Werte Wikipedia,

ich habe diesen ganzen unwürdigen Kindergarten in der Löschdiskussion bei euch gelesen

Deutscher Wikipedia-Löschkandidat des Tages: Fefes Blog

…und ich bin nach dieser wenig erquicklichen Lektüre sehr froh darüber, dass Relevanz zumindest im Internet weder etwas ist, was durch die Erfüllung irgendwelcher „Relevanz-Kriterien“ entstünde, noch dass sie etwas ist, was durch das Urteil einiger recht kaltschäuziger Wikipedia-Großkopferter zerstört oder durch die Aktionen einiger Löschdiskussions-Trolle erzeugt werden könnte. Ihr führt euch alle miteinander wie ein Pusten in den heißen Kaffee auf, das sich schon mit einem hurricane verwechselt.

Nein, zum Glück ist Relevanz etwas völlig anderes, und sie entsteht auch völlig anders. Sie entsteht, weil das Tun von Menschen von anderen Menschen aufgenommen wird, weil es in dieser Rezeption Strahlkraft entfaltet, weil es auf diesem Weg einen (oft kleinen) Einfluss auf den überpersonalen Prozess nimmt, der das Dasein der Individuuen erst ermöglicht und ihm doch so sehr seinen Stempel aufdrückt. Ob mir die Relevanz einer Sache gefällt oder nicht (die meisten sehr relevanten Erscheinungen in meiner Un- und Umwelt gefallen mir gar nicht), spielt dabei keine Rolle — und es ändert sich auch nichts an der Relevanz, wenn ich meine Vorstellung von wünschenswerter Relevanz in einem kleinen Teilbereich einer von mir kontrollierbaren Welt durchsetze. Es kann allerdings schnell dazu führen, dass dieser kleine, von mir kontrollierbare Teilbereich der Welt an Relevanz verliert. (Dieses Blog hätte gewiss sehr viel mehr für mich erreichbare Leser, wenn ich die Themenwahl des Fernsehprogrammes und der Bildzeitung regelmäßig aufgriffe.) Ich befürchte, das ist eine Lektion, die jemand, der sich ausgerechnetLiberaler Humanist“ nennt, erst noch lernen muss — und die er nur lernen wird, wenn er endlich damit aufhört, das Licht zu scheuen und seine Ansprüche mit despotischer Sprachgewalt und geradezu idiotischem Beharren auf rein formalen Maßstäbe durchzusetzen.*

Um die deutschsprachige Wikipedia wäre es zwar schade, aber wenn es den Menschen, die in dieses Projekt so viel Hingabe, Zeit und Mühsal werfen, nicht gelingen sollte, diesen Umbau einer großartigen Idee zu einer Bühne für die lächerliche Sandkasten-Autokratie irgendwelcher Selbstdarsteller zu stoppen, denn ist die deutschsprachige Wikipedia bereits jetzt tot. Mein Trauer darüber hält sich in bescheidenen Grenzen, ich habe schon Größeres zerfallen sehen. (Und nein, das war nicht im Internet, sondern viel näher und schmerzvoller.) Außerdem kann ich als jemand, der dies nicht an einer Schule gelernt hat, genug Englisch, um auf eine deutschsprachige Wikipedia nicht angewiesen zu sein.

Was aber macht Fefes Blog relevant?

Es handelt sich nicht um ein literarisches oder analytisches Blog. Es ist wie jedes echte Blog stark subjektiv geprägt, und in der oft gedrängten Kürze der Postings entsteht beinahe der Eindruck eines mentalen Plumpsklos; eines schnellen Anschreibens gegen einen Druck, der dem Schreiber fast schon die Luft zum Atmen raubt. In genau dieser recht rohen Form ist es relevant geworden, vielleicht sogar relevanter als so manche zähe Tätigkeit der Analyse. Das Blog enthält außerordentlich viele Links, die zum größeren Teil auf angesehene Quellen, zum kleineren aber doch noch erheblichen Teil allerdings auch auf schräge, wenig vertrauenerweckende Quellen gehen und in der Regel in einer kaum zu beschreibenden Weise übellaunisch und oft auch zynisch kommentiert werden. Diese subjektive Sammlung von Kürzsttexten steht dem glattgebügelten Auswurf der gewöhnlichen Content-Industrie gegenüber, indem sie die scheinbare Sachlichkeit der industriell erstellten news in recht korrosiver Weise mit den darin ausgeblendeten Fakten und Erscheinungen angreift. Auf diese Weise ist in den vergangenen Jahren (ich selbst lese Fefes Blog erst seit gut dreieinhalb Jahren und weiß gar nicht, wie lange es dieses Blog schon gibt) eine Sammlung des Unbehagens inmitten allen Redens vom Frieden, Fortschritt und Aufschwung entstanden, und genau dieses Unbehagen scheint von derart vielen zurzeit lebenden Menschen geteilt zu werden, dass aus dem eher persönlichen Blog eines Hackers — nicht gerade eine Lebensgestaltung, die hier vielen Menschen auch nur vertraut wäre — eine vielgelesene, oft verlinkte und auch von etablierten Medien aufgegriffene Erscheinung im informationellen mainstream geworden ist.

So kann (zum Beispiel) Relevanz entstehen. Und nicht dadurch. Dass man eine Erscheinung an einer Liste von so genannten „Relevanzkriterien“ abhakt, um die Relevanz anhand des Ergebnisses eines solchen Abhakens festzustellen. (Den Sinn einer solchen Liste kann ich dennoch verstehen.)

Ihr tätet als Wikipedia gut daran, darüber einmal nachzudenken. Und eure schwachsinnige Idee, einen Verein von Missbrauchsopfern, der sich gegen seine politische Instrumentalierung durch die Propaganda einer Ursula von der Leyen stellen will, die Relevanz für Wikipedia abzuerkennen und den Eintrag zu löschen, ist angesichts der jüngsten Ereignisse und der errungenen Erfolge des MOGIS einfach nur noch widerwärtig.

Nur, um es einmal gesagt zu haben.

Der Nachtwächter
(der auch weiterhin in der dunklen Nacht der Irrelevanz seines marginalisierten Daseins wandelt, mal unter dem prall reflektierten Sonnenlicht des vollen Mondes und viel häufiger unter der Dunkelheit des schwachen Glimmens schier unendlich ferner Sonnen…)

*Als Schreiber eines zum Glück völlig irrelvanten Blogs nehme ich mir diese Wortwahl zu gern heraus. Gebt mir doch Tiernamen dafür! An dem Tag, an dem ich mit diesem bloggewordenen Ausfluss aus meinem — Entschuldigung! — Scheißleben die Relevanzkriterien der Wikipedia Deutschland erfülle, höre ich spätestens mit dem Veröffentlichen meiner Texte auf, und hoffentlich kriege ich in einem solchen Prozess diese Kurve deutlich früher.

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