Tag Archive: Aufklärung


Alles ist falsch!

Ursache — Der große Erfolg, den gewisse Geschäftemacher mit ihren meist haltlosen Geschichtchen einer gewaltigen Verschwörung des gesamten etablierten Wissenschaftsbetriebes haben; die große Bereitschaft vieler Menschen, Bücher und Filme zu kaufen und Websites zu besuchen, in denen mit teils hanebüchener Argumentation und viel wissenschaftlicher Mimikry in der Wortwahl postuliert wird, dass die Gesamtheit der scheinbar so gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnis fehlerhaft ist, sie spiegelt vor allem eines wider: Dass trotz des gewaltigen zivilisatorischen Fortschrittes in der Erkenntnis des Weltgefüges die Mehrzahl der Menschen von den Früchten dieses Prozesses ferngehalten werden; dass ein überpersonaler Prozess weiterläuft, der einen erheblichen Anteil der Menschheit mit kalter Hand seiner Lebensmöglichkeiten beraubt, und dass der wissenschaftliche Betrieb längst zum Arm geworden ist, an dem diese kalte Räuberhand befestigt ist, die nach dem Leben greift. Die Betroffenen dieses Raubes hören die Rede gegen die Wissenschaft gern, denn niemand mag lobpreisen, der ihn beraubt. Nicht die Wissenschaft ist falsch, sondern der Prozess, der über die Gesellschaften abläuft, ist falsch. Die Wissenschaftler freilich, sie könnten viel für ihre Ehre tun, wenn sie sich mit dem Missbrauch ihres Tuns gegen die Menschen beschäftigten und endlich aus einer Einsicht in den gesellschaftlichen Kontext ihres Wirkens handeln würden. Dies könnte auch leicht ein wichtiger Beitrag zu einer — mittlerweile sehr not-wendigen — neuen Aufklärung werden.

Diskussion — Der Versuch, mit an den Verstand und die Einsicht gerichteten Argumenten einen geübten Prediger der Irrationalität in den auf Massenmarkt und damit auf Unterhaltung zugeschnittenen Medien zu widerlegen, ist zum Scheitern verurteilt. Diese Leute, wo sie einen hübschen Reibach mit ihrem gefährlichen Unfug machen, sie sind sehr darin geübt, eine gute Show abzugeben, und in den lichtschnellen Flutschmedien des Rundfunks „gewinnt“ nicht die Vernunft und die Nachvollziehbarkeit einer Darlegung, sondern nur die gute Show. (Fast) Niemand macht sich die Mühe, noch einmal eine Aufzeichnung gründlich durchzuschauen, um festzustellen, dass dort jemand einfach nur in selbstgewisser Haltung mit vielen Worten nichts gesagt hat, dass jemand, wenn er für eines seiner „Argumente“ in die Enge gedrängt wurde, sich gar nicht darum kümmerte, sondern schnell das nächste „Argument“ hervorkramte, um mit gut geübter Pose die Gesamtheit seiner „Belege“ zu präsentieren; mehr Unfug, als jede bedächtige Nüchternheit ergreifen, zusammenfalten und ablegen könnte. Dazu im Hintergrund der lärmende Applaus von Menschen, die zwar nichts verstehen, aber sich doch wenigstens in ihrem schon vorher vorhandenen, dumpfen und vorbewussten Gefühl bestärkt wurden; den Rest erledigt die gebieterische Gruppendynamik, den man unter dem Wort „Publikum“ zu fassen sucht. Eine Show treibt keinen Prozess der Einsicht voran, auch keine so genannte „Talkshow“. Besser ist es, den Unfug dort zu widerlegen, wo die Widerlegung besonnen und langsam von interessierten Menschen aufgenommen wird, auch auf die Gefahr hin, dass auf diese Weise nicht jeder Mensch erreicht wird. Insbesondere das Fernsehen ist eine Brutstätte für jede Form der Dummheit, Irrationalität, psychischen Prostitution, Geistlosigkeit und Wahnhaftigkeit; und der größte Teil der auf Papier geschmierten Journaille steht in diesen Punkten kaum nach. Wer eine neue Aufklärung will, und auf dieses Medium setzt, zeigt damit nur, dass er über sein Vorhaben ohne die äußere Wirklichkeit durchziehen will, dass er lediglich intellektuell masturbiert.

Der -ismus ist Mus — Ein wichtiger Teil der wissenschaftlichen Mimikry, mit denen irrationale Blendredner und Seelenausweider über die Substanzlosigkeit ihrer Postulate hinwegtäuschen, ist eine in ihrem Formen an den wissenschaftliche Neologismen angelehnte Kunstsprache. Sehr fein wird hier reflektiert, dass die Wissenschaftler (insbesondere in Europa, in den USA ist das Problem nicht so groß) über lange Zeit hinweg eine Parallelgesellschaft gebildet haben und sich geweigert haben, nach außen, zu den anderen Menschen, in verständlicher und lebendiger Sprache zu kommunizieren. (Stattdessen nahmen sie ihre Begriffe zu gern aus den Sprachen von Zivilisationen, die seit Jahrtausenden nicht mehr existierten, als ob das ein gutes Symbol für den Fortschritt der Erkenntnis und die Aufklärung wäre. Dabei hätte doch die röm.-kath. Religionsgemeinschaft damit mahnen müssen, dass sie über Jahrhunderte hinweg das gleiche versucht hat, ebenfalls, um mit diesem faulen Trick Privilegien zu sichern.) Was in solcher Sprache gesagt ist, sollte dann — die Dressur der Schule hats jedem eingeimpft — geglaubt, auswendig gelernt und reproduziert werden. Es ist ein köstlicher Witz, dass das auf die Wissenschaft zurückschlägt und dass auch dümmste „Argumentationen“ in derartige Sprache verpackt werden. Das Wort „Kreationismus“ klingt ja gleich ganz anders als „der Glaube daran, dass eine antike Sammlung orientalischer Legenden buchstäblich und wörtlich wahr ist“; das Wort „Spiritismus“ klingt anders als „der Glaube an Gespenster, Spuk und die Kommunikation mit Toten“; das Wort „Astrologie“ klingt andes als „der Glaube daran, dass sich die Zukunft durch Berechnung zukünftiger Konstellationen der Planeten vorausberechnen lässt und dass sich Schicksal und Charakter eines Menschen in größerer Abhängigkeit zu Millionen von Kilometern entfernten Himmelskörpern als zu seinem gesellschaftlichen und famillären Umfeld bilden“; und auch das Wort „Anthroposophie“ klingt anders als „der Glaube an die Richtigkeit eines esoterischen Weltbildes, das sich Rudolf Steiner aus Vorgaben der Theosophischen Gesellschaft der geistergläubigen Helena Petrowska Blawatski ergänzt um einige eigene Gedanken und Erfahrungen zusammengezimmert hat“. Verzichtet man in der Beschreibung auf die ganzen Ismen, Logien und Phien, mit denen der Verstand umnebelt werden soll, beginnt man mit einer Umschreibung der Inhalte hinter dieser Fassade, so wird klar, dass jedes dieser Konzepte mit dem Wort „Der Glaube“ beginnt, und dass jeder dieser angebotenen Glauben auf objektive und reproduzierbare Überprüfbarkeit verzichten soll und stattdessen auf die individuelle Bestätigung in einem allzu leicht manipulierbaren Seelenleben setzen soll. Das ist der Unterschied, und das muss jedem Menschen klar gemacht werden!

Höchste Gefahr — Die gefährlichste esoterische Pseudowissenschaft der gegenwärtigen Zeit sind die so genannten „Wirtschaftswissenschaften“, und diese Gefahr rührt daher, dass sie für echte Wissenschaften gehalten werden. (Es wird sogar ein angeblicher „Nobelpreis“ dafür verliehen, den Alfred Nobel weder gewollt noch gestiftet hat, damit die Hohenpriester dieses Kultes auch in Ansehen kommen, trotz allen offensichtlichen Versagens und aller mordgrimmen Kälte in Ansehen.) Verglichen mit dem Leergeschwafel dieser faulen Zauberer stand sogar die esoterische Alchimie des Mittelalters auf festem Boden, ging sie doch immerhin noch von der beobachtbaren und reproduzierbaren Umwandelbarkeit chemischer Stoffe aus und hatte damit Wurzeln in der materiellen Tatsächlichkeit des Kosmos. Ausgerechnet auf Grundlage dieser illusionären Unwissenschaft, die sich eine Wissenschaft der Wirtschaft nennt, aber in Wirklichkeit nur eine moderne Formulierung eines babylonisch kabbalaistischen Voodoo Vorhöllenspuk Zaubers ist, ausgerechnet auf der Grundlage dieses herz- und hirnfaulen Hokuspokus sollen ganze Gesellschaften umgebaut werden. Mit Verlaub, ich liebe meine Freiheit, aber da ist mir selbst der Islam lieber.

Ausfall — Die letzte Aussage bitte nicht zitieren und gegen mich verwenden, wenn es einmal darauf ankommt… 😉

Alles ist falsch — Es ist nicht möglich, gegen die neueren Forderungen der Irrationalität anzugehen, ohne dabei eine längst etablierte, allgegenwärtige und als gesellschaftliche Stütze betrachtete Form der Irrationalität zu sehen und energisch zu bekämpfen, nämlich die Irrationalität des Konsumismus. Längst sind Magie und Geisterglaube fester Bestandteil jeder Werbung, längst hat der Markenkult einen Zustand erreicht, der das aufgestempelte Amulett einer Marke für wichtiger und preiswürdiger hält als das damit bestempelte, oft minderqualitative Produkt, längst sind Menschen auch bereit, sich für diesen Unsinn völlig aufzuopfern. Diese neue Religion ist überall Staatsreligion geworden, die Banker sind ihre Priester, der Kult frisst mehr Opfer als alle glühendheißen Moloche des alten Orients. Wer einen Eindruck von der tiefen Magie und der direkten Kontinuität auch noch der irrwitzigsten religiösen Wahnvorstellungen in der Werbung bekommen möchte, der schaue sich (am besten aufgezeichnet und beim Abspielen auf 25 Prozent verlangsamt, um nicht vom Tempo der Darbietung überrumpelt zu werden) die Autowerbung im Fernsehen an.

Keine Toleranz — Es kann nicht die geringste Toleranz gegenüber irrationalen, auf bullshit beruhenden gesellschaftlichen Forderungen erbracht werden, so klein und lächerlich diese Forderungen auch wirken mögen. Der Unfug ist wie ein Gift; in kleinen Dosen schadet er nicht, kann sogar ein bisschen anregend sein — aber in großen Dosen ist er tödlich. Dieses Gift hat allerdings die Eigenschaft, sich zu vermehren, wenn es nicht bekämpft wird, beinahe so, als sei es ein Virus. Am Ende des gesellschaftlichen Anspruches der „Kreationisten“ stehen Scheiterhaufen, Todesstrafen für Homosexuelle und „Gotteslästerer“ und „Heilige Kriege“ gegen die „Ungläubigen“. (Wer das hart formuliert findet, der verfolge bitte die Entwicklung in Uganda, dem afrikanischen Musterland der evangelikalen Christen! Hier geht Reinhard Bonnkes Saat blutig auf.) Und. Am Ende des gesellschaftlichen Anspruches der „Konsumisten“ steht eine Gesellschaft, die das Lebensrecht eines Menschen nur noch danach ermisst, ob er mit möglichst seinem ganzen Leben Konsumgüter produziert und mit dem dabei erwirtschafteten Lohn Konsumgüter erwirbt und in Müll verwandelt; wer dies nicht tut, muss von Sozialpädagogen „nacherzogen“ (die nennen das wirklich so!) werden, und wer dies trotz solcher Maßnahmen nicht tun kann, bekommt schließlich jedes Recht auf seine Existenz entzogen, im Zweifelsfall auch durch eine Tötung, wenn die Sedierung und das Wegsperren zu unwirtschaftlich werden. Vom letzteren der beschriebenen Zustände ist die Gesellschaft in der BRD nicht mehr sehr weit entfernt, weil zu viel Toleranz gegenüber der Intoleranz herrscht.

Lochlabern — Jeder Mensch, der keinem Gespräch aus dem Wege geht, kann diese Beobachtung leicht selbst machen und bestätigen: Wenn man mit einem Anhänger einer Pseudowissenschaft, der modernen Esoterik oder einer Religion spricht und diesen Menschen auf eines der (oft zahlreichen) großen logischen Löcher in seiner „Argumentation“ hinweist, so versucht dieser Mensch, so er nur geübt genug in der Abwehr des Zweifels ist, im Folgenden ganz schnell die Aufmerksamkeit auf hunderte jener verwirrenden Kleinigkeiten seiner seltsamen Gedankengebäude zu lenken, mit denen der Außenstehende nicht mehr vertraut sein kann. Mit diesem Labern um das Loch herum erspart sich der Verblendete das Betrachten des logischen Loches, in dem seine Ideologie untergeht — und schummelt sich um seine argumentative und intellektuelle Verantwortung für dieses Loch herum. Jeder fühle sich aufgefordert, dies einmal mit einem beliebigen Mitmenschen auszuprobieren, der in einer Sekte ist, radikalen Ideologien anhängt, Esoteriker ist oder glaubt, dass die Erde regelmäßig von Außerirdischen besucht wird. Nachdem dieses irrationale „Argumentationsmuster“, dass nur auf eine Abwehr des Zweifels durch Verdrängung gerichtet ist, erst verstanden wurde, findet es sich überall. Vor allem. In jedem Interview eines Politikers und in jeder Talkshow.

Für Andreas und Thomas

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Was die Kirche fürchtet

Es ist gar viel Dummes in den Satzungen der Kirche. Aber sie will herrschen, und da muß sie eine bornierte Masse haben, die sich duckt und die geneigt ist, sich beherrschen zu lassen. Die hohe, reich dotierte Geistlichkeit fürchtet nichts mehr als die Aufklärung der unteren Massen.

Johann Wolfgang von Goethe (zu Eckermann)