Archive for April, 2012


Wille zum Aufbau gab werkfrohen Händen den Segen der Arbeit

Inschrift des nationalsozialistischen Denkmales am Nordufer des hannöverschen Maschsees

Jeder, der das Geschwätz rezipiert, dass Lohnarbeit wichtig für die Selbstverwirklichung eines Menschen sei und dass ein Leben ohne Lohnarbeit deshalb gar kein richtiges Leben sei, braucht nur ein kleines, leicht durchzuführendes Experiment zu machen, um dieses Geschwätz an der Wirklichkeit zu korrigieren. Es reicht hin, montagmorgens zum Arbeitsbeginn in den Aufzug eines Bürogebäudes zu gehen und den anderen Menschen im Fahrstuhle zu sagen: “Ich wollte, es wäre Freitag und nicht Montag”, um ihre mindestens nickende Zustimmung wahrzunehmen. Das Ergebnis dieses Experimentes lässt sich durch einen zweiten Versuch besichern, indem man des Freitagsabends einen derartigen Aufzug betritt und “Ich wollte, es wäre Montag und nicht Freitag” sagt, um die verschiedenen Reaktionen des Unverständnisses zu sehen. Niemand, außer vielleicht einigen Mitmenschen mit einer Neurose wirklich niemand sieht in der Fremdbestimmung der Arbeit ausgerechnet ein Vehikel, das ihm die Selbstbestimmung ermöglicht, so sehr auch Menschen aus der classe politique, Wirtschaftsredner, Soziologen und sonstige Assimilationsarbeiter darum bemüht sind, diese Sichtweise immer wieder in die Gehirne zu stanzen. Menschen hängen einfach zu sehr an ihrem Leben, um eine derartig plumpe Verdrehung der Tatsachen so zu übernehmen, sie wissen einfach in wenigstens vorbewusster Weise zu genau, dass das richtige Leben in Abhängigkeit und Fremdbestimmung nicht möglich ist.

Die Neurosegarantie

Die Mutter, an der der Vorübergehende vorüberging; diese Mutter, die zu ihrem auf eine Pfütze zulaufenden Kinde eindringlich und in ernsthafter Schärfe sagte: “Pass auf, dass du dir die Gummistiefel nicht dreckig machst” — eine ganze Ätiologie der Neurose sekundenhusch vorm Auge ausgebreitet…

Vom Leben im fressenden Nichts

Nun, da wir seit zehn oder fünzehn Jahren im Berufsleben stehen und gerne mal ankommen, sesshaft werden, eine Basis haben möchten, erkennen wir, dass nichts sicher ist. Immer noch nicht. Wir haben keine sicheren Arbeitsplätze. Wir leben von Zeitarbeit und Zeitverträgen, von außertariflichen Regelungen, von immer neuen Einstiegsgehältern – nach jedem Jobwechsel, nachdem wieder einmal ein Zeitvertrag ausgelaufen ist, müssen wir uns bewähren. Viele von uns ziehen oft um, der Arbeit hinterher. Das ist kein Spaß. Das kostet Geld. Geld, das wir gerne ansparen würden, für später, für ein Eigenheim, für unsere Kinder, vielleicht auch nur für eine neue Waschmaschine. Aber noch bedeutsamer: Es kostet uns ein soziales Umfeld, einen sich über Jahre entwickelnden Freundeskreis, eine vertrauensvolle Familie um uns herum. Es kostet uns Zeit – die wir in Zügen und auf der Autobahn verbringen, auf dem Weg zum Partner, zu den Eltern, Großeltern und zu Freunden.

Draußen nur Kännchen: Ergänzende Worte zu den Piraten

Karfreitag (noch einmal)

Während beiläufig an den Augen des Vorübergehenden vorbeiscrollte, wie aufgeregt die Menschen gegen das Tanzverbot zum Karfreitag twitterten, konnte er sich sehr bildhaft vorstellen, wie ein unbändiger Bewegungsdrang die eine oder andere bereits weitgehend verkümmerte Wade erfasste und durchschüttelte.

Karfreitag

Ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht.

Mt 21,13, Jesus aus Nazareth zugeschrieben

Solange der Jesus der Bibel noch nicht in seine Hauptstadt gegangen war und mit knallender Unterstützung einer mitgebrachten Peitsche gegen die Kaufleute und Bankster seiner Zeit anging, solange geschah ihm auch kein Leid.

Grass-Wurzel-Journalismus

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt “Antisemitismus” ist geläufig.

Was für ein hysterischer historischer Tag, an dem etwas, das man nach Meinung des seines Autors gar nicht ungestraft sagen kann, quasi gleichzeitig in der Süddeutschen Zeitung und in La Repubblica veröffentlicht wurde…

Beachtlicher Verbundwerkstoff

Auf dem TetraPak, der einen Liter Vollmilch umhüllt, ein Aufdruck: “Karton aus verantwortungsvollen Quellen” — wie schön, sagt sich der Vorübergehende inmitten des täglichen Wahnsinnes, wie schön, dass wenigstens die Kartons hier Verantwortung übernehmen.

Das Elend im Überfluss

Das Elend im Überfluss hat viele Gesichter. Zum Beispiel den verbissenen Ausdruck der so hungerschlanken Frau, die an der Kasse des Supermarktes vier Sechserpackungen “Activia” auf das Band legt. Beim Bezahlen rutscht kurz der Ärmel ein Stück nach oben und zeigt die darunter liegenden Narben. Oder auch. Die anderen Menschen, die nichts davon sehen.

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