Tag Archive: Benutzerschnittstelle


Microsoft BOB

Microsoft BOB aus dem Jahr 1995 ist ein interessanter (und völlig gescheiterter) Versuch, den Computer „benutzerfreundlicher“ zu machen, indem eine Benutzerschnittstelle geschaffen wird, die alle Arbeiten trivialisiert. Es war dem Anwender möglich, Briefe zu schreiben (und natürlich auch zu drucken), E-Mail (über einen kostenpflichtigen Dienst, der nicht mehr existiert) zu versenden und zu empfangen, seine Termine, Finanzen und Haushaltsangelegenheiten zu verwalten und ein mitgeliefertes Geografie-Quiz zu spielen. Bei alledem musste er nichts vom Dateisystem oder dem darunterliegenden Computer verstehen.

BOB ist eine 16-Bit-Windowsanwendung, die als Standarddesktop anstelle von Windows 95 ode Windows 3.1 verwendet werden konnte. Auch technisch wurde bei der Gestaltung des Desktops Neuland betreten, denn die gesamte graphische Darstellung ist mit Vektorgrafiken realisiert und kann sich somit an jede Bildschirmauflösung anpassen.

Weil die Jüngeren gar nichts mehr davon zu wissen scheinen, habe ich ein Video einer BOB-Sitzung angefertigt. Von den BOB-Anwendungen zeige ich allerdings nur die Textverarbeitung, den Kalender, das Adressbuch und das Geografie-Quiz. Auf der anderen Seite lasse ich kaum eine der vielen „Spielereien“ in BOB aus und zeige, wie man Assistenten und Räume wechselt oder die Einrichtung eines Raumes bearbeitet; zwei Dinge, die für die Anwendungen völlig unerheblich sind.

Auch, wenn heute rückblickend ein anderer Eindruck entsteht: BOB richtete sich nicht in erster Linie an Kinder oder Idioten. Bedient werden sollten damit Heimanwender, während sich die parallel laufende Entwicklung von Windows 95 an professionellere Anwender richtete. (Nein, das ist kein Witz, das ist Microsoft.) Die BOB-Anwendungen sind für einen exquisit häuslichen Kontext gemacht, und die gesamte Umgebung sollte offenbar eine gewisse „Gemütlichkeit“ ausstrahlen.

Microsoft BOB wurde ein völliger Fehlschlag. Es wurde einfach nicht gekauft. Auch die Heimanwender bevorzugten das nahezu zeitgleich erscheinende „professionelle“ Windows 95, das ihre Computernutzung nicht durch gnadenlose Trivialisierung einschränkte. Während die Menschen wegen Windows 95 Schlange vor den Fachgeschäften standen, blieb das Paket mit Microsoft BOB wie Blei in den Regalen liegen. Es gab meines Wissens nicht einmal eine deutsche Übersetzung, so grandios war die Ablehnung durch die Menschen, die es eigentlich kaufen sollten. Angesichts der Tatsache, dass der Entwicklungsaufwand für diese GUI monströs und auch recht teuer gewesen sein muss, war es vermutlich der bislang größte geschäftliche Fehlschlag für Microsoft — da half es auch nicht, dass einige Elemente aus BOB später etwas gezwungen und gewaltsam in anderen Microsoft-Anwendungen zweitverwertet wurden, etwa die Assistenten. Ganz im Gegenteil, auch Karl Klammer hat es nicht zu wirklicher Beliebtheit bei Computernutzern gebracht, und wer regelmäßig mit MS Office arbeiten musste, vermisste die Tötungssequenzen für das nervige, vorlaute Stück Draht, das so oft die Aufmerksamkeit von der eigentlichen Arbeit abzog.

Mir persönlich kommt Windows 8 wie das Microsoft BOB der Zehner Jahre vor. Auch hier wurde eine Benutzerschnittstelle geschaffen, die viele Tätigkeiten am Computer trivialisieren soll und Menschen mit einem Minimum an Erfahrung einfach nur nervt. Obwohl Microsoft zumindest aus dem BOB-Fehlschlag gelernt zu haben scheint und deshalb auch noch einen konventionelleren Desktop für „richtige“ Anwendungen anbietet, scheint mir dieses Nebeneinander zweier semantisch inkompatibler Konzepte — einer einfachen Wisch-App-Schnittstelle und einem als App innerhalb dieser Schnittstelle realisierten Desktop — wegen seiner Missverständlichkeit und mentalen Schwergängigkeit zum Scheitern verurteilt. Dass das neue Verfahren zum Programmstart über die „Modern UI“ ohne technische Not als alternativlos präsentiert wird (man beachte: Windows 95 kam noch mit dem alten Programmmanager neben dem neuen Startmenü!), fügt diesen Problemen noch einen Eindruck von Verachtung und mutwilliger Verärgerung der Nutzer hinzu. Ich prophezeihe als ganz schlechter Prophet, dass BOB spätestens im nächsten Jahr als das dann zweitgrößte Desaster aus dem Hause Microsoft feststehen wird…

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Das falsche Rechtschreibtraining

Ich ertappe mich dabei, dass ich die interaktive Rechtschreibprüfung in modernen Programmen standardmäßig ausschalte und lieber diese paar Fehler in Kauf nehme, die ich zwar mache, aber auch beim dritten Überlesen nicht sehe. (Wenn ich sehr sorgfältig bin, lasse ich die Rechtschreibprüfung am Ende einmal über den gesamten Text gehen, doch in der Regel erspare ich mir diese Sorgfalt, wenn ich fürs Internet schreibe.)

Das liegt an der Kombination, wie ich auf Papier zu arbeiten pflege und wie die Rechtschreibprüfung seit knapp einem Jahrzehnt dem Benutzer präsentiert wird. Wenn ich auf Papier schreibe (was selten geworden ist) und ein Wort oder eine Passage rot unterstreiche, denn markiere ich damit für mich selbst, dass es sich um eine wichtige, zentrale Stelle im Text handelt, die ich später, wenn mir der Text schon ein wenig fremd geworden ist, auch querlesend schnell wiederfinden möchte. Es handelt sich um diejenigen Teile des Textes, die ich mir, wenn ich das Thema darlegen möchte, besonders einzuprägen habe. Kurz: Ich unterstreiche das sicher Richtige und Wichtige rot. Die Rechtschreibprüfung macht es hingegen genau umgekehrt. Sie markiert in roter Signalfarbe, was falsch oder fragwürdig ist, und sie zieht auf diese Weise die Aufmerksamkeit noch während des Schreibens auf das Falsche und Fragwürdige, damit ich mich auch ja nicht auf das Richtige und Wahre konzentrieren kann. Ja, in gewisser Weise trainiert sie mich auf das Falsche und Fragwürdige, wenn auch nicht auf inhaltlicher Ebene, sondern durch den im Hintergrunde laufenden, mechanischen Abgleich mit einem Wörterbuch voller genormter Schreibungen, indem sie mir den Text so präsentiert, als handele es sich bei den Abweichungen von dieser Normung um das Wichtige. Sie ist wie ein pedantischer, unentwegt in den Prozess des Schreibens ätzender Lehrer, den ich mir verinnerlichen soll, um auch immer auf die Einhaltung der genormten Schreibweise zu achten und meine Aufmerksamkeit auf die Fehler zu richten, die ich dabei mache, damit ich mir diese Fehler gut einpräge. Gar nicht klar kommt so eine Rechtschreibprüfung mit meiner Neigung, beim schnellen Schreiben alle Wortendungen wegzulassen, um die Sätze in einer stark flektierenden Sprache wie der deutschen leichter umstellen zu können, ohne dabei jedes Mal drei Wörter bearbeiten zu müssen — ein Arbeitsweise, die übrigens völlig klar macht, dass der Sinn weder in der Grammatik noch in der Rechtschreibung sitzt, sondern im geäußerten Gedanken. (Der Stil sitzt hingegen sehr wohl in der Form, wie die sprachwirkliche deutsche Aussage „Klappe oder ich mach dich Messer“ zeigt.)

Zumindest für mich ist die moderne Form der Rechtschreibprüfung ein Beispiel einer schlecht entworfenen Benutzerschnittstelle, die das genaue Gegenteil der beabsichtigten Funktion bewirkt, und ich glaube, dass das auch vielen anderen Menschen so geht. Psychologisch ist die Hervorhebung von Fehlern einfach ein Fehlgriff, der zu einer ungünstigen Konditionierung führt. Ich gehe davon aus, dass ein guter Teil der wachsenden Inkompetenz in Rechtschreibfragen auf diese schlecht entworfene Benutzerschnittstelle zurückzuführen ist; darin bin ich zwar nicht allein, aber ich habe völlig andere Gründe für diese Annahme. Es ist nicht so, dass es zur Nachlässigkeit führt, wenn man sich auf die Dienste eines Abgleichs mit einem Wörterbuch verlässt, sondern es ist so, dass die gegenwärtige Benutzerpräsentation der Rechtschreibprüfung dazu führt, dass man sich auf seine Fehler konzentrieren muss und sich so erst die Fehler richtig einprägt. Vermutlich könnten viele Menschen ihre (übrigens für den Sinngehalt des Geschriebenen unwichtige) Fähigkeit in der deutschen Rechtschreibung verbessern, indem sie — wie ich — die interaktive rote Unterkringelung der Fehler abschalten und am Ende ihres Schreibens, wenn sie sich darauf konzentriert haben, ihren Gedanken in Wort und Form zu bringen, einmal die Rechtschreibung des gesamten Textes überprüfen lassen. Denn das. Kann auch weiterhin eine große Hilfe im Dschungel der barocken Unlogik der deutschen Schriftsprache sein.

Die deutschsprachige Wikipedia

Mit unabweislicher Macht drängt sich Ihnen auf, durch welche Entwicklungen, Verdrängungen, Sublimierungen und Reaktionsbildungen aus dem ganz anders beanlagten Kind der sogenannt normale Mensch, der Träger und zum Teil das Opfer der mühsam errungenen Kultur, hervorgeht.

Sigmund Freud, Fünf Vorlesungen

Sinnlosigkeit — Ich habe länger darüber nachgedacht, ob ich zum jetzt — dank Fefe — erstmals in ein breiteres Bewusstsein gelangten Löschwahnsinn in der deutschsprachigen Wikipedia* noch einen vernünftigen Text schreiben will. Der selbstbezügliche Irrsinn, der sich in der deutschsprachigen Wikipedia breit gemacht hat, lässt die Vernunft als Verschwendung erscheinen und macht für den, der nicht schweigen will, die ätzende Ironie zum angemessenen und einzig ökonomisch vertretbaren Mittel der Mitteilung. Für die gegenwärtig tonangebenden Kräfte in der deutschsprachigen Wikipedia brauche ich nichts zu schreiben, diese haben an sich selbst offenbar genug und sind längst schon bereit, ohne die völlig irrelevante Außenwelt weiterzumachen. Irgendeine Stellungnahme zum Gegeneinander so genannter „Exklusionisten“ und so genannter „Inklusionisten“ und ihrer Argumentationen, zum Sinn und Unsinn der so genannten „Relevanzkriterien“ oder zum gleichermaßen elitären wie prolligen Umgangston einiger engagierter Wikipedianer betritt eine geistige und geistlose Parallelwelt, die den meisten Menschen zumglück ferner liegt als die erdabgewandte Seite des Mondes — einzig die verursachten Tiden dieses steinkalten Fernkörpers, die hinweggespülten und vernichteten Inhalte, sie werden schmerzlich bemerkt. Wie es sich für eine richtige Parallelgesellschaft gehört, wird innerhalb der deutschsprachigen Wikipedia auch nicht für gültig befunden, was außerhalb ihrer Kreise einen festen Platz im Wertekanon vieler Menschen hat; wem etwas nicht passt, der soll sich gefälligst zur Mitteilung seines Missmutes ausgerechnet in jenes intellektuelle Ghetto begeben, in dem das Ärgernis seinen Ausgang nimmt; ganz so, als ob Menschen gern in eine schlagene Faust rennten. Der Zustand lässt sich zwar noch mit Worten beschreiben, aber die darin verfangenen Menschen lassen sich nicht mehr durch Worte erreichen. Dieser ganze Text ist sinnlos und nur meinem Bedürfnis nach seelischer Hygiene geschuldet, und eben darin ist dieser Text auch ein Spiegelbild der deutschsprachigen Wikipedia. Wo der alltägliche Wahnsinn nicht mehr als pathologisch und als etwas zu Überwindendes erachtet wird, sondern längst ein Halt des Lebens geworden ist — und auch gemäßigtere Menschen in der deutschsprachigen Wikipedia erwecken durchaus diesen Eindruck — da findet die Kommunikation und das Miteinander ein graues, gruftkaltes, ein gruseliges Ende. Was verbleibt. Ist der seelengrimme Frost.

Index — Was vielen Beteiligten gar nicht recht klar zu sein scheint, ist die Tatsache, dass Menschen der Hilfsmittel bedürfen, um in der Vielfalt des Wissens, der Einfalt des Halbwissens und im psychologischen Treibsand des Unfugs im Internet und in den etablierten, zentral organisierten Medien eine Möglichkeit zur eigenen, hoffentlich vernünftig erworbenen Orientierung zu finden. Unter unzähligen Millionen Websites von sehr schwankender Qualität ist es hoffnungslos schwierig, ohne Hilfsmittel fündig zu werden. Ein frühes derartiges Hilfsmittel sind die diversen Suchmaschinen gewesen, deren Schwächen wohl jeder kennt, der einmal mit ihrer Hilfe nach Informationen (und nicht nach dem massenhaft hervorgespülten Halbwissen, der Werbung oder dem ganz wirrem Zeug) gesucht hat. Mittlerweile hat Google eine gewisse Monopolstellung unter den Anbietern einer Internet-Suche, die nicht darin begründet ist, dass Google diese Aufgabe besonders gut löst, sondern darin, dass Google zu einer gewissen, sehr entscheidenen Zeit diese Aufgabe weniger schlecht als die anderen damals verfügbaren Angebote gelöst hat. (Das lag übrigens auch an der vorbildlichen, selbst für Laien sofort durchschaubaren Benutzerschnittstelle und keineswegs nur an der hohen Qualität der Sortierung der Suchergebnisse. Die Benutzerschnittstelle ist auch ein Wikipedia-Thema, und die gegenwärtige Gestaltung derselben ein technisches Spiegelbild der elitären Abschottung ihrer Macher.) Als Monopolist ist Google so etwas wie ein Index für das Internet geworden, die Anlaufstelle, bei welcher die Menschen etwas nachzuschlagen suchen und zu finden hoffen. Wer oder was in Google nicht existiert, hat keine wirkmächtige Existenz im Internet, entschwindet in die völlige Unbeachtlichkeit. Diese Indexfunktion der Google-Suche für das Internet weckt allerlei Begehrlichkeiten nach Manipulation und Zensur und damit nach Kontrolle über das für Menschen zugreifbare Wissen, und leider erweist sich Google gegenüber staatlichen Zensurbestrebungen als nicht besonders widerstandswillig. (Wenigstens geht Google ein wenig gegen jene Form der Manipulation vor, die sich hinter dem Kürzel SEO versteckt, aber in Wirklichkeit eine zunächst auf Suchmaschinen gerichtete Form der Spamseuche ist, die ihre Wirkung bei den Menschen auf diesem Wege mittelbar zu erreichen trachtet.) In etwas schwächerer, aber immer noch sehr bedeutsamer Weise dient auch die Wikipedia vielen Menschen als ein Index für das Internet, da sich zu jedem Thema Quellen und auch weiter führende Links finden — und was in der Wikipedia nicht existiert, verliert auch an Existenz im Internet. Auf diesem Hintergrund sind Löschungen eine Form der Gewalt, die zwar durchaus angemessen sein kann, aber vernünftig und weise begründet sein will, zumal, wenn dabei wie im Falle des MOGIS ein deutlicher und kaum abzustreifender Eindruck entsteht, dass die in der Löschdiskussion vorgeschobenen „Argumente“ nur eine politische Absicht verbergen sollten.

Internet (Eins) — Wenn ein Internet-Angebot aufgebaut wird, das von einer Gemeinschaft im Internet über eine Internet-Schnittstelle gepflegt und durchdiskutiert wird und innerhalb der „Relevanzkriterien“ dieses Angebotes so getan wird, als handele es sich beim Internet um ein größtenteils unbeachtliches, für jede Informationsgewinnung unbrauchbares Etwas, denn ist dies ein unfreiwilliger Witz, der eines dadaistischen, an den Zen-Buddhismus gemahnenden Humores nicht entbehrt — und dass dieser Witz sich selbst dermaßen ernst nimmt, verstärkt noch seine komische Wirkung. Es ist doch recht schade, dass die Witzfiguren so wenig über sich selbst lachen können.

Internet (Zwei) — Was das Internet trotz seiner vielen rauen Kanten zum medialen Erfolgsmodell gemacht hat, ist seine technische Struktur, die in besonderer Weise geeignet ist, den Menschen und Nutzern des Internet zu dienen. Es ist ein dezentrales Netzwerk prinzipiell gleich berechtigter Computer, das gut geeignet ist, den Menschen zu dienen. Diese technische Struktur ist an sich revolutionär, sie ist das völlig Neue, bislang nicht Dagewesene — und es liegt in der Verantwortung der Menschen, von diesen neuen Möglichkeiten weisen Gebrauch zu machen, um sich aus ihrer Ohnmacht zu befreien. Der Mangel an zentralen Strukturen macht es schwierig, das Internet als ganzes zu manipulieren, um staatliche, religiös begründete oder wirtschaftlich motivierte Zensurwünsche durchzusetzen. In der Berichterstattung der etablierten Medien über das Internet wird dieser eine Aspekt regelmäßig gar nicht beachtet; er wird wohl auch gern von dieser Seite verdrängt, weil er die historisch gewachsene Relevanz der Meinungs- und Deutungshoheit eines Oligopols im Besitze einer Kopierinfrastruktur für Information anknabbert und damit eine Gefährdung für das Geschäft dieses Oligopoles ist. Bisherige Zensurversuche setzen dort an, wo der Zugang zur Information im Internet noch an relativ zentrale und damit durch Macht kontrollierbare Institutionen gebunden ist; sei es bei den Zugangs- und Hostingprovidern, beim DNS oder bei jenen Strukturen, die dem Nutznießer des Internet einen Index des Wissens zur Verfügung stellen, also die Suchmaschinen und. Auch Wikipedia als ein hinzugewachsener Index zum Internet. Übrigens sind alle Versuche, im Internet ein Geschäft zu errichten, Versuche, viele Menschen im Internet an kontrollierbare, zentral organisierte Dienste zu binden und das ganze so genannte „Web Zwo Null“ als Versuch des Marketings mit seinen bunten Müllhalden für die Analphabeten des Internet zeigt sich dem Betrachter als ein solches Unterfangen, und bei solcher Betrachtung zeigt sich auch das kommende Scheitern dieser am Wesen des Netzes vorbeigehenden Ideen. Jede zentrale Struktur ist für das eigentliche Internet als dezentrale Kopiermaschine für Information prinzipiell entbehrlich, und dort, wo die Menschen dies bemerken und nutzen, etwa beim Filesharing, erleidet die bisherige Content- und Kopierindustrie ihre gefürchtesten Kontrollverluste und demaskiert sich in ihrer — technisch idiotischen, aber psychologisch verständlichen — Abwehrhaltung gegen diese Kontrollverluste als restriktiv und gemeinfeindlich. Tatsächlich ist auch Wikipedia eine zentrale Struktur, an der sich scheinbare Macht bindet, die manchen Beteiligten nicht gut zu bekommen scheint, wie man an ihrem politbürohaften Gehabe sehen kann, in dem sie ideologisch motivierte Zensur mit fadenscheinigen Begründungen durchsetzen. Viele der jüngeren Entgleisungen in der deutschsprachigen Wikipedia legen davon ein deutliches Zeugnis ab, und der arrogante Unwille der Gestalter der deutschsprachigen Wikipedia, die äußeren Reaktionen im Internet auch nur wahr- und ernstzunehmen, macht deutlich, dass man sich die eigenen Platz an einer unnatürlich zentralen Struktur schon sehr verinnerlicht hat, dass man bereits ein Parallelnetz zum Internet geworden ist. Für ein Printmedium oder eine Rundfunkanstalt mit einer starken Wirksamkeit außerhalb des Netzes wäre eine solche Haltung noch verständlich, für eine Struktur, die keine Existenz außerhalb des Internet hat, ist diese Haltung unfassbar dumm. Sie ist ein Sägen am Aste, auf dem man sitzt.

Internet (Drei) — Wenn es jemals ein Internet jenseits der Wüsten des „Web Zwo Null“ und irgendwelcher virtueller Versandhauskataloge geben wird, wenn es ein technisches Netzwerk bleiben soll, das über das Potenzial verfügt, Menschen zusammenzubringen, denn wird dieses Internet frei von zentralen und allzu leicht manipulierbaren Strukturen sein, und es wird durch starke Verschlüsselung und auf der Basis realen, menschlichen Vertrauens gegen manipulative Begehrlichkeiten und die alles erstickende Seuche der Spam geschützt werden. Die technischen Grundlagen für einen solchen Aufbau sind längst vorhanden, sie könnten mit einem wenig Mühe für ein alternatives, dezentrales System der Namensauflösung, der Suche oder — deutlich schwieriger in der technischen Umsetzung, aber nicht unmöglich — einer verteilten, kollektiv erstellten Datenbank des Weltwissens verwendet werden. Es ist schon jetzt so gut wie sicher, dass ein derartiger, von zentralen Strukturen befreiter Aufbau des Internet unterdrückt und kriminalisiert werden würde, da er wirtschaftliche und politische Kontrolle erschwerte — einen Vorgeschmack der kommenden gesellschaftlichen Kämpfe haben wir bereits jetzt, er zergeht auch dort bitter auf der Zunge, wo gesellschaftlich durchaus bedeutsame Lemmata wie „MOGIS“ und „Schäublone“ aus der deutschsprachigen Wikipedia gelöscht werden, während die Vertreter jener Wikipedia gern öffentlich und in der Geste des selbstlosen Wohltäters davon sprechen, dass sie das große Werk doch nur von Schmiereien wie „Karl ist schwul“ befreiten. (Das sie solch geistlose Dinge regelmäßig tun müssen, glaube ich ihnen unbenommen; die Dummheit der Canaille Mensch scheint unendlich.) Der Kindergarten der Parallelwelt Wikipedia spiegelt hier bereits die zukünftige Parallelwelt der classe politique wider.

Benutzerschnittstelle — Der Technik hat die Aufgabe beschieden zu sein, den Menschen zu dienen; und. Es sollte niemals umgekehrt sein! Wer die Benutzerschnittstelle einer Software so gestaltet, dass sie den Menschen nicht durchlässt, der setzt darin einen Schwerpunkt, der zu denken geben sollte. Auch. Über die Frage, was es wohl für ein Schlag von Menschen sein wird, der mit einer solchen Zumutung zu arbeiten und zu leben bereit ist und welche Menschen wohl aus welchen Gründen von einer solchen Zumutung abgeschreckt werden, obwohl ihnen ein „Sei mutig“ zugerufen wird, damit sie schon vorher eine Ahnung von den erforderlichen Kämpfen bekommen. Wenn eine derartige Software sogar zur wichtigsten Grundlage einer Gemeinschaft von Menschen wird, die mittels dieser Software an einem großen, gemeinsamen Projekt zu arbeiten gedenken, denn stellt sich die nächste Frage, welche Strukturen des menschlichen Miteinanders durch diese Software gefördert werden, und welche Strukturen des menschlichen Miteinanders von dieser Software unterbunden werden — vieles von der apparathaften Kälte in der deutschsprachigen Wikipedia erklärt sich auch aus der verwendeten Software. Das Mit-Ein-Ander der Menschen ist schwierig genug, es sollte nicht unnötig technisch erschwert werden. Wo dies dennoch geschieht, erweckt die verwendete Technik den Eindruck der Absicht.

S/M — Wer einmal am eigenen Leibe erfahren möchte, wie geisteskrank die deutschsprachige Wikipedia wirklich geworden ist, braucht hierzu nur eines zu probieren: Als Neuling der Wikipedia etwas zu einem Thema schreiben, in dem er wirkliche Kenntnisse hat. Die kalte, technokratisch aus Textbausteinen zusammengesetzte Form, in der anschließend von einem meist fachfremden Menschen „begründet“ wird, warum dieser Beitrag wieder aus der deutschsprachigen Wikipedia entfernt und die mit dem Schreiben verbundene Mühe entwertet wird, sie ist bestenfalls für Masochisten ein Ansporn, weiter zur Wikipedia beizutragen; ein Mensch ohne derartige Neigungen, aber mit einem Einblick in die Beschränktheit seiner Lebenszeit und Kraft wird auf diesen idiotischen virtuellen Ringkampf mit aufgeblähten Giganten gern verzichten. Jene „Giganten“ aber, sie sind ja selbst einmal durch diese intellektuell phrenophile Schule der Disziplinierung und Demütigung gegangen, sie leiten aus dem einst Erlittenen den Anspruch ab, sich ihrerseits als geistige Zuchtmeister aufführen zu können. Die Parallelgesellschaft der deutschsprachigen Wikipedia hat als überpersonaler Prozess ein sadomasochistisches Gepräge, das mit einer starken psychischen Kraft zum Selbsterhalt ausgestattet ist. So lange dieser Prozess nicht bewusst wird — und jedes Bewusstsein wird mit zurzeit aller Kraft abgewehrt — wird sich an dieser Krankheit namens Wikipedia nichts verändern, bestenfalls werden die augenfälligsten und grellsten Symptome der kollektiven Krankheit mit einigen neuen Formalien verziert und damit wieder der Verdrängung durch Rationalisierung zugänglich gemacht. Wer nicht gerade den Namen Sisyphos trägt oder mit einer besonderen Leidenslust ausgestattet ist, wird seine begrenzte Energie in sinnvolleren Kämpfen als im internen Theater der deutschsprachigen Wikipedia zu verwenden wissen.

Plonk — Erfreulich ists, dass es ein großes und buntes Internet jenseits der Wikipedia gibt und dass niemand gezwungen ist, seinem Dasein diese Krankheit hinzuzufügen oder ihre Ausbreitung sogar noch zu fördern. Auch Geld ist eine beschränkte Resource, und selbst ein Euro ist zu viel für die Wischopedia.

* Ich schreibe etwas umständlich „deutschsprachige Wikipedia“, weil ich nicht der Meinung bin, dass die Menschen deutscher Zunge in Östereich, der Schweiz, Norditalien, Belgien und im südlichen Dänemark als Deutsche betrachtet werden wollen oder sollten — vor allem auf dem Hintergrund der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts wäre das ein Problem. Der deutsche Sprach- und Kulturraum ist nun einmal nicht an nationale Grenzen gebunden, und dass es an einem griffigen, von nationalen Grenzen befreiten Adjektiv zur Beschreibung dieser Tatsache fehlt, spiegelt wider, dass es viel zu wenig allgemeines Bewusstsein für diesen Sachverhalt gibt. Der vereinsmeierische Unfug, der zurzeit die deutschsprachige Wikipedia zu ersticken droht, ist allerdings typisch deutsch und trägt leider auch außerhalb der Wikipedia seine Blüten.