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Der flüchtige Astronomiemeldungsleser

Jedesmal, wenn die astronomische Suche nach Planeten entfernter Sonnen ihre Erfolge zu Pressemeldungen verarbeitet, und der journalistische Apparat davon schreibt, dass „zweite Erden“ irgendwo in unerreichbarer Ferne gefunden wurden, denkt sich der flüchtige Leser solcher Meldungen: „Prima, da können wir die Erde hier ja verbrauchen“.

Die Bilder des Himmels

Als ich noch ein kleiner, beinahe niedlicher, aufgeweckter und neugieriger Junge war, dem man heute wegen seines von früh auf gebrochenen Wesens wohl einen milden Autismus diagnostizieren würde, um ihn zu pathologisieren und in seiner Persönlichkeit zu drücken und zu brechen, da habe ich ein starkes Streben verspürt, meinem von Armut, Bildungsferne, Alkoholismus und dummer Kriminalität geprägten Umfeld zu entkommen, und ich wusste, dass es mir nur mit Wissen und Vernunft gelingen könnte.

Es wurde mir nicht leicht gemacht. Man landete damals zwar auf dem Mond und sandte Sonden zu den äußeren Planeten des Sonnensystemes, und die populäre Vision einer besseren Zukunft war erfüllt von der Idee des technischen Fortschrittes, insbesondere in der Raumfahrt, aber die heutige Wissensmaschine des Internet und die befreiende Kraft mühelos zugänglichen Wissens schien in keinem dieser scheinbar so fantasievollen Gedanken jemals auf. Wissen war das, was in Büchern gedruckt ist — ein blinder Glaubenssatz der Aufklärung, der sich zum gesegneten Geschäft der Verleger tief in die Gehirne vieler Menschen gefressen hat und auch durch Buttlars und Dänikens geistige Diarrhoe nicht angegriffen wurde. Wie leicht doch das frühere Sprachbild der „heiligen Schrift“ sein psychisches Potenzial an andere Druckwerke abgeben konnte!

In meiner Situation lernte ich eine zivilisatorische Errungenschaft ersten Ranges kennen und nutzen: Die öffentliche Leihbücherei. Ich griff mir recht wahllos jedes Buch, das mir interessant erschien und saugte seinen Inhalt auf.

Irgendwann geriet ich, der ich bis dahin niemals etwas anderes kannte als das lichtlose, verschimmelnde Hinterhaus im Ghetto und sein bisschen graue Umgebung, auch an einen Atlas, der für den Schulgebrauch gedruckt worden war — es war noch vor meiner ersten Begegnung mit dem Zwangsschulsystem der BR Deutschland, dieser Maschinerie zur Austilgung des Geistes, um gut verwertbare Batterien für den betrieblichen Produktionsprozess zu züchten. Dieser Atlas gab mir eine Sicht auf die Welt als Ganzes, die mich damals, als Zwerg, sehr faszinierte und auch viel weiteren Wissenshunger anregte.

Aber der Atlas weckte auch schon den erwachenden kritischen Geist meines machtlosen Kinderdaseins, das wohl aus gutem Grund bei so vielen Menschen der vollständigen Verdrängung anheim fällt. Denn die letzten Seiten des Atlasses sollten mit ihren Bildern auch etwas über die Astronomie lehren. Hierzu gab es allerlei Illustrationen, die recht anschaulich erklärten, wie aus der Achsneigung der Erde und ihrem Umlauf um die Sonne die Jahreszeiten entstehen, und wie aus der relativen Position des Mondes zur Sonne in seinem Umlauf um die Erde die Mondphasen entstehen, ein für mich unbeschreiblich fesselnder Stoff, den ich mir nur mit einiger Anstrengung des jungen, noch ungeübten Geistes halbwegs verständlich machen konnte. (Die Fehler meiner ersten Anschauung korrigierten sich später am wachsenden Wissen.)

Abgeschlossen wurden diese vier Seiten der Darlegung astronomischer Zusammenhänge durch eine Sternkarte des nördlichen und des südlichen Himmels.

Diese Sternkarte war es, was meine Naivität zerschmetterte. Denn in ihr waren nicht nur die Milchstraße und die Sterne eingezeichnet, sondern auch mit feinen Linien zwischen den Sternen die Sternbilder. So sehr ich auch in frühen Nächten zum Himmel blickte, und trotz dieser auf autoritätes Papier gestempelten „Hilfestellung“ für meine Wahrnehmung, die Bilder konnt ich nicht erkennen. An ihrer Stelle sah ich nur den Sprenkelglanz unregelmäßig angeordneter Leuchtpunkte, manchmal — eher selten — auf dem Hintergrund des fahlen Glanzstreifens der Galaxie. So dämmerte mir — ohne dass ich dies in der Hilflosigkeit der Kindheit auch nur verbalisieren konnte — zum ersten Male, wie vieles von allem tradierten, mechanisch in die Gehirne getrichterten „Wissen“ nichts weiter ist als eine Geburt des Kopfes, von der nichts übrig bleibt, wenn man einfach nur auf die Wirklichkeit blickt und dieser erlaubt, sie selbst zu sein.

Es war diese einfache Einsicht, zu der übrigens jedes Kinde imstande ist — ja, ich spreche mit Kindern, und Kinder haben auch oft noch keine andressierten Probleme, mit einem Bettler zu sprechen — die mich durch mein ganzes Leben begleiten sollte. Die Bilder der Sterne, übrigens auf der Nordhalbkugel allesamt Relikte einer längst verworfenen Mythologie, sie können einem durch ihre bloße Nichtexistenz einen Zweifel lehren, der zur Vernunft führt.

Werdet vernünftig! Seid ungläubig!

Neith

Giovanno Domenico Cassini, Professor der Astronomie und Mathematik an der Universität zu Bologna und ab dem Jahre 1669, in Anerkennung seiner Leistungen, auch Direktor der königlichen Sternwarte zu Paris, war zu seiner Zeit einer der großen Astronomen, obwohl er sich in seinem Weltbild den Vorgaben des Vatikans beugte und sich aus diesem Grund wohl um einigen Ruhm gebracht hat. Er war dennoch ein ausdauernder und sorgfältiger Beobachter des Firmamentes und hatte hervorragende Teleskope zur Verfügung. 1665 bestimmte er die Rotationsperiode des Jupiter anhand von Beobachtungen des Großen Roten Fleckes, er berechnete die Rotationsdauer der Venus und des Mars und fand 1668 eine praktikable Methode zur Zeitbestimmung und damit zur Navigation auf hoher See, indem die Position des Jupitermondes Io als astronomische Uhr genutzt wird. 1675 entdeckte und beschrieb er jene Lücke im Saturnring, die heute noch die Cassinische Teilung genannt wird.

Cassini veröffentlichte nicht jede seiner Beobachtungen. Manche hielt er zurück, weil sie seinem Weltbild widersprach, und manche andere hielt er einfach deswegen zurück, weil er nicht zum vorschnellen Veröffentlichen neigte. Ersteres ist leider heute noch in der Forschung üblich, und letzteres ist leider heute nicht mehr in der Forschung üblich, da sich das Ranking eines Wissenschaftlers stark an der Quantität seiner Veröffentlichungen misst.

Im Jahre 1672 sah Cassini durch sein Teleskop zum ersten Male neben dem Planeten Venus ein kleines Objekt, welches er spontan für einen Mond hielt. Er benannte dieses Objekt nach einer ägyptischen Göttin als Neith.

Er mag diesen Namen gewählt haben, weil das Objekt so schwierig zu beobachten war, denn der griechische Schriftsteller Plutarch berichtete von einem verhüllten Bildnis der Göttin Neith, das mit dem Spruch „Ich bin alles was war, was ist und was sein wird, keinem Sterblichen wird es jemals möglich sein, meinen Schleier von mir zu nehmen“ geschützt wurde. Diese Annahme ist allerdings spekulativ.

Sicher ist hingegen, dass der Venusmond nach dieser ersten Beobachtung für 14 Jahre nicht mehr in den Aufzeichnungen Cassinis auftauchte. Ob Cassini wohl das eine ums andere Mal sein Teleskop nächtens zur Venus gerichtet hat und versucht hat, seine Beobachtung zu wiederholen, wissen wir nicht. Im Jahre 1688 konnte Cassini sein Objekt zum zweiten Male beobachten, und dieses Mal nahm er es auch in sein offizielles Journal auf, so dass der mutmaßliche Venusmond unter Astronomen bekannt wurde.

Aufgrund der Leuchtkraft wurde das Objekt auf ein Viertel der Venusmasse geschätzt, und es zeigte genau wie die Venus Phasen, die den Phasen des Erdmondes vergleichbar waren.

Getragen von der Autorität Cassinis wurde dieser Mond für eine reale Möglichkeit gehalten. Und obwohl er schwierig zu beobachten war, wurde er in den folgenden Jahrzehnten immer wieder beobachtet: im Jahre 1740 von James Short, im Jahre 1759 von Andreas Meyer, und im Jahre 1761 sogar vom berühmten Mathematiker und Astronomen Joseph-Louis Lagrange. (Ja, das ist der mit dem Restglied der Taylor-Formel.) Insgesamt wurde Neith im Jahre 1761 von fünf verschiedenen Beobachtern achtzehn Mal gesichtet; im Jahre 1764 gab es acht weitere Sichtungen durch zwei Beobachter. Das war Grund genug, die Sache ernst zu nehmen, so schwierig das Objekt auch zu beobachten sein mochte.

Und deshalb haben viele andere Astronomen in dieser Zeit ebenfalls versucht, Neith zu beobachten und genügend Daten für die Berechnung einer Umlaufbahn zu sammeln — und haben es nicht geschafft. Hier lag ein seltsames Phänomen vor. Es gab namhafte Beobachter, die durch die Veröffentlichung falscher Daten nichts mehr gewinnen konnten, und es gab viele, die diese Beobachtung nicht reproduzieren konnten. Doch die Vorstellung, dass die berichteten Beobachtungen vorsätzliche Lüge sein könnten, war schlechterdings absurd.

Die erste skeptische Stimme wurde im Jahre 1766 laut, als der Direktor der Wiener Sternwarte seine Auffassung publizierte, dass es sich um eine optische Täuschung handeln müsse, die dadurch entstehe, dass die sehr helle Venus vom Hintergrund des Auges zurück in das Teleskop reflektiert werde und so das beobachtete Doppelbild erzeuge. Andere hingegen hielten die Beobachtungen für ein reales astronomisches Objekt und ließen sich auch nicht dadurch beirren, dass die mittlerweile etwas reichlicher dokumentierten Beobachtungsdaten zu keiner Mondbahn um die Venus passen wollten.

Als es im Jahre 1768 eine weitere Beobachtung durch den dänischen Astronomen Christian Horrebow gab, kam es zu drei systematischen Suchaktionen; eine davon geleitet von William Herschel, dem Entdecker des Planeten Uranus. Alle drei mit hohem Aufwand durchgeführten Durchsuchungen des venusnahen Raumes schlugen darin fehl, irgendeinen Venusmond aufzuspüren. Neith schien nicht zu existieren.

Und dennoch wurde weiter versucht, hinter diesem Schleier zu blicken. Im Jahre 1884 beschäftigte sich der Direktor der königlichen Sternwarte zu Brüssel mit den dokumentierten Beobachtungen und schloss aus diesem Datenmaterial, dass sich der „Venusmond“ alle 1080 Tage in der Nähe der Venus beobachten ließ. Daraus zog er den Schluss, dass es sich gar nicht um einen Mond handele, sondern um einen bislang unbekannten Planeten, der die Sonne in 283 Tagen umkreise und deshalb in der beobachten Periode in Venusnähe gesehen werden könne.

Dies wurde zum Anlass, das ganze Datenmaterial noch einmal kritisch zu würdigen. 1887 veröffentlichte die belgische Akademie der Wissenschaften eine ausführliche Analyse der dokumentierten Beobachtungen und konnte in dem sehr umfangreichen Papier für jede mitgeteilte Position Neiths nachweisen, dass es sich in jedem einzelnen Fall um eine Verwechslung mit einem Fixstern gehandelt hatte.

Und. Alle Beobachter haben nur das gesehen — oder besser: in den gestirnten Himmel projiziert — was sie zu sehen erwarteten. Es handelte sich nicht einmal um die schon vermutete optische Täuschung, es war schlicht eine psychische Täuschung.

In einer richtigen Naturwissenschaft lässt sich eine solche psychische Täuschung im Nachhinein erkennen, da sämtliche mitgeteilten Daten überprüfbar sind. In so vielem anderen, was sich „Wissenschaft“ nennt, ist eine derartige Überprüfung niemals möglich — und es ist die so genannte „Wirtschaftswissenschaft“, nach deren „Erkenntnissen“ zurzeit ganze Gesellschaften umgebaut werden. Die Möglichkeit, dass auch hier nur die Erwartungen bestimmter Individuen in komplexe und letztlich unverstandene gesellschaftliche Prozesse projiziert werden, ist für mich angesichts des völligen Scheiterns sämtlicher Absichten eines solchen gesellschaftlichen Umbaues sehr wahrscheinlich. Angesichts des manifesten Unglücks, dass auf diese Weise in das Leben so vieler Menschen gedrungen ist, ist es jetzt höchste Zeit, die Behauptungen anhand von Fakten zu überprüfen und den als Wissenschaft getarnten Wahnsinn zu stoppen.

Merkur

Wer sich bilden will, muss zuerst einmal zu zweifeln verstehen, denn der Zweifel im Geist führt zur Entdeckung der Wahrheit.

Aristoteles

Der Planet Merkur ist in unserem Sonnensystem derjenige Planet, der den geringsten Abstand zur Sonne aufweist. Weil er so nahe an der scheinbaren Sonnenscheibe steht, kann er nur kurz vor Sonnenaufgang oder kurz nach Sonnenuntergang in der Dämmerung gesehen werden. Die Umgangssprache der alten Griechen gab diesen beiden Erscheinungen des Merkur zwei verschiedene Namen; sie nannten unseren Merkur „Apollo“, wenn er morgens sichtbar wurde, sie nannten ihn hingegen „Hermes“, wenn er abends sichtbar wurde. Dass es sich dabei um das selbe Objekt handelte, haben allerdings noch die griechischen Astronomen herausgefunden, es lag keineswegs auf der Hand.

Der Philosoph Heraklit, von dem nur wenig Text erhalten ist und dessen spekulatives Weltbild aus heutigem Wissenstand heraus oft ein wenig kindisch wirkt, hat aus dieser Tatsache und der ähnlichen Erscheinung beim Planeten Venus einen für seine Zeit bemerkenswerten Schluss gezogen: Er kam zu der Auffassung, dass Merkur und Venus wohl nicht um die Erde, sondern um die Sonne kreisen müssten.

Um diesen Gedanken überhaupt denken zu können, musste Heraklit bereit sein, das gängige kosmologische Modell seiner Zeit im Zweifel zu ziehen. Nach diesem gedanklichen Schritt fand sich schnell ein anderes Modell, das potenter war, die beobachteten Erscheinungen im Kosmos zu erklären. Vor Heraklit hatten sich gewiss Tausende von Menschen Gedanken über diesen einen Aspekt ihrer Umwelt gemacht, haben sich gefragt, warum Merkur und Venus immer nur in Sonnennähe sichtbar wären, aber nur die wenigsten von ihnen werden mit vergleichbarem Mut den richtigen Gedanken gedacht haben, denn sie ordneten alle Erscheinungen in ihrem kulturell bedingten Erklärungsmodell ein — und zwar ohne ein besonderes Bewusstsein darüber zu haben, dass sie auf diesem Weise in einem Glaubenssystem gefangen blieben. Wie zählebig dieses Glaubenssystem war, zeigt sich unter anderem darin, dass Heraklit trotz seiner Einsicht in einen Teil der wirklichen Verhältnisse das geozentrische Modell des Kosmos nicht aufgab.

[Übrigens sollte niemand aus heutiger Sicht zur Auffassung gelangen, dass die Erscheinungen des gestirnten Himmels den damaligen Menschen so fremd waren, wie sie es heute vielen heutigen Menschen geworden sind. In einem Umfeld, dass keine abstrakten Massenmedien und kein künstliches Licht kennt, ist der nächtliche Sternenhimmel mit allen seinen Erscheinungen eine ständige Anregung für den Geist und die Psyche; ein Teil der unmittelbar erlebten Wirklichkeit des eigenen Daseins. Wie sehr die damaligen Menschen das Geschehen am Firmament als psychische Spiegelfläche ihres eigenen Daseins empfanden, zeigt sich bis heute im unverhohlen astralen Charakter der überlieferten ursprünglichen Religion, und der Aberglaube der heutigen Astrologie ist ein immer noch psychisch wirkmächtiger Abklatsch der damaligen, psychisch verständlichen, aber objektiv falschen Deutungen — ebenso wie die viel leichter erträgliche Tatsache, dass die Planeten noch heute die Namen der längst auf dem Müllhaufen obsoleter Zivilisation geworfenen Gottheiten tragen.]

Der Planet Merkur hat sich später noch ein zweites Mal als sehr anregend für den Fortschritt des menschlichen Weltverständnisses erwiesen.

Dieser Planet ist nicht nur der sonnennächste unter den Planeten, seine Bahn um die Sonne weist auch besonders starke Abweichungen von der Kreisform auf, sie ist stark elliptisch. Auf ihrem sonnennächsten Punkt, dem Perihel, führt die Bahn den Planeten rund 46 Millionen Kilometer nahe an die Sonne heran, auf ihrem sonnenfernsten Punkt, dem Aphel, sind es rund 70 Millionen Kilometer. Perihel und Aphel kreisen, wenn man sich diese beiden abstrakten Orte der Bahn einmal als Punkte denkt, mit geringer Geschwindigkeit um die Sonne.

Im 19. Jahrhundert glaubten die meisten Wissenschaftler, dass die Gesetzmäßigkeiten, nach denen sich die Gestirne im Weltraum bewegen, durch die Newtonsche Physik vollständig bekannt seien. Doch die astronomischen Beobachtungen Merkurs ließen sich trotz aufwändiger Rechnungen nicht im Einklang mit den Gesetzen der Gravitation bringen.

Nun schien jeder Zweifel an der Newtonschen Mechanik absurd. Denn diese erklärte jede andere Beobachtung der damaligen Zeit mit großer Genauigkeit.

Deshalb ging man davon aus, dass eine weitere, noch unbekannte Kraft auf die Merkurbahn einwirken müsse. Und die im Rahmen der bekannten Physik nahe liegendste Idee war es, einen bislang unentdeckten Planeten anzunehmen, der durch seine Gravitation Einfluss auf die Bahn des Merkur nimmt und so die beobachteten Störungen hervorruft. Dass ein noch sonnennäherer Planet als Merkur sich über Jahrtausende hinweg der Beobachtung entziehen konnte, verwunderte dabei nicht besonders — schon die Beobachtung des Merkur ist nur in der Dämmerung möglich und deshalb schon etwas schwierig.

Zudem gab es in Neptun bereits einen Planeten, der in gleicher Weise auf Grund von sonst unerklärlichen Bahnstörungen von benachbarten Planeten vorhergesagt und schließlich auch entdeckt wurde — ein wahrer Triumph der Newtonschen Physik, wobei allerdings auch das Glück ein wenig mithalf, weil John Couch Adams und Urbain Jean Joseph Le Verrier sich bei der recht komplexen Analyse der großen Bahnunstimmigkeiten des Uranus und der kleineren Unstimmigkeiten in den Bahnen Jupiters und Saturns verrechnet hatten, so dass Johann Gottfried Galle und Heinrich Louis d’Arrest den Neptun eher zufällig in der Nähe der prognostizierten Position vorfanden. Immerhin, die Methodik war gut und diese Kleinigkeit mit dem Rechenfehler, der angesichts der in mühsamer Handarbeit gelösten, komplexen Systeme nichtlinearer Differentialgleichungen völlig verständlich war, sie wurde eher ein wenig unter den Teppich gekehrt…

Kein Wunder also, dass das Problem der Merkurbahn auf die gleiche Weise angegangen wurde.

Am 2. Januar 1860, gut anderthalb Jahrzehnte nach dem prognostischen Erfolg, der zur Entdeckung des Planeten Neptun führte, erklärte Le Verrier in einer Vorlesung, dass sich die anomale Merkurbahn durch die Annahme eines weiteren Planeten innerhalb der Merkurbahn oder vielleicht auch durch einen zweiten Asteroidengürtel zwischen Sonne und Merkurbahn erklären ließe.

Wieso zwischen den beiden Prognosen Le Verriers, einer Vorhersage des transuranischen Planeten und einer Vorhersage eines innermerkurischen Planeten, fast 15 Jahre lagen? Nun, das findet eine eher banale Erklärung: Er scheint einfach nicht selbst auf diese Idee gekommen zu sein. Denn im Jahre 1859 erhielt er einen Brief vom Amateur-Astronomen Lescarbault, in welchem er dem berühmten Astronomen davon berichtete, dass er einen runden, schwarzen Fleck vor der Sonne vorbeiziehen sah, der möglicherweise ein Planet sein könnte. Aus den mitgeteilten Beobachtungsdaten errechnete Le Verrier eine Bahn des Planeten und erinnerte sich in diesem Moment wohl an das leidige theoretische Problem mit der Merkurbahn. Da der hypothetische Planet nach Le Verriers Berechnungen allein nicht für die Abweichung in der Merkurbahn verantwortlich sein konnte, kam Le Verrier auf die Idee, dass es in direkter Sonnennähe eine Ansammlung von Objekten geben könnte, die dem damals längst bekannten Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter ähnlich sei — der scheinbar in einem Sonnendurchgang beobachtete Körper könnte eines der größeren Objekte darin sein. Dieser noch zu entdeckende Planet bekam von Le Verrier den Namen „Vulcan“. [Von dort kann Mr. Spock allerdings kaum kommen, er würde von ionisierender Strahlung und der großen Hitze regelrecht gegrillt worden, bevor er die Enterprise auch nur gesehen hätte.]

Die berechnete Bahn machte wegen ihrer großen Sonnennähe eine direkte Beobachtung des postulierten Planeten unmöglich — er wäre einfach vom Sonnenlicht überstrahlt worden. Doch im Jahre 1860 bestand eine Chance, den Planeten während einer totalen Sonnenfinsternis zu beobachten, und getragen von der Autorität und vom Drängen Le Verriers versuchten etliche Astronomen, Vulcan direkt zu beobachten. Sie scheiterten alle.

Es gab in der Folgezeit noch einige „Beobachtungen“ Vulcans, teilweise von namhaften Astronomen. Eine Bestätigung dieser „Beobachtungen“ durch andere Astronomen blieb jedoch immer aus. Was diese Menschen gesehen und auf Grundlage ihres Glaubenssystemes als Vulcan interpretiert haben, weiß niemand — aber Vulcan kann es nicht gewesen sein, weil dieser Planet nicht existiert. Kein Beteiligter hat einen Grund gehabt, Lügengeschichten zu erfinden, die bei der ersten Überprüfung durch andere Astronomen in sich zusammenfallen würden; alle haben sie etwas gesehen und haben dies so gesehen, wie es ihrem Glauben entsprach. Vermutlich haben sie Asteroiden mit stark elliptischen Bahnen in sonnennahen oder erdnahen Bahnabschnitten fehlgedeutet, und vielleicht geht die initiale Beobachtung Lescabaults ebenfalls einen Asteroiden zurück, der die Erde in großer Nähe passierte. Die Existenz derartiger Asteroiden war bis ins 20. Jahrhundert hinein unbekannt, während die Vulcan-Hypothese wohlbekannt war.

Es stellt sich natürlich noch eine Frage: Was ist für die anomale Umlaufbahn des Merkur um die Sonne verantwortlich? Diese verbleibt in allen Irrungen als gebieterisches Faktum und will erklärt sein.

Die gleichermaßen einfache und geniale Erklärung für diese und eine Handvoll anderer rätselhafter Erscheinungen gelang im Jahre 1916 einem Niemand; einem in wissenschaftlichen Kreisen damals völlig unbekannten Angestellten bei einem Patentamt, der den Mut hatte, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und eine eigene Theorie zu erarbeiten und zu veröffentlichen: Albert Einstein. Die Spezielle Relativitätstheorie erklärt die Gravitation nicht mehr als eine irgendwie vermittelte Anziehungskraft zwischen Massen, sondern als eine von Massen verursachte Krümmung der Raumzeit. Insbesondere sind die raumzeitlichen Verzerrungen in direkter Sonnennähe schon recht stark, sie führen von außen betrachtet zu einer Verlangsamung aller Abläufe und reichen gerade hin, um die beobachteten Abweichungen der Merkurbahn zu erklären.

Einstein hat sich nicht gerade beliebt damit gemacht, dass er den Menschen den Glauben an einen absoluten Raum und eine absolute Zeit genommen hat. Gut, dass Einsteins Zeitgenossen so zivilisiert waren, dass sie seine Theorie einfach nur widerlegen wollten — und darin stets scheiterten, bis heute scheiterten. Ein Fortschritt der Erkenntnis ist eben nur möglich, wenn bestehende Erklärungsmodelle mit aller Hingabe angezweifelt werden. Aber das wusste ja schon Aristoteles.

SETI

Die mit so hohem Aufwand betriebene Suche nach Intelligenzen irgendwo im Weltraum spiegelt die Tatsache wider, dass die Suche nach etwas Intelligenz hienieden auf Erden vergebens zu sein scheint.