Category: Nachtlyrik


Meine Klatsche

Eigentlich lernen wir nur aus Büchern, die wir nicht beurteilen können. Der Autor eines Buches, das wir beurteilen können, müßte von uns lernen.

Johann Wolfgang von Goethe

fliegen fliegen
klatscht die fliegenklatsche
fliegen an die wand —
dank der hand.

ohne hand
flögen fliegen
voller fleiße
flugs in scheiße
dann in mein gesicht —
ich mag das nicht.

die fliege flog,
die wand sie zog;
sie hat gedacht:
„genug gemacht, ich ruhe jetzt“ —
sie ward zerfetzt.

Ein wichtiger Nachtrag auf die Frage: „Schön, schön, und was möchte der Autor uns mit diesen erquicklichen Worten nun sagen?“

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Meine Augen

Meine Augen
Leergeweinte Höhlen
Schmirgelstaub in Stein

Mein Mund
Schwindelschwirr der Abgrund
Flüsterseufz das Lichtlos

Ein Atem
Der widerstrebend
Zum Nebel kondensiert

Zum Dunst

Ausrufezeichen
Sind himmelhoch
Aus Stahl und Glas errichtet

Im Glanz bin ich zernichtet

Ein Schornstein
Bröckelt vor sich hin
Am Horizont der Zeiten

Lughaft kriecht die Sonne
Durch den kalten Wind
Und es wird nicht Licht

Wie lange schon
Bin ich hier gestorben?

Realistisches Adventslied

Zu singen zur Melodie eines allgemein bekannten, deutschen Adventsliedes und zum weihnachtlichen und politischen Geschwätz in den Medien.

Es kommt ein Schiff geladen
Bis an sein‘ höchsten Rand,
Die Schulden sind Billiarden,
Und nirgends sieht man Land.

Das Schiff treibt schief im Meere,
Es trägt ein üble Last.
Statt Segel gibts nur Leere,
Zerbrochen ist der Mast.

Kein Anker mehr vorhanden,
Er wog ja viel zu schwer.
Vielleicht wird man einst stranden…
Es glaubt längst keiner mehr.

Am Steuer stehen Irre
Die nur Visionen sehn;
Ihr Reden macht euch kirre,
Ihr könnt ihm kaum entgehn.

Sie haben keine Karten,
Ihr Wahn reicht ihnen aus.
Sie hoffen selbst und warten
Auf gestrig Saus und Braus.

Der Sturm pfeift durch die Planken,
Es reiht sich Leck an Leck.
Schöpft Wasser ohn‘ Gedanken!
Das nennt man euren Zweck!

Drum sollt ihr eifrig kaufen,
Es ist ja Weihnachtszeit.
Die Wirtschaft muss doch laufen
Sonst ist es bald so weit…

…und habt ihr nichts zu schenken,
Denn leiht euch einfach Geld!
Wie euch die Irren lenken!
Die Bank regiert die Welt.

Epilog

Und rottet einst am Strande
Ein gammlig Balken Holz:
Das blieb vom Deutschen Lande;
Die Steuerfrau ist stolz.

Mit fröhlichem Gruß an den Dwarslöper

Soldatenfriedhof

Grasfrech welkt der blinde Hügel;
Tausendstab und weiß die Kreuze
Steht der Tod in Reih und Glied,
Der Meister jedes Krieges.

Nochimmer das Vergessen.

Bei den zensierten Bloggern

Um zu sehen
Was noch kommen wird
Nahm er eine Zeitmaschine
Zu reisen dorthin
Da sich die zensierten Blogger treffen.

Eine weite Reise
In die Zukunft
War es nicht.

Kaum stieg er aus
Da war er überrascht
Ob des hellen bunten Ortes
Da sie beisammen saßen.
Und. Auch des
Heitren Miteinanders
Im Exil.

Sie saßen lautstark beieinander:
Ein jeder twitterte und bloggte;
Man machte weiter wie gehabt.
Doch bald schon wurde er bemerkt,
Der Neue.
Und. Man war froh
Wegen frischen neuen Geistes —
Denn auch im Lachen fühlten sie die Ödnis.

Doch
Noch bevor er sprechen konnte
Zu stellen seine Fragen
Hoben sie schon an
Ihn zu begrüßen:
„Willkommen bei den Bloggern im Exil!“,
Sagte der eine.
„Sitz bei uns,
Wir schlagen dich mit Rat!“
Keine Pause, schon ein andrer:
„Schreib nicht so lange Texte,
Am Bildschirm liest man ungern!“
Er musste es wohl wissen,
Ihn las ja damals jeder.
Ein Vierter sprach:
„Bring Videos und Witz,
Das gibt dir noch mehr Leser!“;
Und ein Fünfter:
„Der letzte Schrei der Technik
Ist stets ein gutes Thema.“ —
das iPhone trägt er hier selbst noch.
„Vergiss niemals zu twittern
Es verdoppelt deinen Traffic!“,
sprach ein Sechster,
gleich gefolgt von einem Siebten:
„Medien, Film und Fernsehn
Ists, was jeden intressiert,
Schreib dazu, der Erfolg ist dir gewiss.“

So sprachen sie
Pausenlos vom Bloggen
Und hörten gar nicht erst
Was der Besucher wollte.

Und in einer kleinen Pause
Des unentwegten Schwatzens
Meldete
Aus einer dunklen Ecke
Einer sich dazwischen.
Er hatte kein Gesicht mehr.
Seine Stimme schrie im Flüstern
Und stellte doch nur eine Frage:
„Neuling,
Hast du deine Leser
Ausgestattet?“

„Sag, Gesichtsloser,
Was meinst du nur mit ‚ausgestattet‘?“
Sprach der Reisende erstaunt.

„Haben sie von dir gelernt,
Dass ihre Trübsal nicht allein ist?
Und? Dass man
Ihr widerstehen kann?
Ja? Muss?
Wissen sie,
Jetzt,
Wo sie dich nicht mehr haben,
Selbst sich auszudrücken?
Aus ihrem eignen Leben?
Kennen sie deine Texte?
Werden sie in den Archivdiensten
Danach suchen?
Sie anderen als Tipp zustecken?
Dass die Namenlosen
Eine Stimme sich schaffen?
Haben sie
Gelernt, den Medien zu misstrauen?
Und? Die Lügen der Herrschaft
Jeden Tag aktiv
Zu korrigieren?
Auch ohne dich?
Oder war alle deine Mühe
Ein Wölklein Staub im Wind,
Hinfortgeblasen
Vom Sturm
Des immer wieder Neuen?“,
das war seine leise Antwort.

Am hellen Tisch der Lautestete,
Leise geworden, sagte er:
„Das sind die,
Denen das Bloggen
Nicht ein Selbstzweck war;
Die, denen man mit ihrem Blog
Auch ihr Lebenswerk zerstörte.
Leise und ohne Gesicht
Sind sie unter uns.“
Am Ort
Da sich die zensierten Blogger treffen
War das Gespräch
Verstummt.

Geist in Zelten

In meiner dochnochwarmen Brust
Weilt ein trieber Geist in Zelten;
Ein Sturmhauch nur
Der wandern will. Und wandern.

Als zur Kleinzeit keiner war
Mich zu ziehen, zog er ein.
Jetzt ziehe ich;
Immernach dem Geist in Zelten.

Das Knastwarm jeder Mauer
Lässt meine Brust erbibbern,
Nichts und niemand
Gibt mir Ruhe. Vor mirselbst.

Hinter mir brennt die Asche,
Vor mir gähnt das Schwarz.

Fern vom Hirn, unter pumpelndem Herzen
Treibt ein weiler Geist in Zelten
Den Trübsinn an
Der wandern will. Und wandern.

Elektrisches Auge

Aus aktuellem Anlass und mit nasskaltem Gruß an ZensUrsula von der Leyen heute wieder einmal ein flugs übersetzter Songtext aus meiner Jugend, in der es selbst in der populäreren Musik noch etwas gab, was im gegenwärtigen Auswurf der Contentindustrie gar nicht mehr vernehmbar ist: Mit wirklichem Mitteilungswillen verbundene und zitierfähige Texte.

Elektrisches Auge

Hier oben im Raum
Schaue ich auf euch hinab.
Meine Laser verfolgen
Alles, was ihr tut.
Ihr glaubt, dass ihr ein Privatleben habt…
Glaubt doch nicht an so etwas!
Es gibt wahrlich kein Entkommen,
Ich bin ununterbrochen wachsam.
Ich bin aus Metall gemacht,
Meine Schaltungen glimmen.
Ich bin unvergänglich.
Ich halte das Land sauber.
Ich bin der ausgewählte elektrische Spion;
Augengeschütztes, elektrisches Auge.

Immer im Blickpunkt;
Ihr könnt mein Glotzen nicht fühlen.
Ich zoome in euch hinein;
Ihr wisst nicht, dass ich existiere.
Es macht mich stolz, eure geheimen Bewegungen zu untersuchen.
Meine tränenlose Netzhaut macht Bilder, die als Beweise gelten.
Elektrisches Auge, oben am Himmel,
Fühlt, wie ich glotze, wie ich immer da bin;
Es gibt nichts, was ihr dagegen tun könnt.
Entwickelt und offen gelegt,
Ich weide auf jedem eurer Gedanken;
Und das lässt meine Macht groß werden:
Geschütztes, überwachendes, elektrisches Auge.

Frei nach „Electric Eye“ von Judas Priest
(1982 auf „Screaming For Vengeance“ veröffentlicht)

Die Übelsetzung und alle — trotz der recht scharfen und deutlichen Aussprache von Rob Halford eingeschlichenen — Verhörer sind von mir. Ich habe mich beim Übertragen entschieden, das in seinem Numerus unbestimmte englische „you“ in der Pluralform zu übersetzen, im Englischen ist es auch als direkte Ansprache eines einzelnen Gegenübers zu verstehen. (Jüngere Sprecher des amerikanischen Englisch disambiguisieren dies zuweilen durch die analytische Konstruktion „you all“ oder kontrahiert „y’all“ für die zweite Person Plural, und diese umgangssprachliche Konstruktion hat gute Chancen, es in Zukunft einmal in die offiziellen Grammatiken zu schaffen.) Diese kleine Unbestimmtheit gibt dem englischen Originaltext eine zusätzliche gefühlte Schärfe und Härte, die sich nicht durch Übertragung in ungekünstelte Alltagssprache in das Deutsche hinüberretten lässt. Auch ist es unmöglich, die Homophonie von „I“ (ich) und „eye“ (Auge) und die daraus gezielt gebauten Unbestimmtheiten zu übertragen — ich bin mir selbst nicht darüber sicher, dass ich jedes Mal die beabsichtigte Bedeutung getroffen habe. Überall, wo „Auge“ steht, kann auch „ich“ gemeint sein, und umgekehrt — und da das „elektrische Auge“ als Icherzähler auftritt, wird diese Überschneidung prägend für die Wirkung des Textes. Obwohl Judas Priest — im Gegensatz zu einigen anderen Vertretern des klassischen heavy metal — im Allgemeinen keine auffallend gestelzte Sprache pflegte, ist die Übersetzung einiger Songtexte doch schon sehr schwierig, und mit dem hier entstandenen Ergebnis bin ich alles andere als zufrieden.

Nach diesen Anmerkungen zu den Schwächen meiner Übelsetzung nun noch eine Kleinigkeit zum Hintergrund, warum ich diesen Text in das Bewusstsein rufen möchte:

Dass es mit den Freiheitsrechten in der BR Deutschland unter den Ideen einer Demagogin wie ZensUrsula von der Leyen und ihren allzu willfährigen Schergen unter den großen Zugangsprovidern nicht mehr so weit her ist, werden einige Leute wohl erst dann bemerken, wenn sie einen Proxyserver oder Nameserver aus China in ihre Netzwerkkonfiguration eintragen, um wieder an einem ungefilterten Austausch der Menschen Teil haben zu können. Und viele andere Menschen werden es nicht einmal dann bemerken, weil sie sich völlig mit der Tagesschau, den Talkshows, der Bildzeitung und DSDS zufrieden geben. Die neue Zeit der dezentralen Medien wird an der entstehenden great firewall of Germany erwürgt, bevor sie auch nur eine gesellschaftliche Wirkung entfalten konnte.

Vom zunehmenden und abnehmenden Wissen

Wer denkt, der wird ein Zweifler.
Wer zweifelt, der stellt Fragen.
Wer Fragen beantwortet, der macht Fortschritte.
Wer Antworten prüft, der macht Entdeckungen. Und.
Wer alles das nicht tut, der liest Zeitung.

Nacht Lid

Mond Krähe
Mond Taube
Mond Pinguin
Nordpol Loch.

Schwarze Grab Brötchen
…eine Speise für die Toten.

Grüne Grab Brötchen
…eine Speise für den Schimmel.

Mond Schwalbe
Mond Amsel
Mond Nachtigall
Südpol kalt.

Richtung und Garheit (13)

Es macht dich nicht schon frei
Wenn du der Ketten spottest —
Dein Spaß geht schnell vorbei
Wenn lebend du verrottest.

Stabilisierende Lachlust — Der Witz ist eine lustvolle soziale Tätigkeit, er wird von einem Menschen erzählt, um einen anderen Menschen damit zum Lachen zu reizen, damit dieses Lachen auf den Erzähler rückwirkt, ihn ansteckt, ihm die Lust am Lachen vermittelt. Um witzig zu sein, muss er erzählt sein. Die Zustände, denen. Auf diese Weise. Eine darbende, kurze Lust abgewonnen wird, verbleiben jedoch lusttötend. Und. Unverändert.

Triumphzug — Der römische General Julius Cäsar soll „seinen“ Legionären ausdrücklich gestattet haben, Spottlieder auf ihn zu singen. Auch. Noch bei den feierlichsten und deshalb scheinbar unpassensten Anlässen. Man muss sich diese Skurillität einmal vorstellen. Im Triumphzug zieht die siegreiche Legion durch Rom. Ganz vorn. Von edlen Pferden gezogen. Im goldbeschlagenen Prachtwagen der siegreiche General, hinter ihm steht auf gleichem Wagen ein auserwählter Getreuer, der in feierlicher Geste und mit sicherlich bald schmerzenden Arm den Lorbeerkranz über dem geehrten Haupte hält. Dahinter ziehen Sklaven die geschmückten Wagen mit der Kriegsbeute, ein Überquell der funkelnden Kleinode und des Goldes. Und. Dahinter in feierlicher Marschordnung das siegreiche Heer; Männer, denen man an ihren Narben noch den Kampf ansieht. Und diese singen ihrem Anführer Spottgesänge. Was für eine Erleichterung! Ganz gewiss zogen sie frohgemut, vielleicht sogar mit viel Lachen in die nächste Schlacht. Von dieser skurillen Szene. Führt ein direkter, gerader Weg. Der gleichsinnigen Zielsetzung zu den Kabarettsendungen im quasi staatlichen Fernsehen der gegenwärtigen deutschen Republik.

Kabarett — Es ist verhältnismäßig leicht, im Stile des politischen Kabaretts der Jetztzeit ein paar kleine Witzchen und Anspielungen über die mediale Berliner Politshow zu reißen: „Ich weiß ja nicht, ob es jeder merkelt, aber wo wir früher verkohlt wurden, da werden wir heute verköhlert. Die Partein, die Partein, die habn immer recht. Und. Wo früher das Ministerium für Staatssicherheit nach den Rechten schaute, da will man heute nicht schauen, da will man gar schäublen. Eine freie Presse gibt dieser deutschen, demokratischen Republik eine freie Stimme, frei von jedem Widerspruch, und wenn Anne will, denn klatschen alle dazu. Die Mauer freilich, sie ist eine andere geworden, hochgezogen aus Becksteinen. Und die Vollbeschäftigung, sie kommt. Immer mehr Menschen sind voll damit beschäftigt, für den Nutzen immer weniger Menschen zu arbeiten. Das lohnt sich doch! Viele schaffen, bis sie geschafft sind, und wenige scheffeln.“ — ganz gewiss wird durch eine solche Ansprache eine gewisse Lust ausgelöst, zieht sie doch den hoch gepriesenen und mit Ehrung überhäuften Apparat zur Ausübung der täglichen Gewalt mit jovialem Wortfall in das Kleine, Niedrige, Schmutzige. Aber. Eben nur verbal, und die Gewalt bleibt unbeeindruckt von den ohn-mächtigen Witzeleien bestehen. Kleingeistig. Mit niedrigen Motiven. Und. In aller ihrer Ausführhung sehr schmutzig. Aber. Dabei wuchtig, würgend und wirkmächtig.

Das ausgewechselte Wischblatt — Früher hat der Bayerische Rundfunk in seinem Sendegebiet die Ausstrahlung der Kabarettsendung „Scheibenwischer“ boykottiert. Und heute wird der „Scheibenwischer“ vom Bayerischen Rundfunkt produziert.

Schluss mit lustig — Es ist die Zeit gekommen, dass man mit dem gezwungenen Lachen über Personen, Prozesse und Zustände aufhört. Und. Es ist die Zeit gekommen, dass man Personen, Prozesse und Zustände ändert. Damit man vielleicht wieder befreit lachenkann.

Beton

Beton

Rührt Beton an,
Mehr
Beton!

Wir gießen Behausungen
Für die städtischen Nomaden.
Für die stummen flitzen Nirgendse
Die überall sein müssen.

Eine Garage
Ist das beste Fundament
Für unsre Häuser. Wir
Nennen es. Zeitgemäßes Wohnen
Im keck gestreuten Grün
Mit Verkehrsanbindung
Und Einkaufsmöglichkeiten und
Alternativ energetisch shengfui
Ist es natürlich auch (für
die Sozialpäderasten
auf ihrer bücken Pirsch nach Jobs,
denn die zahlen höher Miete).

Gerendert sieht es gut aus.
Der Grafiker versteht sein Handwerk.

Betonmischer
Kommt gefahren und lasst uns gießen!
Die Form ist klar und handhabbar
Und weitgehend frei
Von individuellen Merkmalen.
Denn
Wir gießen für die nomadischen Städter
Leicht austauschbare Behausungen;
Es geht um eine Unterkunft,
Da sucht keiner
Nach einer Heimat.

Wie auch!
Das Mensch hat flexibel zu sein,
Globalisiert und jederzeit bereit
Die Flucht aufs Neue zu ergreifen. Bindungen
Stören
Da nur.

Wir gießen für Städte voll Nomaden
Feuchte Zelte aus Beton
Auf den Grund der Garagen. (Denn
Parkplätze sind ja immer das größte Problem,
Sie kennen das ja selbst.)
Wir graben Löcher und gießen sie voll Beton
Um Löcher in den Himmel zu schrauben,
Versteinerte, ausgehärtete Löcher:
Unterkünfte für die stummen Nirgendse
Die überall flitz und fremd sein müssen.
Das ist ein sauberes und gutes Geschäft,
Auch fürs Investment und die Altersvorsorge.

Wir nennen es. Stadtgerechtes Wohnen
Im Wohnpark beim Parkplatz und
Bei der Verkehrsanbindung im Grünen
Und bei naher Shoppingmöglichkeit. Und gerendert
Sieht es sehr gut aus, weil kein Mensch darin ist.

Wir gießen. Beton. Zur
Parkmöglichkeit beim Wohnen und Shoppen
Für die ungebundenen Nichtse, unsere Mieter.
Das Gras wächst schnell darüber,
Die dornen Sträucher der Baumschule
Heucheln Leben für die Kamera. Und. Unsere Mieter
Werden es kaum jemals bemerken.

Mein Testament

Spart euch das blende Gefasel vom „Leben“, wenn ihr nur noch einen Madensack vor euch seht! Es kommt Jahrtausende zu spät. Wenn dem Menschen schon das Leben nicht mehr gelassen wird, denn lasst ihm wenigstens seinen Tod.

Spart euch die träntriefe Heuchelei eurer Trauer! Sie hilft keinem Toten. Und. Noch weniger den Lebenden. Formt Wut aus euren Tränen, und formt Taten aus eurer Wut! Es gibt ein Leben vor dem Tod. Und das. Ist euer einziges Leben. Lasst einfach die Toten ihre Toten begraben!

Erlaubt dem wracken Leib einmal nur, zu sein, was er ist! Wenn ihr Lügen haben wollt, gibt es immernoch das Fernsehen und die Bildzeitung. Dafür. Braucht ihr keine Leiche. Auch keine Pfaffen. Und. Auch nicht die ölglatten Phrasen der professionellen Bestatter.

Verzichtet auf die giere Wertschöpfung! Wäre die Medizin in dieser Gesellschaft ein menschlicher Dienst am Menschen, denn könnten die Ärzte ja gern ausweiden, es täte mir nicht weh. Aber. Dass eines armen Menschen Totleib die Besitzenden gesünder und schöner und die weiße Brut der Ärzte reicher macht, während meine Freunde in unbehandelten Schmerzen vegetieren, das verbitte ich mir. Ausdrücklich. Für. Meine wehrlosen Reste Biomasse.

Sperrt mich nicht im lochen Gefängnis eurer Erinnerungen ein! Wendet euern Geist denen zu, die noch Zuwendung fühlen können, statt mit eures Hirnes Kräfte einen bequemen Zombie zu erschaffen, den ihr bei Bedarf trostsam durch eure Erinnerungen geistern lassen könnt! Ihr seid spätestens jetzt mehr als ich, denn ihr seid noch nicht tot. Lebt das! Damit. Es wirklich wird! Ein Denkmal aus fleischen Taten ist besser denn ein Kultort von Stein.

Grabt keine Grube! Erlaubt einem Menschen, der niemals leben konnte, wenigstens das Totsein! Gönnt meinen blauschwarzen Freunden, den Raben und Krähen, ihr Fresschen! Nehmt den Fliegen ihr Nest nicht weg! Und lasst auch den Bakterien eine dufte Pfütze Jauche zum geselligen Schlürfen! Keiner dieser Aasfresser ist so gierig wie die hochgeehrten Menschen, die sich von den Herzen der Lebenden ernähren. Ökologie. Gibt es nicht in stempeldruckten Klarsichtpackungen bei Edeka und Plus, die von essender Natürlichkeit schwätzeln.

Denkt an die Lebenden, wenn ihr an den Tod denkt! Und. Denkt an euch! Das hilft gegen den niederträchtigen Appell an die jetzige Bequemlichkeit, der in allen Vertröstungen auf ferne Zeiten das mögliche Leben niederknüppelt. Seid ungläubig! Weil. Ihr glaubt, was ihr in jedem bewussten Nerv wisst! Schickt frohen Mutes zur Hölle, die den Lebenden schon die Hölle bereiten!

Und. Wenn ihr dabei wirklich daran denkt: Sendet einen lachen Gruß von mir hinterher!

Das. Ist. Angemessenes. Gedenken.

Das Sonstige ist einfach. Weil. Ich nichts von Marktwert habe. Das lässt die Gier erlöschen und die Vernunft strahlen. Wer etwas als brauchbar erkennt, bediene sich! Es gehört niemandem mehr. Der Rest in die Flammen, in das Nichts. Wo. Mein verlebtes Sein schon angekommen ist.

Und. Wohin euer einst verlebtes Sein noch folgen wird.

Reliquien braucht nur, wer den Tod zum Kult erhebt, um das Leben mit seinen Möglichkeiten einzusperren und beutbar zu machen. Spart euch diesen knasten Schwachfug! Und. Lebt! Endlich!

Und. Heute!