Die von Mitgliedern der classe politique immer wieder in den Apparat der Contentindustrie gepresste Idee, dass sexueller Kindesmissbrauch irgendwo im Internet und für das Internet stattfinde, ist deshalb so gefährlich und auch so wirkmächtig, weil sie den Hang vieler Menschen zur Verdrängung füttert. In Wirklichkeit. Werden die Kinder (und andere ausgelieferte Menschen) von nahe stehenden Menschen aus dem direkten persönlichen Umfeld, zuweilen sogar von den eigenen Eltern, häufiger jedoch von Lehrern, Pastoren, Nachbarn, Verwandten oder Bekannten der Eltern missbraucht. Im Internet hinterlässt dies nicht einmal Spuren, sondern es geschieht in eiskaltem Totschweigen. Dagegen helfen keine Stoppschilder für Websites. Die Zensur — sie bedarf nicht einmal des Staates — findet bereits statt. Und. Die Mechanismen dieser Zensur sind eher noch dichter als jede staatliche Unterdrückung gewisser Äußerungen, weil sie direkt in die Seelen der missbrauchten Menschen gegossen werden. Auf der einen Seite des psychischen Betons schweigt das Trauma und hinterlässt ein schwer beschädigtes Leben, auf der anderen Seite sind die Täter in Sicherheit. Sie sind in so großer Sicherheit, dass — wie aktuell in vielen Fällen des Kindesmissbrauchs durch Pädagogen und Geistliche in gruseliger Weise sichtbar wird — die Opfer, die einst missbrauchten Kinder, so lange schweigen, bis die Gewalttaten längst verjährt sind, wenn sie überhaupt einmal ihre Stimme wiederfinden.

Das Thema Kindesmissbrauch — es ist schon bitter, hier von einem „Thema“ zu sprechen, als handele es sich um etwas, was wie die Klassifikation von Schmetterlingsarten abzuhandeln sei — führt zu entsetzlichem Elend nicht wegen seiner Offenheit, sondern wegen seiner Ausblendung und seiner kollektiven Verdrängung. Die gemeine Idee, Kinderpornografie im Internet mit irgendwelchen Stoppschildparagrafen unsichtbar zu machen, statt für eine wirksame Strafverfolgung Sorge zu tragen, ist ein Spiegelbild dieser Verdrängung. Und. Es ist ein Zement für diese Verdrängung.

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