Archive for Mai, 2011


An die weniger vornehmen

Es gibt drei Aristokratien:

1) die der Geburt und des Ranges,
2) die Geldaristokratie,
3) die geistige Aristokratie.

Letztere ist eigentlich die vornehmste.

Arthur Schopenhauer, Aphorismen zur Lebensweisheit

Zeitvertreib

Es ist schon etwas absurd, wenn eine Frau wegen eines ärztlichen Behandlungsfehlers ins Krankenhaus gekommen ist und sich dort die reizlose, öde Liegezeit damit vertreibt, dass sie ausgerechnet Groschenhefte mit Arztromanen liest.

Mutter

Mutter zu sein erfordert etwas mehr als die Leistung des Empfangens, Tragens und Gebärens — es wird irgendwann möglich sein, diesen Vorgang technisch durchzuführen, und doch wird auch dann niemand ein Reagenzglas als seine Mutter bezeichnen. Der in Deutschland einst von Blumenhändlern aus kommerziellem Interesse eingeführte „Muttertag“, der zur Jetztzeit in den Medien so unentrinnbar präsent gemacht wird, er ist ein deprimierender und nervender Tag für jene gar nicht so wenigen Menschen, die zwar eine Erzeugerin, aber in größerer Trübsal als jede Waise oder Halbwaise niemals eine Mutter hatten, und. Doch überall zum gesellschaftskonformen Bedanken bei einer Person aufgerufen werden, die sie aus biologischen Gründen nicht einmal so richtig hassen können.

Schafe

Harmlos verbringt ihr eure Zeit draußen auf dem Rasen,
Nur trübe bewusst ob der gewissen Unruhe, die in der Luft liegt:
Passt besser auf! Es könnten Hunde in der Gegend sein.
Ich habe über den Jordan geschaut, und ich habe gesehen —
Die Dinge sind nicht so, wie sie scheinen…

Was habt ihr davon, euch vorzuspielen, die Gefahr sei nicht wirklich?
Sanftmütig und gehorsam folgt ihr dem Führer
Auf ausgetrampelten Korridoren in das stählerne Tal.
Was für eine Überraschung! Der letzte Schreck steht in euren Augen.
Jetzt sind die Dinge wirklich so, wie sie scheinen…
Nein, es ist kein böser Traum.

Der Herr ist mein Hirte¹,
Mir wird nichts mangeln.
Er lässt mich niederlegen.
Er führet mich durch grüne Weiden,
Vorbei an ruhigen Gewässern.
Mit strahlenden Messern
Erlöset er meine Seele.
Er lässet mich hängen
An Haken auf hohen Plätzen².
Er verwandelt mich in Lammkoteletts.
Fürwahr, der Herr, er hat große Macht
Und großen Hunger.
Wann kommet der Tag,
An dem wir Geringen
In ruhiger Überlegung
Und großer Hingabe
Die Kunst des Judo meistern werden?
Herr! Wir werden uns erheben!
Und dann treiben wir den Scheißkerlen³
Die Tränen in die Augen.

Blökend und brabbelnd fielen wir ihm in den Nacken, mit einem Schrei.
Welle nach Welle marschieren die irrsinnigen Rächer
Fröhlich aus der Dunkelheit heraus in den Traum hinein.
Habt ihr die Nachrichten gehört? Die Hunde sind tot.
Ihr bleibt besser zu Hause und tut, was euch gesagt wird.
Verschwindet von der Straße, wenn ihr alt werden wollt!

Pink Floyd: Sheep | YouTube-Direktlink
Die Übelsetzung ist von mir

¹Dieser ganze, etwas schwer verständliche Teil ist in seiner altertümelnden Sprache eine Parodie auf den Duktus der englischen King-James-Übersetzung der Bibel. Bei den einleitenden Worten „The Lord is my shepherd“ wird jeder Hörer an Psalm 23 denken.
²In der Ausdrucksweise „high places“ schwingt auch überdeutlich eine Bedeutung „vornehme Orte“ mit.
³Etwas näher bei seiner umgangssprachlichen Verwendung könnte „bugger“ auch als „Arschficker“ übersetzt werden — der Kontrast zur gehobenen Sprache in den Zeilen davor mit ihren vielen altertümelnden Formen und Wörtern ist ganz offensichtlich gewollt…

Tittenscheibe

Ein UFO ist wie eine Titte. Packst du das auf den Titel, verkaufst du gleich 5000 Stück mehr.

Johannes von Buttlar, im Stern vom 2. November 1995

Inzwischen wurde Osama bin Laden getötet und im alles Einhalten zermalmenden Strom der täglichen news ist die Erinnerung an Fukushima blass genug geworden — da ist es doch für einen echten Demoskopokraten allerhöchste Zeit, den unterm Eindruck von Fukushima so eilig und offen wendehälsig proklamierten Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie ganz schnell wieder zu vergessen. Es sind ja mittlerweile 57 Tage vergangen, Zeit allmählich, den „Umgang mit dem Restrisiko“ neu zu bewerten.

Zielgruppe

Prof. Dr. Franz-Rudolf Esch -- Senioren sind die neue Zielgruppe

Im Begriffe „Zielgruppe“ der Allvermarkter schwingt immer leicht der Gedanke an die Zielvorrichtung einer Waffe mit, in deren statistischem Fadenkreuz die Menschen genommen werden, damit man sie auch treffe.

Mercedes statt „per pedes“

Die Parole „Zurück zur Natur“ klingt den zivilisierten und meist im Wohlstand lebenden Menschen, die sie in so vielen Formen im Munde führen, viel angenehmer, wenn dieser Weg nicht zu Fuß beschritten werden soll.

Wall Street

Screenshot des Arcade-Spieles Wall Street von Century Electronics, 1982

Im Jahre 1982 brachte die heute vergessene Firma Century Electronics den heute ebenso vergessenen coin op „Wall Street“ auf dem Markt. Es ist ein miserabel programmiertes, völlig zu Recht vergessenes Spiel. Der Spieler, der den Kasten mit einem quarter fütterte, steuerte zu Beginn des Spieles zwei Feuerwehrmänner mit einem Sprungtuch, und er hatte die Aufgabe, damit die vielen Menschen aufzufangen und zum Krankenwagen zu befördern, die aus den Fenstern und von den Dächern der Bankgebäude sprangen — währenddessen lief die Zeit ab, dargestellt durch einen ständig kürzer werdenden Balken, der sinnigerweise nicht etwa mit einem Wort wie Time, sondern als Dow Jones Index bezeichnet war. :mrgreen:

In der DDR verwurzelt

Eine Kanzlerin der Bundesrepublik Angela Merkel, die in einer Pressekonferenz vorm Bundesadler steht und in die Kameras und Mikrofone hinein ihrer um keinen Deut relativierten Freude darüber Ausdruck verleiht, dass auf der anderen Seite des eurasisischen Kontinents eine Einheit hochspezialisierter Mordarbeiter der USA einen zugegebenermaßen üblen und entbehrlichen Zeitgenossen vorsätzlich erschossen hat, sie belegt in solchem Auftritt, dass die Grundlagen ihres politischen Denkens und Handelns mehr im Staatsverständnis der Deutschen „Demokratischen“ Republik als in den Artikeln des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland verwurzelt sind. Wenn sie — oder ein anderes Mitglied des von ihr zusammengestellten und angeführten Kabinetts — demnächst von rechtsstaatlichen Maßstäben spricht, die irgendwo anzulegen seien, denn hat dieses Reden ein gutes Stück Glaubwürdigkeit verloren. Auf eine unfreiwillig komische Weise macht diese Nachfolgerin von Dr. Helmut Kohl wahr, was dieser einst den Wahlberechtigten der DDR versprochen hat, als sie erstmals eine richtige Wahl bekommen sollten: Es wächst zusammen, was zusammen gehört — nur habens die Menschen damals gern anders herum verstanden.

Drei Gänge

Dass die Metapher der Desktop-Anwendung sich nicht sinnvoll auf eine Website übertragen lässt — was übrigens auch ein recht aufwändiges Ansinnen ist — das kann jeder WordPress-Blogger schon daran bemerken, dass er seinen Browser über ein Menü mit aufklappbaren Auswahlmöglichkeiten bedient, während in der dargestellten Website über die Adminbar noch ein weiteres Menü mit aufklappbaren Auswahlmöglichkeiten zur Bedienung des Blogs zur Verfügung steht, und wenn dieses Blog zu guter Letzt für die Leser Teile seiner Navigation ebenfalls in einem Menü mit aufklappbaren Auswahlmöglichkeiten präsentiert. Die Idee der „Anwendung im Browser“, die über interpretierte Skriptsprachen realisiert wird, ist fragwürdig — da hilft es aus Anwendersicht auch nicht, wenn aktuelle Versionen der populären Browser dieser fragwürdigen Entwicklung begegnen, indem sie die Bedienelemente ihrer eigenen Benutzerschnittstelle immer „besser“ vorm Anwender verstecken, damit dieser sich leichter und unverwirrter auf die nach dem Vorbild der Desktop-GUIs nachgebauten Schnittstellen derartig entworfener Websites konzentrieren kann. Was da gerade gebaut wird, ist kein angemessener Weg, um dem Anwender die Möglichkeiten der Software in einer leicht durchschaubaren und bedienbaren Weise zur Verfügung zu stellen, damit diese ihm dienen. Ganz im Gegenteil. Ist es geeignet, Verwirrung zu stiften und die technischen Möglichkeiten zu einem eher zufälligen Fund des Anwenders zu machen.

Nähe

Am ersten Mai, eigentlich nur wenige Stunden, nachdem auf nahezu allen Kanälen des Fernsehens in der Bundesrepublik stundenlang übertragen wurde, wie sich ein Mitglied des britischen Hochadels und seine jetzige Gesponsin von einem Bediensteten der britischen Königin die staatskirchliche Erlaubnis zum Ficken abholten, ging ein Vorübergehender durch den kalten Wind und nahm dabei mit seinen Ohren das folgende Gespräch eines Pärchens auf:

Er: Wir entwickeln uns auseinander.
Sie: Nein. Du merkst jetzt nur, dass wir uns niemals nahe waren.