Tag Archive: Aberglaube


Homöopathie

Der Vorübergehende sagte zu seinem kiffenden Zeitgenossen, der seine Grippe mit einem homöopathischen Mittel “bekämpfte”, um nicht so viel “Chemie” in sich hineinzuschütten: “Wenn die gewünschte Wirksamkeit der Substanzen durch das homöopathische Verdünnen so vorteilhaft zum Tragen gebracht wird, und wenn es dabei kaum zu unerwünschten Nebenwirkungen kommen kann, wie du es mir gerade erzählt hast, warum eigentlich, wenn das alles so große Vorteile hat… warum nimmst du dann nicht einfach homöopathische Drogen?”

Der Aufschwung kommt!

Die Prognosen über die Konjunktur sind nur Bastardkinder der Horoskope; scheinbare Gelehrigkeit und Ritual bei der Verkündung dienen dem gleichen psychischen Zweck wie das Fachvokabular und Getue des Sterndeuters. Sie sind ein exzellentes Geschäft dort, wo man gern wettet und dem Getriebe des Kosmos nur entreißen möchte, welches Pferd beim Rennen siegreich sein wird — bevor man sich gleichgültig vom Kosmos wieder abwendet, um sich wichtigerem zuzuwenden: Dem Genuss des zu Geld gewordenen Vorteils, den man sich so errungen hat. Wo “Wirtschaftsweise” die Politik bestimmen und in ihren meist wenig aussagekräftigen Verlautbarungen zum Thema der Journaille und der Nachrichten werden, da hat sich der Verstand noch nicht über eine Psyche erhoben, die in jeder Erscheinung orakeln lassen wollte. Und. Wo solches als “wirtschaftliche Vernunft” gilt, möchte man die Dummheit gar nicht mehr kennenlernen.

Reinigung

Als der Esoteriker dem Vorübergehenden seine alles in allem schon recht komplizierte Ernährung erklärte, bemerkte der Vorübergehende im Laufe der Zeit, dass er es so genau gar nicht wissen wollte, unterbrach den Redeschwall des Zeitgenossen aber aus Höflichkeit mit einer scheinbar interessierten Frage: “Wozu machst du das?” — “Um den Körper zu reinigen”, antwortete der Esoteriker mit einem sehr gewissen Klang in seiner Stimme; ganz wie einer, der nicht mehr sein Körper ist, sondern sich des Körpers nur wie einer Ware bedient. Und der Vorübergehende sagte: “Und ich Depp mache das immer unter der Dusche.”

Der katholische Spuk

Wer einen Weg sucht, wird einen Weg finden. Wer nicht sucht, findet Ausreden.

Es gäbe heute wohl weitaus weniger Menschen, die so verrückt nach Magie, Okkultismus und Spiritismus sind, wenn es nicht eine gesellschaftlich anerkannte Form der Religion gäbe, die Magie (Umwandlung von Oblaten in Fleisch), Okkultismus (Anrufung allerlei verborgener Wesenheiten in zwangsneurotisch anmutenden Ritualen, auf das diese doch hier zaubern und die Wünsche der Anrufer erfüllen mögen) und Spiritismus (unter anderem mit voll entwickeltem Totenkult) offen und unter dem Vorwand des “Willens Gottes” praktiziert — und es ist durchaus kein Zufall, dass mit größerer Nähe zum Einflussbereich der römisch-katholischen oder der diversen, in ihrem faulen Zauber genau so argen orthodoxen Kirchen eine größere Bereitschaft der Menschen einher geht, allerhand obskures Zeug zu glauben und zu praktizieren. Das Vorbild der Tarotkarte ist die Ikone; das Vorbild des kalten, mechanischen Weltbildes der Astrologie ist der kalte, mechanische Ablauf des Kirchenjahres; die recht künstliche Sprache der Obskurantisten weist auf eine noch gar nicht so lang vergangene Zeit zurück, in der die kirchliche Magie in einer toten und für die Menschen unverständlichen Sprache praktiziert wurde; der massenhaft vermarktete esoterische Tinnef* spiegelt die Inflation der hl. Reliquien** und den Kult darum wider. Alle Ströme des direkt gegen die höheren Funktionen des Verstandes gerichteten Unfugs fließen aus der Quelle der etablierten und immer noch staatstragenden Religion. Und. Legen damit Zeugnis über diese Quelle ab. Die still zugewiesene und laut angenommene Aufgabe der Kirche im Staatsgefüge — und das gilt für jede Kirche und jede Religion im Staatsgefüge — ist es, den Wunsch der ausgebeuteten und hoffnungslosen Mehrheit der Menschen nach einem besseren, weniger bedrückten Leben nicht zu Taten gegen die Profiteure ihres Elends, sondern zu Ersatzhandlungen werden zu lassen; die Magie, der Okkultismus und der Spiritismus kommen dabei von ganz allein heraus.

*Esoterischer Tinnef: Von der Drahtpyramide, in der die Rasierklingen länger scharf bleiben (ein toller Trick, den nicht einmal die für ihre Pyramiden bekannten alten Ägypter kannten…) über den Magneten für den Wasserschlauch, der das Wasser für die Waschmaschine entkalkt bis hin zu den Steinen, Büchern, Symbolen, Engelsfiguren — es ist alles industriell hergestellte Massenware, billige und wirkungslose Kitschprodukte für die Psyche, die teuer verkauft werden. Es ist auch ein in die Zukunft schreiendes Dokument der derzeitigen intellektuellen und seelischen Verrohung.

**Hl. Reliquien: Es ist verblüffend, wie viele Schädel einige Heilige hatten, und es ist auch verblüffend, wie sehr Menschen geneigt sind, Objekte, die erst Jahrhunderte nach dem eigentlichen Ereignis unter meist fragwürdigen Umständen irgendwo aufgetaucht sind, allein auf Grundlage von Hörensagen für echt zu halten und einen Kult um diese vergötzten Dinge zu betreiben. Demnächst wird einmal mehr ein angebliches Grabtuch vor den glaubensbereiten Augen aufgespannt, das damals auf Jesus aus Nazaret gelegen haben soll und seltsame, wie gemalt aussehende Abdrücke davon bekommen hat. Das wird gewiss von den Zeitungen und den flackergeilen Sensationsmagazinen der Glotze — dort ganz besonders besoffen vom Halbdunkel, dem Weihrauch und dem ständig auf der Klaviatur der Nerven spielenden Psychogeklimper im Hintergrunde — breit gewürdigt werden, damit auch alle davon breit werden. Und obwohl sich bislang bei Datierungen herausgestellt hat, dass dieses Tuch ein paar Jahrhunderte zu jung ist, um das “echte Tuch” zu sein, dass es sich also um eine mittelalterliche Fälschung handelt, werden jede Menge Indizien für die Echtheit in der gewöhnlichen Einseitigkeit solcher Machwerke gegeben werden, man ist ja christlich hier. So eine Reliquie wird da doch nicht angezweifelt, zumal man damit auch so gute Geschäfte machen kann, ganz so, wie sich mit jeder Irrationalität gute Geschäfte machen lassen. Deshalb gibt es auch so viele “Splitter vom hl. Kreuz”, dass man aus ihnen eine ganze Flotte bauen könnte. Nur ein bisschen Hirn, das hat keiner von den ganzen Heiligen hinterlassen, und dabei wäre das in der Kirche so dringend nötig.

Gruß an Dia

Der schlechte römische Illusionist

Ein Aberglaube ist dann kein Aberglaube mehr, wenn alle daran glauben. Dann ist es nämlich die Religion.

Farin Urlaub

Papst Benedikt XVI hat auf dem Petersplatz in Rom ein paar lateinische Worte laut und technisch verstärkt abgelesen, und jeder, der das gesehen oder gehört oder über das Internet verfolgt hat und den “rechten Glauben” hat, ist durch das Hören dieser für die meisten Menschen unverständlichen Worte von allen Sünden befreit worden. Und. Uri Geller konnte Löffel und Gabeln mit seinen psychischen Kräftn verbiegen.

Der Unterschied zwischen den beiden ist: Bei Uri Geller konnte man wenigstens einen Effekt an den Löffeln und Gabeln sehen, so dass man sich die Illusion besser gefallen lassen konnte.

Kometen

Die gelehrten Menschen des Mittelalters hatten eine Theorie, um was es sich bei den gelegentlich am Himmel auftauchenden Kometen handele. Nach dieser Theorie besteht ein Komet aus den aufsteigenden Dämpfen menschlicher Sünden und Schlechtigkeiten und wird durch den glühenden Zorn Gottes zum Leuchten gebracht. Sie hätten selbst bemerken müssen, dass ihre Theorie falsch ist, denn schon ein einfacher Blick zum Himmel zeigt, dass er nicht ständig voller Kometen hängt.

Urbi et Orbi

Wenn einer seinen Nächsten des Morgens früh mit lauter Stimme segnet, das wird ihm für einen Fluch gerechnet.

Quelle: Spr. 27, 14

Das Ende der Welt

Ich […] richtete mein Herz, zu suchen und zu forschen weislich alles, was man unter dem Himmel tut. Solche unselige Mühe hat Gott den Menschenkindern gegeben, daß sie sich darin müssen quälen.

Pred. 1, 12-13, zitiert nach dem 1912er-Luthertext

Im Moment erwarten (erhoffen?) einige Menschen das Ende der Welt, weil im Jahre 2012 der Kalender der Maya-Zivilisation in allen seinen nummerischen Stellen überläuft — und die entsprechenden Sachbücher verkaufen sich gut. Der Weltuntergang war schon immer ein gutes Geschäft, nicht nur für die Emmerichs dieser Welt.

Ja, schon immer, denn die (sehnliche?) Erwartung des Weltunterganges ist nichts neues. Die folgende Liste vergangener Erwartungen und Prophezeihungen des Weltendes ist mit Sicherheit sehr unvollständig. Die Mehrzahl der Menschen lässt sich viel zu gern durch die Erwartung eines Weltendes aus ihrer Verantwortung für das Weltgeschehen entlassen, als dass es nicht immer wieder zu derartigen Vorhersagen gekommen wäre. Natürlich sind diese Vorhersagen schnell wieder vergessen, und die Menschen sind bereit für die nächste Vorhersage.

Beginn der modernen Zeitrechnung — Die früheste Prophezeihung des Endes, die sich nicht erfüllen sollte, findet sich in der Bibel und stammt von Jesus dem Nazarener persönlich. Laut Mt. 16, 28 hat er seinen Jüngern gesagt: “Es stehen etliche hier, die nicht schmecken werden den Tod, bis sie des Menschen Sohn kommen sehen in seinem Reich” — nun, mit den Jüngern ging es wie mit den zehn kleinen Negerlein, und die Welt drehte sich einfach weiter. Aber vielleicht hatten die Jünger im Sterben noch ein paar hübsche Visionen…

999 — Die biblische Offenbarung des Johannes wurde von der Kirche über Jahrhunderte hinweg so interpretiert, dass das Letzte Gericht und folglich auch das Ende der Welt eintausend Jahre nach der Geburt Jesus stattfinden sollte. Diese Auffassung war — gestützt durch die Autorität einer Kirche, die solche Rechnung anstellte — dermaßen verbreitet, dass das Ende der Welt mit Gewissheit und einer gewissen Ergebenheit in den Willen Gottes erwartet wurde. Die Äcker wurden nicht mehr bestellt, und viele Dokumente aus dieser Zeit begannen mit Wendungen wie “Jetzt, wo die Welt zu ihrem Ende kommt”. Es ist schon davon auszugehen, dass das Jahr 1000 n.u.Z. ein wirklich mieses Jahr geworden ist, allein schon wegen der nicht bestellten Felder und der deshalb verursachten Hungersnot, aber dermaßen mies ist es doch nicht geworden. Leider blieb die Autorität der christlichen röm.-kath. Kirche, von dieser offensichtlichen Fehlprognose völlig unberührt, erhalten, für etliche Menschen bis auf den heutigen Tag. Und. Wir sind Papst.

1033 — Nachdem das Weltende tausend Jahre nach der Geburt Jesu einfach nicht geschah und auch der verblendetste Paulusjünger diese Tatsache nicht ignorieren konnte, nahmen die röm.-kath. Gelehrten an, dass das Ende dann eben tausend Jahre nach dem Tod Jesu eintreffen müsse, den man im Jahre 33 veranschlagte. Auch diese vielgelehrte kirchliche Falschprophetie tat der Autorität der Kirche leider keinen Abbruch. Von einer inneren Einsicht und einer Selbstauflösung der Kirche ganz zu schweigen…

1186 — Im September des Jahres 1186 erwarteten viele Astrologen ein besonderes Ereignis und, damit verbunden, auch das Ende der Welt, weil sich alle sieben Planeten (nicht im modernen Sinne des Wortes, sondern im astrologischen: Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus, Saturn) im Sternbild der Waage trafen. Die Planeten folgten mit himmelsmechanischer Präzision ihren Bahnen und trafen sich (im astrologischen Sinne), und das Weltende ließ weiter auf sich warten. Übrigens glauben auch heute noch Menschen an astrologische Vorhersagen. Ein gutes Geschäft ist dieser dumme Glaube.

1524 — Astrologen in London hatten, nachdem der letzte astrologisch bestimmte und offenbar falsche Termin ein paar hundert Jahre zurücklag und in Vergessenheit geraten war, eine große, weltumfassende Flutkatastrophe für den 1. Februar 1524 prophezeiht, die in London ihren Anfang nehmen sollte. Nicht, dass Regen in London eine ungewöhnliche meterologische Erscheinung wäre, aber ausgerechnet an diesem 1. Februar fiel kein einziger Tropfen. Sehr ärgerlich, denn wer reich war und es sich leisten konnte, hatte in den Bergen große Anlagen mit Vorräten für viele Monate gebaut, die sich nun als recht sinnlose Geldverschwendung erwiesen. Ebenfalls haben sich viele vermögende Menschen mit Schiffen eingedeckt und sich mit hohem Aufwand für eine längere “Fahrt” eingerichtet. Die Astrologen rechneten freilich noch einmal nach und entdeckten dabei, dass sie hundert Jahre daneben gelegen hatten. Zum Bedauern der Astrologen im Jahre 1624 sollte auch hundert Jahre später nichts geschehen. Leider hat im Zuge dieser Ereignisse niemand gemerkt, dass bezahlte Astrologie ebenfalls eine gewaltige Geldverschwendung ist.

1533 — Der Mathematiker Michaelus Stifelius zu Lochau in Deutschland berechnete den 3. Oktober, acht Uhr vormittags als exakten Zeitpunkt für das Weltende durch Lesen, Interpretieren und Durchrechnen der Offenbarung des Johannes in der Bibel. Zwar kümmerte sich die Welt nicht so sehr darum, dass der berechnete Zeitpunkt eintraf und existierte einfach weiter, aber immerhin kam für Stifelius das persönliche Ende; er wurde wegen seiner falschen Prophezeihung von den Bürgern Lochaus getötet. Wie anders doch die “aufgeklärte” Gesellschaft mit solchen Idioten umgeht: Heute lässt man einfach ein paar Monate Gras über ein solches vollkommenes Scheitern wachsen, und danach werden die Scharlatane wieder in die Talkshows eingeladen, damit sie dort neuen Schwachsinn verbreiten können und neue Sachbücher anpreisen können. Manche verbreiten ihre faule Mantik sogar jedes Jahresende in angesehenen Zeitschriften mit hoher Auflage…

1665 — Die Pest ging über London und forderte ihre Opfer. Als ob der damit verbundene Schrecken nicht schlimm genug gewesen wäre, trat Solomon Eccles auf und verkündete, dass die gegenwärtige Seuche der Anfang vom Ende der Welt sei. Nun, Eccles kam ins Gefängnis, die Pest ging wieder vorbei, die Welt existierte weiter.

1757 — Der Mystiker Emmanuel Swedenborg hatte intensive “Unterhaltungen” mit Engeln und erfuhr von ihnen, dass das Ende der Welt im Jahre 1757 läge. Offenbar handelte es sich nicht um besonders gut informierte Engel.

1814, 1801, 1544 und 1537 — Der Astrologe Pierre Turrel war offenbar schon etwas erfahrener im Prophetengeschäft und sagte deshalb voraus, dass das Große Ende aller Dinge in einem dieser vier Jahre eintreten sollte. Es kam zu vier Vorhersagen, weil er das Letzte Datum auf vier verschiedene Weisen berechnete und dabei vier verschiedene Ergebnisse erhalten hatte. Interessanterweise hat ihm das keinen Anlass gegeben, an seiner eigenen Methodik zu zweifeln. Nun, vier Chancen haben seine vier Vorhersagen gehabt, die astrologische Methodik muss wohl völlig unabhängig vom Ansatz ziemlich ungeeignet für solche Vorhersagen sein…

1843 — William Miller, der Gründer einer christlichen Kirche, die einen sehr starken “Endzeitaspekt” hatte, sagte nach fünfzehn Jahren intensivem Bibelstudium das Ende der Welt für den 3. April 1843 voraus. Als dieser Tag ins Land ging und die Erde trotz des Welt- und Lebenshasses dieser Christen fröhlich weiterexistierte, verschob er das Datum einige Male, und seine Anhänger suchten jedes Mal, wenn das neue Datum kam, hohe Hügel auf. Die auf Miller zurückgehende Bewegung zerbrach in den folgenden Jahren und teilte sich in eine Reihe teilweise auch heute noch bestehender christlicher Kirchen auf, die vielleicht bekannteste von ihnen sind die “Siebenten-Tags-Adventisten”, die immer noch in großer Erwartung leben.

1874 — Charles Taze Russell, ein eifriger Interpretator der Maßverhältnisse in den Pyramiden von Gizeh und der Gründer der “Zeugen Jehovas”, sagte das Ende der Welt für das Jahr 1874 voraus. Es geschah natürlich nichts, und deshalb hat er nachträglich seine Prophezeihung ein bisschen geändert. Bis heute gehört es zur religiösen Lehre der Zeugen Jehovas, dass im Jahre 1874 Jesus in unsichtbarer Form zurückgekehrt sei und dass das große Ende der Welt bevorstehe, in dessen Verlauf der unsichtbar gegenwärtige Jesus offenbar werden wird. Das Datum für dieses große Ereignis wurde auch einige weitere Male aus diversen Zeitangaben in der Bibel ausgerechnet, aber für die Rechnenden unglücklicherweise mit erwartungsgemäß geringem Erfolg. Deshalb stehen im Wachtturm auch eher andere Dinge als eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der eigenen Religionsgemeinschaft, und die meisten Zeugen Jehovas wissen heute nichts mehr von alledem.

1890, 1891 — Joseph Smith, der erste “Seher, Prophet und Offenbarer” und Gründer der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen), der immerhin seinen Kopf zusammen mit einem Seherstein in seinen Hut steckte und auf diese Weise das ganze Buch Mormon von Gott selbst offenbart bekam und nur noch diktieren brauchte, er hatte auf einer Konferenz am 14. Februar 1835 gesagt: “Das Kommen des Herrn ist nahe, es sollen noch 56 Jahre bis dahin vergehen”. Die Jahre zogen ins Land, und der Herr hatte offenbar etwas Besseres zu tun oder einfach den Termin verschwitzt, aber es gibt immer noch eine ganze christliche Religionsgemeinschaft, deren Anhänger glauben sollen, dass dafür wenigstens die anderen “Offenbarungen” dieses Propheten ein direktes, heiliges, von Gott geoffenbartes Wort sind. Und wenn sie nicht damit aufgehört haben, in Geheimritualen im Tempel die Namen, Griffe und Zeichen zu lernen, mit deren Kenntnis man sich Eintritt in das celestiale Reich verschaffen kann, denn glauben sie es noch heute.

1914 — Von den Zeugen Jehovas wurde das Jahr 1914 als Ende der Welt angekündigt, aber das Ausbleiben des ersehnten Ereignisses beendete nur für viele Zeugen Jehovas ihre weitere Mitgliedschaft in dieser obskuren, wahnhaften Sekte. Leider blieben genug übrig, um weiteren Nachschub von Haustür zu Haustür zu werben, und das gleiche geschah auch bei jedem folgenden Irrtum dieser Leute. (Allein mit den gescheiterten Prophetien des Weltendes durch die Zeugen Jehovas und den zugehörigen Geschichten könnte ein ganzes Buch gefüllt werden.) Wie ein Zeuge Jehovas trotz alledem mit seinen kognitiven Dissonanzen umgeht? Na, indem er sich einfach das Denken abgewöhnt. Und damit er auch gar nicht erst zum Denken kommt, wird ihm — wie mir neulich erst zwei Zeuginnen Jehovas auf der Straße erzählten — klar gemacht, dass dieses Internet, in dem man unter anderem die gesamte Geschichte der Zeugen Jehovas nachlesen kann, vom Teufel und sehr gefährlich sei.

1953 — Aus den Maßen der Kammern in der großen Pyramide zu Gizeh haben ein paar Verwirrte das Jahr 1953 als Jahr des Weltuntergangs berechnet. Offenbar haben sie nicht genau genug gemessen. Zurück an die Arbeit!

1975 — Die Zeugen Jehovas mal wieder. Und es. War wieder nichts. (Es wird auch nichts mehr werden. Leider bringt das keinen Zeugen Jehovas zum Nachdenken. Es ist doch erstaunlich einfach, den Menschen durch ein umfassendes Programm so zu beschäftigen, dass sein Gehirn nicht mehr zum Denken kommt!)

1982 — Im Sachbuch “Der Jupiter-Effekt” wurde ausführlich beschrieben, was es doch für schreckliche Auswirkungen haben würde, dass im Jahre 1982 alle Planeten des Sonnensystemes fast in einer Reihe stünden und ihre Gravitation kombinierten. Nichts von allen schrecklichen Vorhersagen ist eingetreten, aber immerhin trat hier wenigstens erstmals ein neuer Wahnsinn auf. Zu den klassischen Pseudowissenschaften der Astrologie, des Spiritismus und zur Religion gesellte sich eine modern verkleidete Pseudowissenschaft, die für viele heute lebendende Menschen sehr viel glaubwürdiger klingt als die klassische bullshit science. Von der astronomischen “Argumentation” im Buch “Der Jupiter-Effekt” aus den Siebziger Jahren bis hin zu den heutigen Eso-Schinken und Betrugsprodukten, die eifrig von Energie, Tesla und allerlei Quantenquark schwätzen, ist es eine gerade Linie.

1996 — In der Bibel lässt sich ja lesen, dass vorm Angesichts Gottes tausend Jahre wie ein Tag sind, und manche Fundamentalisten und andere Autisten wollen auch mit dieser orientalischen Metapher auch rechnen. Da Gott für die Schöpfung des Universums sechs Tage, also sechstausend Jahre benötigt hat, um sich dann erstmal auszuruhen und den Schabat zu erfinden, soll auch die Menschheit für sechstausend Jahre arbeiten, um sich dann auszuruhen; so argumentierten wenigstens einige Sektierer, die die Bibel nicht für eine Überlieferung orientalischer Legenden, sondern für ein Rechenbuch gehalten haben. Und weil sie gerade so schön am Rechnen waren, rechneten sie auch gleich aus der Bibel aus, wie viele Jahre die Menschen jetzt schon arbeiten. Dabei kamen sie zum Ergebnis, dass die Erde 1996 untergehen sollte. Die Erde hat das aber irgendwie nicht gewusst, ganz im Gegenteil, 1996 war ein richtig tolles Jahr. Solche und ähnliche Rechnungen werden immer wieder einmal angestellt und in Traktaten und auf Websites veröffentlicht, auch mit derartigem Dummfug könnten ganze Bücher gefüllt werden.

1999 — Um den Nostradamus in dieser Liste nicht völlig zu vergessen: “L’an mil neuf cens nonante neuf sept mois / Du ciel viendra grand Roy deffraieur / Resusciter le grand Roy d’Angolmois. / Auant apres Mars regner par bon heur.” Nun, im Juli 1999 geschah nichts, was nach einem König des Entsetzens am Firmament ausgesehen hätte, der den mongolischen König zu neuem Leben erweckte. Nicht einmal etwas, worauf diese Worte metaphorisch gepasst hätten. Vom erfolgreichen Pestarzt und wenig erfolgreichen Propheten Nostradamus lernen, das heißt für einen Untergangspropheten übrigens: Siegen lernen. Einfach eine Menge wirres Zeug voller Anspielungen und Chiffren zu Papier bringen und darin nur Jahreszahlen in weiter zeitlicher Ferne nennen! Das schafft eine gute Chance, dass der Unsinn auch ein paar Jahrhunderte später noch von vielen Menschen sehr ernst genommen wird.

2000 — Auch der Weltuntergang durch Computerprobleme im Zusammenhang mit dem Jahr 2000 blieb uns allen erspart. Aber in den Jahren vor dem Jahr 2000 machten eine Menge kleinerer Softwarehäuser ziemlich viel Reibach mit recht stümperhaften Serviceleistungen, die schon damals häufig von billigen Auszubildenden mit wenig Sorgfalt durchgeführt wurden. Die Liste möglicher Probleme in den gängigen Programmierumgebungen der alten Anwendungen (vor allem für Windows und MS/DOS) war wohl bekannt, und das Abarbeiten dieser Liste war recht routiniert. Irrationale Angst und mangelndes Wissen ist eine Kombination, die Scharlatanen immer wieder ein gutes Geschäft mit gesalzenen Rechnungen für objektives Nichts ermöglicht, damals wie heute. Nur, dass heute auch eine florierende technische Scharlatanerie herrscht, das Spiegelbild des technischen Analphabetismus vieler Menschen.

2000 — Natürlich gab es auch richtige Vorhersagen des Weltunterganges, dessen Ursache wohl diesmal darin bestehen sollte, dass sich bei der Schreibweise des Datums alle Stellen auf einmal ändern…

2001 — Die “wacheren” Kalenderbetrachter haben bemerkt, dass der Gregorianische Kalender kein Jahr Null kennt, dass das neue Jahrtausend also folglich erst im Jahre 2001 beginnt. Mit dieser Argumentation hatten sie völlig recht. Allerdings hatten sie Unrecht damit, dass diese Tatsache irgendwelche Katastrophen bedeuten würde.

2012 — Das ist das Datum, das wir vor uns haben. Ein neuer, heißer Kandidat für eine inzwischen recht müde, aufgewärmte Geschichte… ;-)

In Kulturkreisen, die von einer Religion geprägt wurden, die einen Weltuntergang in ihrem religiösen Gebäude integriert haben — und dieser Aufbau ist allen drei monotheistischen Weltreligionen gemeinsam — kommt es immer wieder zu derartigen Ausbrüchen des Wahnsinnes. Die allzu leichtwillige Bereitschaft, aufgrund dürftigster Argumente und gegen alle Vernunft an ein bevorstehendes Ende der Welt zu glauben, spiegelt die Sehnsucht nach einem solchen Ende wider, und diese Sehnsucht ist ihrerseits das Spiegelbild der Lebens- und Weltverachtung, die in diese Religionen eingebettet ist; letztlich des Selbsthasses, den diese Religionen von den Menschen abfordern. Dieser Selbsthass — der sich in psychologischer Absurdlogik mit einem überzogenen Narzissmus verheiratet hat — ist zu überwinden. Der Wahnsinn schwindet dann von allein, und damit auch ein Stück des gesellschaftlichen Wahnsinnes.

Die Mumie

Die überlieferte Religion und der zusammen mit ihr überlieferte Aberglaube (vor allem in Form der Astrologie leider immer noch recht populär) gleichen einer Mumie, die sich durch sorgfältige Präparation in die heutige Zeit gerettet hat. Es kann durchaus interessant und aufschlussreich sein, eine solche Mumie genau zu untersuchen, um etwas über die psychische Beschaffenheit derer zu lernen, die solche Mumien anfertigten — schließlich waren es Menschen mit der gleichen psychischen Beschaffenheit wie wir, was uns zur Demut anhalten sollte. Aber es ist ziemlich dumm und aussichtslos, eine solche Mumie wieder zum Leben erwecken zu wollen. Das einzige, was bei solchem Unterfangen entstehen kann, ist ein Monster, dass sich gruselig durch eine Zeit krepelt, die nicht seine ist.

Ein wenig von diesem Gruseln kann jeder fühlen, der sich ernsthaft (und ohne die Haltung der Abgrenzung) mit einem Fundamentalisten unterhält.

Freitag der Dreizehnte

Von der antiken, aber in der institutionalisierten Religion bis heute festgehaltenen Vorstellung, dass bestimmten Tagen im verwendeten Kalendersysteme eine bestimmte, jedes Jahr aufs Neue im Theater der Liturgie aufgeführte Bedeutung zukomme, zu der moderneren Vorstellung, dass so ein Datum wie der Dreizehnte eines Monats, wenn er auf einen Freitag fällt, besonderes Unheil verheiße, ist es ein gleichfalls kurzer wie logischer Weg. Jeder Aberglaube gedeiht auf dem Dung der Religion, und in diesem Spiegel zeigt sich die Religion selbst als ein Aberglaube.

Wissenschaft

Für jemanden, der die Menschen belügen will, ist das Wort “Wissenschaft” keine Methode, die rigoros angewendert zu werden hat, um mehr Aufschluss über die Beschaffenheit der Wirklichkeit zu bekommen, sondern einfach nur ein anzuwendendes Schema der Kommunikation, welches dazu führt, dass die dreisten Lügen von weniger Menschen hinterfragt werden, da für die zunehmend bildungsferneren Menschen Wissenschaft die Stelle einer Religion eingenommen hat, deren Aussagen hohe Glaubwürdigkeit genießen. Sehr viele “Unterschungen” dienen nicht dem Zweck, etwas über die Wirklichkeit zu erfahren, indem ihr im Experiment gezielt Fragen gestellt werden, sondern nur dem einen Zweck, anderen Menschen Lügen zu verkaufen. Das Ergebnis solcher “Untersuchungen” steht fest, ehe sie überhaupt beginnen.

Das sollte jeder Denkende und Fühlende in seinem Sinn festhalten, wenn er die scheinbar gebieterischen Fakten in den Medien und in der Politik kurz aufnimmt. Gebieterische Aussagen ohne präzise Darlegung der angewendeten Methodik sind nicht Wissenschaft, sondern die Glaubenssätze der Parareligion der Jetztzeit. Und die Haut wird um 73 Prozent geglättet.

Eine nützlich Psychologie

So zynisch es klingen mag, eine solche “Psychologie”, die den alltäglichen Zumutungen nur die Idee entgegen setzt, einen Patienten so zu konfigurieren, dass diesem der ganze Dreck ziemlich egal wird, ist gesellschaftskonform und wertschöpfend: Sie erspart nicht nur die Diskussion über die ökonomischen, sozialen und politischen Bedingungen der Menschen, sie verschafft auch ein paar Schreinern Arbeit; entweder beim Orgon-Kastenbau oder bei der Herstellung von Särgen.

“Der Diskurs des Psycho-Irrsinns” im Eso-Blog

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