Wenn man sich am grellen warmen Tag vom Unwillen des Schmerzes zur Müßigkeit treiben lässt; wenn man sichtet, was sich am Lebensabrieb von gut fünfunddreißig Jahren vollgeschriebnen Tagebuch gilb und dümplig in das Jetzt gerettet hat; wenn man lesend wie im Leben eines längst schon Fremden verfolgt, wie jeder einst vorhandne Überschwang zerbrach, ja, zerbrechen musste, weil die Kraft eines Einzelnen eine kleine ist und weil die Bequemlichkeit der meisten anderen Menschen auf dem Trampelpfad des Daseins eher in allerlei Bespaßungen und Ablenkungen getrieben hat und nicht in den entschlossenen Einsatz für ein besseres Leben; wenn man sich blätternd daran erinnern muss, was alles gescheitert ist, wie viel zunächst begeisterte Aufnahme von Seiten ebenfalls bedrückter Mitmenschen sich in weniger als einer Woche in Gleichgültigkeit wandelte, sobald es darum ging, gemeinsam etwas zu tun, damit jeder besser für sich leben kann; wenn man rückschauend sehen muss, wie selbst Gescheiterte und Verachtete noch darum bestrebt waren, einem konformistischen Anspruch zu genügen, dem sie nur auf Kosten ihrer Gesundheit und nur mit allerlei Hilfsmitteln genügen konnten, immer in einer antlitzlosen Angst, jene Zuwendung nicht zu erlangen, die gar nicht mehr erfolgen kann; wenn man im Trübsinn der Tintenpaste vieler Kugelschreiber versinkt und sich daran erinnert, wie viel an sich lichtvolles Leben im direkten Freitod oder im krepligen Selbstmord des damals so leicht verfügbaren Heroins zum Würmerfraß und zum Zement der Zustände geworden ist; wenn man das alles noch einmal vor Augen hat, was durch den schlichten Vorgang des Notierens eine Wirklichkeit und Wirksamkeit über den unmittelbaren Affekt erhalten konnte; denn vergeht einem auch als heiterstes Wesen ein wenig die Lust an einer Fortsetzung dieses stinkenden Daseins neben dem Schindanger der Gesellschaft, das spukhaft wie ein Gespenst in diese Welt hineingeboren wurde. Und…

…so fragt man sich trüben Sinnes, was das alles einen noch zu sagen hat, das alles, wofür man einstmals doch lebte. Mit dem Rückblick auf die vergebliche Mühsal kommt der Blick auf die gegenwärtige Kraftlosigkeit, auf das absehbare völlige Scheitern jeder weiteren Anstrengung und die Ergebung in das Unvermeidliche. Ja, man fühlt sich fast schon wie ein CDU-Wähler im Rentenalter.

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