von Prof. Dr. rer. clipb. Guhflaht
Außerordentlicher Professor für theoretischen und angewandten Bullshit

Medizin

Sie wissen schon etwas über Medizin? Sie haben schon gehört, wie verschiedene Krankheiten entstehen und was man tun kann, um das Erkrankungsrisiko zu senken? Sie haben schon einmal ein paar anatomische Zeichnungen betrachtet? Sie hatten gar aus einem Antiquariat ein altes klinisches Wörterbuch mitgenommen, einfach nur, um ein wenig darin zu stöbern? Sie haben also eine grobe Vorstellung davon, was Medizin ist, was sie leisten kann, was sie nicht leisten kann und vor welchen Aufgaben ein Arzt steht, der seine Patienten vor sich hat?

Vergessen sie das alles! Vergessen sie es sofort! Erinnern sie sich nie wieder daran!

Sie wollen schließlich Quacksalber werden, und sie wollen davon leben, nicht wahr? Dabei können sie nichts von diesen Kenntnissen gebrauchen. Nein, schlimmer noch: Diese Kenntnisse behindern sie beim Geldverdienen.

Betrachten sie sich als Dienstleister! Wer ist ihre „Zielgruppe“? Sind es die Leute aus dieser Minderheit, die zum Vergnügen Spektrum der Wissenschaft liest? Oder sonstige aufgeklärte Materialisten mit einer brauchbaren Allgemeinbildung und Freude am Wissen und Verstehen? Nein, natürlich nicht, solche Leute gehen ja viel auch eher zu einem richtigen Arzt. Es sind die Idioten, die ihr Weltbild aus der Bildzeitung, so genannten „Frauenzeitschriften“, esoterischen Buchhandlungen oder obskuren religiösen Gemeinschaften bezogen haben; Produkte eines Bildungssystems, das Menschen zu brauchbaren Batterien für den betrieblichen Produktionsprozess formt; selbstverliebte Dunkelgeister, vollständig beherrscht von der despotischen Barbarei ihrer eigenen Psyche.

Denen kann man nicht mit Medizin kommen. Diese würden nichts so wenig schätzen wie ein Weltbild, in dem sie selbst genau den gleichen alldurchwaltenden Naturgesetzen unterworfen sind wie jeder Stein und jedes Schlammloch. Verstehen sie, Herr Wunderdoktor! Wenn sie den Verstand ansprächen, sprächen sie etwas an, was ihre zukünftigen Kunden verachten. Das wäre dumm, und sie wollen doch nicht dümmer als ihre Kunden sein, sondern von der Dummheit ihrer Kunden leben.

Waren sie schon einmal an einem Wallfahrtsort? Da sind ihre Kunden, und da können sie auch gleich studieren, mit welcher Methodik sie ihren Kunden etwas verkaufen müssen. Keine Sorge, es ist ein kurzes, schnelles Studium, das sich in wenigen Stunden vollständig absolvieren lässt. Lassen sie zum Beispiel auf sich wirken, wie die hoffnungslos Gläubigen in Lourdes hektoliterweise ein Wasser in sich reinschütten, das als einzigen „Wirkstoff“ die rein psychischen Hinzufügungen der Gläubigen enthält — neben einer Menge ansonsten eher ungesunder Keime natürlich. Schauen sie sich an, in welcher religiös-esoterischen Verpackung dieser heillose Aberglaube dargeboten wird. Betrachten sie die geschäftstüchtige, zynische Mitleidslosigkeit, in der dieser faule Zauber zur psychischen Konsumption feilgeboten wird, dass das Klingeln der Kassen sogar noch in der Hölle gehört werden kann. Das ist ihr Vorbild, nicht der Arzt! Sie sollten nur nicht ganz so preisgünstig sein…

Methode

Es ist egal, welche Methode sie verwenden.

Suchen sie sich etwas aus, das ihnen dabei hilft, eine gute, ihre Kunden überzeugende Show zu machen! Denken sie immer daran, dass sie Dummheit zu Geld machen wollen, ohne dabei allzuviel leidige Anstrengung zu haben und dass in diesem Kontext ihr Auftreten als Heiler nur Mittel zum Zweck ist! Wissen sie genau um die Dummheit, denn dieses Wissen ist ihr Erfolg! Finanzieller Erfolg, versteht sich, nicht etwa Erfolg beim Gesundmachen.

Die Dummen sind dumm. Das ist ein banaler, selbst beinahe dumm wirkender Satz, den man erst einmal auf sich wirken lassen muss, um ihn zu verstehen. Die Dummen sind sogar so dumm, dass sie nicht wissen, wie dumm sie sind — sonst wären sie ja kaum ihre Kunden geworden, sondern hätten einfach jemanden gefragt, der sich damit auskennt und ihnen einen besseren Tipp gibt.

Den Dummen gefällt es, wenn sie glauben, etwas zu „verstehen“, aber nur, solange dieses „Verstehen“ keine so hohe Anforderung an ihren Verstand stellt, dass sie daran scheitern könnten oder dass sie sich auch nur dafür anstrengen müssten. Machen sie diese Dummheit zum festen Bestandteil ihrer Methode!

Geben sie den Dummen etwas zum „Verstehen“!

Natürlich kein richtiges medizinisches Wissen. Das wäre für ihr Geschäft auch sehr hinderlich. Entwickeln sie eine eigene „medizinische“ Theorie, aber eine, die einer selbstverliebten Psyche so richtig mit wahnwarmen Allmachtsphantasien schmeichelt. Zum Beispiel können sie ihren Kunden sagen, dass alles wesentlich von ihrer Einstellung und ihrem Glauben abhängt, wie es die Menschen ja schon seit Jahrhunderten von den Fortschrittsverhinderern aus den christlichen Kirchen gewohnt sind. Das hat für sie übrigens den großen Vorteil, dass sie ihren Kunden die Schuld daran geben können, wenn sie krank sind oder bleiben — und ihnen allerlei Tinnefkurse verkaufen können, in denen sie besseres Glauben lernen. Vom Geschäftsmodell gewisser evangelikaler Fundamentalisten lernen, heißt Siegen lernen.

Letztere Methode eignet sich aber beinahe nur für die alte Wunderheiler-Nummer (oder ihre modernere Verpackung als Psychotherapie), die recht hohe Anforderungen an die schauspielerischen Fertigkeiten des Heilers stellt. Manche haben ein beachtliches Talent dazu, aber den meisten Menschen fällt es eher schwer, so überzeugend zu lügen.

Deshalb ist es besser, eine Methode mit Hilfsmitteln zu verwenden, denn diese richten die Aufmerksamkeit ihres Kunden auf die von ihnen verwendeten Hilfsmittel und helfen ihnen auf diese Weise dabei, gewisse Schwächen ihrer Darbietung zu überspielen.

Es gibt allerlei mögliche Hilfsmittel. Die gute alte Wünschelrute oder das Pendel sind keineswegs zu verachten — vor allem dann nicht, wenn sie ihren Kunden erzählen, dass es sich dabei nur um Geräte handelt, die kleine, unwillkürliche Regungen des Körpers sichtbar machen und so einen Zugang zu einer großen, unbewussten Weisheit eröffnen. Das klingt wunderbar aufgeklärt, ist aber nichts als ein modernisertes Erklärungsmodell für Zauberei. Denn die Annahme, dass irgendein „unbewusstes Wissen“ in medizinischen Fragen hilfreich sein sollte, ist in ihrer Durchführung nicht von der Annahme zu unterscheiden, dass man die Geister großer, verstorbener Medizinmänner konsultieren kann, um Aufschluss zu bekommen. Sie ermöglicht auch genau den gleichen, sehr lukrativen Betrug.

In einer technikgläubigen Zeit bieten sich natürlich „technische“ Hilfsmittel an, die sich mit geringem Aufwand bauen lassen. Ein kleines Gehäuse mit zwei LEDs und einen versteckten Umschalter kann schon einen gewaltigen Eindruck machen, so lange man nicht erwischt wird. Ob man da jetzt irgendwo einen Bluttropfen einführt oder einfach den Kunden einen Draht in die Hand drückt, ist gar nicht so wichtig. Naturlich kann man auch den Hautwiderstand messen, wie es Scientology in seinem so genannten „Auditing“ mit einem „E-Meter“ macht, aber wer wird denn im Reich der Phantasie so dreiste Plagiate machen…

Im Idealfall hängt an einem Gerät ein USB-Kabel und auf dem angeschlossenen Computer werden lustige Diagramme und Zahlenreihen ausgegeben. Auch ein Horoskop wirkt ja viel glaubwürdiger und geradezu „wissenschaftlich“, wenn es aus dem Computer kommt. Natürlich müssen die ausgegebenen Zahlen nichts mit dem Gerät zu tun haben. Ein Excel-Makro, das ein Worksheet in einem aufwändig aussehenden Prozess mit Zufallszahlen und Zufallsgraphen füllt, schreibt ihnen jeder aufgeweckte Dwölfjährige für eine Handvoll Eurogroschen.

Kurz: Alles geht. Und. Es muss weder vernünftig sein noch vernünftig klingen. Ein paar physikalische Begriffe einstreuen, die mit Konzepten verbunden sind, die selbst ein gut gebildeter Mensch kaum versteht? Gute Idee, der Quantenquark zieht immer. Und ansonsten Energien, Schwingungen, Strahlungen und der ganze unsichtbare Zoo, auf den man jeden Unfug projizieren kann. Um damit „gute alte Zauberei“ zu beschreiben.

Wie schon gesagt, ist es letztlich egal, welche Methode sie verwenden.

Selbstverständnis

Die gesamte herkömmliche Medizin ist schlecht. Nennen sie diese immer wieder „Schulmedizin“, ganz so, als ob sie nicht aus Erfahrung und Erkenntnis entstanden wäre und weiter entstünde, und ganz so, als ob sie mit ihrer Zauberei nicht einfach immer wieder ein und dieselbe Methode auf alle möglichen Krankheiten und Situationen anwenden würden.

Die „Schulmedizin“ doktort rum, behandelt nur kranke Organe und Laborwerte, ist voller Nebenwirkungen und eine ganz schlimme Beutelschneiderei. Vergessen sie nicht, mindestens vierzig Euro in Rechnung zu stellen, wenn sie das sagen, nachdem sie nicht einmal die quälendsten Symptome beseitigen konnten. Die „Schulmedizin“ ist brutal, chemisch, schmutzig, widernatürlich und barbarisch. Sie macht nur krank. Sie schießt mit Kanonen auf Spatzen und hat damit sogar so harmlose und für die Persönlichkeitsentwicklung nützliche Kinderkrankheiten wie die Pocken ausgerottet, so dass jetzt lauter unfertige Menschen ohne die wichtige Pockenerfahrung leben. Man kann gar nicht genug vor der „Schulmedizin“ warnen. Und außerdem, für die Psyche und ihren Allmachtswahn kurz eingeworfen, gibt es viel mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als unsere Schulweisheit…

Ihre Quacksalberei ist das genaue Gegenteil davon.

Die Grundlagen für diese Unterscheidung sind ganz einfach auszudrücken: Natur ist gut. Chemie ist schlecht. Intuition ist gut. Wissen ist schlecht. Spiritualität ist gut. Rationalität ist schlecht. Indianer ist gut. Europäer ist schlecht. Altes ist gut. Neues ist schlecht. Sie glauben gar nicht, was diese Deppen alles glauben können, Herr Wunderheiler! Einfach nur, weil es ihrer Psyche schmeichelt, ihre Denkfaulheit als nützliche Haltung verklärt und die Idiotie nicht — wie in den meisten anderen Lebenssituationen — zum Hindernis macht. Etwas leicht auszulösendes, molliges Wohlbefinden ist dem Idioten ein vollwertiger Ersatz für Wahrheit. Ach ja: Ihr weiter oben genannter, nach Bedarf auszubauender Satz von Dogmen heißt „Wissen“, in Härtefällen „Uraltes Wissen“. Den Zynismus, den sie für ein Dasein als Quacksalber brauchen, lernen sie schnell. Und. Er wird ihnen eine große Hilfe im Umgang mit ihren Kunden sein.

Diagnose

Das größte Problem der „Schulmedizin“ ist es, dass niemals eine richtige Diagnose gestellt wird. Deshalb wird nicht die Ursache der Krankheit behandelt, sondern nur ihre Symptome. Das können sie besser. So sagen sie zumindest, damit es ihnen geglaubt werde. Keine Sorge, ihre Kunden wollen glauben. Und wie!

Wenn ein neuer Kunde zu ihnen kommt, stellen sie zwei Diagnosen. Eine, die sie für sich behalten, und eine, die sie dem Kunden erzählen.

Was sie dem Kunden erzählen, ist genau so gleichgültig wie ihre Methode. Denken sie sich etwas aus! Sprechen sie von Karma aus früheren Inkarnationen, von Erdstrahlen, von falscher Ernährung, vom Mangel an „Vitaminen“, die die „Schulmedizin“ natürlich nicht kennt, von obskuren Verglftungen im Darm oder in den Zähnen, von negativen Energien in der Wohnung, von somatisierten psychischen Krankheiten, von Handystrahlung, von Dämonen oder sonstwas. Wie gesagt: Ihre Kunden wollen glauben, also sollen sie auch etwas zum Glauben bekommen. Dass manch einer dann wegen unbehandelter, schwerer Krankheiten dran glauben muss… wen stört es, wenn doch die Kasse stimmt.

Gar nicht gleichgültig ist die Diagnose, die sie ihrem Kunden nicht erzählen. Denn sie bestimmt den gesamten Verlauf ihrer Therapie und sorgt dafür, dass sie ihre beschränkte Lebenszeit nicht ohne angemessenen Reibach verplempern. Das wäre doch wirklich schade.

Sie stellen fest, dass es im Wesentlichen drei Arten von Kunden gibt, und ihre wichtigste Aufgabe beim Erstgespräch ist es, schnell herauszubekommen, um welche Art Kunde es sich handelt.

  1. Der Diffuse
    Dies ist ein Kunde, der gar keine gut greifbare Krankheit hat, sondern ein unspezifisches, sich in vielerlei Symptomen zeigendes Leiden, das sich oft schon über Jahre erstreckt, zuweilen ergänzt um psychoseartige Episoden. Erfahrene Quacksalber nennen einen Diffusen auch „Goldgrube“, da er eine lange und lohnende Kundenbindung verspricht, insbesondere wenn er mit genügend Geld verwandt oder verschwägert ist. Meist hat ein Diffuser schon einiges an „schulmedizinischer“ Behandlung hinter sich, so dass man erstmal eine Menge „Entgiftungen“ vornehmen und in Rechnung stellen kann, bevor man sich um sein eigentliches Leiden „kümmert“, ohne es jemals aufzuheben. Die meisten Diffusen haben bereits eine Ahnung davon, dass sie eigentlich ein anderes Leben leben möchten, haben aber zu viel Angst vor einer Veränderung und suchen deshalb wenigstens etwas Trost. Sie sind sehr anstrengende Gesprächspartner, wenn man sie ernst nimmt, aber sie sind ja ein Heiler, schalten ihre Ohren auf Durchzug und trösten sich damit, dass eine Handvoll Diffuse ausreicht, ihnen ihren verfeinerten Lebensstil zu finanzieren. Die Therapie wird so gewählt, dass der psychische Prozess, der zum diffusen Leiden führt oder doch wenigstens stark beiträgt, möglichst bis zum Tod erhalten bleibt.
  2. Der Verzweifelte
    Dies ist ein Kunde, der eine schwere, tödliche Krankheit hat, oft Krebs. Er will nicht sterben und greift in seiner Verzweiflung nach jedem Strohhalm, so dass er schließlich bei ihnen, dem Quacksalber, landet. Erfahrene Quacksalber nennen einen Verzweifelten auch „Goldgrube“, da er in den wenigen Monaten, die er noch zu leben hat, seine gesamten Ersparnisse und alles verfügbare Geld aus seiner Verwandtschaft mobilisieren wird, um es für nutzlose Behandlungen auszugeben. Hier ist es wichtig, dass die Therapie möglichst schnell das Geld aus dem werdenden Kadaver rausleiert und dass darauf geachtet wird, dass er sein Vermögen nicht bei zu vielen anderen Quacksalbern lässt. Es muss schell und psychisch wirksam ein starker, verzweifelter Glaube in die Therapie erzeugt werden, denn sonst stirbt das schöne Geld einfach so weg. Die Therapie wird so gewählt, dass sie außerordentlich aufwändig wirkt und hohe Rechnungen rechtfertigt.
  3. Der Lifestyle-Kunde
    Dies ist ein Kunde, der keine nennenswerte Krankheit hat, aber mit kleineren Krankheiten lieber zum Quacksalber als zum Mediziner geht, weil sich das besser in seinen „Lifestyle“ fügt. In Wohngegenden mit vielen Sozialpädagogen, Erziehern, Lehrern, Angestellten und religiösen Menschen machen Lifestyle-Kunden über neunzig Prozent der Laufkundschaft eines Quacksalbers aus. Es sind Menschen, die sich wegen ihrer Berufe und ihres ökonomischen Hintergrundes für etwas besseres als den Durchschnitt der Bevölkerung halten und gern bereit sind, für eine Ergänzung zur medizinischen Behandlung (die sie im Regelfall ebenfalls in Anspruch nehmen) viel Geld hinzulegen. Erfahrene Quacksalber nennen einen Lifestyle-Kunden auch „Goldgrube“, da diese Kunden sehr daran interessiert sind, ihr Lebensgefühl mit allerlei nutzlosem Psycholuxus aufzuwerten, um sich weiterhin elitär fühlen zu können. Die kleinen Zipperlein erfordern eigentlich gar keine Therapie, da sie sich im Regelfall nach normalem Krankheitsverlauf von selbst erledigen, denn Lifestyle-Kunden sind für Leute, die zu einem Quacksalber gehen, erstaunlich gesund. Typischen Lifestyle-Kunden kann man allerhand Kurse für bessere Ernährung, ganzheitliches Erleben, gesundes Wohnen und esoterische Selbsterfahrung verkaufen, und sie sind immer hochzufrieden mit derartigen Angeboten. Allerdings ist hier die Geldabgriffgelegenheit insofern beschränkt, als dass sie oft schon derartige Angebote von Sekten und Esoterikgruppen in Anspruch nehmen und bezahlen.

Therapie

Die Therapie richtet sich nur vordergründig nach der Diagnose, die sie ihrem Kunden erzählen, aber in der Hauptsache nach der Diagnose, die sie ihm nicht erzählen. Natürlich darf ihr Kunde das nicht bemerken, aber wenn sie nicht lügen wollten, wären sie ja kein Quacksalber geworden, deshalb werden ihnen sicher gut geeignete Lügen einfallen.

Für den Diffusen eignen sich am besten Therapien, die von ihm ein unerfüllbar hohes Maß an Mitwirkung erfordern, so dass er daran immer wieder scheitert. Nützlich in diesem Zusammenhang sind langfristig angelegte, drakonische Diäten, die kein Mensch mit normaler Willensstärke länger als eine Woche durchhalten kann und bei denen die Speiseauswahl eines radikalen Veganers wie ein leckerer, reich gedeckter Tisch wirkt. Da Diffuse anstrengende Menschen sind, die deshalb auch keinen großen Freundeskreis haben (und aus dem gleichen Grund oft asexuell leben), ist nicht zu erwarten, dass jemand anders ihren Kunden darauf hinweist, wie übel ihm in dieser Therapie mitgespielt wird. Je mehr er seinen Trost im Gespräch mit ihnen suchen muss, desto besser für die Kasse. Natürlich gibt es einiges zu entgiften, und es ist in jedem Fall geraten, mindestens einmal mit der Wünschelrute durch seine Wohnung zu gehen und auch dafür eine Rechnung zu stellen. Die Phasen mit einer leichten Verbesserung der Symptomatik sind natürlich Therapieerfolge, und die Rückfälle liegen an der Disziplinlosigkeit des Kunden. Wichtig ist es, diesen therapeutischen Geldquetsch nicht zu übertreiben — liegt der Kunde erstmal sediert in der Klapsmühle, ists mit der Goldgrube vorbei.

Für den Verzweifelten ist es wichtig, dass er schnell Glauben in die Therapie gewinnt, damit er auch brav vorm Verrecken die unverschämten Kosten dafür bezahlt. Zu ihrem Glück will er um jeden Preis glauben. Ihre Therapie ist seine letzte Hoffnung. Und wenn sie es gut anstellen, wird er auch keine weitere Hoffnung mehr schöpfen, sondern sein ganzes Geld bei ihnen lassen. Haben sie für verschiedene schwere Krankheiten wie Krebs, Aids, MS fertige, aufwändig gedruckte und ansprechend bebilderte Texte bereitliegen, die sie sich in einer kreativen Woche aus den Fingern gesogen haben! Die können sie ihrem Kunden gleich in die Hand drücken und ihn auffordern, dass er sie gründlich, am besten mehrmals durchlese, bevor er wiederkommt. Sie müssen das erst einmal selbst erlebt haben, wie überwältigend groß im Land der Bildung aus Büchern die autoritäre Kraft des gedruckten Wortes ist! Bei aller Quacksalberkunst: So gut können sie gar nicht lügen. Noch der kindischste Unfug wird von normal gebildeten Menschen für denkbar gehalten, wenn er nur professionell layoutet und gedruckt wurde. Im Falle von Krebs können sie als erste Zumutung für den Verstand reinschreiben, dass alle Krebstherapie der „Schulmedizin“ falsch ist, weil sie am Wesen der Krebserkrankung vorbei geht. Schildern sie so schrecklich wie nur möglich die Nebenwirkungen von Bestrahlungen und Chemotherapie, am besten mit einer anrührend ausgedachten Anekdote von jemanden, der daran verstarb, nur dass sich bei der anschließenden Leichenöffnung herausstellte, dass der behandelte und mit „Apparatemedizin“ diagnostizierte Krebs gar nicht vorhanden war! Hoffnung ist der Bergbau in diesen Goldgruben. Dann bringen sie ihre These, dass Menschen unter „natürlichen“ Umständen keinen Krebs bekommen und „belegen“ sie diese mit einer weiteren ausgedachten Anekdote von einem Naturvolk, in dem Krebs völlig unbekannt ist! Verweisen sie auf einen halbwegs dokumentierten Fall einer Spontanheilung von Krebs, die ja manchmal vorkommt! Und dann erläutern sie ihre völlig nutzlose Therapie und bringen sie zwei, drei Anekdoten von Geheilten, natürlich mit Fotos, die aussehen wie die strahlende Lebenslust! So bearbeitet, wird der Kunde wiederkommen, um sich weitere Lügen im Gespräch anzuhören. Und. Er wird kurz vor seinem Tod alles zu Geld machen, was er nur zu Geld machen kann, um ihnen das Geld für die Therapie zu geben. Besonderer Zusatzvorteil beim krebskranken Verzweifelten: Er wird sich hinterher nicht über die durchlittenen Qualen wegen seiner unbehandelten Krebsschmerzen beklagen. Das Glück eines flotten Ablebens hat man als Quacksalber mit den anderen Kunden leider nicht.

Für den Lifestyle-Kunden eignet sich besonders die Therapie mit Placebos, gern auch in homöopathischer „Potenzierung“. Mit einem bisschen Glück wird aus einem Lifestyle-Kunden hin und wieder auch mal ein Verzweifelter, der vollständig von seinem Geld befreit werden kann, aber im Regelfall kann man als Quacksalber ein langfristiges Kundenverhältnis aufbauen und die Goldgrube langsam durch allerlei Seminare, Selbsterfahrungskurse, Entschlackungen, Entgiftungen, Diätkurse und andere Märchenstunden abbauen.

Abschlussworte

Sie wissen jetzt alles, was ein erfolgreicher Quacksalber wissen muss und können ihre Praxis eröffnen. Als was sie sich dabei bezeichnen, ist — neben einigen leidigen gesetzlichen Einschränkungen — nur ihrer Fantasie überlassen. Nur an eines sollten sie immer denken, wenn sie ihren Kunden das Geld aus der Tasche ziehen: Das Wichtigste am Betrug ist Seriosität.

Ich wünsche ihnen Erfolg und Wohlstand!

Ihr
Prof. Dr. rer. clipb. Guhflaht

Bitte achten sie darauf, dass dieses Handbuch niemals in die Hände von Kunden gerät.

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