Und der Nachtwächter sprach: Es ist ein allzu durchschaubares, geradezu mechanisches psychologisches Schema: Wenn einem Menschen Gewalt widerfährt, wenn dieser Mensch in der Situation des Opfers völlig ausgeliefert, hilflos, ohn-mächtig ist, denn wehrt er diese tiefe Kränkung seines Narzissmus immer auf die gleiche Weise ab. Er. Identifiziert sein geschundenes Ich mit dem Gewalttäter, seiner Ideologie und seinen Motiven, spielt sich selbst in dieser trickreichen Verdrängung mit einer lächerlichen Handpuppe seiner blutenden Seele vor, dass er ja gar nicht machtlos ist, sondern eine wichtige Rolle in einem überpersonalen Mächtespiel einnimmt, und. Er entwickelt aus diesem verzerrten Verständnis seiner eigenen Position als Opfer ein ebenso verzerrtes „Verständnis“ für die angenommenen Motive des Täters, mit dem er sich um die Einsicht bringt, ein machtloses, ausgeliefertes, elendes Opfer zu sein. Es ist dieses gleichsam diffuse wie durch den Kraftakt der Verdrängung eisenhart gemachte Band zwischen Täter und Opfer, das ganze Gesellschaften und die gesamte Wucht ihrer überpersonalen Gewalt erhält; beginnend mit der so genannten „Liebe“ der Kinder zu ihren Eltern, die sich dann so scheinbar zwanglos auf irgendwelche Landesväter und Bundesmütter überträgt; fortgesetzt mit der Anhänglichkeit so genannter „Arbeitnehmer“ an den Ort ihrer Ausbeutung und wirtschaftlichen Verwurstung; noch lange nicht endend bei der tiefen emotionalen Bindung an irgendwelchem religiösen oder esoterischen Unfug, der den unbewussten Prozess und damit den selbstgebauten Götzen des zernichteten Ichs in der süßlichen Illusion der Ewigkeit und Unendlichkeit zementiert; bis hin zur hirnlosen Horde von Konsumenten, Soldaten und sonstigen Laufmaschinen, die im verkrampften, erzwungenen Jubel ihr individuelles Daseinsrecht auf einem absurden Schlachtfeld für Flaggen und Börsencharts wegwerfen. So lange dieser billige psychologische Prozess nicht überwunden ist, so lange die Selbsteinlullung des kindischen Narzissmus nicht in der Breite bewusst gemacht und bei jedem Einzelnen mitsamt allen ihren Rationalisierungen und sonstigen Verdrängungen erkannt und überwunden wird, so lange wird jede Revolution. Schließlich genau das hervorbringen. Was sie einst beenden sollte. Der Schlüssel zur Freiheit ist genau dort verborgen, wo niemand hinschauen mag. Und nicht. In irgendwelchen gesellschaftlichen, politischen oder philosophischen Analysen, die selbst ein Spiegelbild des gekränkten Narzissmus sind.

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