Tag Archive: Bewusstsein


Gewohnheit

Bei vielen Menschen ist das Leben eher so eine Angewohnheit, die ihnen vertraut geworden ist und die sie deshalb nicht aufgeben wollen, als ihre aktiv und bewusst gestaltete, einmalige Zeit.

Wissen

„Wir Menschen sind nicht auf der Welt, um so zu sein, wie andere uns haben wollen. Ich nicht, und du auch nicht“, sagte der Vorübergehende etwas traurig zu seiner Zeitgenossin. Und er setzte fort: „Der Unterschied zwischen uns: Ich weiß das“.

Innerer Betrüger

Wenn Bildung und Wissenschaft gegen deinen Glauben sind, wenn du viel Kraft und Zeit damit zubringen musst, deinen Glauben gegen Bildung und Wissenschaft zu verteidigen, liegt das nur daran, dass dein Glaube — ganz genau so wie ein Betrüger — etwas vor deinem Bewusstsein verstecken will.

Rückkehr

Der Vorübergehende sagte lächelnd: „Lachst du aus Dummheit grob, dann kommt regelmäßig dumm und grob deine Lache zu dir zurück. Aber ein Lächeln aus Bewusstsein und Einsicht kehrt oft als Verachtung, ja, als reifer Hass zu dir zurück“.

„Das ist das Problem, …“, sagte der Vorübergehende mit einem Ernst, der gar nicht zur Beiläufigkeit seiner Worte passen wollte, „…die meisten Menschen wissen nicht, dass es etwas gibt, was sie nicht kennen. Und. Sie reproduzieren deshalb mit ihrem Leben immer nur das, was sie schon lange lange kennen“.

Der Nein-Danke-Egoist

Der Vorübergehende kam an einem Auto vorbei. Auf dem Heck, nur wenige Zentimeter oberhalb des Auspuffs, war rot und gelb und frech der Aufkleber geklebt, „Atomkraft nein danke“. Und der Vorübergehende sagte zu seinem Begleiter: So sehen Egoismus und Dummheit aus, wenn sie sich in einem Menschen vereinigen.

Dem Begleiter freilich. Fiel es dann zum ersten Male auf, an wievielen Autos diese realsatirische Verzierung angebracht ist.

Geburtstage

Ich habe noch niemals die Menschen verstanden, die ihre Geburtstage so wichtig und feiernswürdig nehmen. Ganz so. Als wäre dieses unerinnerte Ereignis das, was ein menschliches Leben begönne. Wenn ein Mensch frisch aus dem warmen, feuchten Leib seiner Mutter geworfen wird, ist er hilflos und ausgeliefert, wie eine Frühgeburt nicht ein bisschen lebensfähig und allerlei Willkür unterworfen; vor dem noch ahnungslosen Bündel liegt erst die Aufgabe, unter Lust und Schmerzen zu einem Menschen zu werden. Wer unbedingt einen Jahrestag seiner Existenz als Mensch feiern will, der nehme dafür besser einen Tag, der wirklich ein Anfang seines eigenen Seins war — etwa den Tag, an dem er zum ersten Male in vollem Bewusstsein der Bedeutung dieses Aktes das Wort „Nein“ ausgesprochen hat, als die gewöhnlichen sozialen Forderungen an ihn ergingen. Wenn Eltern ihre Kinder wirklich liebten und diese nicht als Objekte ihrer Selbstverwirklichung missbrauchten, denn sorgten sie mit einer deutlichen Notiz dafür, dass eine solche erste, deutliche Regung des erwachenden Bewusstseins nicht in das Vergessen falle, sondern erinnert und als wichtiges Ereignis betrachtet würde.

Alles Gute zum neuen Lebenjahr, M. — du weißt ja, ich feiere so etwas nicht…

Nur zwei Fragen

Wenn jemand etwas für wahr hält, denn sind es zwei sehr einfache Fragen, die diesem Menschen gestellt werden sollten, um den Gehalt dieser Wahrheit bis auf die Wurzel abzuklopfen: Erstens, wer ihm diese Wahrheit mitgeteilt hat (oder wer ihm die Grundlagen mitgeteilt hat, die zu einer eigenen Einsicht führten — denn niemand erringt alles für sich allein), und zweitens, aus welchem Grund er dieser Mitteilung und dem Menschen, der sie gegeben hat, vertraut. Beinahe alle Unklarheiten und viel gewöhnlicher Irrsinn verschwinden im Lichte dieser beiden Fragen, wenn sie nur erst in dieses Licht gestellt werden — und diese einfach durchzuführende Beleuchtung sollte auch bei eigenen Erkenntnissen und Glaubenssätzen nicht gescheut werden.

Die Gutes und die Böses tun

Zeitgenosse: „Findest du nicht, dass die Religion einen Wert hat, dass sie immerhin Menschen dazu bringt, Gutes zu tun, für wohltätige Zwecke zu spenden, die Welt erträglicher zu machen?“

Nachtwächter: „Nein. Ganz im Gegenteil. Wenn ich die Wahl habe zwischen einem Menschen, der aus eigener Einsicht das so genannte ‚Gute‘ tut und einem anderen Menschen, der es tut, um einem Gotte zu gefallen oder sich einen spirituellen Vorteil mit seinem Tun zu verschaffen, denn bevorzuge ich den Menschen mit der eigenen Einsicht. Und wenn ich die Wahl habe zwischen einem Menschen, der aus eigener Einsicht das so genannte ‚Böse‘ tut und einem anderen Menschen, der es tut und Frömmigkeit heuchelt und allerlei Luftschlösser baut, um es als religiöse Gerechtigkeit hinzustellen, denn bevorzuge ich auch beim so genannten ‚Bösen‘ den Menschen mit eigener Einsicht. Religion ist nicht einmal ansatzweise ein Ersatz für Bewusstsein, Selbstreflektion und Verantwortung. Religion ist die bückgeistige Abgabe der eigenen Möglichkeiten an eine Institution, auch um den Preis, dass man damit dümmer und manipulierbarer wird. Es gibt keine Alternative zum eigenen Bewusstsein.“

Der verzweifelte Pionier

Die Raumsonden Pioneer 10 und Pioneer 11 sind die ersten von Menschen angefertigten Objekte, die das Sonnensystem verlassen. Deshalb wurde von den Konstrukteuren an die recht geringe Wahrscheinlichkeit gedacht, dass eine außerirdische Zivilisation in vielen Jahrmillionen einmal dieses technische Artefakt unserer Kultur finden könnte, wenn sich unterdessen die Menschheit schon längst in Wohlgefallen, Sternenstaub und Vergessen aufgelöst hat. Auf den Sonden ist eine außerordentlich haltbare, vergoldete Plakette aus Aluminium angebracht, die mit einer eingravierten Zeichnung von unserer Existenz berichten soll.

Die Pioneer-Plakette

Vor einer schematischen Darstellung der Sonde — diese hat der „Empfänger“ ja vor sich — ist ein nackter Mann und eine nackte Frau dargestellt. Unter dieser Darstellung befindet sich eine stark schematisierte Darstellung unseres Sonnensystemes und links von dieser Zeichnung eine Positionsangabe unserer Sonne, die mithilfe der Positionen von 14 Pulsaren und dem Abstand vom Zentrum der Galaxie mitgeteilt wird. Der dritte Planet im schematischen Sonnensystem ist hervorgehoben, von ihm aus geht die Sonde auf Reisen. Da zu den Pulsaren auch ihre gegenwärtige Frequenz angegeben wird und sich diese Frequenzen im Laufe der Zeit reduzieren, ist auch der ungefähre Zeitpunkt des Sondenstartes ermittelbar, wenn dieses Objekt einmal gefunden und die Botschaft verstanden wird. Die numerischen Angaben sind im Binärsystem gegeben, als Bezugsgröße dient der ebenfalls in Form einer Zeichnung dargestellte Hyperfeinstruktur-Übergang eines Wasserstoffatomes.

Es ist ein in seiner Verzweiflung und Hilflosigkeit geradezu rührender Versuch, etwas von der vergänglichen menschlichen Zivilisation in den kalten Kosmos hinein mitzuteilen. Dieser Versuch zeigt vor allem, dass die Menschen sich keine andere Lebensform als Menschen vorstellen können, deshalb wird in dieser Zweckgrafik eine Form der Wahrnehmung vorausgesetzt, die spezifisch menschlich ist. Ich würde keine hohe Wette darauf halten, dass eine gänzlich unirdische Intelligenz diese Zeichnung überhaupt als eine Form der Mitteilung erkennen kann, und ob die zweidimensionale Projektion der Wirklichkeit in Form einer Zeichnung verständlich ist, darf ebenfalls bezweifelt werden. (Schon die grundlegende Annahme, dass völlig anders entstandene Wesen in ihrer Wahrnehmung ähnlich stark visuell wie Menschen geprägt sein sollten, ist fragwürdig.) Wenn dieser Teil des Kommunikationskanales aber wider meiner Erwartung gut gewählt sein sollte, denn dürfte die im Menschenpaar dargestellte Zweigeschlechtlichkeit der Menschheit für einiges Rätselraten sorgen, und die erhobene Hand des Mannes wird gewiss nicht als ein Gruß erkannt werden, sondern eher Spekulationen um künstliche Gliedmaßen nähren. Die für uns so leicht verständliche Darstellung des Sonnensystemes wird ebenfalls ihre Rätsel aufgeben, vor allem werden sich die Empfänger fragen, wieso eigentlich alle dargestellten Objekte den gleichen Abstand voneinander haben und wieso eines dieser Objekte — es soll der Saturn mit seinem wunderschönen Ringsystem sein — in deutlicher Weise durchgestrichen ist, und ob das wohl darauf hindeute, dass wir dieses Objekt abgebaut oder vernichtet hätten. Und. Die verwendete Metapher des Pfeiles, um die Richtung der Sonde anzudeuten, ist ebenfalls ein Kandidat für schwere Missverständnisse. Was immer eine außerirdische Intelligenz in diese Grafik hineindeuten wird — das Objekt wird ja wenigstens sicher als künstlich erkannt, wenn es überhaupt im weiten Nichts gefunden wird, und es wird deshalb wohl auch untersucht werden und zu allerlei Spekulationen Anlass geben — es wird beinahe nichts mit dem zu tun haben, was wir damit sagen wollten. Die warme Hirnsucht der Wissenschaftler, die mit den Pioneer-Sonden das erste Mal richtige Raumfahrt betrieben haben, über diesen Kanal ein Zeichen für die Existenz der Menschheit zu setzen, läuft ins Leere. Die Menschheit wird unerkannt aussterben. Zum Glück wird das Aussterben auf diese Weise nicht noch schmerzlicher.

Wenn diese Platte überhaupt an jemanden etwas mitteilen kann, denn an die Menschen, die diese Platte in den Weltraum geschossen haben. Und. Das ist die Mitteilung, wie fremd wir wirklich im Raume sind, wie sehr wir nur zur vertrauten Erde gehören. Es wäre viel gewonnen, wenn dieser Teil der Botschaft bei allen Menschen ankäme und sie dazu brächte, ihre planetare Heimat nicht länger unter der hirntoten Ideologie eines unbegrenzten Wachstums bis zur Vernichtung auszubeuten. Aber. Auch diese Kommunikation scheint hoffnungslos. Allein schon deshalb. Hoffnungslos, weil die einzige und sehr hitzig geführte Diskussion, die damals in den USA am Thema dieser Platte entbrannte. Nur. Das eine Thema kannte, ob man die menschlichen Geschlechtsteile denn so unverhüllt den Außerirdischen zeigen könnte.

Neith

Giovanno Domenico Cassini, Professor der Astronomie und Mathematik an der Universität zu Bologna und ab dem Jahre 1669, in Anerkennung seiner Leistungen, auch Direktor der königlichen Sternwarte zu Paris, war zu seiner Zeit einer der großen Astronomen, obwohl er sich in seinem Weltbild den Vorgaben des Vatikans beugte und sich aus diesem Grund wohl um einigen Ruhm gebracht hat. Er war dennoch ein ausdauernder und sorgfältiger Beobachter des Firmamentes und hatte hervorragende Teleskope zur Verfügung. 1665 bestimmte er die Rotationsperiode des Jupiter anhand von Beobachtungen des Großen Roten Fleckes, er berechnete die Rotationsdauer der Venus und des Mars und fand 1668 eine praktikable Methode zur Zeitbestimmung und damit zur Navigation auf hoher See, indem die Position des Jupitermondes Io als astronomische Uhr genutzt wird. 1675 entdeckte und beschrieb er jene Lücke im Saturnring, die heute noch die Cassinische Teilung genannt wird.

Cassini veröffentlichte nicht jede seiner Beobachtungen. Manche hielt er zurück, weil sie seinem Weltbild widersprach, und manche andere hielt er einfach deswegen zurück, weil er nicht zum vorschnellen Veröffentlichen neigte. Ersteres ist leider heute noch in der Forschung üblich, und letzteres ist leider heute nicht mehr in der Forschung üblich, da sich das Ranking eines Wissenschaftlers stark an der Quantität seiner Veröffentlichungen misst.

Im Jahre 1672 sah Cassini durch sein Teleskop zum ersten Male neben dem Planeten Venus ein kleines Objekt, welches er spontan für einen Mond hielt. Er benannte dieses Objekt nach einer ägyptischen Göttin als Neith.

Er mag diesen Namen gewählt haben, weil das Objekt so schwierig zu beobachten war, denn der griechische Schriftsteller Plutarch berichtete von einem verhüllten Bildnis der Göttin Neith, das mit dem Spruch „Ich bin alles was war, was ist und was sein wird, keinem Sterblichen wird es jemals möglich sein, meinen Schleier von mir zu nehmen“ geschützt wurde. Diese Annahme ist allerdings spekulativ.

Sicher ist hingegen, dass der Venusmond nach dieser ersten Beobachtung für 14 Jahre nicht mehr in den Aufzeichnungen Cassinis auftauchte. Ob Cassini wohl das eine ums andere Mal sein Teleskop nächtens zur Venus gerichtet hat und versucht hat, seine Beobachtung zu wiederholen, wissen wir nicht. Im Jahre 1688 konnte Cassini sein Objekt zum zweiten Male beobachten, und dieses Mal nahm er es auch in sein offizielles Journal auf, so dass der mutmaßliche Venusmond unter Astronomen bekannt wurde.

Aufgrund der Leuchtkraft wurde das Objekt auf ein Viertel der Venusmasse geschätzt, und es zeigte genau wie die Venus Phasen, die den Phasen des Erdmondes vergleichbar waren.

Getragen von der Autorität Cassinis wurde dieser Mond für eine reale Möglichkeit gehalten. Und obwohl er schwierig zu beobachten war, wurde er in den folgenden Jahrzehnten immer wieder beobachtet: im Jahre 1740 von James Short, im Jahre 1759 von Andreas Meyer, und im Jahre 1761 sogar vom berühmten Mathematiker und Astronomen Joseph-Louis Lagrange. (Ja, das ist der mit dem Restglied der Taylor-Formel.) Insgesamt wurde Neith im Jahre 1761 von fünf verschiedenen Beobachtern achtzehn Mal gesichtet; im Jahre 1764 gab es acht weitere Sichtungen durch zwei Beobachter. Das war Grund genug, die Sache ernst zu nehmen, so schwierig das Objekt auch zu beobachten sein mochte.

Und deshalb haben viele andere Astronomen in dieser Zeit ebenfalls versucht, Neith zu beobachten und genügend Daten für die Berechnung einer Umlaufbahn zu sammeln — und haben es nicht geschafft. Hier lag ein seltsames Phänomen vor. Es gab namhafte Beobachter, die durch die Veröffentlichung falscher Daten nichts mehr gewinnen konnten, und es gab viele, die diese Beobachtung nicht reproduzieren konnten. Doch die Vorstellung, dass die berichteten Beobachtungen vorsätzliche Lüge sein könnten, war schlechterdings absurd.

Die erste skeptische Stimme wurde im Jahre 1766 laut, als der Direktor der Wiener Sternwarte seine Auffassung publizierte, dass es sich um eine optische Täuschung handeln müsse, die dadurch entstehe, dass die sehr helle Venus vom Hintergrund des Auges zurück in das Teleskop reflektiert werde und so das beobachtete Doppelbild erzeuge. Andere hingegen hielten die Beobachtungen für ein reales astronomisches Objekt und ließen sich auch nicht dadurch beirren, dass die mittlerweile etwas reichlicher dokumentierten Beobachtungsdaten zu keiner Mondbahn um die Venus passen wollten.

Als es im Jahre 1768 eine weitere Beobachtung durch den dänischen Astronomen Christian Horrebow gab, kam es zu drei systematischen Suchaktionen; eine davon geleitet von William Herschel, dem Entdecker des Planeten Uranus. Alle drei mit hohem Aufwand durchgeführten Durchsuchungen des venusnahen Raumes schlugen darin fehl, irgendeinen Venusmond aufzuspüren. Neith schien nicht zu existieren.

Und dennoch wurde weiter versucht, hinter diesem Schleier zu blicken. Im Jahre 1884 beschäftigte sich der Direktor der königlichen Sternwarte zu Brüssel mit den dokumentierten Beobachtungen und schloss aus diesem Datenmaterial, dass sich der „Venusmond“ alle 1080 Tage in der Nähe der Venus beobachten ließ. Daraus zog er den Schluss, dass es sich gar nicht um einen Mond handele, sondern um einen bislang unbekannten Planeten, der die Sonne in 283 Tagen umkreise und deshalb in der beobachten Periode in Venusnähe gesehen werden könne.

Dies wurde zum Anlass, das ganze Datenmaterial noch einmal kritisch zu würdigen. 1887 veröffentlichte die belgische Akademie der Wissenschaften eine ausführliche Analyse der dokumentierten Beobachtungen und konnte in dem sehr umfangreichen Papier für jede mitgeteilte Position Neiths nachweisen, dass es sich in jedem einzelnen Fall um eine Verwechslung mit einem Fixstern gehandelt hatte.

Und. Alle Beobachter haben nur das gesehen — oder besser: in den gestirnten Himmel projiziert — was sie zu sehen erwarteten. Es handelte sich nicht einmal um die schon vermutete optische Täuschung, es war schlicht eine psychische Täuschung.

In einer richtigen Naturwissenschaft lässt sich eine solche psychische Täuschung im Nachhinein erkennen, da sämtliche mitgeteilten Daten überprüfbar sind. In so vielem anderen, was sich „Wissenschaft“ nennt, ist eine derartige Überprüfung niemals möglich — und es ist die so genannte „Wirtschaftswissenschaft“, nach deren „Erkenntnissen“ zurzeit ganze Gesellschaften umgebaut werden. Die Möglichkeit, dass auch hier nur die Erwartungen bestimmter Individuen in komplexe und letztlich unverstandene gesellschaftliche Prozesse projiziert werden, ist für mich angesichts des völligen Scheiterns sämtlicher Absichten eines solchen gesellschaftlichen Umbaues sehr wahrscheinlich. Angesichts des manifesten Unglücks, dass auf diese Weise in das Leben so vieler Menschen gedrungen ist, ist es jetzt höchste Zeit, die Behauptungen anhand von Fakten zu überprüfen und den als Wissenschaft getarnten Wahnsinn zu stoppen.

Aus der Verwesung geboren

Und der Verwesung blauer Glorienschein
Entzündet sich auf unserm Angesicht.
Ein Ratte hopst auf nacktem Zehenbein,
Komm nur, wir stören deinen Hunger nicht.

Georg Heym, Die Morgue

Ein Landwirt hat einmal die Frage eines etwas arroganten Gastes aus der Stadt zum Tischgebet, ob denn hier alle vor dem Essen beten würden, mit Witz und verblüffend halber Einsicht beantwortet, indem er sagte: „Nein, nicht alle. Das Vieh betet natürlich nicht. Aber die Menschen hier, die bedanken sich bei ihrem Schöpfer.“

Es gibt offensichtlich keine Kühe, die sich ein kuhförmiges metaphysisches Wesen voll der Allmacht und der Ewigkeit vorstellten, das auf einer immergrünen Weide Ewigsaft von dienstbaren geflügelten Kühen umgeben wäre. Und. Das aus nicht näher verständlichen Gründen ein ganzes Universum gemacht hätte und in seinem Lauf erhielte, nur, um darin ein paar Kühe als Abbilder seiner selbst existieren zu lassen, für welche diese heilige, wiederkäuende Großkuh einen sonst recht unsichtbaren Plan voller Heil verfolgte. Um eine derartige Vorstellung zu entwickeln und diese auch mit ständiger Umdeutung der Erfahrungen gegen die konkreten Entbehrungen des Daseins abzusichern, bedarf es eines psychisch-mentalen Prozesses, der Kühen und anderen Tieren fehlt, der nur dem Menschen zueigen ist. Es ist dies der gleiche psychisch-mentale Prozess, der dem Menschen neben der lebenspraktisch so bedeutsamen Einsicht in komplexe Zusammenhänge die wenig erfreuliche Einsicht in die eigene Sterblichkeit gewährt.

Die menschliche Tätigkeit der Religion (und zwar jeder Religion) zeigt sich schon bei oberflächlicher Betrachtung als eine Form der Todesabwehr. Sie ist eine intellektuelle Retardierung, die das Ziel verfolgt, die Kraft der tieferen Einsichtsmöglichkeit im Leben zu erhalten, sie aber dennoch angesichts des völlig unerwünschten und doch für die Einsicht offensichtlichen Endes des Lebens zu beschränken. Aus dieser psychischen Ausrichtung der Religion kommt auch das manifest Todeszentrierte aller religiösen Systeme — und ihre Feindseligkeit gegenüber dem Leben und der damit verbundenen Lust.