Category: Nachtlyrik


Januar

Die Mondin hat sich heut
Mit Nebel bekleidet.
Nasse kalte Finger
Greifen nach dem Fleisch
Das immernoch atmet.
Am Vorübergehenden
Scrollen Fenster vorbei
Wie eine ferne fremde Welt.
Dahinter flackern Fernseher,
Hochauflösend, hell und klar.
Ein Obstbaum auf dem Wege
Hat schon mit der Blüte
Begonnen. Als ob er dunkel ahnte,
dass da nichts mehr kommt.

Eingepackt

Blendend eingepackt in einer molligen Schicht aus Liebe und Tod lag ihre Seele, diese zitternde, diese atemlose, diese lähmende Angst.

Der Volksvertreter

Der da kommt und nicht bleibt; Der da steht und nicht schweigt; Der für dich lauthals spricht — Was er sagt, ist er nicht: Ein Volksvertreter.

Er denkt nur an sich selbst.

Meine Klatsche

Eigentlich lernen wir nur aus Büchern, die wir nicht beurteilen können. Der Autor eines Buches, das wir beurteilen können, müßte von uns lernen.

Johann Wolfgang von Goethe

fliegen fliegen
klatscht die fliegenklatsche
fliegen an die wand –
dank der hand.

ohne hand
flögen fliegen
voller fleiße
flugs in scheiße
dann in mein gesicht –
ich mag das nicht.

die fliege flog,
die wand sie zog;
sie hat gedacht:
„genug gemacht, ich ruhe jetzt“ —
sie ward zerfetzt.

Ein wichtiger Nachtrag auf die Frage: “Schön, schön, und was möchte der Autor uns mit diesen erquicklichen Worten nun sagen?”

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Meine Augen

Meine Augen
Leergeweinte Höhlen
Schmirgelstaub in Stein

Mein Mund
Schwindelschwirr der Abgrund
Flüsterseufz das Lichtlos

Ein Atem
Der widerstrebend
Zum Nebel kondensiert

Zum Dunst

Ausrufezeichen
Sind himmelhoch
Aus Stahl und Glas errichtet

Im Glanz bin ich zernichtet

Ein Schornstein
Bröckelt vor sich hin
Am Horizont der Zeiten

Lughaft kriecht die Sonne
Durch den kalten Wind
Und es wird nicht Licht

Wie lange schon
Bin ich hier gestorben?

Realistisches Adventslied

Zu singen zur Melodie eines allgemein bekannten, deutschen Adventsliedes und zum weihnachtlichen und politischen Geschwätz in den Medien.

Es kommt ein Schiff geladen
Bis an sein’ höchsten Rand,
Die Schulden sind Billiarden,
Und nirgends sieht man Land.

Das Schiff treibt schief im Meere,
Es trägt ein üble Last.
Statt Segel gibts nur Leere,
Zerbrochen ist der Mast.

Kein Anker mehr vorhanden,
Er wog ja viel zu schwer.
Vielleicht wird man einst stranden…
Es glaubt längst keiner mehr.

Am Steuer stehen Irre
Die nur Visionen sehn;
Ihr Reden macht euch kirre,
Ihr könnt ihm kaum entgehn.

Sie haben keine Karten,
Ihr Wahn reicht ihnen aus.
Sie hoffen selbst und warten
Auf gestrig Saus und Braus.

Der Sturm pfeift durch die Planken,
Es reiht sich Leck an Leck.
Schöpft Wasser ohn’ Gedanken!
Das nennt man euren Zweck!

Drum sollt ihr eifrig kaufen,
Es ist ja Weihnachtszeit.
Die Wirtschaft muss doch laufen
Sonst ist es bald so weit…

…und habt ihr nichts zu schenken,
Denn leiht euch einfach Geld!
Wie euch die Irren lenken!
Die Bank regiert die Welt.

Epilog

Und rottet einst am Strande
Ein gammlig Balken Holz:
Das blieb vom Deutschen Lande;
Die Steuerfrau ist stolz.

Mit fröhlichem Gruß an den Dwarslöper

Soldatenfriedhof

Grasfrech welkt der blinde Hügel;
Tausendstab und weiß die Kreuze
Steht der Tod in Reih und Glied,
Der Meister jedes Krieges.

Nochimmer das Vergessen.

Bei den zensierten Bloggern

Um zu sehen
Was noch kommen wird
Nahm er eine Zeitmaschine
Zu reisen dorthin
Da sich die zensierten Blogger treffen.

Eine weite Reise
In die Zukunft
War es nicht.

Kaum stieg er aus
Da war er überrascht
Ob des hellen bunten Ortes
Da sie beisammen saßen.
Und. Auch des
Heitren Miteinanders
Im Exil.

Sie saßen lautstark beieinander:
Ein jeder twitterte und bloggte;
Man machte weiter wie gehabt.
Doch bald schon wurde er bemerkt,
Der Neue.
Und. Man war froh
Wegen frischen neuen Geistes –
Denn auch im Lachen fühlten sie die Ödnis.

Doch
Noch bevor er sprechen konnte
Zu stellen seine Fragen
Hoben sie schon an
Ihn zu begrüßen:
“Willkommen bei den Bloggern im Exil!”,
Sagte der eine.
“Sitz bei uns,
Wir schlagen dich mit Rat!”
Keine Pause, schon ein andrer:
“Schreib nicht so lange Texte,
Am Bildschirm liest man ungern!”
Er musste es wohl wissen,
Ihn las ja damals jeder.
Ein Vierter sprach:
“Bring Videos und Witz,
Das gibt dir noch mehr Leser!”;
Und ein Fünfter:
“Der letzte Schrei der Technik
Ist stets ein gutes Thema.” –
das iPhone trägt er hier selbst noch.
“Vergiss niemals zu twittern
Es verdoppelt deinen Traffic!”,
sprach ein Sechster,
gleich gefolgt von einem Siebten:
“Medien, Film und Fernsehn
Ists, was jeden intressiert,
Schreib dazu, der Erfolg ist dir gewiss.”

So sprachen sie
Pausenlos vom Bloggen
Und hörten gar nicht erst
Was der Besucher wollte.

Und in einer kleinen Pause
Des unentwegten Schwatzens
Meldete
Aus einer dunklen Ecke
Einer sich dazwischen.
Er hatte kein Gesicht mehr.
Seine Stimme schrie im Flüstern
Und stellte doch nur eine Frage:
“Neuling,
Hast du deine Leser
Ausgestattet?”

“Sag, Gesichtsloser,
Was meinst du nur mit ‘ausgestattet’?”
Sprach der Reisende erstaunt.

“Haben sie von dir gelernt,
Dass ihre Trübsal nicht allein ist?
Und? Dass man
Ihr widerstehen kann?
Ja? Muss?
Wissen sie,
Jetzt,
Wo sie dich nicht mehr haben,
Selbst sich auszudrücken?
Aus ihrem eignen Leben?
Kennen sie deine Texte?
Werden sie in den Archivdiensten
Danach suchen?
Sie anderen als Tipp zustecken?
Dass die Namenlosen
Eine Stimme sich schaffen?
Haben sie
Gelernt, den Medien zu misstrauen?
Und? Die Lügen der Herrschaft
Jeden Tag aktiv
Zu korrigieren?
Auch ohne dich?
Oder war alle deine Mühe
Ein Wölklein Staub im Wind,
Hinfortgeblasen
Vom Sturm
Des immer wieder Neuen?”,
das war seine leise Antwort.

Am hellen Tisch der Lautestete,
Leise geworden, sagte er:
“Das sind die,
Denen das Bloggen
Nicht ein Selbstzweck war;
Die, denen man mit ihrem Blog
Auch ihr Lebenswerk zerstörte.
Leise und ohne Gesicht
Sind sie unter uns.”
Am Ort
Da sich die zensierten Blogger treffen
War das Gespräch
Verstummt.

Geist in Zelten

In meiner dochnochwarmen Brust
Weilt ein trieber Geist in Zelten;
Ein Sturmhauch nur
Der wandern will. Und wandern.

Als zur Kleinzeit keiner war
Mich zu ziehen, zog er ein.
Jetzt ziehe ich;
Immernach dem Geist in Zelten.

Das Knastwarm jeder Mauer
Lässt meine Brust erbibbern,
Nichts und niemand
Gibt mir Ruhe. Vor mirselbst.

Hinter mir brennt die Asche,
Vor mir gähnt das Schwarz.

Fern vom Hirn, unter pumpelndem Herzen
Treibt ein weiler Geist in Zelten
Den Trübsinn an
Der wandern will. Und wandern.

Elektrisches Auge

Aus aktuellem Anlass und mit nasskaltem Gruß an ZensUrsula von der Leyen heute wieder einmal ein flugs übersetzter Songtext aus meiner Jugend, in der es selbst in der populäreren Musik noch etwas gab, was im gegenwärtigen Auswurf der Contentindustrie gar nicht mehr vernehmbar ist: Mit wirklichem Mitteilungswillen verbundene und zitierfähige Texte.

Elektrisches Auge

Hier oben im Raum
Schaue ich auf euch hinab.
Meine Laser verfolgen
Alles, was ihr tut.
Ihr glaubt, dass ihr ein Privatleben habt…
Glaubt doch nicht an so etwas!
Es gibt wahrlich kein Entkommen,
Ich bin ununterbrochen wachsam.
Ich bin aus Metall gemacht,
Meine Schaltungen glimmen.
Ich bin unvergänglich.
Ich halte das Land sauber.
Ich bin der ausgewählte elektrische Spion;
Augengeschütztes, elektrisches Auge.

Immer im Blickpunkt;
Ihr könnt mein Glotzen nicht fühlen.
Ich zoome in euch hinein;
Ihr wisst nicht, dass ich existiere.
Es macht mich stolz, eure geheimen Bewegungen zu untersuchen.
Meine tränenlose Netzhaut macht Bilder, die als Beweise gelten.
Elektrisches Auge, oben am Himmel,
Fühlt, wie ich glotze, wie ich immer da bin;
Es gibt nichts, was ihr dagegen tun könnt.
Entwickelt und offen gelegt,
Ich weide auf jedem eurer Gedanken;
Und das lässt meine Macht groß werden:
Geschütztes, überwachendes, elektrisches Auge.

Frei nach “Electric Eye” von Judas Priest
(1982 auf “Screaming For Vengeance” veröffentlicht)

Die Übelsetzung und alle — trotz der recht scharfen und deutlichen Aussprache von Rob Halford eingeschlichenen — Verhörer sind von mir. Ich habe mich beim Übertragen entschieden, das in seinem Numerus unbestimmte englische “you” in der Pluralform zu übersetzen, im Englischen ist es auch als direkte Ansprache eines einzelnen Gegenübers zu verstehen. (Jüngere Sprecher des amerikanischen Englisch disambiguisieren dies zuweilen durch die analytische Konstruktion “you all” oder kontrahiert “y’all” für die zweite Person Plural, und diese umgangssprachliche Konstruktion hat gute Chancen, es in Zukunft einmal in die offiziellen Grammatiken zu schaffen.) Diese kleine Unbestimmtheit gibt dem englischen Originaltext eine zusätzliche gefühlte Schärfe und Härte, die sich nicht durch Übertragung in ungekünstelte Alltagssprache in das Deutsche hinüberretten lässt. Auch ist es unmöglich, die Homophonie von “I” (ich) und “eye” (Auge) und die daraus gezielt gebauten Unbestimmtheiten zu übertragen — ich bin mir selbst nicht darüber sicher, dass ich jedes Mal die beabsichtigte Bedeutung getroffen habe. Überall, wo “Auge” steht, kann auch “ich” gemeint sein, und umgekehrt — und da das “elektrische Auge” als Icherzähler auftritt, wird diese Überschneidung prägend für die Wirkung des Textes. Obwohl Judas Priest — im Gegensatz zu einigen anderen Vertretern des klassischen heavy metal — im Allgemeinen keine auffallend gestelzte Sprache pflegte, ist die Übersetzung einiger Songtexte doch schon sehr schwierig, und mit dem hier entstandenen Ergebnis bin ich alles andere als zufrieden.

Nach diesen Anmerkungen zu den Schwächen meiner Übelsetzung nun noch eine Kleinigkeit zum Hintergrund, warum ich diesen Text in das Bewusstsein rufen möchte:

Dass es mit den Freiheitsrechten in der BR Deutschland unter den Ideen einer Demagogin wie ZensUrsula von der Leyen und ihren allzu willfährigen Schergen unter den großen Zugangsprovidern nicht mehr so weit her ist, werden einige Leute wohl erst dann bemerken, wenn sie einen Proxyserver oder Nameserver aus China in ihre Netzwerkkonfiguration eintragen, um wieder an einem ungefilterten Austausch der Menschen Teil haben zu können. Und viele andere Menschen werden es nicht einmal dann bemerken, weil sie sich völlig mit der Tagesschau, den Talkshows, der Bildzeitung und DSDS zufrieden geben. Die neue Zeit der dezentralen Medien wird an der entstehenden great firewall of Germany erwürgt, bevor sie auch nur eine gesellschaftliche Wirkung entfalten konnte.

Vom zunehmenden und abnehmenden Wissen

Wer denkt, der wird ein Zweifler.
Wer zweifelt, der stellt Fragen.
Wer Fragen beantwortet, der macht Fortschritte.
Wer Antworten prüft, der macht Entdeckungen. Und.
Wer alles das nicht tut, der liest Zeitung.

Nacht Lid

Mond Krähe
Mond Taube
Mond Pinguin
Nordpol Loch.

Schwarze Grab Brötchen
…eine Speise für die Toten.

Grüne Grab Brötchen
…eine Speise für den Schimmel.

Mond Schwalbe
Mond Amsel
Mond Nachtigall
Südpol kalt.

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