Archive for August, 2009


Zucht und Hunger

Kreuzweg Ost | YouTube-Direktlink

Soldatenfriedhof

Grasfrech welkt der blinde Hügel;
Tausendstab und weiß die Kreuze
Steht der Tod in Reih und Glied,
Der Meister jedes Krieges.

Nochimmer das Vergessen.

Spritze auf Beinen

Zeitgenosse: „Warum können die Jamaikaner so gut laufen?“

Nachtwächter: „Vermutlich, weil sie einen Haufen Mediziner beschäftigen, die sich gut damit auskennen, wie man in nicht nachweisbarer Weise Dopingmittel anwendet.“

Fü(h)r Schafe

Sagt der eine Satiriker zum anderen: „Wenn du einen Sündenbock benennst, denn nimm den Leithammel! Das gefällt den Schafen.“

Der verzweifelte Pionier

Die Raumsonden Pioneer 10 und Pioneer 11 sind die ersten von Menschen angefertigten Objekte, die das Sonnensystem verlassen. Deshalb wurde von den Konstrukteuren an die recht geringe Wahrscheinlichkeit gedacht, dass eine außerirdische Zivilisation in vielen Jahrmillionen einmal dieses technische Artefakt unserer Kultur finden könnte, wenn sich unterdessen die Menschheit schon längst in Wohlgefallen, Sternenstaub und Vergessen aufgelöst hat. Auf den Sonden ist eine außerordentlich haltbare, vergoldete Plakette aus Aluminium angebracht, die mit einer eingravierten Zeichnung von unserer Existenz berichten soll.

Die Pioneer-Plakette

Vor einer schematischen Darstellung der Sonde — diese hat der „Empfänger“ ja vor sich — ist ein nackter Mann und eine nackte Frau dargestellt. Unter dieser Darstellung befindet sich eine stark schematisierte Darstellung unseres Sonnensystemes und links von dieser Zeichnung eine Positionsangabe unserer Sonne, die mithilfe der Positionen von 14 Pulsaren und dem Abstand vom Zentrum der Galaxie mitgeteilt wird. Der dritte Planet im schematischen Sonnensystem ist hervorgehoben, von ihm aus geht die Sonde auf Reisen. Da zu den Pulsaren auch ihre gegenwärtige Frequenz angegeben wird und sich diese Frequenzen im Laufe der Zeit reduzieren, ist auch der ungefähre Zeitpunkt des Sondenstartes ermittelbar, wenn dieses Objekt einmal gefunden und die Botschaft verstanden wird. Die numerischen Angaben sind im Binärsystem gegeben, als Bezugsgröße dient der ebenfalls in Form einer Zeichnung dargestellte Hyperfeinstruktur-Übergang eines Wasserstoffatomes.

Es ist ein in seiner Verzweiflung und Hilflosigkeit geradezu rührender Versuch, etwas von der vergänglichen menschlichen Zivilisation in den kalten Kosmos hinein mitzuteilen. Dieser Versuch zeigt vor allem, dass die Menschen sich keine andere Lebensform als Menschen vorstellen können, deshalb wird in dieser Zweckgrafik eine Form der Wahrnehmung vorausgesetzt, die spezifisch menschlich ist. Ich würde keine hohe Wette darauf halten, dass eine gänzlich unirdische Intelligenz diese Zeichnung überhaupt als eine Form der Mitteilung erkennen kann, und ob die zweidimensionale Projektion der Wirklichkeit in Form einer Zeichnung verständlich ist, darf ebenfalls bezweifelt werden. (Schon die grundlegende Annahme, dass völlig anders entstandene Wesen in ihrer Wahrnehmung ähnlich stark visuell wie Menschen geprägt sein sollten, ist fragwürdig.) Wenn dieser Teil des Kommunikationskanales aber wider meiner Erwartung gut gewählt sein sollte, denn dürfte die im Menschenpaar dargestellte Zweigeschlechtlichkeit der Menschheit für einiges Rätselraten sorgen, und die erhobene Hand des Mannes wird gewiss nicht als ein Gruß erkannt werden, sondern eher Spekulationen um künstliche Gliedmaßen nähren. Die für uns so leicht verständliche Darstellung des Sonnensystemes wird ebenfalls ihre Rätsel aufgeben, vor allem werden sich die Empfänger fragen, wieso eigentlich alle dargestellten Objekte den gleichen Abstand voneinander haben und wieso eines dieser Objekte — es soll der Saturn mit seinem wunderschönen Ringsystem sein — in deutlicher Weise durchgestrichen ist, und ob das wohl darauf hindeute, dass wir dieses Objekt abgebaut oder vernichtet hätten. Und. Die verwendete Metapher des Pfeiles, um die Richtung der Sonde anzudeuten, ist ebenfalls ein Kandidat für schwere Missverständnisse. Was immer eine außerirdische Intelligenz in diese Grafik hineindeuten wird — das Objekt wird ja wenigstens sicher als künstlich erkannt, wenn es überhaupt im weiten Nichts gefunden wird, und es wird deshalb wohl auch untersucht werden und zu allerlei Spekulationen Anlass geben — es wird beinahe nichts mit dem zu tun haben, was wir damit sagen wollten. Die warme Hirnsucht der Wissenschaftler, die mit den Pioneer-Sonden das erste Mal richtige Raumfahrt betrieben haben, über diesen Kanal ein Zeichen für die Existenz der Menschheit zu setzen, läuft ins Leere. Die Menschheit wird unerkannt aussterben. Zum Glück wird das Aussterben auf diese Weise nicht noch schmerzlicher.

Wenn diese Platte überhaupt an jemanden etwas mitteilen kann, denn an die Menschen, die diese Platte in den Weltraum geschossen haben. Und. Das ist die Mitteilung, wie fremd wir wirklich im Raume sind, wie sehr wir nur zur vertrauten Erde gehören. Es wäre viel gewonnen, wenn dieser Teil der Botschaft bei allen Menschen ankäme und sie dazu brächte, ihre planetare Heimat nicht länger unter der hirntoten Ideologie eines unbegrenzten Wachstums bis zur Vernichtung auszubeuten. Aber. Auch diese Kommunikation scheint hoffnungslos. Allein schon deshalb. Hoffnungslos, weil die einzige und sehr hitzig geführte Diskussion, die damals in den USA am Thema dieser Platte entbrannte. Nur. Das eine Thema kannte, ob man die menschlichen Geschlechtsteile denn so unverhüllt den Außerirdischen zeigen könnte.

Neith

Giovanno Domenico Cassini, Professor der Astronomie und Mathematik an der Universität zu Bologna und ab dem Jahre 1669, in Anerkennung seiner Leistungen, auch Direktor der königlichen Sternwarte zu Paris, war zu seiner Zeit einer der großen Astronomen, obwohl er sich in seinem Weltbild den Vorgaben des Vatikans beugte und sich aus diesem Grund wohl um einigen Ruhm gebracht hat. Er war dennoch ein ausdauernder und sorgfältiger Beobachter des Firmamentes und hatte hervorragende Teleskope zur Verfügung. 1665 bestimmte er die Rotationsperiode des Jupiter anhand von Beobachtungen des Großen Roten Fleckes, er berechnete die Rotationsdauer der Venus und des Mars und fand 1668 eine praktikable Methode zur Zeitbestimmung und damit zur Navigation auf hoher See, indem die Position des Jupitermondes Io als astronomische Uhr genutzt wird. 1675 entdeckte und beschrieb er jene Lücke im Saturnring, die heute noch die Cassinische Teilung genannt wird.

Cassini veröffentlichte nicht jede seiner Beobachtungen. Manche hielt er zurück, weil sie seinem Weltbild widersprach, und manche andere hielt er einfach deswegen zurück, weil er nicht zum vorschnellen Veröffentlichen neigte. Ersteres ist leider heute noch in der Forschung üblich, und letzteres ist leider heute nicht mehr in der Forschung üblich, da sich das Ranking eines Wissenschaftlers stark an der Quantität seiner Veröffentlichungen misst.

Im Jahre 1672 sah Cassini durch sein Teleskop zum ersten Male neben dem Planeten Venus ein kleines Objekt, welches er spontan für einen Mond hielt. Er benannte dieses Objekt nach einer ägyptischen Göttin als Neith.

Er mag diesen Namen gewählt haben, weil das Objekt so schwierig zu beobachten war, denn der griechische Schriftsteller Plutarch berichtete von einem verhüllten Bildnis der Göttin Neith, das mit dem Spruch „Ich bin alles was war, was ist und was sein wird, keinem Sterblichen wird es jemals möglich sein, meinen Schleier von mir zu nehmen“ geschützt wurde. Diese Annahme ist allerdings spekulativ.

Sicher ist hingegen, dass der Venusmond nach dieser ersten Beobachtung für 14 Jahre nicht mehr in den Aufzeichnungen Cassinis auftauchte. Ob Cassini wohl das eine ums andere Mal sein Teleskop nächtens zur Venus gerichtet hat und versucht hat, seine Beobachtung zu wiederholen, wissen wir nicht. Im Jahre 1688 konnte Cassini sein Objekt zum zweiten Male beobachten, und dieses Mal nahm er es auch in sein offizielles Journal auf, so dass der mutmaßliche Venusmond unter Astronomen bekannt wurde.

Aufgrund der Leuchtkraft wurde das Objekt auf ein Viertel der Venusmasse geschätzt, und es zeigte genau wie die Venus Phasen, die den Phasen des Erdmondes vergleichbar waren.

Getragen von der Autorität Cassinis wurde dieser Mond für eine reale Möglichkeit gehalten. Und obwohl er schwierig zu beobachten war, wurde er in den folgenden Jahrzehnten immer wieder beobachtet: im Jahre 1740 von James Short, im Jahre 1759 von Andreas Meyer, und im Jahre 1761 sogar vom berühmten Mathematiker und Astronomen Joseph-Louis Lagrange. (Ja, das ist der mit dem Restglied der Taylor-Formel.) Insgesamt wurde Neith im Jahre 1761 von fünf verschiedenen Beobachtern achtzehn Mal gesichtet; im Jahre 1764 gab es acht weitere Sichtungen durch zwei Beobachter. Das war Grund genug, die Sache ernst zu nehmen, so schwierig das Objekt auch zu beobachten sein mochte.

Und deshalb haben viele andere Astronomen in dieser Zeit ebenfalls versucht, Neith zu beobachten und genügend Daten für die Berechnung einer Umlaufbahn zu sammeln — und haben es nicht geschafft. Hier lag ein seltsames Phänomen vor. Es gab namhafte Beobachter, die durch die Veröffentlichung falscher Daten nichts mehr gewinnen konnten, und es gab viele, die diese Beobachtung nicht reproduzieren konnten. Doch die Vorstellung, dass die berichteten Beobachtungen vorsätzliche Lüge sein könnten, war schlechterdings absurd.

Die erste skeptische Stimme wurde im Jahre 1766 laut, als der Direktor der Wiener Sternwarte seine Auffassung publizierte, dass es sich um eine optische Täuschung handeln müsse, die dadurch entstehe, dass die sehr helle Venus vom Hintergrund des Auges zurück in das Teleskop reflektiert werde und so das beobachtete Doppelbild erzeuge. Andere hingegen hielten die Beobachtungen für ein reales astronomisches Objekt und ließen sich auch nicht dadurch beirren, dass die mittlerweile etwas reichlicher dokumentierten Beobachtungsdaten zu keiner Mondbahn um die Venus passen wollten.

Als es im Jahre 1768 eine weitere Beobachtung durch den dänischen Astronomen Christian Horrebow gab, kam es zu drei systematischen Suchaktionen; eine davon geleitet von William Herschel, dem Entdecker des Planeten Uranus. Alle drei mit hohem Aufwand durchgeführten Durchsuchungen des venusnahen Raumes schlugen darin fehl, irgendeinen Venusmond aufzuspüren. Neith schien nicht zu existieren.

Und dennoch wurde weiter versucht, hinter diesem Schleier zu blicken. Im Jahre 1884 beschäftigte sich der Direktor der königlichen Sternwarte zu Brüssel mit den dokumentierten Beobachtungen und schloss aus diesem Datenmaterial, dass sich der „Venusmond“ alle 1080 Tage in der Nähe der Venus beobachten ließ. Daraus zog er den Schluss, dass es sich gar nicht um einen Mond handele, sondern um einen bislang unbekannten Planeten, der die Sonne in 283 Tagen umkreise und deshalb in der beobachten Periode in Venusnähe gesehen werden könne.

Dies wurde zum Anlass, das ganze Datenmaterial noch einmal kritisch zu würdigen. 1887 veröffentlichte die belgische Akademie der Wissenschaften eine ausführliche Analyse der dokumentierten Beobachtungen und konnte in dem sehr umfangreichen Papier für jede mitgeteilte Position Neiths nachweisen, dass es sich in jedem einzelnen Fall um eine Verwechslung mit einem Fixstern gehandelt hatte.

Und. Alle Beobachter haben nur das gesehen — oder besser: in den gestirnten Himmel projiziert — was sie zu sehen erwarteten. Es handelte sich nicht einmal um die schon vermutete optische Täuschung, es war schlicht eine psychische Täuschung.

In einer richtigen Naturwissenschaft lässt sich eine solche psychische Täuschung im Nachhinein erkennen, da sämtliche mitgeteilten Daten überprüfbar sind. In so vielem anderen, was sich „Wissenschaft“ nennt, ist eine derartige Überprüfung niemals möglich — und es ist die so genannte „Wirtschaftswissenschaft“, nach deren „Erkenntnissen“ zurzeit ganze Gesellschaften umgebaut werden. Die Möglichkeit, dass auch hier nur die Erwartungen bestimmter Individuen in komplexe und letztlich unverstandene gesellschaftliche Prozesse projiziert werden, ist für mich angesichts des völligen Scheiterns sämtlicher Absichten eines solchen gesellschaftlichen Umbaues sehr wahrscheinlich. Angesichts des manifesten Unglücks, dass auf diese Weise in das Leben so vieler Menschen gedrungen ist, ist es jetzt höchste Zeit, die Behauptungen anhand von Fakten zu überprüfen und den als Wissenschaft getarnten Wahnsinn zu stoppen.

Der esoterische Selbstbetrug

Oh, der Einfall war kindisch, aber göttlich schön.

Friedrich Schiller, „Don Carlos“

Manchmal, eigentlich sogar recht häufig, wollen einem Anhänger der modernen und am Markt recht erfolgreichen hybriden Religion namens „Esoterik“ anderen Menschen weis machen, dass die von ihnen auserkorene Irrationalität eine Vorwegnahme künftiger Wissenschaft sei. Um diese These zu „belegen“, greifen die so Redenden ein wenig in die bunte Kiste mit den Irrungen der Wissenschaftsgeschichte und greifen sich aus diesem fröhlichen Schatz eine Handvoll besonders eklatanter Beispiele der Ignoranz des wissenschaftlichen Etablissements heraus und verweisen darauf, dass „die Wissenschaft“ dann schließlich doch noch die Fakten anerkennen musste, sie sogar zu Gegenständen der Forschung machen musste. Und genau das gleiche erwarten sie von ihrem durch nichts belegbaren, gleichermaßen billigen wie nicht preiswerten Seelentrost voller Geschäft, Primitivität, Betrug und Angstabwehr.

Ein beliebtes Beispiel der so redenden und leider auch so denkenden Idioten sind — so sie nicht gleich von der scheibenförmigen Erde jener Zeit sprechen, in welcher eine Kaste von Pfaffen den Allheitsanspruch ihrer Religion mit Gewalt zur gesellschaftlichen Wirklichkeit machen konnte — die Meteoriten. Sie verweisen darauf, dass die meisten Wissenschaftler von ihrem damaligen Modell des Sonnensystemes ausgehend, jeden Fund eines Meteoriten mit den ungefähren, recht autoritär dargebrachten und oft mit ätzender Polemik gewürzten Worten „Steine fallen nicht vom Himmel“ für unbeachtlich erklärten und sich mit der Wirklichkeit der Meteoriten nicht weiter beschäftigten, weil sie davon ausgingen, dass der Raum im Sonnensysteme nur mit größeren Körpern gefüllt sei. Ein anderes Beispiel, das von den Wirrgläubigen gern herausgepickt wird, sind die Kugelblitze, deren Natur übrigens bis heute unklar ist. Beides sind heute ganz selbstverständliche Gegenstände der Forschung und Theoriebildung, obwohl die Beschäftigung mit diesen Erscheinungen vor noch gar nicht so langer Zeit den Ruch des Abergläubischen und Irrationalen hatte, durchaus damit vergleichbar, wie in der heutigen Wissenschaft die so genannten „Parawissenschaften“ betrachtet werden.

Aber die blinden Gläubigen der Esoterik bemerken dabei nicht, dass sowohl die Existenz von Meteoriten als auch die Existenz von Kugelblitzen in psychischer Hinsicht neutral sind. Das Postulat, dass Steine außerirdischen Ursprunges vom Himmel fallen oder das Postulat, dass eine mutmaßlich elektrische Erscheinung in Form eines leuchtenden Plasmaballes auftreten kann, mag intellektuell interessant und kurios sein, aber es ist für das Seelenleben eines Menschen ungefähr so bedeutsam wie das Postulat, dass jede natürliche Zahl einen Nachfolger habe und dass man deshalb unbegrenzt zählen könne. Von daher gibt es zum Beispiel keine nennenswerte psychische Motivation, derartige Berichte zu erfinden oder Belege für diese Thesen zu fälschen — was bleibt, ist die Ungenauigkeit in den Mitteilungen episodischer, nicht-reproduzierbarer Erlebnisse, die der Skepsis gegenüber dem Mitgeteilten für so lange Zeit Futter gab.

Deshalb hat es auch niemals ein großes, psychisch motiviertes Geschäft mit dem Glauben an Meteoriten oder Kugelblitzen gegeben. Im schlimmsten Falle wurden und werden Sammlern ordinäre irdische Steine vulkanischen Ursprunges als meteoritisches Gestein verkauft.

Die von primitiver Magie, narzisstischer Seelenvergötzung und einem allgemeinen Konzept des Belebt- und Durchgeistert-Seins aller Erscheinungen des Kosmos geprägten Konzepte der Esoterik und der darauf basierenden Parawissenschaften sind aus einem völlig anderen psychischen Material gebaut, sie erfüllen dem in seinem Bedingt-Sein verhafteten Menschen Wünsche nach individueller Bedeutung, Einflussnahme, Unsterblichkeit und Sinnhaftigkeit, sie sind ein geiler Traum, der so alt ist wie die Einsicht in die kalte, gebieterische Wirklichkeit des Todes und der sogleich daran mit aufkommende Wunsch, diese Wirklichkeit möglichst umfänglich zu vergessen. Für solche Verdrängung existiert ein großer Markt; und die vielen Bereiche der Esoterik, sei es der Geisterglaube, der Spiritismus, die angenommene Möglichkeit telepathischen Austausch oder der telekinetischen Beeinflussung der Umwelt durch psychische Kräfte, sie sind schon immer Bereiche gewesen, in denen gefälscht wurde, in denen gelogen wurde und in denen den Gläubigen für ein bisschen Einlullung ihrer todgepeinigten Seele ordentlich das Geld aus der Tasche gezogen werden konnte. Das gleiche gilt für eine recht junge (aber zum Glück schon wieder etwas in Vergessenheit geratene) Spielart dieses postmodernen Voodoo*, der UFO-Esoterik. Aus dem psychischen Gewinn, der sich mit diesen Konzepten verbindet, lässt sich also wirtschaftlicher Gewinn saugen, und dies geschah und geschieht immer wieder.

Nicht, dass ich jemanden um seine Selbsteinlullung bringen will, aber zum Thema der Wissenschaft wird sie hoffentlich niemals werden — und wenn doch einmal, dann am ehesten noch zum Thema der Psychopathologie. Wer sogar so blöd ist, dass er eine kommerziell vorgestanzte Form der seelischen Selbsteinlullung mit Individualität verwechselt, ist in diesem vollständigen Denkverzicht längst verloren — ein Denkender und Fühlender lullt sich wenigstens noch in eigener Verantwortung auf seine eigene Art ein. 😉

Nur eines sei hier noch zum Abschluss gesagt: Es gab genau zwei Erkenntnisse in der jüngeren Geschichte der Wissenschaft, die sich gegen große gesellschaftliche Widerstände durchsetzen mussten. Der Grund dieser Widerstände war (und ist) das psychische Unbehagen, das sich mit diesen Einsichten verband. Die erste Einsicht, die sich mit dem Namen Galileo Galilei verbindet, ist die Tatsache, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Kosmos ist. Diese Einsicht führte zur juristischen Verfolgung Galileis durch die Profiteure des psychischen Geschäftes im Vatikan, bei der belastende Beweise einfach gefälscht wurden. Eine Rehabilitation Galileis durch die juristischen Organe des Vatikans fand erst am 2. November 1992 statt. Die zweite Einsicht, die sich mit dem Namen Charles Darwin verbindet, ist die Tatsache, dass sich alles Leben auf der Erde unter völlig natürlichen, materialistisch erklärbaren Bedingungen entwickelt und diversifiziert hat. Diese Einsicht hatte für Darwin zwar keinen lebenslangen Hausarrest und die in der Luft liegende Drohung des Scheiterhaufens mehr zur Folge, aber sie wird bis heute massiv angefeindet, und wenn die meist religiösen Gegner dieser Einsicht nur die Macht hierzu hätten, denn würde sie auch mit Gewalt unterdrückt. Wer wirklich meint, dass sein narzisstisches Bedürfnis nach Todesverdrängung, Sinngebung und eingebildeter Allmacht in den Rang einer für alle Menschen verbindlichen Erkenntnisgrundlage gestellt werden sollte, der steht in dieser Meinung für derartige Unterdrückungen. Und. Belegt damit das barbarische, archaische Material unter der bunten Verpackung, in der eine jahrmarkthafte Esoterik-Industrie den seelischen Ausverkauf betreibt.

* Anhänger der ebenfalls hybriden, aber wenigstens mit Tradition ausgestatteten Religion Voodoo mögen mir diesen Vergleich mit einer reinen, als Spiritualität getarnten Geschäftemacherei verzeihen.

Aus der Verwesung geboren

Und der Verwesung blauer Glorienschein
Entzündet sich auf unserm Angesicht.
Ein Ratte hopst auf nacktem Zehenbein,
Komm nur, wir stören deinen Hunger nicht.

Georg Heym, Die Morgue

Ein Landwirt hat einmal die Frage eines etwas arroganten Gastes aus der Stadt zum Tischgebet, ob denn hier alle vor dem Essen beten würden, mit Witz und verblüffend halber Einsicht beantwortet, indem er sagte: „Nein, nicht alle. Das Vieh betet natürlich nicht. Aber die Menschen hier, die bedanken sich bei ihrem Schöpfer.“

Es gibt offensichtlich keine Kühe, die sich ein kuhförmiges metaphysisches Wesen voll der Allmacht und der Ewigkeit vorstellten, das auf einer immergrünen Weide Ewigsaft von dienstbaren geflügelten Kühen umgeben wäre. Und. Das aus nicht näher verständlichen Gründen ein ganzes Universum gemacht hätte und in seinem Lauf erhielte, nur, um darin ein paar Kühe als Abbilder seiner selbst existieren zu lassen, für welche diese heilige, wiederkäuende Großkuh einen sonst recht unsichtbaren Plan voller Heil verfolgte. Um eine derartige Vorstellung zu entwickeln und diese auch mit ständiger Umdeutung der Erfahrungen gegen die konkreten Entbehrungen des Daseins abzusichern, bedarf es eines psychisch-mentalen Prozesses, der Kühen und anderen Tieren fehlt, der nur dem Menschen zueigen ist. Es ist dies der gleiche psychisch-mentale Prozess, der dem Menschen neben der lebenspraktisch so bedeutsamen Einsicht in komplexe Zusammenhänge die wenig erfreuliche Einsicht in die eigene Sterblichkeit gewährt.

Die menschliche Tätigkeit der Religion (und zwar jeder Religion) zeigt sich schon bei oberflächlicher Betrachtung als eine Form der Todesabwehr. Sie ist eine intellektuelle Retardierung, die das Ziel verfolgt, die Kraft der tieferen Einsichtsmöglichkeit im Leben zu erhalten, sie aber dennoch angesichts des völlig unerwünschten und doch für die Einsicht offensichtlichen Endes des Lebens zu beschränken. Aus dieser psychischen Ausrichtung der Religion kommt auch das manifest Todeszentrierte aller religiösen Systeme — und ihre Feindseligkeit gegenüber dem Leben und der damit verbundenen Lust.

Bildung

Die Grünen haben ihre Wahlplakate in den öffentlichen Blickraum gestellt, und neben dem erwartungsgemäßen ideologischen Dummschwatz ist sehr viel von „Jobs“ und von „Bildung“ die Rede. Dieser Schwerpunkt auf Bildung spiegelt trefflich die Tatsache wider, dass diese Partei beinahe nur noch aus Pädagogen zu bestehen scheint, die Politik vor allem als Fortsetzung ihrer Parallelwelt des zwangsschulischen Bildungssystems sehen — und zu dieser schulmeisterlichen Selbstüberschätzung passt auch, dass darunter noch der Text „Aus der Krise hilft nur Grün“ gestempelt wird. In wie weit eine (wünschenswerte, aber innerhalb des bestehenden Schulsystemes nicht erzielbare) Verbesserung der Bildung nun allerdings dazu führen soll, dass plötzlich wieder ein Bedarf der Wirtschaftsunternehmen an Arbeitskräften bestehen soll, bleibt eine Frage, die von den platten Parolen nicht beantwortet wird.

Einsneunundneunzig

Wenn eine Partei oder ein Politiker mit den Mitteln der Werbung „vermarktet“ werden, wenn Parteien oder Politiker also methodisch und „inhaltlich“ in gleicher Weise wie ein Joghurt, ein Hundefutter, ein Toilettenpapier oder eine andere abstrakte Ware angepriesen werden, denn ist es nicht weiter verwunderlich, dass politische Billigware einen beachtlichen Erfolg am „Markt“ erzielen kann. Wie. Jede andere Billigware auch. Der Kauf in einem so genannten „Discounter“, der ja vor allem damit wirbt, dass dort die Waren nur wenig Geld kosten, er ist ein Spiegelbild der zunehmenden materiellen Armut; und das Kreuz beim billig und mit Stammtischparolen beworbenen politischen Angebot ist ein Spiegelbild der zunehmenden intellektuellen Armut. Beide Formen der Armut. Sind von einer um ihre Privilegien ringenden herrschenden Klasse gewollt und werden von ihr mit aller Gewalt ausgebreitet.

Das menschliche Gesicht

Beim seinem zappeligen Zappen ging es auch zu einen dieser unerträglichen Kanäle, die deutlich machen, wohin die Menschen heute wirklich gekommen sind. In der unteren rechten Ecke riss ein mechanisches Blinken die Aufmerksamkeit mechanisch auf sich, und dieses Blinken war ein Text, der „7.750 € bis zu“ lautete, aber schon nach wenigen Sekunden zu „8.000 € bis zu“ verändert wurde, als ob die gelegentliche Erhöhung einer Zahl die Wortstellung gleichgültig machte. Darüber vier kleine, übereinander liegende farbige Felder mit gedeckter Farbsättigung, die mit Geldbeträgen geziert waren und in entnervender Geschwindigkeit von unten nach oben durchblinkten, damit die Zielgruppe dieses Schwindels auch ja glaube, dass es bei ihr aufwärts gehen könnte. Am oberen Rande eine Laufschrift, die gerade so schnell durchrollte, dass sie noch lesbar aussah, aber nicht mehr bequem lesbar war. Sie erzählte von „Geldleitungen im richtigen Moment“, vom „direkt in das Studio kommen“, von der „Quizleitung“, von der „Studioleitung“. Unten gab es eine weitere Laufschrift, die in deutlich kleinerem Schriftgrad darauf hinwies, auf welcher Seite sich im Videotext die Teilnahmebedingungen befänden. Die ganze Zeit blinkte ein roter Schalter wenig dezent vor sich hin, zuweilen wurde auch noch ein blinkendes Blaulicht eingeblendet. Und. Um das Gehirn der „Zuschauer“ so richtig zu grillen, wurden immer wieder Geräusche aller Art eingeblendet, die in ihrer Verdichtung einen Eindruck von Zuspitzung und Eile erwecken sollen, damit auch ja niemand zur Besinnung und zum Denken komme, der sich hier abzocken lässt.

Inmitten des ganzen stumpfsinnigen Blinkens befand sich ein Moderator und ein Bild mit einer Anordnung von Tennisbällen. Der Moderator erzählte mit wenig überzeugenden, etwas zu intensiv gespielten Affekten viel vom „jetzt“ und allerlei Lügen über dieses wenig spielerische Spiel. Dabei stand er immer wieder auf, setzte sich wieder hin, ging auf die Kamera zu, gestikulierte übertrieben. Unter dem Bild mit der Anordnung von Tennisbällen war deutlich lesbar, welche Aufgabe jene lösen sollten, die auf solche Bauernfängerei hereinfallen. Eine große Telefonnummer, unter der sehr klein — und selbst auf dem recht großen Fernseher, auf dem ich diese Pracht bewundern durfte, leicht unscharf — angemerkt stand, dass jeder Anruf mindestens 50 Cent koste, zeigte jenen, die so etwas schauen und ihren Geist damit mürbe machen, dass sie anrufen müssten, wieder und wieder anrufen. Zwischen den Tennisbällen und der Telefonnummer, die aus dieser in der BR Deutschland offenbar legalisierten Form des überrumpelnden und praktisch betrügerischen Glücksspieles ein gutes Geschäft macht, stand die Frage, die man dann am Telefon beantworten sollte, um etwas von schreiend angepriesenen Geld zu gewinnen: „Wo ist das menschliche Gesicht?“

Und. So viel ist sicher: Es ist nicht auf dem Moderator.

Es ist übrigens völlig unverständlich, wie man sich als Gehirnträger jeden Tag einem Contenttransporteur hingeben kann, der mit der Ausstrahlung solcher Sendungen offen und völlig unmissverständlich zeigt, wie sehr er seine Zuschauer verachtet. Nur ein Masochist umgibt sich mit Zeitgenossen, die ihn unentwegt beleidigen. Die bloße Existenz und die Machart dieser betrügerischen Sendungen ist ein Spiegelbild der Intensität, mit welcher sich die zu bloßen Zuschauern gewordenen Menschen im Selbsthass zerfleischen.

Evidenzbasierte Medizin

„Evidenzbasierte Medizin“ ist eines dieser Wörter, die durch ihre bloße sprachliche Existenz den Zustand offenlegen, der sonst durch wissenschaftliches Gehabe, irreführende mediale Darbietungen und die Werbung für Pharmaprodukte verborgen werden soll. Gemeint ist mit diesem Wort eine Form der medizinischen Behandlung, bei der sämtliche Entscheidungen in Bezug auf einen Patienten und seiner Krankheit auf Grundlage einer nachgewiesenen Wirksamkeit getroffen werden. Das Wort von der „evidenzbasierten Medizin“ ist ein Beleg dafür, dass ein solches Vorgehen in vielen Fällen nicht üblich ist und dass das Weißkittelchen, diese Respekt befehlende Priesterkutte der Wissenschaft, bei Ärzten eher als eine Tarnung zu betrachten ist, als eine Tarnung für fortgeschrittene Quacksalberei.

Das Konzept der „evidenzbasierten Medizin“ wurde in der BR Deutschland zum ersten Male im Jahre 1995 publiziert. Man stelle sich nur einmal einen Physiker vor, der seine spezielle wissenschaftliche Methode mit dem Wort „evidenzbasierte Physik“ bezeichnet, um sie vom „wissenschaftlichen“ Vorgehen seiner Kollegen abzugrenzen, und schon wird auf der Stelle klar, wie „wissenschaftlich“ und „rational“ das ist, was jeden Tag von vielen (nicht allen) Ärzten auf ihre Patienten losgelassen wird. Diese Vorstellung hilft hoffentlich auch, beim nächsten Arztbesuch eine hinreichend kritische Haltung einzunehmen, sich selbst zu informieren und weder alles unhinterfragt zu glauben, was vom weißen Schamanen erzählt wird, noch alles unhinterfragt zu fressen, was von ihm verschrieben wird. Wird daraus eine verbreitete Haltung (sie ist leider anstrengend und setzt im Gegensatz zum passiven Behandelt-Werden Recherche und Denktätigkeit voraus), so könnte allein dadurch die Kostenentwicklung im Krankheitswesen in einer wünschenswerten Weise beeinflusst werden.