Category: Nachtlyrik


Neujahr

Ein schmieriger Schlamm auf im Regen verknallten Knallern und zerdepperten Flaschen bekleidet die Straßen. Mein Fahrrad fliegt darüber. Die Schläuche haben Glück. Und sonst. Ändert sich nichts.

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Zum Jahresschluss

Blindhirnig, mit tollwütiger, geifernder Psyche, geht die Menschheit in eine neue Zeit und reproduziert mit neuen Möglichkeiten doch nur das Alte und das Uralte.

Zeitglück

Man sagt, dass Schaden klug mache.
Aber macht im Spiegelbild das Glück die Menschen dumm?
Wenn ja,
Kommen bald schlauere Zeiten.

Kriegsgräberstätte

Grasfrech welkt der blinde Hügel;
Tausendstab und weiß die Kreuze
Steht der Tod in Reih und Glied,
Der Meister jedes Krieges.

Nochimmer das Vergessen.

Januar

Die Mondin hat sich heut
Mit Nebel bekleidet.
Nasse kalte Finger
Greifen nach dem Fleisch
Das immernoch atmet.
Am Vorübergehenden
Scrollen Fenster vorbei
Wie eine ferne fremde Welt.
Dahinter flackern Fernseher,
Hochauflösend, hell und klar.
Ein Obstbaum auf dem Wege
Hat schon mit der Blüte
Begonnen. Als ob er dunkel ahnte,
dass da nichts mehr kommt.

Eingepackt

Blendend eingepackt in einer molligen Schicht aus Liebe und Tod lag ihre Seele, diese zitternde, diese atemlose, diese lähmende Angst.

Der Volksvertreter

Der da kommt und nicht bleibt; Der da steht und nicht schweigt; Der für dich lauthals spricht — Was er sagt, ist er nicht: Ein Volksvertreter.

Er denkt nur an sich selbst.

Meine Klatsche

Eigentlich lernen wir nur aus Büchern, die wir nicht beurteilen können. Der Autor eines Buches, das wir beurteilen können, müßte von uns lernen.

Johann Wolfgang von Goethe

fliegen fliegen
klatscht die fliegenklatsche
fliegen an die wand —
dank der hand.

ohne hand
flögen fliegen
voller fleiße
flugs in scheiße
dann in mein gesicht —
ich mag das nicht.

die fliege flog,
die wand sie zog;
sie hat gedacht:
„genug gemacht, ich ruhe jetzt“ —
sie ward zerfetzt.

Ein wichtiger Nachtrag auf die Frage: „Schön, schön, und was möchte der Autor uns mit diesen erquicklichen Worten nun sagen?“

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Meine Augen

Meine Augen
Leergeweinte Höhlen
Schmirgelstaub in Stein

Mein Mund
Schwindelschwirr der Abgrund
Flüsterseufz das Lichtlos

Ein Atem
Der widerstrebend
Zum Nebel kondensiert

Zum Dunst

Ausrufezeichen
Sind himmelhoch
Aus Stahl und Glas errichtet

Im Glanz bin ich zernichtet

Ein Schornstein
Bröckelt vor sich hin
Am Horizont der Zeiten

Lughaft kriecht die Sonne
Durch den kalten Wind
Und es wird nicht Licht

Wie lange schon
Bin ich hier gestorben?

Realistisches Adventslied

Zu singen zur Melodie eines allgemein bekannten, deutschen Adventsliedes und zum weihnachtlichen und politischen Geschwätz in den Medien.

Es kommt ein Schiff geladen
Bis an sein‘ höchsten Rand,
Die Schulden sind Billiarden,
Und nirgends sieht man Land.

Das Schiff treibt schief im Meere,
Es trägt ein üble Last.
Statt Segel gibts nur Leere,
Zerbrochen ist der Mast.

Kein Anker mehr vorhanden,
Er wog ja viel zu schwer.
Vielleicht wird man einst stranden…
Es glaubt längst keiner mehr.

Am Steuer stehen Irre
Die nur Visionen sehn;
Ihr Reden macht euch kirre,
Ihr könnt ihm kaum entgehn.

Sie haben keine Karten,
Ihr Wahn reicht ihnen aus.
Sie hoffen selbst und warten
Auf gestrig Saus und Braus.

Der Sturm pfeift durch die Planken,
Es reiht sich Leck an Leck.
Schöpft Wasser ohn‘ Gedanken!
Das nennt man euren Zweck!

Drum sollt ihr eifrig kaufen,
Es ist ja Weihnachtszeit.
Die Wirtschaft muss doch laufen
Sonst ist es bald so weit…

…und habt ihr nichts zu schenken,
Denn leiht euch einfach Geld!
Wie euch die Irren lenken!
Die Bank regiert die Welt.

Epilog

Und rottet einst am Strande
Ein gammlig Balken Holz:
Das blieb vom Deutschen Lande;
Die Steuerfrau ist stolz.

Mit fröhlichem Gruß an den Dwarslöper

Soldatenfriedhof

Grasfrech welkt der blinde Hügel;
Tausendstab und weiß die Kreuze
Steht der Tod in Reih und Glied,
Der Meister jedes Krieges.

Nochimmer das Vergessen.

Bei den zensierten Bloggern

Um zu sehen
Was noch kommen wird
Nahm er eine Zeitmaschine
Zu reisen dorthin
Da sich die zensierten Blogger treffen.

Eine weite Reise
In die Zukunft
War es nicht.

Kaum stieg er aus
Da war er überrascht
Ob des hellen bunten Ortes
Da sie beisammen saßen.
Und. Auch des
Heitren Miteinanders
Im Exil.

Sie saßen lautstark beieinander:
Ein jeder twitterte und bloggte;
Man machte weiter wie gehabt.
Doch bald schon wurde er bemerkt,
Der Neue.
Und. Man war froh
Wegen frischen neuen Geistes —
Denn auch im Lachen fühlten sie die Ödnis.

Doch
Noch bevor er sprechen konnte
Zu stellen seine Fragen
Hoben sie schon an
Ihn zu begrüßen:
„Willkommen bei den Bloggern im Exil!“,
Sagte der eine.
„Sitz bei uns,
Wir schlagen dich mit Rat!“
Keine Pause, schon ein andrer:
„Schreib nicht so lange Texte,
Am Bildschirm liest man ungern!“
Er musste es wohl wissen,
Ihn las ja damals jeder.
Ein Vierter sprach:
„Bring Videos und Witz,
Das gibt dir noch mehr Leser!“;
Und ein Fünfter:
„Der letzte Schrei der Technik
Ist stets ein gutes Thema.“ —
das iPhone trägt er hier selbst noch.
„Vergiss niemals zu twittern
Es verdoppelt deinen Traffic!“,
sprach ein Sechster,
gleich gefolgt von einem Siebten:
„Medien, Film und Fernsehn
Ists, was jeden intressiert,
Schreib dazu, der Erfolg ist dir gewiss.“

So sprachen sie
Pausenlos vom Bloggen
Und hörten gar nicht erst
Was der Besucher wollte.

Und in einer kleinen Pause
Des unentwegten Schwatzens
Meldete
Aus einer dunklen Ecke
Einer sich dazwischen.
Er hatte kein Gesicht mehr.
Seine Stimme schrie im Flüstern
Und stellte doch nur eine Frage:
„Neuling,
Hast du deine Leser
Ausgestattet?“

„Sag, Gesichtsloser,
Was meinst du nur mit ‚ausgestattet‘?“
Sprach der Reisende erstaunt.

„Haben sie von dir gelernt,
Dass ihre Trübsal nicht allein ist?
Und? Dass man
Ihr widerstehen kann?
Ja? Muss?
Wissen sie,
Jetzt,
Wo sie dich nicht mehr haben,
Selbst sich auszudrücken?
Aus ihrem eignen Leben?
Kennen sie deine Texte?
Werden sie in den Archivdiensten
Danach suchen?
Sie anderen als Tipp zustecken?
Dass die Namenlosen
Eine Stimme sich schaffen?
Haben sie
Gelernt, den Medien zu misstrauen?
Und? Die Lügen der Herrschaft
Jeden Tag aktiv
Zu korrigieren?
Auch ohne dich?
Oder war alle deine Mühe
Ein Wölklein Staub im Wind,
Hinfortgeblasen
Vom Sturm
Des immer wieder Neuen?“,
das war seine leise Antwort.

Am hellen Tisch der Lautestete,
Leise geworden, sagte er:
„Das sind die,
Denen das Bloggen
Nicht ein Selbstzweck war;
Die, denen man mit ihrem Blog
Auch ihr Lebenswerk zerstörte.
Leise und ohne Gesicht
Sind sie unter uns.“
Am Ort
Da sich die zensierten Blogger treffen
War das Gespräch
Verstummt.