Tag Archive: Anarchie


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Menschen, die sagen: „Ich bin Deutscher“, „Ich bin Muslim“ oder „Ich bin links“ laden mit dieser Haltung, mit dieser äußerst preiswerten Identifikation mit übergeordneten, antiindividuellen Ideen und Begrifflichkeiten ihr Dasein und ihr verhungertes Selbstwertgefühl mit einer narzisstisch wichtigen Bedeutsamkeit auf, ohne allzuviel für die so gewonnene Bedeutsamkeit tun zu müssen. Dies ist ein primitiver psychischer Mechanismus mit eingebauter konformistischer Forderung an andere Menschen nebst Gewaltbereitschaft gegenüber unfügsamen anderen Menschen, der mehr Schaden an der Zivilisation anrichtet als alle Naturkatastrofen der letzten paartausend Jahre zusammen, und der brülle Massensang der Identifikation mit Sportmannschaften ist die wirksamste Eingewöhnung in diesen psychischen Mechanismus, der geradewegs in die eine oder andere Form des Faschismus führt.

Wer zivilisiert ist, sagt „Ich bin ich“, und dies selbst dann noch, wenn sich dieses Ich wie ein leerer Fleck anfühlt. Denn Menschen sind kein Ameisenstaat, in dem jeder das gleiche Erbgut hat und in dem es keine Individuen gibt. Die Kraft menschlicher Zivilisation erwächst immer nur dort, wo Verschiedene beisammen sind, kooperieren und die antisozialen Regungen der dummen dummen Psyche zurückweisen, und die Kraft menschlicher Zivilisation wird vernichtet in dumpfem Konformismus und gewaltsamer Gleichmacherei.

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Die Natur des Menschen

Als der Zeitgenosse einwandte, dass die Überwindung der Idee des Staates und die Anarchie ja gar nicht möglich sei, weil die Natur des Menschen solches nicht zulasse, erwiderte der Vorübergehende: „Deshalb ist die Kultur des Menschen so wichtig. Die Natur des Menschen hat das Potenzial eines Bonobos, dessen gesamtes Dasein von unmittelbarer sexueller Lust und existenzieller Not geprägt ist; die Kultur des Menschen hätte hingegen ein Potenzial, wie es in star trek durch die Brille unserer beschränkten Imaginationskraft nur angedeutet ist. Und gerade in star trek zeigt sich auch, welche Wege die Kultur des Menschen nehmen könnte: Den Weg selbstverantwortlicher Individuuen, die ihre Fähigkeiten und Erfahrungen aus inneren Beweggründen heraus zwangfrei in den Dienst gemeinsamer Ziele stellen, obwohl es dank großartiger Technik keinen Mangel an irgend etwas gibt und kein allgegenwärtiges Belohnungssystem wie Geld das Wohlverhalten gegenüber den gemeinsamen Zielen erzwingt. Oder aber, und das findet die Menschheit in ihrem Staatsglauben und in ihrer Individualitätsverachtung leider zurzeit sehr viel attraktiver, den Weg des Borgwürfels“.