Immer wieder muss ich bei meiner täglichen Lektüre (mit wachsendem Missvergnügen) Blogger lesen, die unter einem offenbar fortschreitenden Realitätsverlust leiden und deshalb wie besoffen schreiben, dass das Internet und die menschliche Tätigkeit des Bloggens eine mediale Revolution auslösen werde, ja, dass sie diese schon ausgelöst habe und dass diese Revolution alles verändern werde. Ich weiß nicht, in welcher Welt diese Menschen leben, wenn sie sich wegen einiger tausend Klicks auf ihre Texte schon für dermaßen wichtig halten — vermutlich in ihrer eigenen, und vermutlich haben sie auch deshalb so selten etwas Interessantes mitzuteilen. Das heißt aber nicht, dass nicht viele der so Redenden allerlei seltsame und wenig erfolgverheißende Geschäftsideen mit ihrem bisschen Internet verbänden…

Wie unbedeutend so ein Blog wirklich ist, und wie bedeutend die „etablierten“, also zentral organisierten Medien auch unter den Bedingungen der heutigen Allgegenwart des Internet sind, habe ich soeben am eigenen Beispiel erfahren dürfen.

Eine rätselhafte Illustration aus dem so genannten Voynich-Manuskript: Die Mondin mit den zwei SichelnSeit Juli 2005 führe ich ein kleines und kaum beachtetes Blog über meine paar Beiträge zum Verständnis des so genannten Voynich-Manuskriptes. Die Beschäftigung mit einem bis unentzifferten Manuskript in einer mittelalterlichen Geheimschrift ist ein sehr spezielles Thema, und es ist nur deshalb ein Blog daraus geworden, weil ich mit WordPress einigermaßen gut umgehen kann und aus diesem Grunde nur wenig Lust dazu verspürte, eine andere Software zur Inhaltsverwaltung einzusetzen. Für jemanden, der gern verfolgen möchte, wie ich im Dunkeln tappe, ist die kalendarische Darbietung der scheiternden Untersuchungen und des zähen Ringens um etwas Einsicht allerdings auch ein hübscher Einblick.

Die meisten Menschen sind daran offenbar eher desinteressiert, zumal sich auch die eine oder andere Sackgasse in den teilweise sehr langen, mit Daten gespickten Texten findet. Ich kann das durchaus verstehen. Um Unterhaltung geht es mir nicht, ich bringe keine völlig unbelegten Thesen (obwohl: manchmal geht es auch mit mir durch…) und keine aufregenden Bilder, ich dokumentiere einfach nur in sehr unregelmäßigen Abständen, was mir bei dieser Beschäftigung so widerfährt, welche Ideen ich verfolge, was mir auffällt und was ich generell in diesem Kontext für interessant und beachtenswert halte. Dies verbindet sich mit einer neutralen (also nicht nach meinen Auffassungen ausgerichteten und deshalb auch für esoterische Ansätze offenen) Linkliste auf die wenigen deutschsprachigen Resourcen und einer weiteren Linkliste wichtiger Websites in englischer Sprache, ferner stelle ich meine Software für die Bearbeitung von Transkriptionen und meine wenigen Ergebnisse zum freien Download zur Verfügung. Sicher, etwas Lustiges gibt es dabei auch manchmal…

Dies alles ist nicht die Art von Stoff, die jemand zu genießen gedenkt, der einfach nur etwas Zerstreuung sucht, um die objektive Leere seines Daseins nicht fühlen zu müssen. Und dem entsprechend wenig Leser hat dieses kleine Blog — aber für viele dieser Leser mit einem speziellen Interesse ist das Blog eine Quelle relevanter Informationen geworden.

Nun, es bedurfte nur eines einzigen, vergleichsweise banalen Ereignisses, um das (vorübergehend) zu ändern und viele „interessierte“ Leser zu haben. Gestern, am 5. November, brachte das ZDF zur besten Sendezeit einen — soweit mir das mitgeteilt wurde, dem Standard dieses Senders entsprechend eher dürftigen und wenig sehenswerten — Krimi, in welchem das Voynich-Manuskript eine zentrale Rolle in einem Mordfall einnahm. Es bedurfte nur dieser einen Unterhaltungsproduktion eines zentral organisierten Mediums, um den Server, auf dem das Voynich-Blog betrieben wird, für einige Stunden unter Hochlast zu bringen und in drei Stunden mit einer Anzahl von geballt auftretenden Zugriffen zu konfrontieren, die sonst in einem halben Jahr anfällt. Ich wurde im Verlauf dieses Abends sehr froh darüber, dass ich bei der letzten größeren Serverwartung Vorsorge für eventuelle Lastspitzen betrieben hatte, sonst wäre der arme Server heute unter dieser Last zusammengebrochen.

Wo ist die „Revolution“ durch regelmäßiges Füllen von Websites mit irgendwelchen Inhalten, von der gewisse (dabei überdeutlich am Geschäft interessierte) Menschen so unentwegt schreiben und reden? Dieses eine Beispiel eines zuvor eher unbekannten Themas, das von einem deutschen Fernsehsender in einem abstrusen Kontext aufgegriffen wurde, hat gezeigt, wo hier medial „der Hammer hängt“, welche Medien die Themen vorgeben, für die sich die Menschen in ihrer Mehrzahl interessieren — während für die meisten „normalen“ Internet-Nutzer das Internet vor allem aus jenen großen Portal-Seiten besteht, die ebenfalls mit den von zentral organisierten Medien vorgegebenen Themen aufgefüllt werden. Angesichts des Wahlergebnisses der Piratenpartei würde ich einmal vorsichtig vermuten, dass die Menschen, die wirklich schon jeden Tag und beinahe ausschließlich vom Geist eines völlig dezentralen Mediums atmen, gerade einmal zwei Prozent der gegenwärtigen Gesellschaft in der BRD ausmachen und damit eine nicht einmal große Minderheit sind. Sicher, das kann und wird sich zumglück ändern. Aber. Nicht so schnell…

[Eine gesellschaftliche Entwicklung vollzieht sich nun einmal langsamer als die Einführung einer neuen Technik. Und wer auf die gesellschaftliche Entwicklung Einfluss nehmen will, braucht einen langen Atem und eine hohe Toleranz gegenüber dem täglichen Frust — was beides nur durchzuhalten ist, wenn diese Einflussnahme mit intensiver gedanklicher Arbeit, Planung und vernünftiger, regelmäßig an der Wirklichkeit überprüfter Theoriebildung einher geht. Da sehe ich bei vielen Bloggenden mit großem Anspruch schwarz.]

Und ich bin der Meinung, dass das jeder Blogger wissen sollte. Allein schon. Um nicht in der eigenen Selbstbezüglichkeit beim Anblick von einigen Zugriffsstatistiken irre zu werden. Und sich stattdessen lieber auf das zu konzentrieren, wofür man bloggt — auf das Schreiben persönlich geprägter, manchmal sogar interessanter Texte zu den Erlebnissen und Bedingungen des eigenen Daseins.

Und von diesem „Twitter“, diesem kastrierten Blogverfahren für Menschen, die nicht schreiben können. Will ich gar nicht erst reden… 😉

Nur das noch: RT @GWUP Stoppt den Sieg der #Homöopathen! Stimmt für die #Sozialhelden! http://crippled/crypted/url

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