Tag Archive: Alter


Wachstum

Bei den Menschen, die heute unter den Bedingungen mechanischer Infantilisierung und Verdummung älter werden, wächst nicht der Verstand, und folglich wächst mit dem körperlichen Zerfall nur das Leiden, die Schwäche und die Angst. Statt Weisheit kriecht Elend hervor.

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Genieße Dein Alter

Werbung auf einem Auto: GDA: Genieße Dein Alter. Gemeinschaft Deutsche Altenhilfe

Möge der Werber, der aus der zynischen Kälte seiner Brust solche claims zieht und in die Welt stempeln lässt, alt werden, sehr alt und in eine dieser Verwahranstalten der christlichen Kirchen verklappt werden, wo er von unterbezahlten Fachkräften und Ein-Euro-Fronarbeitern zumindest so weit und so lange am Leben gehalten wird, dass sich das Geschäft mit derartigen Verwahranstalten lohnt! Und möge er, während er sich immer mehr auf einen Tod freut, der vor ihm zu fliehen scheint, jeden Tag auf seinen eigenen claim an irgendeiner Wand schauen müssen!

Breitband für alle!

Es ist immer wieder erstaunlich, wie reich in der Echokammer der deutschsprachigen Internet solche großen „gesellschaftlichen“ und „politischen“ Forderungen wiedergegeben werden, dass jeder Mensch hier als Quasi-Menschenrecht einen Breitband-Zugang zum Internet benötigt und dass ein solcher Zugang zum Internet schon allerlei gesellschaftliche Probleme lösen wird. Ich saß gerade bei einer 73jährigen Frau, die mit ihrer (übrigens schon überdurchschnittlichen) Rente kaum noch über die Runden kommt, nur noch mit gewisser Mühe ihre Miete bezahlen kann, schon in einem für sie selbst nicht mehr erträglichen Maße verschuldet ist, sich große Sorgen darüber macht, dass sie auf ihre alten Tage wohl noch einmal einen Umzug wuppen muss, zurzeit nur noch bei „Discountern“ einkaufen kann und mit großer Bitterkeit darauf zurückschaut, dass ihr von einem Leben voller Arbeit nichts bleibt als ein Leben voller Krankheiten, die zu einem Gutteil auf die Arbeitsbedingungen zurückgehen, unter denen sie ein Leben lang gearbeitet hat — und die bei alledem mehr als nur unterschwellig davon spricht, dass sie auf einen schnellen Tod hofft. Wenn ich mir das alles anhöre, den bitteren Geschmack vieler Worte noch stundenlang im Munde behalte, denn weiß ich wirklich nicht, wie ich diesem Menschen gegenüber die „Erlösung durch das breitbandige Internet“ vertreten soll, ohne mich dabei zu schämen. Diese seltsamen Großkopferten im deutschsprachigen Internet, die solche messianischen Hoffnungen auf eine bloße Technik setzen und sich über die gewaltigen Klickzahlen freuen, wenn sie solche messianischen Hoffnungen auf ihren Websites publizieren, sie scheinen sich niemals mit anderen Menschen außerhalb ihrer recht engen Kreise zu unterhalten — oder, wenn sie es einmal nicht vermeiden können, ihre Ohren angesichts des hörbar beschädigten Lebens auf Durchzug zu schalten. „Breitband-Internet für alle“ ist ja eine durchaus bedenkenswerte Forderung, aber angesichts dessen, was der gegenwärtig über die Gesellschaft ablaufende Prozess an Menschen hinter sich zurücklässt, sollten politische Forderungen für ein erträgliches und dem Menschsein angemessenes Leben doch ein bisschen breitbandiger sein.

Was ich meinem Feinde wünsche…

Und in jenen Tagen werden die Menschen den Tod suchen und nicht finden, werden begehren zu sterben, und der Tod wird vor ihnen fliehen.

Offb. 9, 6

Wenn jemand älter wird, zeigt sich das auch daran, was er seinen Feinden im Hass wünscht. Der junge Mensch, voll der Kraft, will schlicht nur, dass das verhasste Mitwesen im Tode entschwindet, dass es stirbt. Der ältere Mensch denkt etwas anders und wünscht seinen Feinden das, was in der Blindheit zwischen den schweigenden Mauern aus Todesangst und Todesverdrängung als ein Segen empfunden wird, er wünscht ihnen ein hohes Alter. Nicht das Alter, das die Besitzenden und die geehrten Verbrecher erlangen, die sich mit ihrem Gelde über den Verfall hinwegtrösten und in allerlei Betätigung flüchten können. Sondern. Das Alter, das jenen zuteil wird, die ein gewöhnlicheres Leben verlebt haben. Diese Vernichtung der einstigen Kraft im steigenden Schmerz, dieses Vergessen der Gegenwart und die kindische Flucht in Erinnerungen an bessere Tage, die auch nicht mehr zu trösten vermögen. Dieser Verlust des Geschmackssinnes, des Geruchs, des Gehörs und aller anderen Möglichkeiten, eine dürftige Freude in seinem stinkenden Leben zu fühlen. Dieses Weggeworfensein, nachdem das Nutzleben zugunsten der Besitzenden verlebt wurde, dieses Abgeschobensein durch eine Verwandtschaft, die mit lufteleichtem Hirne vergisst, dass ihr noch das Gleiche bevorsteht. Diese notdürftig mit Blümchen und Gärtchen getarnten Ghettos, die man eigens für die Alten baut, damit sie auch leichter über dieses „es geht ihnen doch gut dort“ vergessen werden, diese Wohneinheiten darin, die schon wie ein Krankenhaus riechen, diese von den Institutionen der Kirche ausgebeuteten „Ein-Euro-Jobber“, die in diesen Ghettos mit der geringen Motivation eines Sklaven die letzten Zuwendungen ersetzen müssen. Die Ärzte, die nicht offen davon sprechen, wie die Erde ruft, diese zwanzig Medikamente und drei weiteren Medikamente gegen die Nebenwirkungen der zwanzig Medikamente, mit denen die Körpermaschine am Leben gehalten wird, so lange sich der Betrieb eines solchen Altenghettos noch lohnt. Diese paar Angehörigen, die zwei Mal im Jahr vorbeischauen — man hat ja so viel zu tun — und sich in dieser Frequenz schon auf ihre spätere Rolle als Hinterbliebene vorbereiten — und ihr meist misslingener Versuch, die Lästigkeit derartiger Besuche mit besonders überzogenen Äußerungen der Zuneigung zu übertünchen, als ob niemand mehr die im Munde verwesenden Lügen erschnuppern könnte. Und diesen Alltag, der aus den immergleichen Erzählungen der erinnerten Vergangenheit und der gegenwärtigen Krankheit im Ghetto besteht, und diese öden Bespaßungen, die über das alles im Ghetto hinwegtäuschen sollen. Und. Die im Ghetto haltende und durchaus berechtigte Angst, in seiner Schwäche und Einsamkeit „da draußen“ nicht mehr zurecht zu kommen.

Das ist es, was ich meinen Feinden wünsche, aber von ganzem Herzen! Mögen sie lange leben und in Schwäche und Ausgeliefertsein im endlosen Grau einsam, schmerzhaft und nur noch als passiver Wirtschaftsfaktor geachtet dahinsiechen! Würden Tiere so gehalten, wie in der BR Deutschland einige Menschen „gehalten“ werden, denn wäre der Aufschrei der Tierschützer gewaltig — aber für Eierfabriken und zukünftige Suppenhühner gibt es hier mehr eingefordertes Lebensrecht als für Menschen.

Die ganze Kälte…

Die ganze Kälte des gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozesses ist mir eben gerade im Support-Forum von bbPress entgegengeschlagen:

[…] A huge and fast growing market is the aging population, and those that design interfaces for these users will have great success.

Hier geht es jemanden um alte Menschen. Im Internet. Für diese soll die Benutzerschnittstelle einer Website angemessen sein. (Als ob eine gute Schnittstelle nicht für jeden Menschen zugänglich wäre!)

Nicht etwa, weil diese Menschen sind und als solche zwischenmenschliche Bedürfnisse haben, auch kommunikative Bedürfnisse (und natürlich oft auch ein eher triviales Bedürfnis nach Unterhaltung), sondern weil es sich um einen großen und schnell wachsenden Markt handelt. Weil die Alten eine „Zielgruppe“ sind, wie das die Werber so „schön“ sagen, wenn sie ihre Fadenkreuze auf Herz und Hirn der Menschen richten. Und das ganze Miteinander der Menschen im Netz soll nichts weiter sein als ein sozial optimierter Geschäftsvorgang. Das ist alles. Von der Wiege bis zur Bahre, ist der Mensch nur eine Ware wenn der Werber Welt gestaltet, auf dass auch alles Sein erkaltet.

Brrr!

Glubschohr

Ich wusste, dass ich alt geworden war, als mich vor einigen Monaten das erste Mal ein deutlich jüngerer und offenbar mit MTV aufgewachsener Mensch fragte, ob ich ein bestimmtes, neues Musikstück schon gesehen hätte. Und. Als dieser deutlich jüngere Mensch mich völlig verständnislos anschaute, als ich ihm daraufhin sagte, dass ich schon lange kein acid mehr nähme.

In jeder Zeit nehmen die Heranwachsenden in ihrer zum Körper gewordenen Verzweiflung die jeweils modernen Mittel, um die Wahrnehmung zu füttern und erträglicher zu halten. Zu meiner Zeit nahm man Drogen, um seine eigenen Trugbilder zu sehen und seine ganz persönliche Geisteskrankheit zu entwickeln. (Was mich. Hervorbrachte.) Und. In der heutigen Zeit nehmen sie Medien, um die kollektiven Trugbilder zu sehen und die kollektive Geisteskrankheit zu übernehmen. (Was das hervorbringt. Was mich jedenall und übertag ergibt und umstickt.)

Lebensabend / Lebensnacht

Wenn dann endlich die Zeit gekommen ist, in der einer könnte, wie er will, dann ist längst die Zeit vorbei, in der er noch kann — und damit das trotz des an sich erfreulichen medizinischen Fortschrittes so bleibt, wird das Eintrittsalter für den Rentenbezug immer weiter Richtung Tod verschoben.

Wer sich für sein Leben in ein spätes und kraftloses Diesseits vertrösten lässt, ist fast so dumm wie einer, der sich gleich in das Jenseits vertrösten lässt.