Als ich noch ein kleiner, beinahe niedlicher, aufgeweckter und neugieriger Junge war, dem man heute wegen seines von früh auf gebrochenen Wesens wohl einen milden Autismus diagnostizieren würde, um ihn zu pathologisieren und in seiner Persönlichkeit zu drücken und zu brechen, da habe ich ein starkes Streben verspürt, meinem von Armut, Bildungsferne, Alkoholismus und dummer Kriminalität geprägten Umfeld zu entkommen, und ich wusste, dass es mir nur mit Wissen und Vernunft gelingen könnte.

Es wurde mir nicht leicht gemacht. Man landete damals zwar auf dem Mond und sandte Sonden zu den äußeren Planeten des Sonnensystemes, und die populäre Vision einer besseren Zukunft war erfüllt von der Idee des technischen Fortschrittes, insbesondere in der Raumfahrt, aber die heutige Wissensmaschine des Internet und die befreiende Kraft mühelos zugänglichen Wissens schien in keinem dieser scheinbar so fantasievollen Gedanken jemals auf. Wissen war das, was in Büchern gedruckt ist — ein blinder Glaubenssatz der Aufklärung, der sich zum gesegneten Geschäft der Verleger tief in die Gehirne vieler Menschen gefressen hat und auch durch Buttlars und Dänikens geistige Diarrhoe nicht angegriffen wurde. Wie leicht doch das frühere Sprachbild der „heiligen Schrift“ sein psychisches Potenzial an andere Druckwerke abgeben konnte!

In meiner Situation lernte ich eine zivilisatorische Errungenschaft ersten Ranges kennen und nutzen: Die öffentliche Leihbücherei. Ich griff mir recht wahllos jedes Buch, das mir interessant erschien und saugte seinen Inhalt auf.

Irgendwann geriet ich, der ich bis dahin niemals etwas anderes kannte als das lichtlose, verschimmelnde Hinterhaus im Ghetto und sein bisschen graue Umgebung, auch an einen Atlas, der für den Schulgebrauch gedruckt worden war — es war noch vor meiner ersten Begegnung mit dem Zwangsschulsystem der BR Deutschland, dieser Maschinerie zur Austilgung des Geistes, um gut verwertbare Batterien für den betrieblichen Produktionsprozess zu züchten. Dieser Atlas gab mir eine Sicht auf die Welt als Ganzes, die mich damals, als Zwerg, sehr faszinierte und auch viel weiteren Wissenshunger anregte.

Aber der Atlas weckte auch schon den erwachenden kritischen Geist meines machtlosen Kinderdaseins, das wohl aus gutem Grund bei so vielen Menschen der vollständigen Verdrängung anheim fällt. Denn die letzten Seiten des Atlasses sollten mit ihren Bildern auch etwas über die Astronomie lehren. Hierzu gab es allerlei Illustrationen, die recht anschaulich erklärten, wie aus der Achsneigung der Erde und ihrem Umlauf um die Sonne die Jahreszeiten entstehen, und wie aus der relativen Position des Mondes zur Sonne in seinem Umlauf um die Erde die Mondphasen entstehen, ein für mich unbeschreiblich fesselnder Stoff, den ich mir nur mit einiger Anstrengung des jungen, noch ungeübten Geistes halbwegs verständlich machen konnte. (Die Fehler meiner ersten Anschauung korrigierten sich später am wachsenden Wissen.)

Abgeschlossen wurden diese vier Seiten der Darlegung astronomischer Zusammenhänge durch eine Sternkarte des nördlichen und des südlichen Himmels.

Diese Sternkarte war es, was meine Naivität zerschmetterte. Denn in ihr waren nicht nur die Milchstraße und die Sterne eingezeichnet, sondern auch mit feinen Linien zwischen den Sternen die Sternbilder. So sehr ich auch in frühen Nächten zum Himmel blickte, und trotz dieser auf autoritätes Papier gestempelten „Hilfestellung“ für meine Wahrnehmung, die Bilder konnt ich nicht erkennen. An ihrer Stelle sah ich nur den Sprenkelglanz unregelmäßig angeordneter Leuchtpunkte, manchmal — eher selten — auf dem Hintergrund des fahlen Glanzstreifens der Galaxie. So dämmerte mir — ohne dass ich dies in der Hilflosigkeit der Kindheit auch nur verbalisieren konnte — zum ersten Male, wie vieles von allem tradierten, mechanisch in die Gehirne getrichterten „Wissen“ nichts weiter ist als eine Geburt des Kopfes, von der nichts übrig bleibt, wenn man einfach nur auf die Wirklichkeit blickt und dieser erlaubt, sie selbst zu sein.

Es war diese einfache Einsicht, zu der übrigens jedes Kinde imstande ist — ja, ich spreche mit Kindern, und Kinder haben auch oft noch keine andressierten Probleme, mit einem Bettler zu sprechen — die mich durch mein ganzes Leben begleiten sollte. Die Bilder der Sterne, übrigens auf der Nordhalbkugel allesamt Relikte einer längst verworfenen Mythologie, sie können einem durch ihre bloße Nichtexistenz einen Zweifel lehren, der zur Vernunft führt.

Werdet vernünftig! Seid ungläubig!

Werbeanzeigen