Tag Archive: Armut


Schlangestehende

“Nein”, sagte der Vorübergehende, “das ist keine Schlange vor einem Geldautomaten in Athen; das ist die Schlange hungernder Menschen vor der Suppenküche in einem Staat¹, der nach Meinung von Merkel, Schäuble, Draghi und der Bankstermafia alles richtig gemacht hat”.

¹Portugal zum Beispiel…

Die Frömmigkeit des armen Idioten

Der arme Idiot betet: “Gott, gib mir bitte einen Grund und eine Motivation, dass ich morgens aufstehe und mit meiner Lebenszeit und meinen Tätigkeiten dafür sorge, dass nur andere, schon besitzende Menschen noch reicher werden”.

Gottes Antwort: Du bist arm.

Der arme Idiot singt:Danke für meine Arbeitsstelle“.

Sei bedingungslos arbeitswillig oder verrecke!

Antikes Schild an einer Haustür in Hannover: Mitglied des Vereins gegen Hausbettelei und Obdachlosigkeit -- Werkheim für Arbeitswillige: Büttnerstraße No. 12

Von den bourgeoisen Auffassungen, die sich einst in solchen Schildern an Haustüren manifestiert haben, bis hin zur gegenwärtigen “Sozialpolitik” der CDUSPDCSUFDPGRÜNETC führt ein gerader Weg, der auch völlig unbeirrt durch den Hitlerfaschismus geführt hat. Der Schlachtruf der heutigen Menschenverachter, dieses unsägliche “Sozial ist, was Arbeit schafft”, ist für die gleichen Ohren bestimmt wie “Arbeit macht frei” — und weder die so in die geistige Umnachtung schreienden Münder noch die auf solche Blutrede ansprechenden Psychen lassen sich nur eine Sekunde lang davon beirren, dass sich das Zeitalter der Arbeit zum Ende neigt, dass absehbar ist, dass sich in recht naher Zukunft eine wesentlich größere Menge Güter mit sehr viel weniger menschlicher Arbeit erzeugen lässt. Nein, stattdessen wird den Menschen, deren Arbeitskraft niemand mehr so bezahlen will, dass sich davon leben lässt, die Schuld für den geringen Marktwert ihrer Arbeitskraft zugeschoben und mit dem amtsmürrisch und niemals als sichernd empfindbar gewährten Dasein im weitgehend rechtlosen Zustand namens “Hartz IV” abgestraft.

Diskussion

Während der Qualitätsjournalist wie ein aufziehbarer Papagei unter völliger Umgehung der eigenen Reflexionsfähigkeiten nachplappert, was ihm der Politiker ins Ohr geflüstert hat und deshalb schreibt “Die Rente mit 70 wird diskutiert“, unterhalten sich die Menschen, für die er ja vorgeblich schreibt, vor allem darüber, wie sie nur diesen Monat schon wieder über die Runden kommen sollen.

Der Armutsverneiner

“Seltsam”, sagte der Vorübergehende zum Christen, der neben ihm ging, “du kannst sagen, das Reichtum ja gar keine Sache des Geldes, sondern des Herzens ist, ja, dass so viele Reiche in Wirklichkeit arm und so viele Arme in Wirklichkeit reich sind, ohne dass du von dieser Verneinung des Offensichtlichen Hirnkrämpfe bekommst. Aber wenn du sagen wolltest, dass die Sehkraft gar nichts mit den Augen zu tun habe, ja, dass so mancher Mensch mit geschlossenen Augen besser sehen könne als mit geöffneten, dann würdest du doch hoffentlich noch etwas bemerken”…

Tagesmutter gesucht, dringend, 15€ die Nacht

Anzeigen-Karte in einem hannöverschen Edeka-Supermarkt: Suche dringend! für meine zwei Kinder 5/8 Tagesmutter für die Nacht (zahlt das Amt) oder Student, Omi etc 15 Euro die Nacht -- die angegebene Handynummer ist von mir unkenntlich gemacht

Was von Gustl Mollath zu lernen ist

Nur selten, ja, so gut wie niemals gilt als wegsperrenswert geisteskrank, wer mächtig ist oder über viel Besitz verfügt, gleichgültig, wie asozial, gewaltbereit, wirr, dumm, realitätsfern und gefährlich er ist. Jene, die in den rechtsfreien Räumen der psychiatrischen Kliniken ihre lebenslange “Strafe” dafür verbüßen, dass sie so sind wie sie sind, und die dafür zur höhnischen Verachtung auch noch als “krank” gerufen werden, ganz so, als sei ihr gesamtes eigenes Sein eine ausrottenswerte, aber in jedem Fall die Quarantäne rechtfertigende Pest, sie sind beinahe immer arm und machtlos. In dieser deutlichen ökonomisch-sozialen Selektion der “Diagnosen” spiegelt sich nicht nur die Willkür und Unwissenschaftlichkeit der psychiatrischen Medizin, sondern auch die ihr zugedachte Rolle für den gewaltsamen Erhalt der gesellschaftlichen Verhältnisse, ihre Funktion als notdürftig rational verbrämter Ersatz für den Terror der Inquisition.

Generationenvertrag

Der mit staatlicher Subvention durch ergänzendes Hartz IV ermöglichte Hungerlohn von heute ist die zur ergänzenden Sozialhilfe führende Altersarmut von morgen — und beide Formen des Elends sind politisch gewollt, von allen bürgerlichen Parteien (einschließlich der ehemaligen Alternativpartei “Die Grünen”) gewollt.

So viele Arbeitsplätze

Ja, du hast recht, es gibt jetzt so viele “Arbeitsplätze”. Aber damit, dass das ein politischer Erfolg sein soll, hast du unrecht. Sehr viele dieser Plätze, an denen eine mit nur wenig Geld bezahlte Arbeit gemacht wird, die dann durch ergänzende Hartz-IV-Leistungen zum dürftigen Lebensunterhalt aufgepäppelt werden muss, hätte ich in meiner Jugend als “Ferienjobs” bezeichnet.

Die Altersarmut

Es gehört nicht einmal politischer Sachverstand dazu, um zu bemerken, dass nach einem Leben in unbezahlten Praktika und staatlich subventionierter Billig- und Elendsarbeit kein nennenswerter Rentenanspruch entstanden ist, genau so, wie auch minderqualifizierten Denkern klar wird, dass unter diesen Umständen keine ausreichende “private Vorsorge” möglich ist. Die für viele Menschen kommende Altersarmut nach einem ganzen ausgebeuteten Leben voller gering entlohnter Arbeit, vor der “Sozial”-Ministerin von der Leyen zurzeit so eindringlich mit ihrer bildzeitungsverstärkten Stimme warnt, sie ist nur das Spiegelbild des so genannten “Jobwunders” durch die Hartz-Reformen, das noch vor ein paar Tagen mit so lautem Jubelton als Erfolgsmodell gefeiert wurde.

Parasiten

Jemand, der die Arbeitslosen, Verarmten, und Bettler als “Schmarotzer” und damit als Parasiten bezeichnet, belegt damit nur, dass er nicht verstanden hat, was ein Parasit ist. Ein erfolgreicher Parasit wird von seinem Wirtsorganismus nicht als solcher wahrgenommen; er lässt seinen Wirt für sich arbeiten, ohne dass es als eine Last erscheint. Ganz genau so, wie die herrschende und besitzende Klasse in einer kapitalistischen Gesellschaft.

Breitband für alle!

Es ist immer wieder erstaunlich, wie reich in der Echokammer der deutschsprachigen Internet solche großen “gesellschaftlichen” und “politischen” Forderungen wiedergegeben werden, dass jeder Mensch hier als Quasi-Menschenrecht einen Breitband-Zugang zum Internet benötigt und dass ein solcher Zugang zum Internet schon allerlei gesellschaftliche Probleme lösen wird. Ich saß gerade bei einer 73jährigen Frau, die mit ihrer (übrigens schon überdurchschnittlichen) Rente kaum noch über die Runden kommt, nur noch mit gewisser Mühe ihre Miete bezahlen kann, schon in einem für sie selbst nicht mehr erträglichen Maße verschuldet ist, sich große Sorgen darüber macht, dass sie auf ihre alten Tage wohl noch einmal einen Umzug wuppen muss, zurzeit nur noch bei “Discountern” einkaufen kann und mit großer Bitterkeit darauf zurückschaut, dass ihr von einem Leben voller Arbeit nichts bleibt als ein Leben voller Krankheiten, die zu einem Gutteil auf die Arbeitsbedingungen zurückgehen, unter denen sie ein Leben lang gearbeitet hat — und die bei alledem mehr als nur unterschwellig davon spricht, dass sie auf einen schnellen Tod hofft. Wenn ich mir das alles anhöre, den bitteren Geschmack vieler Worte noch stundenlang im Munde behalte, denn weiß ich wirklich nicht, wie ich diesem Menschen gegenüber die “Erlösung durch das breitbandige Internet” vertreten soll, ohne mich dabei zu schämen. Diese seltsamen Großkopferten im deutschsprachigen Internet, die solche messianischen Hoffnungen auf eine bloße Technik setzen und sich über die gewaltigen Klickzahlen freuen, wenn sie solche messianischen Hoffnungen auf ihren Websites publizieren, sie scheinen sich niemals mit anderen Menschen außerhalb ihrer recht engen Kreise zu unterhalten — oder, wenn sie es einmal nicht vermeiden können, ihre Ohren angesichts des hörbar beschädigten Lebens auf Durchzug zu schalten. “Breitband-Internet für alle” ist ja eine durchaus bedenkenswerte Forderung, aber angesichts dessen, was der gegenwärtig über die Gesellschaft ablaufende Prozess an Menschen hinter sich zurücklässt, sollten politische Forderungen für ein erträgliches und dem Menschsein angemessenes Leben doch ein bisschen breitbandiger sein.

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