Archive for Dezember, 2009


Wer schneller ist

Der Langsamste, der sein Ziel nicht aus den Augen verliert, geht noch immer geschwinder, als jener, der ohne Ziel umherirrt.

Gotthold Ephraim Lessing

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Urbi et Orbi

Wenn einer seinen Nächsten des Morgens früh mit lauter Stimme segnet, das wird ihm für einen Fluch gerechnet.

Quelle: Spr. 27, 14

Von der Außenpolitik

In der ganzen Welt ist jeder Politiker sehr für Revolution, für Vernunft und Niederlegung der Waffen – nur beim Feind, nicht bei sich selbst.

Hermann Hesse

Ohrgeruch

Als er es einmal nicht vermeiden konnte, in einer Straßenbahn voller konsumgeiler Jugendlicher zu fahren, sagte der Nachtwächter zu sich selbst: Noch zehn Minuten Handy-Klingeltöne, und selbst die Ohren werden anfangen zu stinken.

Berlin

Zeitgenosse: „Berlin? Das ist auch so eine fürchterliche Stadt. Ich nenn sie immer Moloch.“

Nachtwächter: „Das triffts nicht ganz. Der Moloch. War wenigstens warm.“

Ach, manchmal kann ich einfach nichts gegen meinen Zynismus tun. Gegen Berlin leider auch nicht.

Vom Krieg in Afghanistan

Es gibt da etwas, was noch viel empörender und menschenverachtender ist als die Befehle des Kommandos im Afghanistan (und in jedem anderen Massengemetzel dieser Welt). Und das. Ist der Gehorsam der Soldaten.

Alles Schwarz

All das Schwarz, das ich am Leibe trag‘?
Gern will ich Euch geben meine Kund‘,
Den Schleier heben, zu meines Herzens Grund…

Die Not die in mir frisst,
Aufrichtigkeit, die man so vermisst,
Der Hass auf die menschliche Kreatur,
Ignoranz, Lügen, der falsche Schwur —
Das alles ist schwarz an mir.

Schwarz ist meine Sicht,
Schwarz ist mein Gericht,
Schwarze Resignation,
Schwarze Isolation.

Die Habgier und die kurze Sicht,
Die Religion, die die Menschen bricht,
Die Moral, die mordet und verbrennt,
Die Scheinheiligkeit, die ihr alle kennt —
Das alles ist schwarz an mir.

Schwarz ist meine Sicht,
Schwarz ist mein Gericht,
Schwarze Resignation,
Schwarze Isolation.

Die Einsicht, dass nichts anders werd,
Die Dummheit, die sich so schnell vermehrt,
Der Intellekt, der das Messer sieht, in das man rennt,
Keine Macht, zu wenig Kraft, die sich dagegen stemmt —
Das alles ist schwarz an mir.

Schwarz ist meine Sicht,
Schwarz ist mein Gericht,
Schwarze Resignation,
Schwarze Isolation.

Umbra Et Imago: Alles Schwarz | YouTube-Direktlink
Mozart ist so ziemlich das Peinlichste, was ich je auf einer Bühne erlebt habe…

Raumfahrt

Auf dem Grabstein für die Menschheit könnten dereinst die Worte stehen: Ihnen war es wichtiger und teurer, mit ihren Körpern zum Mond zu fliegen als mit ihrem Geist auf der Erde anzukommen.

Klick dich doof!

Die meisten Kinder bekommen es irgendwann, oft sogar recht früh, von ihren Eltern abgewöhnt, einfach nur mit dem Finger auf einen Gegenstand zu zeigen und unartikulierte Laute wie „Da da!“ von sich zu geben, wenn sie ihre Bedürfnisse mitteilen wollen, und stattdessen lernen sie die viel differenzierten Möglichkeiten des sprachlichen Ausdrucks. Und dann werden die Kinder größer, setzen sich vor einem Computer mit einer modernen graphischen Benutzeroberfläche und gewöhnen es sich wieder an.

Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt die zu retten, die daran glaubten.

1. Kor 1, 21, zitiert nach dem 1956er Luthertext

Im Worte „Materie“ und seinen Ableitungen wie „Material“ schwingt immer noch die lateinische Wurzel mater mit. So wird bis heute in diesem Worte klar, dass die Menschen zu jener Zeit, in denen ihre Weltsicht die Sprache formte, auch für spätere Generationen formte, eine ganz bestimmte Auffassung von den hergestellten Dingen hatten. Der Stoff, aus dem die Dinge bestehen, ist sein mütterlicher Anteil, ist das, was die Dinge erst „geboren“ macht, was ihnen Existenz verleiht; umgekehrt wird die Idee und die Vorgehensweise des Künstlers und Handwerkers, der die Dinge formt, als väterlicher Anteil verstanden worden sein — und auch dies hat bis heute seine Spuren darin hinterlassen, dass die Idee des Werkzeuges, das im schöpferischen Prozesse zum Einsatze kommt, seine fühlbar phallische Konnotation hat, die sich immer wieder in der derben Umgangsprache und oft auch in der Lyrik Bahn bricht. Einer Idee oder einem Plan, dem die Möglichkeit fehlt, Materie zu formen, fehlt jedes Sein; solche Ideen dünsteln geisterhaft als Möglichkeiten durch die Wüsteneien des Denkens, ohne Wirklichkeit und damit Wirksamkeit zu entfalten.

Erst lange nach dieser sprachlichen Gestaltwerdung der ursprünglicheren Sicht haben wirre religiöse Menschen und Philosophen damit begonnen, die Materie zu verachten und die geisterhaft dünstelnden Schatten im Traumkino ihres Gehirnes für eine „wirklichere“ Wirklichkeit zu halten. Damit zeigten sie nicht nur ihre Verachtung für das Dasein und alles Seiende, sondern sie legten in diesem Wahn die „philosophische“ Grundlage für jede kommende Geringschätzung des fröhlichen Lebens und seiner Möglichkeiten. Dass mit dieser geisteskranken Geringschätzung eine bis heute wirkmächtige Verwerfung der Sexualität und Entmenschlichung der Frau einher ging, ist angesichts des neurotischen Hintergrundes dieses Prozesses nicht verwunderlich. Zum großen und anhaltenden Unglück für die gesamte Menschheit kam der Gründer der christlichen Religion, Paulus, (im Gegensatz zu Jesus dem Nazarener) aus einem kulturellen Umfeld, das von diesem wenig erquicklichen Wahnsinn geprägt wurde. Und seine Briefe. Die Bestandteil der Bibel und das Gründungsdokument jener weltweit verbreiteten Religion geworden sind und die von den Anhängern der christlichen Religion als „Gottes Wort“ bezeichnet und behandelt werden, sie sind voll von dieser verwerfenswerten Neurose. Der Rest ist Geschichte. Immer noch werdende Geschichte.

Vom großen Fest

Wer es — wie ich — nicht vermeiden konnte, am heutigen Samstag durch die Innenstadt von Hannover zu gehen, der hat die Gelegenheit zu einem klaren Einblick in den wirklichen Charakter des Weihnachtsfestes bekommen. Denn dieser. Spiegelte sich grauschmerzend in der greifbaren Freudlosigkeit der Gesichter, der hetzenden und gehetzten Gesichter.

Und der Nachtwächter sprach: Es ist ein allzu durchschaubares, geradezu mechanisches psychologisches Schema: Wenn einem Menschen Gewalt widerfährt, wenn dieser Mensch in der Situation des Opfers völlig ausgeliefert, hilflos, ohn-mächtig ist, denn wehrt er diese tiefe Kränkung seines Narzissmus immer auf die gleiche Weise ab. Er. Identifiziert sein geschundenes Ich mit dem Gewalttäter, seiner Ideologie und seinen Motiven, spielt sich selbst in dieser trickreichen Verdrängung mit einer lächerlichen Handpuppe seiner blutenden Seele vor, dass er ja gar nicht machtlos ist, sondern eine wichtige Rolle in einem überpersonalen Mächtespiel einnimmt, und. Er entwickelt aus diesem verzerrten Verständnis seiner eigenen Position als Opfer ein ebenso verzerrtes „Verständnis“ für die angenommenen Motive des Täters, mit dem er sich um die Einsicht bringt, ein machtloses, ausgeliefertes, elendes Opfer zu sein. Es ist dieses gleichsam diffuse wie durch den Kraftakt der Verdrängung eisenhart gemachte Band zwischen Täter und Opfer, das ganze Gesellschaften und die gesamte Wucht ihrer überpersonalen Gewalt erhält; beginnend mit der so genannten „Liebe“ der Kinder zu ihren Eltern, die sich dann so scheinbar zwanglos auf irgendwelche Landesväter und Bundesmütter überträgt; fortgesetzt mit der Anhänglichkeit so genannter „Arbeitnehmer“ an den Ort ihrer Ausbeutung und wirtschaftlichen Verwurstung; noch lange nicht endend bei der tiefen emotionalen Bindung an irgendwelchem religiösen oder esoterischen Unfug, der den unbewussten Prozess und damit den selbstgebauten Götzen des zernichteten Ichs in der süßlichen Illusion der Ewigkeit und Unendlichkeit zementiert; bis hin zur hirnlosen Horde von Konsumenten, Soldaten und sonstigen Laufmaschinen, die im verkrampften, erzwungenen Jubel ihr individuelles Daseinsrecht auf einem absurden Schlachtfeld für Flaggen und Börsencharts wegwerfen. So lange dieser billige psychologische Prozess nicht überwunden ist, so lange die Selbsteinlullung des kindischen Narzissmus nicht in der Breite bewusst gemacht und bei jedem Einzelnen mitsamt allen ihren Rationalisierungen und sonstigen Verdrängungen erkannt und überwunden wird, so lange wird jede Revolution. Schließlich genau das hervorbringen. Was sie einst beenden sollte. Der Schlüssel zur Freiheit ist genau dort verborgen, wo niemand hinschauen mag. Und nicht. In irgendwelchen gesellschaftlichen, politischen oder philosophischen Analysen, die selbst ein Spiegelbild des gekränkten Narzissmus sind.