Nomen ipsum crucis absit non modo a corpore civium Romanorum, sed etiam a cogitatione, oculis, auribus.

[Was den Namen Kreuz trägt, es soll nicht nur ferne vom Körper der Bürger Roms sein, sondern auch von ihrer Wahrnehmung, ihren Augen, ihren Ohren.]

Cicero

Es heißt, die Bürger der Stadt Schilda hätten ein Pferd gehabt. Es war ein kräftiges Pferd, ein gutes Arbeitstier, mit dessen Leistungen alle Bürger Schildas sehr zufrieden gewesen seien. Doch eines hatten sie noch am Pferde auszusetzen: Dass es jeden Tag so viel des teuren Hafers fraß und deshalb so hohe Produktionskosten verursachte. Da beschlossen die Schildbürger zur Sicherung ihres Standortes im globalisierten Wettbewerb, dem Pferde diese wirtschaftlich äußerst unerwünschte Gewohnheit schrittweise abzugewöhnen. Und. Reduzierten die Haferration des Pferdes schrittweise um eine stets beinahe unmerkliche Menge, immer nur um einige Halme, um das Pferd langsam an die völlige Enthaltsamkeit vom Hafer zu gewöhnen. Nach mehreren zähen Verhandlungsrunden mit der Pferdegewerkschaft, die mit Statistiken über die internationale Konkurrenz und Angstbildern des dräuenden Abdeckers gefügig gemacht wurde, nach einer Phase der pferdgerechten Aufklärung über die Interessen der Wirtschaftsbetriebe durch die allkanälige Propaganda der INSM, nach all diesen Anstrengungen waren die Bürger Schildas endlich am Ziel angekommen: Das Pferd arbeitete weiter, aber es fraß inzwischen nur noch einen Halm Hafers am Tag. Und morgen sollte der große Tag sein, der Festtag der Kraftverwerter und ihrer Freunde, der grauen Buchhalter, an dem das Pferd gar keinen Hafer mehr bekommen sollte. Ganz Schilda war wegen des kommenden, großen Ereignisses in feierlichem Schmuck und höchster Laune, der Standort war gesichert und die Krise überwunden.

Die Freude der Deutschen Schildbürger erhielt am nächsten Morgen einen Dämpfer, als das Pferd aus völlig unverständlichen Gründen nicht zur Arbeit erschien, sondern tot in seinem Stall lag.