Und der Nachtwächter sagte: Ich bin in Armut geboren, und deshalb bin ich. Als Gespenst geboren. Von früh auf hatte ich zu lernen, dass ich ein Nichts bin, fern vom alledem, was um mich herum als Leben betrachtet wurde. Mein Bruder im Staub, auch ich hatte einmal Hoffnung, genau wie du; ja, ich hatte diese Hoffnung schon als Kind. Und ich versuchte, alles zu tun, um der drangvollen Enge meines Lebens zu entkommen. Ich bildete mich, so gut es die mies sortierte Bücherei zuließ — vom Internet war damals noch keine Rede — denn ich wusste, dass Bildung das Wichtigste ist, um die Kreiselhölle aus Armut, Alkoholismus, Kleinkriminalität und Gewalt zu verlassen, aus der ich als ein Dunst Gestalt annahm. Aber ich musste dabei lernen, dass es nicht auf Bildung und nicht auf Fähigkeit ankommt, in der Schule musste ich es erstmals lernen, als ich der verachtete, geprügelte und angespieene Außenseiter war, der alte Kleidung, einen gebrauchten Ranzen und zwei Jahre alte Schulbücher hatte, die sich in ein paar trivialen Kleinigkeiten von den aktuellen Ausgaben unterschieden, damit auch ja jedem Kind die aktuellen Ausgaben gekauft werden. Und als ich dann sonderlich wurde, was gar nicht überraschend ist, da musste ich es durch die schlagenden Hände in einem Kinderheim der Diakonie lernen, dass ich mich nur zu fügen habe, unter Schmerz und Angst zu fügen. Ich hatte unter der Diktatur der strukturellen Gewalt zu lernen, was mein Platz in der Matrix sein soll, und glaube mir, Bruder im Staub, diese Pille hat mir nicht geschmeckt und drang erst zweieinhalb Jahrzehnte später so richtig in meinen Bauch ein. Und wandelte sich dort. In die fröhliche Einsicht völliger Sinnlosigkeit allen Strebens. Das erst machte es mir erträglich, in meinem gespenstischen Dasein mit doppelter Mühe nicht einmal die halbe Wirkung entfalten zu können, nicht handeln zu können, sondern bestenfalls ein wenig zu spuken. Doch keine Freunde zu haben; es hat auch sein Gutes. Man versteht schon als beobachtendes Kind, wie sich Menschen nur gegenseitig benutzen, und man wendet seine Aufmerksamkeit auf andere Dinge als das verlogene Lächeln, auch schon als Kind. Das Wissen muss trösten, lange bevor es nützlich wird; über die Kälte und die Aussichtslosigkeit muss es trösten, denn mehr als dieses dürftige Wissen und Bewusstsein gibt es nicht. Im Sekundenglanz meines Seins. Es bleibt nur in mir, und wird einst zusammen mit meinem ganzen Dünsteln in die Verwesung fallen. Ich hatte auch von den frommen, gewalttätigen Erziehern zu lernen, dass einem Gespenst kein Respekt gezollt wird, und das kleine Büchlein, dem ich schon als Kind meine Beobachtungen anvertraute, um mein Denken vom Augenblick zu emanzipieren und die übergeordneten Muster sehen zu können, es wurde mir von den herzlosen Prügelfrauen entwendet und einem Psychologen gegeben, damit mich dieser Assimilationsarbeiter besser bearbeiten kann. Seither mache ich alle meine Notizen in einem selbst ersonnenen Schriftsystem, das solche Zugriffe frustriert, um wenigstens mein Denken für mich und hoffentlich klar zu behalten. Auch nach dieser Zeit gab es keine Freiheit, so schön sich auch davon träumen ließ, sondern nur Verachtung und Kälte und das langsame Dahinwelken meiner Handvoll Freunde mit ähnlichem Schicksal, die am Heroin und an der verinnerlichten Hand der Gesellschaft, am Freitod starben. Was mir hilft, weiterhin zu leben, ist nur die heitere Einsicht in die vollkommene Sinnlosigkeit und das Wissen um den überpersonalen Prozess, der über die Gesellschaft abläuft. Ich bin als Gespenst geboren, arm und außerhalb jeder Aufmerksamkeit, und der Bruder im Staub, der mir begegnet, der begegnet einer Spukerscheinung, die ihn schaudern macht. Denn in diesem Spuk. Spiegelt sich sein eigenes Leben. Solchen geisterhaften Spiegeln werden viele Namen gegeben. Der gemeine Fernsehzuschauer, Autofahrer und Verbraucher nennt mich schlicht asozial, wenn ich ihm nach etwas frage, was er mir kampflos zu geben bereit ist. Der Mensch, der an mir lernt, dass es ein Leben jenseits der Hoffnung gibt, nennt micht Elias. Und wer wirklich kalt und bis ins Herz verrottet ist und mir einen bösen Spottnamen geben will, der spricht von der Chancengleichheit.

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