Archive for September, 2009


Über die Veränderung

Die Dinge werden niemals schon dadurch verändert, dass die existierende Wirklichkeit bekämpft wird. Um etwas zu verändern, errichte ein neues Modell, welches das existierende Modell obsolet macht.

Richard Buckminster Fuller

Beharrlichkeit der Dummköpfe

Es ist doch eine seltsame Regel, die sich unter Menschen beobachten lässt: Je weniger Zeit einer darauf verwendet, selbst nachzudenken, desto energischer und lautstärker verteidigt er etwas, was er seine Meinung nennt…

Lachnuss

Auf der Verpackung war eine Erdnuss abgebildet. Oder etwas. Was eine entfernte Ähnlichkeit zum Kern einer Erdnuss hatte. Es war eine gezeichnete Erdnuss, mit Glubschaugen und einem Grinsen, dass ihr das Nussgesicht beinahe aufzureißen drohte, sprang sie in eine offenbar flüssige Substanz von schokoladiger Farbe. ganz und gar entzückt von solch klebesüßer Suhle. Die Verpackung lag neben einem Menschen, der mechanisch in sie hineingriff und kleine Küglein mümmelte. Dieser Mensch saß vor einem Fernseher, mit genau dem stumpfen und freudlosen Gesichtsausdruck, der dazu führt, dass die Umgangssprache den Vorgang des Fernsehens mit dem wenig angenehm klingenden Verb „glotzen“ bezeichnet.

Die unnütze Drohung

Kein Denkender und Fühlender benötigt ein — für die Schäubles und anderen als demokratisch verlarvten Verfassungsfeinde dieses Landes übrigens überaus nützliches — Video von Al Qaida, in dem angedroht wird, dass Deutschland nach der Bundestagswahl ein böses Erwachen erleben werde, wenn sich die Wähler nicht für einen Poltikwechsel entschieden. Das. War auch ohne die stumpfe Inszenierung eines solchen Kürzstfilmes hellleuchtend klar. Genau so. Wie es klar ist, dass sich hier wohl keine Mehrheit für einen Politikwechsel entscheiden wird.

Zwei Arten von Traktaten

Christen verwenden zwei verschiedene Arten von Traktaten, um die Menschen damit zu traktieren. Denen, die sich von sich aus nicht für ihre Religion interessieren, versuchen sie kleine, industriell produzierte Zettelchen in die Hand zu drücken, deren eingedampfter Kern in der Aufforderung „Habe Angst und bete!“ oder etwas indirekter „Denk an den Tod und bete!“ besteht. Doch auch für die schon zu Christen gewordenen Menschen, die ja das Ängstlichsein längst zu ihrer Seele erklärt haben, gibt es allerlei Massendrucksachen mit den Botschaften jener Christen, die Traktate drucken lassen können für jene Christen, die in ihrem beschädigten Dasein nach billigem, infantilem Troste suchen. Und auch die Botschaften dieser Zettel lassen sich in einem kurzen Satz zusammenfassen, der „Bete und sei gleichgültig!“ lautet. Im Miteinander dieser beiden Aufforderungen offenbart sich dem Sehenden das ganze Elend der betrachteten Religion.

Vom Mord

Ich erlebte diese Frau, dieses vom ewigen Kreisen um sich selbst und von Wahnvorstellungen zusammengehaltene Stück Psyche. Und. Wie sie alles zerbrüllte, terrorisierte, in ihre Intrigen und unnötige Zerstörungswut hineinzuziehen trachtete, weil sie aus sich selbst heraus nichts anderes mehr kann und deshalb vampiristisch mit der vergeudeten Energie ihrer meist friedliebenden Mitmenschen hausiert. Und ich sah auch ihre Kinder. Die ebenfalls in den großen Sog dieser Lochseele geraten und keine Chance haben, dieser Raserei zu entkommen; ein Jahrzehnt Psychotherapie werden sie wohl in ihrem Leben noch vor sich haben. Und ich dachte mir nur: Mord ist doch gar nicht so ein furchtbares Verbrechen, es muss doch jeder jeder sterben. Aber wie groß ist das durch nichts sanktionierte, völlig legale Verbrechen, den Lebenden die letzte Freude am Dasein zu rauben und sie in der inneren Wüste unbergbar zu vergraben; selbst freudlos, niemandem auch nur einen einzigen ruhigen Atem zu lassen. Manchmal. Ist es gar nicht viel, was einen Denkenden und Fühlenden von einem Mörder unterscheidet.

Wohl dem, der solche Menschen nicht seinem Dasein hinzufügen muss.

Klug aus der Krise

Der auf den Plakaten der CDU monströs groß über das photoshop-geschönte Bild von Angela Merkel gedruckte Satz „Klug aus der Krise“ ist so ganz die richtige Ansprache für alljene Zeitgenossen, die genau so klug aus der „Krise“ herausgeführt werden wollen, wie sie dort hineingeführt wurden — und zwar von den gleichen Leuten. :mrgreen:

Slumviertel

Das Internet trägt viele Merkmale, die sich so auch in jeder anderen menschlichen Gemeinschaft finden lassen. Es hat wie eine große Stadt vornehme Ecken, einige abgeschlossene Bereiche, in denen Menschen mit gewissen Neigungen unter sich bleiben, Räume der Begegnung und eine Menge Orte, die man nicht sehen möchte und deshalb meidet. Natürlich. Hat es auch viele Bereiche, die verschiedensten Geschäften vorbehalten sind. Und schließlich. Gibt es auch Orte im Internet, die mit den Slums am Rande der großen Städte vergleichbar sind. Man erkennt diese Slums des Internet meist an der wahllos auf die Websites gepappten, überrumpelnd und aufdringlich gestalteten Werbung, die allzu deutlich belegt, dass eine home page für ihren Betreiber schon lange kein home mehr ist.

Zur Fernsehdemokratur

Das Fernsehen, mit dem sich die Aufklärung zu vollenden scheint, trägt zum Ende der Aufklärung bei.

Günter Gaus, zitiert in einem hervorragenden Artikel im Neuen Deutschland

Es ist doch seltsam. In der BR Deutschland gibt es gar keine Möglichkeit, den Kanzler direkt zu wählen, und doch wird hier ein von mehreren Sendern gleichzeitig übertragenes und damit für zappelige zapper unübersehbares, so genanntes „Fernsehduell“ veranstaltet, ganz so, als ob es sich um die bevorstehende Direktwahl einer Person handele. In dieser Aufführung spiegelt sich trübe wider, wie unbedeutend das Parlament in der Praxis der Politik geworden ist, wie gewiss man sich darüber sein kann, dass sich jeder Abgeordnete wie geplant verhalten wird. Während sich die designierten Kanzlerdarsteller vor der Kamera im Scheinwerfer sonnen, wird die Schattenseite dieses Betriebes durch Hinschauen sichtbar; sie besteht in der Umgestaltung der Parteien zu Herrschaftsinstrumenten einer vergleichsweise kleinen clique, im so genannten „Fraktionszwang“ der real existierenden Demokratur und in der gut entlohnten, objektiven Ohnmacht jener, die in ein paar Tagen in Wirklichkeit zur Wahl stehen und dann für ein paar Jährchen im Bundestage so tun werden, als ob sie das Volk verträten. Das, was man fälschlich die „Politikverdrossenheit“ nennt, ist aus dem gleichen Stoff gewebt wie diese Aufführung in einem Medium, das in der Tradition des Volksempfängers steht. Es ist keine Verdrossenheit über die Politik, sondern über ihre schier unaufhaltsame Auflösung, an der kein Denkender mehr Anteil haben will.

Vom Abschwung

Nomen ipsum crucis absit non modo a corpore civium Romanorum, sed etiam a cogitatione, oculis, auribus.

[Was den Namen Kreuz trägt, es soll nicht nur ferne vom Körper der Bürger Roms sein, sondern auch von ihrer Wahrnehmung, ihren Augen, ihren Ohren.]

Cicero

Es heißt, die Bürger der Stadt Schilda hätten ein Pferd gehabt. Es war ein kräftiges Pferd, ein gutes Arbeitstier, mit dessen Leistungen alle Bürger Schildas sehr zufrieden gewesen seien. Doch eines hatten sie noch am Pferde auszusetzen: Dass es jeden Tag so viel des teuren Hafers fraß und deshalb so hohe Produktionskosten verursachte. Da beschlossen die Schildbürger zur Sicherung ihres Standortes im globalisierten Wettbewerb, dem Pferde diese wirtschaftlich äußerst unerwünschte Gewohnheit schrittweise abzugewöhnen. Und. Reduzierten die Haferration des Pferdes schrittweise um eine stets beinahe unmerkliche Menge, immer nur um einige Halme, um das Pferd langsam an die völlige Enthaltsamkeit vom Hafer zu gewöhnen. Nach mehreren zähen Verhandlungsrunden mit der Pferdegewerkschaft, die mit Statistiken über die internationale Konkurrenz und Angstbildern des dräuenden Abdeckers gefügig gemacht wurde, nach einer Phase der pferdgerechten Aufklärung über die Interessen der Wirtschaftsbetriebe durch die allkanälige Propaganda der INSM, nach all diesen Anstrengungen waren die Bürger Schildas endlich am Ziel angekommen: Das Pferd arbeitete weiter, aber es fraß inzwischen nur noch einen Halm Hafers am Tag. Und morgen sollte der große Tag sein, der Festtag der Kraftverwerter und ihrer Freunde, der grauen Buchhalter, an dem das Pferd gar keinen Hafer mehr bekommen sollte. Ganz Schilda war wegen des kommenden, großen Ereignisses in feierlichem Schmuck und höchster Laune, der Standort war gesichert und die Krise überwunden.

Die Freude der Deutschen Schildbürger erhielt am nächsten Morgen einen Dämpfer, als das Pferd aus völlig unverständlichen Gründen nicht zur Arbeit erschien, sondern tot in seinem Stall lag.

Der Tod der Lyrik

Wer noch weiß, was ein Gedicht ist, wird schwerlich eine gutbezahlte Stellung als Texter finden.

Theodor W. Adorno, Theorie der Halbbildung

Vermutlich ist die Lyrik die älteste Form künstlerischen sprachlichen Ausdruckes. Sie war keine nutzlose Kunst. Die formale Gestaltung, die Tendenz lyrischer Ausdrucksweise, Begriffe über den Gleichklang und das Metrum miteinader zu verbinden, weist in eine Zeit zurück, in der Menschen keine Schrift zur Verfügung hatten und sich dieser sinnlichen Qualitäten als ein Mittel bedienten, Text zum Erzählen (und zum Zaubern, denn ihre Weltanschauung war magisch) im Gedächtnis zu behalten. Tatsächlich ist solcher Nutzen der Form in der Triviallyrik der Volksweisheiten und Sprichwörter, obwohl im Verklingen begriffen, bis heute vernehmbar:

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht,
so oft er auch die Wahrheit spricht.

Mit der zunehmenden persönlichen Nutzlosigkeit auswändig verfügbaren Wissens in einer vom Buchdruck und lichtschnellen Medien geprägten Gesellschaft ist der Untergang der Lyrik eine folgerichtige Erscheinung, und der einst vom Hören einer aus dem Alltag sprießenden Lyrik geschulte Feinsinn der Menschen unter den Bedingungen des über die Gesellschaft ablaufenden Prozesses folgt dieser Entwicklung, ohne dass etwas anderes entstanden wäre, den Sinn für sprachliche Harmonie zu schärfen. Was von der einst so bedeutenden Lyrik verblieben ist, das sind die Texte der industriell erstellten und lärmend gewordenen Populärmusik, deren Inhalte zumeist den allgemeinen Mangel an befriedigender Sexualität widerspiegeln. Und. Das als Show eines unterhaltsamen Wettbewerbes dargebotene Marktgeschreie auf so genannten „poetry slams“.