Es ist doch seltsam. In der BR Deutschland gibt es gar keine Möglichkeit, den Kanzler direkt zu wählen, und doch wird hier ein von mehreren Sendern gleichzeitig übertragenes und damit für zappelige zapper unübersehbares, so genanntes „Fernsehduell“ veranstaltet, ganz so, als ob es sich um die bevorstehende Direktwahl einer Person handele. In dieser Aufführung spiegelt sich trübe wider, wie unbedeutend das Parlament in der Praxis der Politik geworden ist, wie gewiss man sich darüber sein kann, dass sich jeder Abgeordnete wie geplant verhalten wird. Während sich die designierten Kanzlerdarsteller vor der Kamera im Scheinwerfer sonnen, wird die Schattenseite dieses Betriebes durch Hinschauen sichtbar; sie besteht in der Umgestaltung der Parteien zu Herrschaftsinstrumenten einer vergleichsweise kleinen clique, im so genannten „Fraktionszwang“ der real existierenden Demokratur und in der gut entlohnten, objektiven Ohnmacht jener, die in ein paar Tagen in Wirklichkeit zur Wahl stehen und dann für ein paar Jährchen im Bundestage so tun werden, als ob sie das Volk verträten. Das, was man fälschlich die „Politikverdrossenheit“ nennt, ist aus dem gleichen Stoff gewebt wie diese Aufführung in einem Medium, das in der Tradition des Volksempfängers steht. Es ist keine Verdrossenheit über die Politik, sondern über ihre schier unaufhaltsame Auflösung, an der kein Denkender mehr Anteil haben will.

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