Ich verspreche es, ja, ich gebe sogar mein Ehrenwort, ich wiederhole, mein Ehrenwort: Dies ist meine letzte kommentarhafte Anmerkung zu Rezo, und auch meine längste.

Eigentlich sollte es zu den vornehmsten Aufgaben eines Journalisten gehören, im Vorfeld einer Wahl ins Archiv zu schauen und eine Bewertung der bisherigen politischen Arbeit von Politikern und Parteien im Lichte der aktuellen Wahlversprechungen, Wahlversprecher, Wahlprogramme und sonstigen Reklamelügen vorzunehmen, damit jeder Mensch dazu ermächtigt wird, eine vernünftige und kluge Wahlentscheidung zu treffen.

Diese Aufgabe wird von Journalisten und journalistischen Produkten durchgehend nicht mehr angegangen. Stattdessen setzen diese mit der ganzen Kälte und Dummheit der Psyche die politische Reklame durch weitere Emotionaliserung und Deintellektualisierung fort, bis hin zur politisch vollständig irrelevanten und selbstverständlich menschlich niemals ehrlich beantworteten Frage „Wie fühlen sie sich?“ im Interview.

Die immer weiter und gefährlicher um sich greifende Neigung zur Irrationalität, Faktenflucht, Entintellektualisierung und Kurzsichtigkeit in der Politik ist die direkte Folge einer journalistischen Tagespraxis, die aus der Einsicht heraus, dass ihr eigentliches Geschäft die Vermarktung von Reklameplätzen ist, selbst schon seit Jahrzehnten Ton, Stil, Dummheit, Methodik und psychische Manipulation der Reklame auf- und angenommen hat, um die für das eigentliche Geschäft zentralen Reklameplätze um so besser und nahtloser einbinden zu können (und sich zugleich darüber verwundert und verbittert, dass niemand mehr für diese wie Reklame aussehende, kollektive contentindustrielle Leistungsverweigerung bezahlen will). Dies wird ergänzt um einen Strom der „Breaking News“, der alles Geschehene im Strom des aufgeregten Noch-Neueren mit sich ins Vergessen fortreißt, damit es keine Spuren und Erfahrungen bei Lesern und Zuschauern hinterlasse — bei einem rein psychischen Eindruck des Informiert-Seins, versteht sich.

Wenn ein junger und betont jugendlich aussehender YouTuber dann diese an sich journalistische Leistung erbringt, die von Journalisten seit Jahren verweigert wird [Archivversion gegen den gesetzlich erzwungenen Depublikationszwang des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der BRD] und damit ein mittelgroßes Erdbeben im Wahlergebnis auslöst, weil er es geschafft hat, eine ganze Generation zu politisieren, dann zeigt er damit auch auf, wie wichtig diese an sich journalistische Leistung in den vergangenen zwanzig bis dreißig Jahren gewesen wäre und wie sehr es das Gefüge der Gesellschaft verändert hätte, wären Menschen nur dazu ermächtigt worden, auf Grundlage eines journalistisch aufbereiteten Archivs informierte Entscheidungen zu treffen.

Was die „Zerstörung der CDU“ unbeabsichtigt mit in den Fokus gerückt hat, ist die längst geschehene und doch immer weiter voranschreitende Zerstörung des Journalismus in Presse und Glotze, die schon jetzt eine leistungsschutzrechtgeschützte Ruine hinter den abbröckelnden Fassaden früherer Herrlichkeit und Unentbehrlichkeit hinterlassen hat. Dass Rezo bei diesem einen, auch für seine Verhältnisse außerordentlich erfolgreichen Video sowohl auf die Monetarisierung durch YouTube als auch auf Reklame verzichtet hat, obwohl auch er von Monetarisierung und Reklame lebt, ist eine durchaus fiese, unterschwellige Botschaft, an deren Zufälligkeit ich in einem wochenlang durch Recherche vorbereiteten Video nicht glauben kann und deren Sprengkraft zurzeit kaum ein Journalist wahrzunehmen willens oder imstande ist. Die von Rezo direkt angesprochene Generation ist indessen sehr wohl willens und imstande, diese unterschwellige Botschaft mindestens halbbewusst wahrzunehmen, und dort wird sie möglicherweise einen weit bleibenderen Eindruck als das kurzfristige tagesaktuelle Feuerwerk hinterlassen.

Es sind nicht nur die Zeit und das Geschäft der gerontokratischen Volksparteien, die gezählt sind und die sich auch mit Zensurforderungen — notdürftigst als „Regulierung der Meinungsfreiheit“ getarnt — nicht mehr lange erhalten können, wenn diese Parteien so weitermachen. Es ist auch die Zeit und das Geschäft der journalistisch tätigen Contentindustrie, die abgelaufen ist, weil niemand mehr ihre Reklame und Leistungsverweigerung braucht.

Werbeanzeigen