Archive for Februar, 2018


Bescheinigung

Man soll die Kritiker nicht für Mörder halten, sie stellen ja nur den Totenschein aus

Marcel Reich-Ranicki

Große, würdelose Titten

Erstaunlich, wie bereit viele Frauen nach den sicht- und ansichtsprägenden frühen Jahren mit ständigen Blick auf die Wahngestalten des show business und auf die kokainkranken Photoshop-Fantasien der Reklame doch dazu sind, ihre Körper chirurgisch „optimieren“ zu lassen, wenn sie es sich irgendwie leisten können. Zumindest ich habe von beinahe jeder Frau, die ich jemals in meinem Leben erotisch und begehrenswert fand, nur den Klang ihrer Stimme im Gedächtnis, der mich hinfortriss. Aber es scheint ja auch zu gelten: Je größer sich eine Frau die Brüste im Krankenhause aufblasen lässt, desto dissonanter, kreischiger, würdeloser und dümmer klingt ihre Stimme.

Gesund und lange leben…

„Du meist also, ich solle Sport treiben und grundlos rennen und Stress haben, damit ich gesünder und länger lebe“, sagte der Vorübergehende zum tiefgläubigen Missionar aus der Medienkirche zur Körperertüchtigung zwecks Erhalt und Steigerung der hl. Produktionskraft. Und. Er setzte fort: „Dreihundert Jahre ist die Riesenschildkröte alt geworden, und doch hat sie niemand jemals rennen sehen“.

Spießers Paradies

Die „Paradiesvorstellungen“ der Spießer sind gruseligere und vor allem kältere Höllen als alles, was zwei Jahrtausende Christentum an neurotischen Höllenvisionen heiliggesprochen haben. Wer in solchen Höllen leben muss, hat allen Grund, die Toten zu beneiden.

Im Spiegelbild des angeprangerten Körperverkaufes

Wer bei Prostituierten davon spricht, dass sie „ihren Körper verkauften“, aber genau die gleichen, dort genau so zutreffenden Worte vermeidet, wenn es um andere, meist männliche Arbeiter (wie etwa Bauhelfer, Lagerarbeiter, Paketboten, Gebäudereiniger, Bergleute oder Fernfahrer) geht, belegt im Spiegel dieses seines Sprechens, dass sein Blick auf die Arbeit von seiner anachronistisch-moralistischen Sicht der Sexualität getrübt ist. Die „politische Analyse“ eines so sprechenden Menschen ist nichts weiter als eine Larve der restriktionsbereiten Prüderie; das nur zum Schein politisch formulierte Programm besteht in einer weiteren Verschiebung der zwangsneurotischen Sexualunterdrückung bei gleichzeitigem Aufrechterhalt aller anderen Strukturen der Unfreiheit und kapitalistischen Knechtschaft des größten Teiles der Menschen.

Die Lenkung der Gedanken durch flutartig verabreichten journalistischen Input für den Denkapparat der Menschen ist vollends gelungen: Alle reden vom mörderischen Extremismus und Terrorismus der Religion (außer der eigenen) und viele haben richtiggehend Furcht davor, aber niemand redet vom mörderischen Extremismus und Terrorismus des gegenwärtigen Kapitalismus, der nichts weiter als eine kalt-quasireligiöse Vergötzung der Gier ist, und niemand entsetzt sich ob seiner angerichteten Schrecken an allen Fronten, die den Terrorismus als eine Betätigung im Kindergarten erscheinen lassen.

Es sind 45 Personen, Menschen mag ich sie nicht nennen, weil Menschen ja soziale Wesen sind, denen die Hälfte des Geldes und der Güter in der BRD gehört — unterdessen verarmt der größte Teil der Bevölkerung schleichend, zerfällt die Infrastruktur, erstickt jeder Wunsch und Wille einer Gestaltung unter den bleiernen „Sachzwängen“, die von diesem Pack und seinen Speichelleckern geschaffen werden. Über allen eine Raute und die steintote Angst der Menschen vor jeder Veränderung.

Journalist, du Schreibtischmörder, der du nicht wie ein Söldner wegen des guten Geldes, sondern wegen der Tätigkeit tätig bist, das ist dein Werk, dein täglich Werk, es ist, wofür du morgens aufstehst, wofür du deinen Tag lebst, woran du deinen Stolz fütterst, wenn du Feierabend hast, und deshalb bist du ein Feind! Und sonst gar nichts.

Focus

„Ach, der Focus“, sagte der Vorübergehende einem Mitmenschen, der angstvoll wiedergab, was die gelesenen Nachrichten ihm in den Kopf pflanzten, „das ist doch diese Burda-Zeitschrift, die nur deshalb ihre sinkenden Verkaufszahlen überlebt, weil sie überall in den Wartezimmern der Arztpraxen ausgelegt wird, um dort den Patienten vor der Behandlung den Rest zu geben“.