Archive for Dezember, 2010


Wahr und unwahr

Wahr ists, dass Guido Westerwelle, Außenminister der BRD und großer Vorsitzender der FDP, in einem Interview ausgerechnet gegenüber der Bildzeitung gesagt hat, dass er das Deck nicht verlassen werde, wenn es stürmt.

Unwahr ists hingegen, dass Guido Westerwelle oder die Bildzeitung einmal darauf hingewiesen hätten, dass dieser „Sturm“ nur deshalb entsteht, weil die Mannschaft auf dem sinkenden Schiff FDP so heftig pustet.

Völlig unbemerkt ists dabei geblieben, wie der Herr Wirtschaftsm… Außenminister und Vorsitzende der FDP sich in seinem Interview mit der Bildzeitung außenpolitisch positioniert hat, als es um die Frage der Positionierung der Bundesrepublik in der EU ging:

Ich denke nicht, dass uns Europa oder der Schutz unserer Währung mehr Geld kosten, als uns die EU bringt. Wir Deutsche exportieren immer noch mehr in die Niederlande als nach China, mehr nach Frankreich als in die USA und mehr nach Belgien als nach Indien. Ein Viertel bis ein Drittel unserer Arbeitsplätze hängt direkt von unserer Vernetzung in Europa ab.

Die Frage, wie die BR Deutschland zurzeit offiziell zum geeinigten Europa steht und aus welchen Gründen sie diese Stellung einnimmt (und vielleicht auch wieder aufgeben könnte), klärt sich beim Lesen der Worte des Herrn Außenministers. Kleiner Tipp für jene, denen es noch nicht klar ist: Mit der europäischen Geschichte, die leider auch eine Geschichte sinnloser Kriege ist, hat es eben so wenig zu tun wie mit irgendwelchen kulturellen Erwägungen oder gar mit Diplomatie.

Genau in diesem Moment…

Genau in diesem Moment, in dieser kühlen Zeit, in der du jeden Tag die kleine Portion Wikileaks-Depeschen mit dieser Mischung aus Geifer, Geilheit und Entsetzen in dich hineinschlingst, tut der Staat, in dem du lebst, Dinge, von denen du glaubst, dass sie nur von anderen Staaten getan werden.

Im Zwitschern verloren

Und der Nachtwächter sagte: Twitter ist, wenn aus einer Beeinträchtigung wie ADHS eine technische Infrastruktur und eine Institution des Internet wird.

Obenschrift

Er (oder sie) war so unfassbar UFO-gläubig, dass er (oder sie) im CSS seiner (oder ihrer) wirren Websites den Fontnamen „Arial“ zweimal als „Aerial“ vertippte.

Stell dir vor…

Stell dir vor: Es ist Krieg, und Kerner geht hin

Sorry, aber mehr fällt mir zu den kürzlich in der Glotze gesendeten „Weihnachtsgrüßen von der Front“ nicht mehr ein…

Die offizielle Sprache

Die Sprache, die von den Herrschenden offiziell verwendet wird und keine Hemmung hat, jedem Hörer und Leser klar zu machen, dass man ihn für einen Dummkopf hält, offenbart ja durchaus den Charakter derer, die so reden. Die Soldaten etwa, die in Beijing am Tian’anmen-Platz Anfang Juni 1989 friedlich und völlig unbewaffnet demonstrierende Menschen mit schweren Waffen ermordet haben; diese Soldaten waren in ihrer offiziellen Bezeichnung Soldaten der Volksbefreiungsarmee.

Der Mensch, der zurzeit im fernen Afghanistan zusammen mit seiner Frau eine große Show hinlegt, wird übrigens Verteidigungsminister genannt.

Die Wüste in mir

Ich sah ihre Schatten hinfort gehen
Dem Glanz der Sonne entgegen,
Und alles mahnt an ihre Namen…
Doch diese Kälte kann ich nicht erklären.
Und Häuser, ringsumher nur Häuser
Quer durch diese Zwecklosigkeit.
Ich nehme schon alle Worte, die ich habe…
Kannst du eine unerwünschte Seele verstehen?

Da ist nichts einfacheres
Als diese Einsicht in die Niederlage,
Und die Träume, sie sind unverändert verblieben,
Ganz wie erbärmliche Denkmäler.

Und eines Morgens werde ich aufwachen
Nach leidvollen und langen Jahren
Die der Erde Eis und Schnee geschenkt
Auf den Schwingen eines verirrten Herzens.
Und dann werde ich das Tageslicht auslöschen
Und seine schändlichen, armen, alten Tricks —
Weil dein Lächeln schlicht das Einzige ist
Das ich in mir bewahren muss.

Dieser Winter
Ruft nach mir,
Mit seinen tristen Engeln.
Um mich. Draußen.

[Ähm, ist jemand hier, der etwas italienisch kann¹?]

Und die Luft scheint unbewegt zu sein,
Und niemand mag den Kuss dieser
Kalten und sanften Lippen fühlen
Der die gnädige erste Ruhe gibt.
Nur ein eisiger Himmel steigt auf
Über der Asche der Welt,
Dreht die flammenden Horizonte hinfort
Mit seinem grenzenlosen, gefrorenem Dämmern.

Diese eisige Wüste
Ruft nach mir,
Immer wieder nach mir…
Mit ihren weiten Armen
der Einsamkeit.

Und die Luft scheint unbewegt zu sein,
Und niemand mag den Kuss dieser
Kalten und sanften Lippen fühlen
Der die gnädige erste Ruhe gibt.
Nur ein eisiger Himmel steigt auf
Über der Asche der Welt,
Dreht die flammenden Horizonte hinfort
Mit seinem grenzenlosen, gefrorenen Dämmern.

Diese eisige Wüste
Ruft nach mir,
Immer wieder nach mir…
Denn sie ist
Mein Vater.

Die Wüste in mir…

Kirlian Camera: The Desert Inside
Die Übelsetzung und alle Fehler sind von mir…
Gruß an Dia und Tabby

¹Ich bin mir nicht sicher, aber ich vermute auf der dürren Grundlage meines Restlateins, dass es sich um eine Wiederholung der ersten Strophe auf Italienisch handelt. Aber wo man nicht wirklich versteht, „versteht“ man leicht das, was man „verstehen“ möchte — davon bin ich auch nicht frei.

Die gewährte „Gnade“

Eine der schauerlichsten Folgen der Arbeitslosigkeit ist wohl die, dass Arbeit als Gnade vergeben wird. Es ist wie im Kriege: wer die Butter hat, wird frech.

Kurt Tucholsky in „Die Weltbühne“ vom 14. Oktober 1930

Alles umsonst

Die ganze Arbeit der antiken Welt umsonst: ich habe kein Wort dafür, das mein Gefühl über etwas so Ungeheures ausdrückt. — Und in Anbetracht, daß ihre Arbeit eine Vorarbeit war, daß eben erst der Unterbau zu einer Arbeit von Jahrtausenden mit granitnem Selbstbewußtsein gelegt war, der ganze Sinn der antiken Welt umsonst!… Wozu Griechen? wozu Römer? — Alle Voraussetzungen zu einer gelehrten Kultur, alle wissenschaftlichen Methoden waren bereits da, man hatte die große, die unvergleichliche Kunst, gut zu lesen, bereits festgestellt — diese Voraussetzung zur Tradition der Kultur, zur Einheit der Wissenschaft; die Naturwissenschaft, im Bunde mit Mathematik und Mechanik, war auf dem allerbesten Wege — der Tatsachen-Sinn, der letzte und wertvollste aller Sinne, hatte seine Schulen, seine bereits Jahrhunderte alte Tradition! Versteht man das? Alles Wesentliche war gefunden, um an die Arbeit gehn zu können – die Methoden, man muß es zehnmal sagen, sind das Wesentliche, auch das Schwierigste, auch das, was am längsten die Gewohnheiten und Faulheiten gegen sich hat. Was wir heute, mit unsäglicher Selbstbezwingung — denn wir haben alle die schlechten Instinkte, die christlichen, irgendwie noch im Leibe — uns zurückerobert haben, den freien Blick vor der Realität, die vorsichtige Hand, die Geduld und den Ernst im Kleinsten, die ganze Rechtschaffenheit der Erkenntnis — sie war bereits da! vor mehr als zwei Jahrtausenden bereits! Und, dazu gerechnet, der gute, der feine Takt und Geschmack! Nicht als Gehirn-Dressur! Nicht als „deutsche“ Bildung mit Rüpel-Manieren! Sondern als Leib, als Gebärde, als Instinkt — als Realität mit einem Wort… Alles umsonst! Über Nacht bloß noch eine Erinnerung! — Griechen! Römer! die Vornehmheit des Instinkts, der Geschmack, die methodische Forschung, das Genie der Organisation und Verwaltung, der Glaube, der Wille zur Menschen-Zukunft, das große Ja zu allen Dingen als imperium Romanum sichtbar, für alle Sinne sichtbar, der große Stil nicht mehr bloß Kunst, sondern Realität, Wahrheit, Leben geworden… — Und nicht durch ein Natur-Ereignis über Nacht verschüttet! Nicht durch Germanen und andre Schwerfüßler niedergetreten! Sondern von listigen, heimlichen, unsichtbaren, blutarmen Vampyren zuschanden gemacht! Nicht besiegt – nur ausgesogen!… Die versteckte Rachsucht, der kleine Neid Herr geworden! Alles Erbärmliche, Ansich-Leidende, Von-schlechten-Gefühlen-Heimgesuchte, die ganze Ghetto-Welt der Seele mit einem Male obenauf! — — Man lese nur irgendeinen christlichen Agitator, den heiligen Augustin zum Beispiel, um zu begreifen, um zu riechen, was für unsaubere Gesellen damit obenauf gekommen sind. Man würde sich ganz und gar betrügen, wenn man irgendwelchen Mangel an Verstand bei den Führern der christlichen Bewegung voraussetzte — o sie sind klug, klug, bis zur Heiligkeit, diese Herren Kirchenväter! Was ihnen abgeht, ist etwas ganz anderes. Die Natur hat sie vernachlässigt – sie vergaß, ihnen eine bescheidne Mitgift von achtbaren, von anständigen, von reinlichen Instinkten mitzugeben… Unter uns, es sind nicht einmal Männer… Wenn der Islam das Christentum verachtet, so hat er tausendmal recht dazu: der Islam hat Männer zur Voraussetzung…

Friedrich Nietzsche, Der Antichrist — Fluch auf das Christenthum, 59

Liberty Bell

Liberty Bell, die Freiheitsglocke

Pass and Stow¹

Es ist schon erstaunlich, dass in den Vereinigten Staaten einer kaputten Glocke so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Hat sich schon einmal jemand gefragt, wie es wohl klingt, wenn noch einmal jemand diese Glocke läutet?

¹Das ist ein (weniger bekannter) Teil der Inschrift der Glocke. Wer hier aber vorschnell „geh weiter und verstau sie“ liest, hat sich geirrt. Es handelt sich um die Nachnamen der beiden Glockengießer. Manchmal schreibt die Wirklichkeit die besten Satiren.

Beim Überfliegen

Es ist doch bemerkenswert, dass die meisten mit der Absicht der Gewinnerzielung betriebenen Medien nicht so sehr über die von Wikileaks veröffentlichten Inhalte — und wenn, denn nur über wenige, mit eher emotionalem Schwerpunkt ausgewählte — berichten und sich mehr auf die Berichterstattung zu den Reaktionen auf die Veröffentlichung konzentrieren. Wenn die Mehrzahl der Leser, Hörer und Zuschauer diese Inhalte gar nicht kennt, denn sind diese Menschen eben auf die medial ausgelieferten und leicht verdaulich verpackten Interpretationen angewiesen. Und. Können sich dabei informiert fühlen.

Süße Sünden

Die Leichtigkeit, mit der ein einst zentraler religiöser Begriff wie „Sünde“ heute bei den meisten Menschen für Schokolade, Tortenstücke und anderes energiereiches und leckeres Naschwerk verwendet werden kann, sie ist ein nur leicht verzerrtes Spiegelbild der inhärenten Lust- und Genussfeindlichkeit der christlichen Religion.