Tag Archive: Armut


Sei bedingungslos arbeitswillig oder verrecke!

Antikes Schild an einer Haustür in Hannover: Mitglied des Vereins gegen Hausbettelei und Obdachlosigkeit -- Werkheim für Arbeitswillige: Büttnerstraße No. 12

Von den bourgeoisen Auffassungen, die sich einst in solchen Schildern an Haustüren manifestiert haben, bis hin zur gegenwärtigen „Sozialpolitik“ der CDUSPDCSUFDPGRÜNETC führt ein gerader Weg, der auch völlig unbeirrt durch den Hitlerfaschismus geführt hat. Der Schlachtruf der heutigen Menschenverachter, dieses unsägliche „Sozial ist, was Arbeit schafft“, ist für die gleichen Ohren bestimmt wie „Arbeit macht frei“ — und weder die so in die geistige Umnachtung schreienden Münder noch die auf solche Blutrede ansprechenden Psychen lassen sich nur eine Sekunde lang davon beirren, dass sich das Zeitalter der Arbeit zum Ende neigt, dass absehbar ist, dass sich in recht naher Zukunft eine wesentlich größere Menge Güter mit sehr viel weniger menschlicher Arbeit erzeugen lässt. Nein, stattdessen wird den Menschen, deren Arbeitskraft niemand mehr so bezahlen will, dass sich davon leben lässt, die Schuld für den geringen Marktwert ihrer Arbeitskraft zugeschoben und mit dem amtsmürrisch und niemals als sichernd empfindbar gewährten Dasein im weitgehend rechtlosen Zustand namens „Hartz IV“ abgestraft.

Diskussion

Während der Qualitätsjournalist wie ein aufziehbarer Papagei unter völliger Umgehung der eigenen Reflexionsfähigkeiten nachplappert, was ihm der Politiker ins Ohr geflüstert hat und deshalb schreibt „Die Rente mit 70 wird diskutiert„, unterhalten sich die Menschen, für die er ja vorgeblich schreibt, vor allem darüber, wie sie nur diesen Monat schon wieder über die Runden kommen sollen.

Der Armutsverneiner

„Seltsam“, sagte der Vorübergehende zum Christen, der neben ihm ging, „du kannst sagen, das Reichtum ja gar keine Sache des Geldes, sondern des Herzens ist, ja, dass so viele Reiche in Wirklichkeit arm und so viele Arme in Wirklichkeit reich sind, ohne dass du von dieser Verneinung des Offensichtlichen Hirnkrämpfe bekommst. Aber wenn du sagen wolltest, dass die Sehkraft gar nichts mit den Augen zu tun habe, ja, dass so mancher Mensch mit geschlossenen Augen besser sehen könne als mit geöffneten, dann würdest du doch hoffentlich noch etwas bemerken“…

Tagesmutter gesucht, dringend, 15€ die Nacht

Anzeigen-Karte in einem hannöverschen Edeka-Supermarkt: Suche dringend! für meine zwei Kinder 5/8 Tagesmutter für die Nacht (zahlt das Amt) oder Student, Omi etc 15 Euro die Nacht -- die angegebene Handynummer ist von mir unkenntlich gemacht

Was von Gustl Mollath zu lernen ist

Nur selten, ja, so gut wie niemals gilt als wegsperrenswert geisteskrank, wer mächtig ist oder über viel Besitz verfügt, gleichgültig, wie asozial, gewaltbereit, wirr, dumm, realitätsfern und gefährlich er ist. Jene, die in den rechtsfreien Räumen der psychiatrischen Kliniken ihre lebenslange „Strafe“ dafür verbüßen, dass sie so sind wie sie sind, und die dafür zur höhnischen Verachtung auch noch als „krank“ gerufen werden, ganz so, als sei ihr gesamtes eigenes Sein eine ausrottenswerte, aber in jedem Fall die Quarantäne rechtfertigende Pest, sie sind beinahe immer arm und machtlos. In dieser deutlichen ökonomisch-sozialen Selektion der „Diagnosen“ spiegelt sich nicht nur die Willkür und Unwissenschaftlichkeit der psychiatrischen Medizin, sondern auch die ihr zugedachte Rolle für den gewaltsamen Erhalt der gesellschaftlichen Verhältnisse, ihre Funktion als notdürftig rational verbrämter Ersatz für den Terror der Inquisition.

Generationenvertrag

Der mit staatlicher Subvention durch ergänzendes Hartz IV ermöglichte Hungerlohn von heute ist die zur ergänzenden Sozialhilfe führende Altersarmut von morgen — und beide Formen des Elends sind politisch gewollt, von allen bürgerlichen Parteien (einschließlich der ehemaligen Alternativpartei „Die Grünen“) gewollt.

So viele Arbeitsplätze

Ja, du hast recht, es gibt jetzt so viele „Arbeitsplätze“. Aber damit, dass das ein politischer Erfolg sein soll, hast du unrecht. Sehr viele dieser Plätze, an denen eine mit nur wenig Geld bezahlte Arbeit gemacht wird, die dann durch ergänzende Hartz-IV-Leistungen zum dürftigen Lebensunterhalt aufgepäppelt werden muss, hätte ich in meiner Jugend als „Ferienjobs“ bezeichnet.

Die Altersarmut

Es gehört nicht einmal politischer Sachverstand dazu, um zu bemerken, dass nach einem Leben in unbezahlten Praktika und staatlich subventionierter Billig- und Elendsarbeit kein nennenswerter Rentenanspruch entstanden ist, genau so, wie auch minderqualifizierten Denkern klar wird, dass unter diesen Umständen keine ausreichende „private Vorsorge“ möglich ist. Die für viele Menschen kommende Altersarmut nach einem ganzen ausgebeuteten Leben voller gering entlohnter Arbeit, vor der „Sozial“-Ministerin von der Leyen zurzeit so eindringlich mit ihrer bildzeitungsverstärkten Stimme warnt, sie ist nur das Spiegelbild des so genannten „Jobwunders“ durch die Hartz-Reformen, das noch vor ein paar Tagen mit so lautem Jubelton als Erfolgsmodell gefeiert wurde.

Parasiten

Jemand, der die Arbeitslosen, Verarmten, und Bettler als „Schmarotzer“ und damit als Parasiten bezeichnet, belegt damit nur, dass er nicht verstanden hat, was ein Parasit ist. Ein erfolgreicher Parasit wird von seinem Wirtsorganismus nicht als solcher wahrgenommen; er lässt seinen Wirt für sich arbeiten, ohne dass es als eine Last erscheint. Ganz genau so, wie die herrschende und besitzende Klasse in einer kapitalistischen Gesellschaft.

Breitband für alle!

Es ist immer wieder erstaunlich, wie reich in der Echokammer der deutschsprachigen Internet solche großen „gesellschaftlichen“ und „politischen“ Forderungen wiedergegeben werden, dass jeder Mensch hier als Quasi-Menschenrecht einen Breitband-Zugang zum Internet benötigt und dass ein solcher Zugang zum Internet schon allerlei gesellschaftliche Probleme lösen wird. Ich saß gerade bei einer 73jährigen Frau, die mit ihrer (übrigens schon überdurchschnittlichen) Rente kaum noch über die Runden kommt, nur noch mit gewisser Mühe ihre Miete bezahlen kann, schon in einem für sie selbst nicht mehr erträglichen Maße verschuldet ist, sich große Sorgen darüber macht, dass sie auf ihre alten Tage wohl noch einmal einen Umzug wuppen muss, zurzeit nur noch bei „Discountern“ einkaufen kann und mit großer Bitterkeit darauf zurückschaut, dass ihr von einem Leben voller Arbeit nichts bleibt als ein Leben voller Krankheiten, die zu einem Gutteil auf die Arbeitsbedingungen zurückgehen, unter denen sie ein Leben lang gearbeitet hat — und die bei alledem mehr als nur unterschwellig davon spricht, dass sie auf einen schnellen Tod hofft. Wenn ich mir das alles anhöre, den bitteren Geschmack vieler Worte noch stundenlang im Munde behalte, denn weiß ich wirklich nicht, wie ich diesem Menschen gegenüber die „Erlösung durch das breitbandige Internet“ vertreten soll, ohne mich dabei zu schämen. Diese seltsamen Großkopferten im deutschsprachigen Internet, die solche messianischen Hoffnungen auf eine bloße Technik setzen und sich über die gewaltigen Klickzahlen freuen, wenn sie solche messianischen Hoffnungen auf ihren Websites publizieren, sie scheinen sich niemals mit anderen Menschen außerhalb ihrer recht engen Kreise zu unterhalten — oder, wenn sie es einmal nicht vermeiden können, ihre Ohren angesichts des hörbar beschädigten Lebens auf Durchzug zu schalten. „Breitband-Internet für alle“ ist ja eine durchaus bedenkenswerte Forderung, aber angesichts dessen, was der gegenwärtig über die Gesellschaft ablaufende Prozess an Menschen hinter sich zurücklässt, sollten politische Forderungen für ein erträgliches und dem Menschsein angemessenes Leben doch ein bisschen breitbandiger sein.

Die armen Zahlenden

Zitat ARD-Videotext, Tafel 120, Stand 7. Juni 2010, 16.02 Uhr:

Merkel: 80 Milliarden Euro kürzen - Das Bundeskabinett hat sich bei seiner Klausur auf umfassende Haushaltskürzungen geeinigt. Insgesamt sollen bis zum Jahr 2014 rund 80 Milliarden Euro eingespart werden, sagte Kanzlerin Merkel. Das Geld soll vor allem durch Kürzungen im Sozialbereich hereinkommen. Zudem soll der Bankensektor an den Kosten der Finanzmarktkrise beteiligt werden. Keine Kürzungen soll es dagegen in den Bereichen Bildung und Forschung geben. Hier sollen zusätzlich zwölf Milliarden Euro bereitgestellt werden

Kaum etwas könnte den Zerfall jedes menschlichen Wertesystemes in der BRD-Korruptionspolitik deutlicher dokumentieren als der Beschluss von CDU, CSU und FDP, dass jetzt die Bezieher von Sozialhilfe und „Hartz IV“, die schon in relativer Armut leben, für die von den Kreditinstituten verursachte, an einen Staatsbankrott heranreichende Pleite des griechischen Staates bezahlen gemacht werden — und. Dass sich daran niemand mehr wirksam stört…

Chancengleichheit

Und der Nachtwächter sagte: Ich bin in Armut geboren, und deshalb bin ich. Als Gespenst geboren. Von früh auf hatte ich zu lernen, dass ich ein Nichts bin, fern vom alledem, was um mich herum als Leben betrachtet wurde. Mein Bruder im Staub, auch ich hatte einmal Hoffnung, genau wie du; ja, ich hatte diese Hoffnung schon als Kind. Und ich versuchte, alles zu tun, um der drangvollen Enge meines Lebens zu entkommen. Ich bildete mich, so gut es die mies sortierte Bücherei zuließ — vom Internet war damals noch keine Rede — denn ich wusste, dass Bildung das Wichtigste ist, um die Kreiselhölle aus Armut, Alkoholismus, Kleinkriminalität und Gewalt zu verlassen, aus der ich als ein Dunst Gestalt annahm. Aber ich musste dabei lernen, dass es nicht auf Bildung und nicht auf Fähigkeit ankommt, in der Schule musste ich es erstmals lernen, als ich der verachtete, geprügelte und angespieene Außenseiter war, der alte Kleidung, einen gebrauchten Ranzen und zwei Jahre alte Schulbücher hatte, die sich in ein paar trivialen Kleinigkeiten von den aktuellen Ausgaben unterschieden, damit auch ja jedem Kind die aktuellen Ausgaben gekauft werden. Und als ich dann sonderlich wurde, was gar nicht überraschend ist, da musste ich es durch die schlagenden Hände in einem Kinderheim der Diakonie lernen, dass ich mich nur zu fügen habe, unter Schmerz und Angst zu fügen. Ich hatte unter der Diktatur der strukturellen Gewalt zu lernen, was mein Platz in der Matrix sein soll, und glaube mir, Bruder im Staub, diese Pille hat mir nicht geschmeckt und drang erst zweieinhalb Jahrzehnte später so richtig in meinen Bauch ein. Und wandelte sich dort. In die fröhliche Einsicht völliger Sinnlosigkeit allen Strebens. Das erst machte es mir erträglich, in meinem gespenstischen Dasein mit doppelter Mühe nicht einmal die halbe Wirkung entfalten zu können, nicht handeln zu können, sondern bestenfalls ein wenig zu spuken. Doch keine Freunde zu haben; es hat auch sein Gutes. Man versteht schon als beobachtendes Kind, wie sich Menschen nur gegenseitig benutzen, und man wendet seine Aufmerksamkeit auf andere Dinge als das verlogene Lächeln, auch schon als Kind. Das Wissen muss trösten, lange bevor es nützlich wird; über die Kälte und die Aussichtslosigkeit muss es trösten, denn mehr als dieses dürftige Wissen und Bewusstsein gibt es nicht. Im Sekundenglanz meines Seins. Es bleibt nur in mir, und wird einst zusammen mit meinem ganzen Dünsteln in die Verwesung fallen. Ich hatte auch von den frommen, gewalttätigen Erziehern zu lernen, dass einem Gespenst kein Respekt gezollt wird, und das kleine Büchlein, dem ich schon als Kind meine Beobachtungen anvertraute, um mein Denken vom Augenblick zu emanzipieren und die übergeordneten Muster sehen zu können, es wurde mir von den herzlosen Prügelfrauen entwendet und einem Psychologen gegeben, damit mich dieser Assimilationsarbeiter besser bearbeiten kann. Seither mache ich alle meine Notizen in einem selbst ersonnenen Schriftsystem, das solche Zugriffe frustriert, um wenigstens mein Denken für mich und hoffentlich klar zu behalten. Auch nach dieser Zeit gab es keine Freiheit, so schön sich auch davon träumen ließ, sondern nur Verachtung und Kälte und das langsame Dahinwelken meiner Handvoll Freunde mit ähnlichem Schicksal, die am Heroin und an der verinnerlichten Hand der Gesellschaft, am Freitod starben. Was mir hilft, weiterhin zu leben, ist nur die heitere Einsicht in die vollkommene Sinnlosigkeit und das Wissen um den überpersonalen Prozess, der über die Gesellschaft abläuft. Ich bin als Gespenst geboren, arm und außerhalb jeder Aufmerksamkeit, und der Bruder im Staub, der mir begegnet, der begegnet einer Spukerscheinung, die ihn schaudern macht. Denn in diesem Spuk. Spiegelt sich sein eigenes Leben. Solchen geisterhaften Spiegeln werden viele Namen gegeben. Der gemeine Fernsehzuschauer, Autofahrer und Verbraucher nennt mich schlicht asozial, wenn ich ihm nach etwas frage, was er mir kampflos zu geben bereit ist. Der Mensch, der an mir lernt, dass es ein Leben jenseits der Hoffnung gibt, nennt micht Elias. Und wer wirklich kalt und bis ins Herz verrottet ist und mir einen bösen Spottnamen geben will, der spricht von der Chancengleichheit.