menschen abfordern. Dieser Selbsthass — der sich in psychologischer Absurdlogik mit einem überzogenen Narzissmus verheiratet hat — ist zu überwinden. Der Wahnsinn schwindet dann von allein, und damit auch ein Stück des gesellschaftlichen Wahnsinnes.

Volksbibel

Spätestens seit Papst Johannes Paul II. aus den Händen des „Bild“-Herausgebers und Chefredakteurs Kai Diekmann die „Volksbibel“ empfing, ist auch der Pakt zwischen Hochaltar und Rinnstein besiegelt.

Christian Bommarius [via Bildblog]