Ich träumte, dass ich in der vorgerückten, späten Nacht in einer namenlosen Kleinstadt sei und dort auf den Zug wartend barfuß am Bahnhofe stand, weil ich noch nach Hannover musste. Der Bahnsteig war leer, und alle hilfreichen Informationen wie Schilder, Aushänge und Fahrpläne waren verschwunden. Nur die Uhr. Zeigte die Zeit, und es war halb eins und damit längst schon nach Mitternacht. Völlig unklar, ob hier noch ein Zug kommt. Ich ging auch über die anderen Bahnsteige, aber überall fehlte der Fahrplan, so dass niemand wissen könnte, was da kommen soll. Langsam darauf eingestellt, die Nacht an diesem tristen Bahnhof verbringen zu müssen, verließ ich die Bahnsteige und ging etwas umher. Es war hell beleuchtet dort, und es war trotz der vorgerückten Zeit erstaunlich gut besucht, aber die Menschen schwiegen; sie waren gleich gekleidet, wie gesichtslos und frei von individuellen Merkmalen. Sie hätten auch. Eine bloße Dekoration für das Geschehen sein können, das andere, hier unsichtbare, geschehen lassen.

Mir wurde kalt.

Immerhin waren diese vielen Menschen ein Hinweis darauf, dass da noch ein Zug kommen könnte, und so wartete ich weiter. Und tatsächlich, nach einiger Zeit unter den Schweigenden — ich hatte selbst schon das Sprechen aufgegeben, und seit ich nicht mehr sprach, trug ich Schuhe — kam plötzlich, wie auf ein Kommando, Bewegung in die stumme Masse. Alle gingen zu einem Bahnsteig, ohne dass es eine für mich hörbare Ansage gegeben hätte. In der verzweifelten Hoffnung, es könne ein Zug kommen, der mich wenigstens von diesem gruseligen Bahnhof fortbringt, folgte ich schweigend der schweigenden Masse und wurde so zum Teil dieser Karikatur einer Prozession.

Doch was ich auf dem Bahnsteig sehen sollte, hätte ich niemals erwartet. Selbst der einfahrende Zug schien zum Schweigen entschlossen; er war völlig unhörbar. Die Lokomotive sah nicht nur modern, sie sah futuristisch aus; sauber, glänzend und leuchtend gelb lackiert, wo nicht das kalte Metall seine Reinheit zeigte; ein Anblick, der nicht den Eindruck erweckte, als sei es ein Fahrzeug von dieser Welt. Doch die Wagen, die davon gezogen wurden, waren dreckig und schäbig und sahen aus, als wären sie für den Transport von Gütern oder Vieh bestimmt. Doch die stummen, merkmallosen Menschen. Stiegen langsam ein, als sei dasgerade ihre Bestimmung. Als endlich alle eingestiegen waren, stand der lautlose Zug mit der glänzenden Lok und den heruntergekommenen Wagen für das Menschenmaterial noch lange. „Ganz so, als würde er auf etwas warten“, dachte ich mir dabei, während ich auf dem mittlerweile menschenleeren Bahnsteig stand und diese surreale Szene betrachtete.

Überrascht hörte ich eine Stimme in mir, freundlich wie die Stimme Satans oder eines anderen Werbers. Diese Stimme — wie ungewohnt der Klang von Wörtern doch nach langem Schweigen ist, wie warm da selbst das beflissenste, zweckmäßigste Geschwätz klingen kann — erklärte mir voll wohlgeübter Begeisterung, dass ich die modernste Lokomotive der Welt vor mir sähe, dass ich mich nicht darüber verwundern solle, dass es keine Diesellok wäre und dass sie dennoch keinen Stromabnehmer brauche, denn dies sei der neue, klimaneutrale, effiziente Atomzug, der alle Geschwindigkeitsrekorde halte. Da dachte ich bei mir, dass mir von solchen Stimmen vieles erzählt werden könnte und dass es schlichterdings absurd ist, dass ein solches Wunder der Technik an einem dermaßen unwichtigen Bahnhof Halt macht, doch es schien, als könne die Quelle dieser Stimme die Gedanken der Verstummten kennen, und so wurden diese Einwände beantwortet. Dieser Zug, so erfuhr ich, fahre aus Sicherheitsgründen und wegen des Terrorismus nur die kleinen Bahnhöfe an, und dies auch stets im Geheimen, seine Herkunft und sein Ziel sei Israël, und er komme, um zu sammeln. Und noch, während ich begleitet von trüben Bildern blutgedüngten „heiligen“ Landes dachte, dass die Viehwagons und das Streben nach technischer Perfektion und die gut organisierte Massenzuwanderung wie ein Spiegelbild des Holocaust wirken, forderte mich diese Stimme auf, in den Zug einzusteigen, der nur noch auf mich warte — einen anderen Ort hätte ich als geborener Fremder ja nirgends. Als ich meinen Mund auftat, um laut zu widersprechen. War meine Stimme schon ausgewandert, war ich längst schon im faszinierten, schweigenden Betrachten der Szene zum Schweigenden geworden. Und die fremde, freundlichkalte Feindesstimme in mir war lauterschon als jeder Gedanke und jedes Gedenken, fand Tausendgrund für mich, den Weg des Schweigens zu gehen und hunderte der Krankheitsnamen und Kurvorschläge, um damit zu benennen, dass ich ichselbst sein wollte, während der Zug mit der glänzenden Lokomotive und den heruntergekommenen Wagen auf mich wartete und ich langsam, unentschlossen, gar nicht mehr aus eignem Willen Schritt für Schritt auf einen der vorderen, dreckigen Wagen zuging, dessen schweigende Tür noch einen dunklen muffigen Spalt für mich offen stand…

Ich erwachte wringefeucht im Schweiß. Und schreiend.

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