Archive for April, 2010


Winken

Sie ist über fünfzig Jahre alt. Nach ihrem genauen Alter habe ich sie noch nie gefragt. Vor einigen Tagen, so erzählt sie, habe sie mit jemanden telefoniert, der sie im Gespräch (wohl scherzhaft gemeint) dazu aufforderte, dass sie doch bitte einmal auf den Balkon gehen und winken solle, er könne sie dann im Internet sehen. Das hat sie nicht getan. Und nun fragt sie mich, weil sie es nicht besser weiß, ob das denn wirklich ginge — sie ist seit diesem Gespräch nicht wieder auf ihren Balkon gegangen, weil sie sich nicht gern von lüsternen Augen beobachten lässt.

Ja, sie hat das wirklich geglaubt. Es erschien ihr nicht so absurd, wie es mir erscheinen musste. So einen Eindruck kann also jemand unter Umständen vom Internet bekommen, der das Internet selbst nicht kennt, sondern nur aus zweiter Hand und über die zentral organisierten Massenmedien davon hört.

Manchmal ist es erschütternd, was ich höre.

Telleruhr

Telleruhr

Der Teller, die aufgemalten pflanzlichen Geschlechtsorgane, die Zeit! Eine interessante, industriell erstellte Metapher hängt da an der Wand; ein Gesamtwerk, dessen tieferer Sinn sich wohl nur dekorationswütigen Frauen erschließt…

Was wir anerkennen müssen

Wir müssen indessen […] anerkennen, daß der Mensch mit allen seinen edlen Eigenschaften, mit der Sympathie, welche er für die Niedrigsten empfindet, […] mit seinem gottähnlichen Intellect, welcher in die Bewegungen und die Constitution des Sonnensystems eingedrungen ist, mit allen diesen hohen Kräften doch noch in seinem Körper den unauslöschlichen Stempel eines niederen Ursprungs trägt.

Charles Darwin, Die Abstammung des Menschen, S. 701

Sein und Geliebtwerden

Zeitgenossin: Aber du wirst dafür geliebt, wie du bist, nicht für das, was du tust. [Gefolgt von einigem esoterisch verbrämten Versatzstücken der christlichen Religion…]

Nachtwächter: Ich bin ein Mensch, kein Stein. Ein Stein kann an sich hübsch oder ungewöhnlich sein, und er „hat daran genug“ und kann dafür geschätzt oder mit gleichgültigem Blick ignoriert werden. Ich bin ein Mensch, und deshalb will ich nicht an den Möglichkeiten eines Steines gemessen sein. Mein Sein ist, so lange ich noch bin, das — und nur das — was ich tue.

AUTOFIT

Gesehen in Hannover, Kreuzung Hildesheimer Straße / Wilkenburger Straße

Der katholische Spuk

Wer einen Weg sucht, wird einen Weg finden. Wer nicht sucht, findet Ausreden.

Es gäbe heute wohl weitaus weniger Menschen, die so verrückt nach Magie, Okkultismus und Spiritismus sind, wenn es nicht eine gesellschaftlich anerkannte Form der Religion gäbe, die Magie (Umwandlung von Oblaten in Fleisch), Okkultismus (Anrufung allerlei verborgener Wesenheiten in zwangsneurotisch anmutenden Ritualen, auf das diese doch hier zaubern und die Wünsche der Anrufer erfüllen mögen) und Spiritismus (unter anderem mit voll entwickeltem Totenkult) offen und unter dem Vorwand des „Willens Gottes“ praktiziert — und es ist durchaus kein Zufall, dass mit größerer Nähe zum Einflussbereich der römisch-katholischen oder der diversen, in ihrem faulen Zauber genau so argen orthodoxen Kirchen eine größere Bereitschaft der Menschen einher geht, allerhand obskures Zeug zu glauben und zu praktizieren. Das Vorbild der Tarotkarte ist die Ikone; das Vorbild des kalten, mechanischen Weltbildes der Astrologie ist der kalte, mechanische Ablauf des Kirchenjahres; die recht künstliche Sprache der Obskurantisten weist auf eine noch gar nicht so lang vergangene Zeit zurück, in der die kirchliche Magie in einer toten und für die Menschen unverständlichen Sprache praktiziert wurde; der massenhaft vermarktete esoterische Tinnef* spiegelt die Inflation der hl. Reliquien** und den Kult darum wider. Alle Ströme des direkt gegen die höheren Funktionen des Verstandes gerichteten Unfugs fließen aus der Quelle der etablierten und immer noch staatstragenden Religion. Und. Legen damit Zeugnis über diese Quelle ab. Die still zugewiesene und laut angenommene Aufgabe der Kirche im Staatsgefüge — und das gilt für jede Kirche und jede Religion im Staatsgefüge — ist es, den Wunsch der ausgebeuteten und hoffnungslosen Mehrheit der Menschen nach einem besseren, weniger bedrückten Leben nicht zu Taten gegen die Profiteure ihres Elends, sondern zu Ersatzhandlungen werden zu lassen; die Magie, der Okkultismus und der Spiritismus kommen dabei von ganz allein heraus.

*Esoterischer Tinnef: Von der Drahtpyramide, in der die Rasierklingen länger scharf bleiben (ein toller Trick, den nicht einmal die für ihre Pyramiden bekannten alten Ägypter kannten…) über den Magneten für den Wasserschlauch, der das Wasser für die Waschmaschine entkalkt bis hin zu den Steinen, Büchern, Symbolen, Engelsfiguren — es ist alles industriell hergestellte Massenware, billige und wirkungslose Kitschprodukte für die Psyche, die teuer verkauft werden. Es ist auch ein in die Zukunft schreiendes Dokument der derzeitigen intellektuellen und seelischen Verrohung.

**Hl. Reliquien: Es ist verblüffend, wie viele Schädel einige Heilige hatten, und es ist auch verblüffend, wie sehr Menschen geneigt sind, Objekte, die erst Jahrhunderte nach dem eigentlichen Ereignis unter meist fragwürdigen Umständen irgendwo aufgetaucht sind, allein auf Grundlage von Hörensagen für echt zu halten und einen Kult um diese vergötzten Dinge zu betreiben. Demnächst wird einmal mehr ein angebliches Grabtuch vor den glaubensbereiten Augen aufgespannt, das damals auf Jesus aus Nazaret gelegen haben soll und seltsame, wie gemalt aussehende Abdrücke davon bekommen hat. Das wird gewiss von den Zeitungen und den flackergeilen Sensationsmagazinen der Glotze — dort ganz besonders besoffen vom Halbdunkel, dem Weihrauch und dem ständig auf der Klaviatur der Nerven spielenden Psychogeklimper im Hintergrunde — breit gewürdigt werden, damit auch alle davon breit werden. Und obwohl sich bislang bei Datierungen herausgestellt hat, dass dieses Tuch ein paar Jahrhunderte zu jung ist, um das „echte Tuch“ zu sein, dass es sich also um eine mittelalterliche Fälschung handelt, werden jede Menge Indizien für die Echtheit in der gewöhnlichen Einseitigkeit solcher Machwerke gegeben werden, man ist ja christlich hier. So eine Reliquie wird da doch nicht angezweifelt, zumal man damit auch so gute Geschäfte machen kann, ganz so, wie sich mit jeder Irrationalität gute Geschäfte machen lassen. Deshalb gibt es auch so viele „Splitter vom hl. Kreuz“, dass man aus ihnen eine ganze Flotte bauen könnte. Nur ein bisschen Hirn, das hat keiner von den ganzen Heiligen hinterlassen, und dabei wäre das in der Kirche so dringend nötig.

Gruß an Dia

Der gläubige Beobachter

Die Glaubensbereitschaft des Beobachters war so groß, dass er sagte: „Das UFO stand wohl zufällig genau in Richtung der Venus und hat sie verdeckt.“ — und dies ohne, dass ihn bei seinen Worten etwas auffiel.

Mit einem Psychotiker über die mentalen Inhalte seiner Krankheit sprechen zu wollen, ist genau so fruchtlos wie der Versuch, einen Knochenbruch durch Gespräche zu heilen.

Fakten

Fakten (die, Asubstanztiv) — wenig aussagekräfte, unter Missbrauch der Mathematik (meist so genannte „Statistik“) gewonnene Daten, die entlang der Kanäle der eigenen Ideologie rhetorisch-listig durch die Kanäle des Medienapparates gepumpt werden, um damit die Zumutungen der ideologischen Forderungen „objektiv“ und „alternativlos“ erscheinen zu lassen. Zuweilen auch in einer unschönen Verengdeutschlichung „Datenbasis“ genannt, weil dieses Wort besser geeignet ist, den Eindruck zu erwecken, die geforderten Unverschämtheiten hätten eine Basis in den Daten und nicht etwa in der Unverschämtheit der Fordernden.

Abschiedswort

In den letzten Tagen möchte ich den Menschen immer häufiger zum Abschied die Worte „Viel Spaß noch an der Ersatzhaltestelle“ zusprechen…

Vom Schwindelzettel

Wir sind nur die Randfigur in einem schlechten Spiel […] Und die in der Schlossallee verlangen viel zu viel

Klaus Lage, Monopoly

Wie fröhlich genau doch die Spielregeln des recht öden Brettspieles „Monopoly“ doch die Wirklichkeit wiederspiegeln, nach deren Vorbild sie einmal geschaffen wurden. So steht zum Beispiel in den Spielregeln, dass die Bank niemals pleite gehen kann — wenn kein Geld mehr in der Bank ist, so ist es dort festgeschrieben, denn sollen einfach Zettelchen mit dem entsprechenden Wert geschrieben werden.

Copy? Right!

Es ist nicht gesagt, dass es besser wird, wenn es anders wird. Wenn es aber gut werden soll, muss es anders werden.

Lichtenberg

Zeitgenosse: Warum veröffentlichst du so viel unter der „Piratenlizenz“? Die ist ja doch etwas ungewöhnlich…

Nachtwächter: Weil ich die Struktur des Internet verstehe, auch die menschliche Struktur. Die Piratenlizenz schreibt etwas fest, was sowieso getan wird. So bald ich irgendein Werk im Internet veröffentliche, gebe ich die Kontrolle über dieses Werk aus der Hand. Die Piratenlizenz ist eine Lizenz, die Zwischenablage und die RSS-Feeds angstfrei zu benutzen, den Text zu kopieren, zu bearbeiten, zu zerfleddern, ja, ganze Werke zu spiegeln. Das ist ein natürliches Verhalten unter Nutzung der gegebenen technischen Möglichkeiten. Der Computer und das Internet als Netzwerk von Computern sind immer schon Kopiermaschinen gewesen, die Anfertigung einer Kopie ist eine einfache und sinnvolle Nutzung dieser Technik. Mein Urheberrecht kann ich im Rechtsraum der BRD ja nicht abtreten, aber ich kann eine Lizenz zur Nutzung ausstellen, die den Ängsten wegen der juristischen Willkür in der BRD begegnet, die so frei wie nur möglich ist.

Zeitgenosse: Aber damit ermöglichst du doch den Missbrauch, die von dir wohl nicht gewünschte, kommerzielle Nutzung…

Nachtwächter: Wenn ich den Gebrauch ermögliche — und das mache ja nicht ich, das macht bereits die verwendete Technik — denn ermögliche ich immer auch den Missbrauch. Das. Gilt übrigens für jede Technik. Wenn ich das für untragbar halte, muss ich ein technisches Medium wählen, das den Missbrauch erschwert. Und das. Gilt für jeden, der im Internet veröffentlicht, gleich, welcher implizite oder explizite Lizenztext dabei Verwendung findet. Ich finde es übrigens in diesem Zusammenhang sehr erstaunlich, dass die gleiche Journaille, die gar nicht laut genug über die „Clipboardkultur“ des Amateur-Internet und die dadurch verursachten „Verluste“ klagen kann, Verweise auf ihre von den NITF-Tickern der Agenturen kopierten und mit Werbeeinblendungen vergällten Inhalte über Twitter herauspustet und es sich sehr wünscht, dass diese massenhaft „retweetet“, also einfach mechanisch kopiert werden. Das hat einen beachtlichen realsatirischen Liebreiz.

Zeitgenosse: Aber jeder könnte doch deine Texte mit der von dir so gehassten Werbung „vergällen“, wie du so schön sagst.

Nachtwächter: Wer wirklich meint, dass sich meine Texte ausgerechnet dazu eignen, der soll es ruhig versuchen. Ich bin froh über jeden Mirror, der meine marginalisierten Betrachtungen erhält und vor den immer unverschämteren Zensurbestrebungen schützt.

Gruß an W.

Die Selbstbezüglichen

Er erzählte mir, dass „diese Blogger“ doch nur ein selbstbezüglicher Haufen seien, dass da jeder nur vom anderen abschreibt und dass man sich darin sehr wichtig nimmt und wichtig macht, ja, so wichtig nimmt und wichtig macht, dass man große Veranstaltungen veranstaltet, die man wichtig nimmt und wichtig macht, indem man abschreibt, was andere darüber schreiben. Und. Er erzählte mir, dass er heute einen ganz entspannten Abend vor dem Fernseher verbracht hat, heute, wo die ARD ihren 60. Geburtstag gefeiert hat und deshalb einen großen Rückblick auf 60 Jahre ARD im Rahmen einer großen Unterhaltungssendung präsentierte.

Es mag seltsam klingen, aber das Wort „selbstbezüglich“ fiel in seinem langen Bericht, den zu unterbrechen ich schlicht zu müde und zu genervt war, nicht ein einziges Mal.