Nach der Wahl gefragt, warum „wir“ diese AfD-Wähler haben, holte der Vorübergehende tief Luft und fing zu sprechen an:

  1. Leute, die Positionierung und Auftreten der AfD für eine gute Grundlage der Politik halten, sind vor noch gar nicht so vielen Jahren von der CDU/CSU bedient worden. Es gibt in der BRD einen beachtlichen Anteil von Menschen mit einem geschlossenen, „rechten“ Weltbild. Ich schätze diesen Anteil (aus dem Bauch heraus, ohne systematisch erfasste Daten) auf rd. zehn Prozent; in einigen Regionen (große Städte) weniger, in anderen Regionen (kleine Städte, Land) deutlich mehr. Es gefällt mir nicht, dass es diese Menschen gibt, aber das ändert leider nichts an ihrer Existenz. Diese Wahlberechtigten finden ihr Weltbild seit vielen Jahren nicht mehr in CDU/CSU repräsentiert und politisch wirkmächtig. (Das ist stark vereinfacht, denn auch die SPD hatte einen durchaus einflussreichen rechten Flügel; tatsächlich dürfte ein erklecklicher Anteil der AfD-Wähler von der SPD kommen.) Diese „Rechten“ sind nicht irgendwelche Verlierer oder Subkulturanhänger, sondern mitten im Bürgertum verwurzelt. Eine NPD hätten diese Menschen nicht wählen können. Die AfD verkauft sich hingegen erfolgreich als bürgerlich genug, um diesen Wählern zu munden.
  2. Die „große Koalition“ mit ihrer Politik des „Alternativlos“ — TTIP/CETA nur als ein aktuelles Beispiel — weckt bei vielen Menschen den Wunsch nach Alternativen. Die AfD nennt sich – der Werber, der sich das ausgedacht hat, war gut! – sogar selbst eine Alternative. Die anderen antretenden Parteien (mit leichter Ausnahme der Linkspartei, aber auch das blättert langsam ab) hingegen wirken als Bestandteil des gleichen Apparates, der zu überwinden ist. Und eine Stimme für die AfD ist nicht „verschwendet“, sondern hat eine gute Chance, an eine Partei zu gehen, die über fünf Prozent erzielt. Ich gehe davon aus, dass diese Konstellation bei vielen Wählern einen Ausschlag gegeben hat. Übrigens lesen die meisten Wähler vorm Kreuzchenschlagen nicht die Wahlprogramme der Parteien. Das ist angesichts der Tatsache, dass die Wahlprogramme nach der Wahl in der politischen Praxis bedeutungslos sind, auch gar nicht verwunderlich. Kraft und Lebenszeit sind nun einmal beschränkt und werden nur dann für sinnlose Tätigkeiten aufgewändet, wenn diese sinnlosen Tätigkeiten wenigstens einen sinnstiftenden Lustgewinn versprechen.
  3. Im gesamten Gefüge der BRD entsteht beim bloßen Hinschauen der Eindruck gewaltiger Korruption. Das geht von Hauptstadtflughäfen und vergleichbare Milliardengräber des gegenwärtigen Prachtentfaltuingsdranges bis hin zu Autokonzernen, die sich offenbar gut genug in Politik und Verwaltung »einkaufen« konnten, dass es niemals zu ernsthaften Messungen der Emissionen kam, sondern zu manipulierbaren Messverfahren, die dann auch manipuliert wurden. Diese ganze… sorry für das wenig analytische Wort… Scheiße lässt sich am einfachsten und vermutlich am trefflichsten durch Korruption erklären. Ernsthafte Versuche, diese Korruption aufzuklären, zu beenden und die Verantwortlichen haftbar zu machen, gibt es nicht, was einen gewissen Verdacht der allgemeinen Mittäterschaft erweckt. Währenddessen rottet die Infrastruktur weg, verschimmeln die Schulen, verarmen immer mehr Menschen, verblödet die nachwachsende Generation. Mit Ausnahme der Linkspartei und der AfD gibt es keine chancenreich wählbare Partei, der die Wahlberechtigten Abhilfe zutrauen; der CDUSPDCSUFDPGRÜNETC-Apparat hat jegliche Glaubwürdigkeit in der Korruptionsbekämpfung verloren.
  4. Wenn ich „national“ fühlen würde, überkäme mich gewiss angesichts der „Bananigkeit“ dieser Bundesrepublik immer wieder ein Anfall aus Scham und Wut. So ist es bei mir nur noch Zynismus.
  5. Das bestimmende Lebensgefühl vieler Menschen in der BRD ist unter den hier herrschenden und politisch gewollten Umständen ANGST geworden. Angst ist… ja, ich weiß, wie heiter das klingt… ein erhebliches Unlustgefühl, dass selbst bei halbwegs brauchbarer (und Kraft kostender) Verdrängung im gesamten Alltag latent weiterwirkt und den davon befallenen Menschen stark beeinträchtigt. Die AfD — von mir wird diese Abk. gern auch als „Angst für Deutschland“ gedeutet — appelliert direkt an existierende Ängste im Hartz-IV-, Wohnungsmangel- und Niedriglohn-Staat BRD, statt sie hinter den ansosten überall gleichlautenden und nirgends glaubwürdigen Floskeln von „Zukunft, Wachstum, Bildung, Natur, Jugend und Gesundheit“ zu verschweigen. Die AfD bietet nicht die psychische Verdrängung und das „Weiter so“ als Angstabwehr an, sondern eine „andere“ Politik; bis zur Endlösung des Angstproblemes (das natürlich von der AfD völlig im Sinne des Neurotikers gedeutet wird) weiter. Das ist im Moment im chancenreich wählbaren Parteienspektrum ein Alleinstellungmerkmal. Ich kann mir vorstellen, dass sich etliche Wähler der AfD regelrecht „befreit“ fühlen.
  6. Die unmittelbar existenziell wirksame Angst wurde nicht von der AfD erzeugt, sondern durch die gewollte Politik der CDUSPDCSUFDPGRÜNETC. Die jetzt in die BRD kommenden Kriegsflüchtlinge werden als Mitbewerber in einem eng gewordenen Raum von Lebensmöglichkeiten gesehen und katalysieren den individuellen Angstprozess weit über die potenzielle Wählerschaft einer AfD hinaus.
  7. Der gesamte journalistische Betrieb hat — nach einigen Kampagnen, die selbst dem schlichtesten Geist als Kampagnen auffallen mussten — jegliche Glaubwürdigkeit verloren. Das Schlimme am „Lügenpresse“-Ruf derer, die vom islamisierungsbedrohten Abendland faselten, um sich selbst zu beschreiben, das Schlimme an diesem Ruf ist seine deutlich gefühlte Wahrheit. Die gesamte „Linke“ in der BRD hat es versäumt, diese Wahrheit aufzugreifen und in substanzielle Kritik sowie erfolgversprechende Agitation zu verwandeln — vermutlich aus einem falsch verstandenen Antifaschismus heraus, der sich darin genügt, immer das Gegenteil jeweiliger faschistoider Bewegtheit zu vertreten, nicht merkend, dass das Spiegelbild des Faschismus nicht der Antifaschismus ist, sondern nur sein Spiegelbild. Damit wurde dieses wichtige politische Thema dem politischen Mitbewerb überlassen. Die Folgen sind unter anderem Wahlergebnisse mit zwanzig Prozent für die AfD.
  8. Die tagespolitisch aktuelle Armenien-Resolutions-Arschkriecherei von Kanzlerin Angela Merkel gegenüber der gegenwärtigen türkischen Regierung unter Recep Tayyip Erdoğan hat bei mir nur dazu gefürt, dass ich mal wieder getwittert habe. Trotz der unfeinen und wenig sachlich erscheinenden Sprache stehe ich inhaltlich völlig dahinter. Das waren volle zwei bis drei Prozent vom heutigen AfD-Erfolg. Der gesamte Vorgang war einfach nur widerwärtig. So viel kann ein Mensch weder saufen noch kiffen, als dass das anders wahrgenommen werden könnte. Dieser unwürdige Akt fügt sich in eine Reihe mit dem Verhalten der BRD-Regierung in der Böhmermann-Affäre.
  9. Angela Merkel muss weg. (Ernstgemeint. Und nein, nicht wegen der Flüchtlinge. Wegen des Gesamtwerkes. Wegen der Menschen in der BRD. Wegen der Menschen in Europa. Wegen eines »Atomausstieges«, der durch Verfeuerung von Braunkohle getragen wird. Und wegen ihrer einlullend nichtssagenden Sprechblasen, zu denen sie mit den Händen das Bild einer Vulva formt, während sie daran arbeitet, die gesamte Gesellschaft in etwas umzubauen, in dem sehr viele Menschen nicht leben wollen.)

Der Vorübergehende hätte noch lange weitersprechen können, aber weil es eh niemand hören wollte, hörte er einfach damit auf.

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