Netzpolitik. Ist. Bullshit. Punkt.

Menschenrechte. Müssen. Unteilbar. Sein. Oder sie sind nicht. Punkt.

Was geschähe wohl, wenn ein bestimmtes Menschenrecht — sagen wir mal, um nichts von diesem ominösen „Netz“ zu sagen, das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit — in einem bestimmten Bereich der von diesem Recht gemaßregelten Gemeinschaft nicht gälte? Was würde ein Staat tun — wir wissen oder wenigstens ahnen ja hoffentlich alle, dass der Staat, in dem wir gerade leben, genau in diesem Moment lauter Dinge tut, von denen uns glauben gemacht werden soll, dass sie nur von anderen Staaten getan werden — wenn es in diesem einen Bereich das Schutzrecht der Menschen gegen den Staat nicht gäbe? Oder wenn es niemanden interessierte, dass es dieses Recht dort gibt, so dass es in der Praxis der Staatsgewaltausübung keine Wirkung hätte? Unter solchen Umständen wüsste ich genau, wo die vom Staat verantworteten Leichen herumlägen, wo gefoltert würde, wo genötigt würde, wo den Menschen existenzielle Angst eingeflößt würde, um sie gefügig zu machen — und wo man es auch mal in Kauf nähme, das eine oder andere empfindsame Seelchen mit wohldosiertem Druck in den Freitod zu treiben.

In der Bundesrepublik Deutschland ist dieser Ort zum Beispiel das „Jobcenter“ gleich bei ihnen um die Ecke. Seit über zehn Jahren. „Jobs“ hat es nicht so viele. Der rechtsfreie Raum ist dafür umso größer. Und? Fordert jetzt jemand eine „Jobcenterpolitik“? Interessiert sich überhaupt jemand dafür?

Nein, ich habe kein Interesse daran, wenn technisch Ahnungslose und gescheiterte Narrengoldschürfer auf einer Veranstaltung namens re:publica ihren Bullshit in Mikrofone furzen. Vor einer Zuhörerschaft aus Idioten, die ein paar Tage lang unter dem wehen Banner der „Netzpolitik“ von Freiheit, Unüberwachtheit und menschlichem Miteinander (sowie neuen unseriösen Geschäftsmodellen zum Einsammeln von Risikokapital) träumen und dazu ihre als Telefon getarnten Tracking-Wanzen streicheln, die Datensammelsite Twitter mit einem Strom von Kürzsttexten und Geodaten fluten und auf Facebook für eine Handvoll geklickter Daumenhoch-Sinnbilder schreiben, wie toll es doch ist und welche wichtigen Aufgaben der „Netzpolitik“ bevorstehen. Diese Daumenhochs, die Glasperlen des digitalen Zeitalters, für die gar nicht so wenige Menschen alles hergeben. Nächstes, spätestens übernächstes Jahr — ich wage als mieser Profet eine Zeitangabe, das ist immer ein Fehler — werden die ersten schon mit einem autonomen Auto von Google hinfahren, das ganz nebenbei ein vollständiges Bewegungsprofil erstellt, und vermutlich hat sich dazu schon in diesem Jahr eine Google-Datenbrille auf irgendein Nüsternpaar an einen hohlen Kopf geklemmt. Oh, wie geil das doch alles ist!

Ob unter denen, die laut aus den Lautsprechern die „Netzneutralität“ einfordern, wohl auch fünf bis zehn Arschlöcher sind, die ihren verachtenswerten Kunden das Geld dafür abnehmen, dass sie als so genannter „SEO“ dauerhafte Spam auf Googles Algorithmen schmeißen, auf dass Menschen mit der Suchmaschine Google nicht mehr finden, was sie suchen, sondern, was solche Suchmaschinen-Spammer sie finden lassen wollen? Oder gar ein paar mehr davon?

Ob unter denen, die laut das „Ende der Überwachung“ einfordern, wohl auch fünfzig bis hundert schamgefühlbefreite Entseelungsreste sind, die ihre Websites für eine paar Klimpergroschen mit den Tracking-Skripten der Reklameindustrie — übrigens ein „Gewerbe“, das noch am trefflichsten als „gewerbsmäßiges Belügen und Manipulieren von Menschen“ charakterisiert wird — fluten? Und mit an sich gemeinfreien Fonts, die ohne Not nicht lokal vorgehalten, sondern „bequem“ von Google eingebettet werden, damit auch noch Google die Besucher der Websites verfolgen kann, dieses Google, das recht enge Beziehungen zu den mutmaßlich unmenschlichsten Menschen-Überwachern dieser Welt unterhält? Und mit YouTube-Videos? Von diesem Leservermarktungsgehilfen und Menschenzähldienst „Google Analytics“ gar nicht erst zu reden. Kleine widerwärtige, bückgeistige Schergen des Großen Bruders, die ein Ende der großen Bebruderung einfordern, während sie ohne besondere Not einen sehr großen Teil des Webs in eine Überwachungs- und Ausspähmaschine verwandeln. Ein Bild für die Götter! Oder sind es dort vielleicht sogar mehr als hundert von diesen dienstbeflissenen Big-Brother-Schergen? Wo ist mein Antiemetikum?!

Ob unter denen, die die hübschen Fotos von Edward Snowden wie eine Ikone ihrer eigenen Blödheit vor sich hertragen, auch nur einer ist, der irgendeine persönliche Konsequenz daraus gezogen hat? Irgendeine? Also eine andere, als ein „Ende der staatlichen Überwachung einzufordern“? Leute, dieser Keks ist sowas von gefrühstückt! Diese Überwachung hört nicht mehr auf. Niemand wird die ganzen dafür aufgebauten Anlagen verschrotten oder die Großrechner der NSA der Wissenschaft zur Verfügung stellen oder sie einer Horde Einhörner zur besseren Verwendung überlassen. Festzustellen, dass das, was die abgekoppelten überpersonal-psychologischen Gebilde der Staaten und die mit diesem Instrument Herrschenden mit Menschen machen — und nein, nicht nur die USA und das blutsaufende Unterdrückerregime, das gerade aus politischer Opportunität von der Journaille der Herrschenden vor euren medial entsetztgemachten Augen aufgeblasen wird — überwiegend unmenschliche Scheiße ist, ist keine besondere Intelligenzleistung. Und die Staaten — am besten tief und demütig gebückt mit der hündischen Bettelei der Petitionen — dazu aufzufordern, wenigstens eine weniger unmenschliche Scheiße zu machen, ist beinahe nur eine Größenordnung dümmer. Was Staaten mit Menschen tun, ist Gewalt. Gewalt macht aus einem Gegenüber von Menschen oder Gemeinschaften eine erzwungene Beziehung aus Täter und Opfer, und dem Opfer — und ja, das bist du, das bin ich, das sind die meisten — stehen nur noch drei Optionen fürs Handeln zur Verfügung: Sich bücken und hoffen, dass der Täter mit seiner Gewalt nachlässt und die Situation erträglich wird; einen im Regelfall riskanten, zuweilen existenziell gefährlichen Kampf aufnehmen oder die Flucht ergreifen. Daran ändern auch diese einflusslosen Kaffeekränzchen von „Netzpolitikern“ in den unterdrückerischen politischen Parteien nichts, die als Feigenblatt dazu dienen sollten, angesichts der damaligen Erfolge der Piratenpartei nicht ganz so nackt dazustehen. Vergesst es! Aber: Statt es zu vergessen — und zu schauen, was noch geht — stellen sich „netzpolitisch“ Engagierte lieber in einen hübschen Tätschelkreis auf und klopfen sich für ihre „Einsichten“ gegenseitig die Schulter wund. Mit einer politischen Außenwirkung wie der umgefallene Sack Reis. Bäh, mir ist so speiübel, wenn ich an dieses Pack nur denke, dessen Vertreter in erster Linie Karrieremöglichkeiten und Pfründe vor Augen haben — und immer wieder mal ein hübsches Rednerhonorar bei irgendwelchen Veranstaltungen, wo man unter sich ist und über „Netzpolitik“ redet. Es. Gibt. Keinen. Frieden. Mit denen, die auf der Seite der Gewaltausübung stehen. Niemals. Und im Regelfall noch nicht einmal einen „Frieden“.

Ob unter denen, die voller Pathos von den gesellschaftsverändernden Potenzialen freier Inhalte schwärmen und in einem Hinterkopfnebenraum gerade ihr neues Album fertigmachen oder ihr neues Buch schreiben, auch nur einer ist, der seine Werke wirklich frei veröffentlichen will? Spätestens, wenn sie wie eine Verheißung fürs Bankkonto aussieht, ist die Content- und Rechteverwertungs-Industrie für die meisten Geldsklaven gar nicht mehr so schlecht. „Da kann warten, wer will: Um zwölf kommt Beton“ (Einstürzende Neubauten, Haus der Lüge). Noch schlimmer, als die Menschen, die in ihrer Scheinheiligkeit die Wut erwecken sind jene, die in ihrer Geldscheinheiligkeit nur noch zum Ekel reizen.

Ich habe mir übrigens flüstern lassen, dass auf dieser re:pups-ich-da, diesem Zirkus von selbstbezüglichen „Netz“-Bewegten im Stillstandsmodus, ein von Medienbildsucht nach einem Gesicht des Internet aufgepumpter Netznanoprominenter mit Pseudopunk-Frisur (der sich inzwischens mutmaßlich gut fürs Schreiben in der Journaille der Herrschenden und Besitzenden bezahlen lässt) in seiner Rede unter anderem dazu aufgefordert habe, man möge doch einfach Geld für diese „Netzpolitik“ ausgeben. Das passt so prächtig zu seinen noch 2009 plakativ breitgespreizten Reklamebeinen für die dienstbeflissenen Zensursula-Schergen von Vodafone, der würde für Geld vermutlich alles machen. Da kann ich mir so richtig vorstellen, was da entstehen soll. Tja, diese Blogmonetarisierungsversuche Marke „Adnation/Adical“ sind ja doch eher gescheitert. Oh, wie ich mir hundert Münder wünschte, um angesichts solcher Leute unentwegt speien zu können!

Netzpolitik. Ist. Bullshit. Punkt.

Übrigens: Die Telefone, die hier allesamt mit abgehört werden, werden von niemanden als „Netz“ empfunden. Da, wo die Menschen direkt betroffen sind, da, wo die Überwachung in ihr Leben reinragt und mit dem technokratischen Ohr des Großen Bruders nach nicht nachvollziehbaren Maßstäben das Gespräch mit dem sterbenden Vater und der alkoholkranken Tochter automatisch belauscht, gesprächsnotiert, verdatet und langfristig speichert, da schweigt ihr „netzpolitisch“ Bewegten. Das ist nicht euer geiles glitzes Spielzeug.

Es geht um unteilbare Menschenrechte. Zum Beispiel auch das Recht, sich von Polizeien und Geheimdiensten unbeobachtet und unverdatet bewegen zu können. Aber auch um das — immer noch eine Spur wichtigere — Recht auf Leben, auf körperliche Unversehrheit; um das Recht, keine Zwangsarbeit verrichten zu müssen, um das Recht, sich aus frei verfügbaren Quellen informieren zu können und daraus eine Meinung zu bilden (und sei sie auch noch so doof), die man mitteilen darf. Rechte, die man hat, weil man ein Mensch ist. Von denen steht eigentlich auch etwas in diesem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Leider ist dieses Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland gerade dort, wo es um Schutzrechte des Menschen gegen den Staat geht, schrittweise und salamitaktisch außer Kraft gesetzt und durch etwas anderes ersetzt worden, ohne dass das für die so vorgehenden Verbrecher irgendeine Folge gehabt hätte. Und wenn in zehn Jahren auf die durch den technischen Fortschritt weiter ansteigende Arbeitslosigkeit — diese wäre eigentlich ja ein Segen! — reagiert wird, indem die Produktion grüner Kekse hochgefahren wird, wird sich das nicht dadurch mildern, dass auf der re:pups-ich-da-25 die ersten early adopter davon berichten, dass die Google-Borg-Implantate in dieser Beta-Version noch ganz schön jucken, aber HD-3D-Filme über das direct brain interface doch schon ein sehr beeindruckendes Erlebnis sind.

Und jetzt streichelt weiter eure als Telefone getarnten Träcking- und Abhörwanzen auf der re:pups-ich-da! Und nicht vergessen, das nächste Modell zu kaufen, noch besser, schneller, bunter, hochauflösender und so weiter. Und klatscht begeistert in die Hände, wenn ihr eurer großes Gemeinschaftserlebnis vor euren großen Idolen mit dem großen „Durchblick“ und dem meist eher kleinen technischen Verständnis habt! Ihr. Seid. Der. Bullshit.

Punkt.

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