Die Frage, die hier Ein feste Burg ist unser Gott aufgeworfen hat, finde ich auch aus dem Blickwinkel eines überzeugten Nichtanhängers der christlichen Religion interessant und möchte einige nur leidlich sortierte Stichpunkte dazu beitragen — dass im Worte „Stichpunkte“ ein leichter, heiterer Anklang vom „sticheln“ enthalten ist, passt mir dabei recht gut:

Web 2.0 ist ja ne tolle Sache, so von wegen sozial und so. […] Wie kann die Kirche das nutzen, oder konkret ich später als Pfarrer, wenn ich denn übernommen werde… […] Was mir fehlt ist vielleicht eher im emotionalen Bereich angesiedelt: Ich kann prima nen Gottesdienst ins Netz übertragen, so wie es im ZDF die Gottesdienstübertragungen gibt. Ich kann Menschen mit Informationen zuschmeißen, wenn ich mir die Zeit dazu nehme. Aber was bisher nicht geht ist: Gottesdienst MITeinander zu feiern übers Netz. […] Ich frage mich, ob es Techniken oder Ansätze gibt, auch das per Netz hinzukriegen, und es ist eine offene Frage, die vielleicht auch nicht nur für die Kirchen interessant sein könnte, sondern allgemein für Leute die an Kommunikation interessiert sind.

[Ich habe dieses Zitat erheblich gekürzt und bitte darum, es bei Interesse an der Quelle nachzulesen. Sowohl das Posting als auch das Blog enthält mehr als nur Spuren von Religion, Allergiker sollten vom Genuss besser Abstand nehmen.]

Komik — Ich muss zugeben, dass mich diese einfache und aus der (mir, als Opfer einer bis zur Unmenschlichkeit christlichen Gesellschaft eher fremden) Sicht eines Christen vielleicht sogar nahe liegende Frage zunächst zum herzhaften Lachen reizte. Die Vorstellung eines über Twitter ablaufenden Gottesdienstes mit zugesprochenen magischen Formeln Segensformeln in Tweetlänge ist nun einmal sehr komisch, beinahe so komisch wie ein demonstrativ von einem Computer auf Endlospapier ausgedrucktes Horoskop. Und Menschen, welche die Komik in diesen beiden Vorstellungen nicht empfinden können — zumindest die kommerziell vertriebenen Horoskope in solcher Form gibt es wirklich, und es gibt sogar Menschen, die nennenswerte Geldbeträge für solche zusammengesteckten Textlegos voller Vagheit ausgeben — sind ebenfalls recht komisch. Zumindest so lange. Wie man sie noch aus gutem Abstande betrachten kann und nicht in ihrem Geschwätz ersticken muss. Ein Satiriker könnte sich kaum einen besseren Witz ausdenken. Interessant bleibt für mich aber die Frage. Woher. Diese komische Wirkung kommt, denn der befreiende Atem des Lachens wird doch immer über dem Abgrund einer möglichen Einsicht geblasen.

Medium — Es ist ja an sich nichts Neues, gemeinsame menschliche Aktion mittelbar, über ein Medium, zu praktizieren. Das gilt auch für das Irrationale, Psychische, jenseits der kritischen Vernunft Liegende, was wohl jeder bestätigen kann, der an Online-Rollenspielen partizipiert. (Ich tue das übrigens nicht und wollte hier nur ein Beispiel nennen, das von eher psychischer Substanz ist und doch fern genug des religiösen Themas liegt.) Einige der fruchtbarsten Vorgänge des menschlichen Austausches habe ich über die Vermittlung von Computernetzwerken erlebt (schon bevor es das Internet als moderne Massenerscheinung gab), und bis heute ist es so, dass ich Kontakt zu Menschen pflege, die ich niemals persönlich getroffen habe und dabei dennoch ein Erlebnis von Gemeinschaft, vom Kennenlernen eines fremden und oft interessanten Charakters habe und auch vom gegenseitigen Einbringen der persönlichen Fähigkeiten und Kenntnisse für ein gemeinsames Ziel; eine echte menschliche Grunderfahrung, denn der Mensch ist ein triebhaft soziales Wesen. Tatsächlich beschäftige ich mich mit einigen Themenbereichen, die wegen des fein über die Welt gestaubten Interesses jede andere Form der Kommunikation sehr schwierig machten, und deshalb bin ich wirklich froh über das oft auch eher kalte und unpersönlich wirkende technische Medium. Aber es ist doch niemals so, dass ein Medium neutral wäre; jedes verwendete Medium drückt dem darüber vermittelten Miteinander seinen Stempel auf, zwingt es durch einen Satz objektiv bestehender Möglichkeiten und Einschräkungen in eine Form, die auf das Miteinander rückwirkt. Das gilt bereits, wenn Briefe geschrieben werden, wenn direkt im Miteinander interagiert wird oder wenn ein Telefon verwendet wird. Die vom verwendeten Kanal verursachte Formgebung des menschlichen Miteinanders ist eine Erscheinung, die vom fühlenden und denkenden Menschen fordert, weisen Gebrauch von den verfügbaren Medien zu machen. (Die SMS mit den Worten „Ich mach schluss“ ist in der Regel nicht so weise.) Ein prinzipielles, unreflektiertes Verschließen gegenüber einem möglicherweise nützlichen Medium ist angesichts der gebieterischen Existenz der Medien ein Indikator für die Dummheit, ebenso, wie die Dummheit dadurch angezeigt wird, dass beschränkte Kraft und Lebenszeit mit unzweckmäßigen Medien verplempert wird.

GoebbelsschnauzeDas zentral organisierte Medium des Fernsehens steht in der direkten Tradition des Volksempfängers, es ist auch ein von seiner Natur her autoritäres Medium, eine konzeptionelle Einwegkommunikation, das technisch verstärkte Befehlsbrüllen jener, denen (durch politische oder pekuinäre Herrschaftsstrukturen) die Macht gegeben ist, sich in dieser Form äußern zu können. Es kennt Einen Sender und degradiert die anderen Rundfunkteilnehmer zu bloßen Empfängern. Deshalb ist es auch so wenig überraschend, dass sich ein christlicher Gottesdienst mit seinem Zentralstück Predigt ohne großen Verlust in dieses Medium „verpacken“ lässt, denn der christliche Gottesdienst ist konzeptionell ebenfalls eine Einwegkommunikation — dies wird ebensowenig dadurch abgemildert, dass „die Gemeinde“ in liturgisch vorgegebenen Liedern und Sprechtexten auf die Jesusshow „antwortet“, wie sich der Einwegcharakter des Fernsehens schon dadurch auflöste, dass den Zuschauern über Telefonverfahren die „Möglichkeit“ gegeben wird, kostenpflichtig auf vorgegebene Fragen vorgegebene Antworten „geben“ zu können, die dann in sinnfreien Balkendiagrammen beiläufig angemerkt und schnell wieder vergessen werden, so sie nicht gut in die Absichten der aufgeführten Einwegkommunikation passen. Das formale Konzept der frontalen Predigt zur Herbeiführung der Einideeigkeit beim Zuhörer passt hervorragend in das Fernsehen, in den Podcast, in den Livestream, und dieses perfekte Passen hat das Konzept der frontalen Predigt mit dem Konzept der Reklame, der demagogischen Rede, der feierlichen Verlautbarung des Politbüros und vergleichbarem Dunst gemein. Dass diese Gemeinsamkeit mit großer Leichtigkeit dazu führt, dass die christliche Verkündigung zum stützenden Bestandteil eines menschenverachtenden Regimes wird, zeigt ein einfacher Blick in ein Geschichtsbuch, und in wie hohem Maße die Religionspflege der derzeitigen, quasi-staatlichen Großkirchen ihren stützenden Platz im kaum noch gebremsten Totalitarismus der Wirtschaftsideologen findet, wird ebenfalls durch Hinschauen evident. Wer Augen hat zu sehen, der sehe!

Internet — Das Internet ist kein zentral organisiertes Medium. Es ist zwar möglich, am Volksempfänger orientierte Mediendienste darin zu transportieren, indem gewisse Möglichkeiten des Internet einfach nicht genutzt werden; und diverse Podcasts und Streams belegen das auch; aber eine solche Benutzung ist bereits eine Beschränkung der Möglichkeiten des Internet. Von seiner Beschaffenheit her ist das Internet ein Netzwerk gleichberechtigter Computer, das ein Potenzial in sich trägt, Menschen auf gleichberechtigter Basis zusammenzuführen. Allein diese eine Eigenschaft des Netzes trägt genug subversive Kraft in sich, um von den Profiteuren der gegenwärtig zerfallenden Gesellschaftsordnung — wozu die Kirchen zweifelsohne gehören — systematisch vergessen zu werden. Aber nicht so sehr, dass man vergäße, das Internet und seine Nutzer nach Kräften zu beschimpfen, zu kriminalisieren, zu zensieren, zu bespitzeln und einzuschränken. Und. Noch unkundigen Menschen in medialen Lug- und Nebelkampagnen ordentlich Angst vor diesem Netz voller Killer, Kinderschänder, Krimineller und Nazis einzuhauchen.

Web 2.0 — Das Gerede vom „Web Zwo Null“ ist eine Blendgranate der Reklameindustrie und geht an der technischen Wirklichkeit des Internet vorbei, indem es künstliche Beschränkungen zementiert. Es handelt sich beim so genannten „Web Zwo Null“ um etliche Versuche, den Menschen eine (scheinbar kostenlose) zentrale Struktur für ihre menschliche Interaktion und ihre sozialen Bedürfnisse zu geben, ob so etwas nun MeineLeere, Fratzenbuch, Zwitscher oder MeinKZ genannt wird. Mit dieser Bestrebung verbindet sich die Hoffnung dieser Ausverkaufleute, dass man die menschliche Kommunikation und Interaktion mit Reklame anreichern könne, um darüber Geld zu machen. Die künstlich geschaffene Abhängigkeit der Nutzer von zentralen Serverdiensten ist dabei gewünscht und beabsichtigt, sie ist bares Geld für die Ausverkaufleute. Hier wird der Gedanke der Ausbeutung bis zur letzten Konsequenz gedacht, wird zum reinen Parasitentum noch auf die intimeren menschlichen Grundbedürfnisse. Die freundlichen Worte und warmen Anpreisungen, mit denen einem so etwas schmackhaft gemacht werden soll, sie sind das virtuelle Äquivalent zum Kuss des Judas Iskariot.

Religion — Die Religion ist ein Abwehrzauber gegen die individuelle Ohnmacht, und eben deshalb erhält sie diese Ohnmacht durch die Dramatisierung der Ohnmacht im religiösen Kult und im so genannten „Glauben“. Da, wo den Menschen eine andere, psychisch wirksamere Erwiderung auf ihre Ohnmacht gegeben wird, wird die Religion obsolet. Oder, um es für einen noch religiösen Menschen zu sagen: Die „Herrschaft Gottes“ ist mitten unter den Menschen und bedarf der institutionalisierten Vermittlung nicht mehr, sondern erkennt diese in großer Klarsicht als so teuflisch, wie sie es in Wirklichkeit immer schon war.*

Hypnose — Allen Verfahren zur Herbeiführung einer hypnotischen Trance ist gemeinsam, dass sie das Bewusstsein mit monotonen, wenig Aufmerksamkeit fordernden Tätigkeiten beschäftigen, damit das Bewusstsein nicht zu einer Kritik dessen kommen kann, was ihm widerfährt. Dabei verliert das Bewusstsein seine sonst den Wachzustand beherrschende Stellung, der kritische Filter für die Rezeption der Umwelt wird umgangen und das Unterbewusste in diesem Prozess direkt ansprechbar. Die Details der angewendeten Suggestionen und Methoden unterscheiden sich von Konfession zu Konfession. Und. Von Fernsehsender zu Fernsehsender.

Geist — Ist es nicht erstaunlich wahr, dass die Wörter „geistlich“ und „geistig“ so verschiedene Bedeutungen haben? Dass dieser Geist, der einen Menschen zu mehr macht als zu einem haarlosen Affen, nicht der „heilige Geist“ sein soll? Wohl dem, der an der Quelle sitzt und lebendiges Wasser trinkt!

Feier — Um einen Gottesdienst im Internet zu feiern, bedarf es einen anderen Gottesdienstes, der keine vermittelte unheilige Komödie von quasi-beamteten Verwaltern der so genannten „göttlichen Gnade“ und im Vergessen ihrer Studieninhalte zur Textkritik der Bibel geübten Pfaffen ist. Wir feiern dieses Fest jeden Tag im freien Geben und Nehmen, auch und vor allem im Internet. Auf den abstrakten Begriffsgummi „Gott“, dessen Deutungshoheit ausschließlich in den Händen derjenigen Vampire liegt, die auch noch unser Blut tränken, wenn es ihnen nur schmeckte, können wir dabei gut verzichten. Weder der Begriff noch der „Gott“ fehlen uns. Aber. So verschieden wir sind, wir registrieren alle auf unsere eigene Art, dass es in erster Linie erklärte und oft sehr engagierte christliche Politiker sind, die alle nur erdenklichen Mittel und alle Macht der Lüge daran setzen, das Internet zu zerstören. Nichts ist im Internet so obsolet wie eine Kirche, die ihre historische Wirkmacht der zementierten Ungleichheit und dem Aufrechterhalt der Ohnmacht vieler Menschen verdankt, und kaum etwas ist in ihm so deplatziert wie ihre Versuche, Essig in neuen Schläuchen als Wein zu verkaufen. Ihre im Netze abgelegten Verlautbarungen sind genau so lächerlich wie ein Computerausdruck mit einem Horoskop und sogar noch komischer als die hanebüchenste Verschwörungstheorie. Wir glauben an ein Leben vor dem Tod, und wir nehmen es in feierlicher Stimmung jeder nach den ihm gegebenen Möglichkeiten selbst in die Hand — bis hin zu jenem Freitod in auswegloser Lage, der uns von der gleichen christlichen Religion verboten wird, die uns auch das Recht auf ein Leben abspricht. Was dabei im Internet als kollektives Werk eines überpersonalen Prozesses im Wirken Freier Einzelner an heiterer, Freier Kultur ersprießt und erblüht, mag marginal erscheinen, ist aber durch die jüngere gesellschaftliche Entwicklung längst essentiell geworden, sogar wirtschaftlich bedeutsam. Es ist die aufgehende Sonne einer neuen Zeit, deren deutvoller Schimmer die klamme Kälte einer nebligen Nacht durch ihren Anbruch erträglich macht und irgendwann, in naher Zeit, überwinden wird. Während die einen immer noch versuchen, aus alten orientalischen Geschichten ihr lichtverneinendes Leben zu gestalten und eine solche, wenig vorteilhafte Wahl auch anderen aufdrücken wollen, entsteht längst vor aller Augen das „Neueste Testament“.

Wunder — „Jesus sprach: Wenn das Fleisch zur Existenz gelangt ist wegen des Geistes, so ist das ein Wunder. Aber wenn der Geist zur Existenz gelangt ist wegen des Leibes, so ist das ein Wunder der Wunder. Aber ich, ich wundere mich darüber, wie dieser große Reichtum in dieser Armut gewohnt hat.“ (Jesus aus Nazaret zugeschrieben, aus dem apokryphen Thomas-Evangelium, Logion 29)

Anmerkungen

Einige blumige Anspielungen, die nicht für jeden Nichtchristen verstänndlich sind, sind Anklänge an populäre Textpassagen aus der „Bibel“ in Luthers Übelsetzung.

* Gemäßigtere und optimistischere Menschen setzen hier an Stelle von „immer“ die Wendung „seit der römische Kaiser Konstantin im Sommer 325 das Konzil zu Nizäa einberufen hat, nur noch“. Ich bin nicht so optimistisch, und ich halte die Mäßigung angesichts der grenzenlosen Lebens-, Menschen- und Weltverachtung der von Paulus gegründeten christlichen Religion für falsch. Aber in jedem Fall war das Konzil von Nizäa ein besonderer Schnitt, und die Frage, ob man ein vom Kaiser verurteilter und staatlich bestrafter Verbrecher wurde, dessen Bücher verbrannt und zensiert wurden, so wie es Theonas und Secundus erging, oder ob man „rechtgläubig“ und damit „frei“ wieder gehen konnte, hing an einem einzigen Jota, das dazwischen unterschied, ob Jesus „wesensgleich“ oder „wesensähnlich“ zu Gott sei. Seit diesem Tag wird die christliche Gewalt offen und in Gemeinschaft mit dem Staat praktiziert, und das bis auf dem heutigen Tag.