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Bayern

„In diesem Bayern, in dem ‚psychisch kranke‘ Menschen demnächst ohne medizinischen Grund in einer menschenrechtsfreien Zone beliebig ihrer Freiheiten werden dürfen“, sagte der Vorübergehende zu seinem Zeitgenossen, „da ist doch auch Gustl Mollath mit seinem angeblichen ‚Schwarzgeldkomplex‘ zuhause, dem von der bayerischen Justiz beinahe ein Jahrzehnt seines Lebens geraubt wurde. Die Menschen vergessen so schnell im Strom der neueren Neuigkeiten“.

Die „grüne“ Gesundheitsideologie*

Der Zerfall der deutschen Gesellschaft nach dem Vertrag von Versailles erzeugte einen fruchtbaren Boden für die Ideen der rassischen Reinheit, körperlichen Stärke und Schönheit und auch für eine „natürliche“ Lebensweise. Wie Robert Proctor in seinem Buch „Racial Hygiene: Medicine under the Nazis“ beschreibt, kam es in den frühen Tagen des nationalsozialistischen Deutschland zu einem Wiedererstarken der romantischen Gesundheitsideale. Was Deutschland benötigte, war eine „neue germanische Wissenschaft des Heilens“. Todesfälle durch Herzkrankheiten und Krebs wurden als Beweis für das Versagen der orthodoxen „jüdischen“ Medizin betrachtet. Eine „natürliche“ Ernährungsform, beispielsweise Vollkornbrot, wurde zur Vorbeugung verbreiteter Krankheiten empfohlen.

Alkohol und Tabak wurden als „rassische Gifte“ oder „genetische Gifte“ beschrieben. Gesund zu sein war eine Pflicht für jeden verantwortlichen deutschen Bürger. Eine Gesundheitsbroschüre aus dem Jahr 1938 erklärte folgendes: „Gesund zu sein und gesund zu bleiben ist nicht einfach ihre private Angelegenheit, gesund zu sein ist ihre Pflicht“. Die „grüne“ Bewegung enthält die Saat eines neuen Totalitarismus, aber das macht sie noch nicht „braun“. Die Existenz dieser totalitären Saat zeigt vielmehr, dass der Irrationalismus wieder unterwegs ist, und dass der Ruf „Zurück zur Natur“ wieder durch „nicht so grüne“ Politiker missbraucht und zu einem totalitären Ausgang gebracht werden kann.

Petr Skrabanek, The Death of Humane Medicine and the Rise of Coercive Healthism, 1994

*Den juckvoll reizenden englischen Begriff „Green Healthism“ des Autors kann ich leider nicht halb so hübsch ins Deutsche tragen…