Ich war auf die Minute pünktlich, wie immer, denn ich trage keine Uhr. Und ich klingelte wie verabredet zwei Mal kurz nacheinander. Als nach gut einer Minute der Summer immer noch nicht zu hören war, klingelte ich erneut, ganz wie verabredet. Und. Ohne Erfolg. Sollte ich den Weg vergebens gemacht haben? Niemand schien da zu sein, jedenfalls niemand mit genügend Bewusstsein, um die Türe zu öffnen. Ich beschloss, dem Unterfangen eine weitere Chance zu geben, denn ich weiß ja, dass das Elend die Betroffenen dazu treibt, vor den grellen Tagen mit ihren gewaltsamen Anforderungen in einen den Tag überbrückenden Schlaf zu fliehen und stattdessen in den unbedrängteren Nächten zu leben. So wartete ich weitere fünf Minuten an diesem schönen, sonnigen Nachmittag und versuchte es zum dritten Male. Wiederum. Ohne den gewünschten Erfolg. Dann erst gab ich auf.

Jetzt sitze ich im Schatten unter einem Baum, etwas erschöpft an meinem Platz an der Tonne. Nicht nur mattgebleicht vom Weg, sondern auch von der ungedämpften Seele. Hinter mir dröhnt eine der vielen Schnellstraßen, die diese Stadt mit dem kalten Skalpell der technischen Effizienz durchschneiden, die Luft ist voll Gestank. Vor mir gehen Menschen vorbei, betrachten bemüht unauffällig den seltsamen Menschen mit seiner komischen Frisur, der da auf einer Bank sitzt, auf der sie wegen ihres eingebildeten sozialen Status niemals Platz nehmen würden, und sie wundern sich wohl ein wenig darüber, was er dort schreibt. Und. Dass er überhaupt etwas zu schreiben hat. Wenn ich zu ihnen hinschaue, um diese wandelnen Krämpfe zu sehen, wenden sie ihren Blick schnell und peinlich berührt ab, hinfort vom Schreiber auf der Bank, hin zur grauen, dreckigen Straße, die wohl weniger Furcht als ein lebender Mensch einflößt. Nur ihre Hunde haben diese Scheu nicht, aber dafür ein Würgeband um den Hals und eine zerrende Leine. Ihres Herren. Neben mir in der Mülltonne und um mich herum die stinkenden, ausgetrunkenen Bierflaschen, der Zement der Zustände, ein Festmahl für Wespen und sonstige Aasfresser. Die Stadtamseln, ihr Gefieder wirkt schon zu Lebzeiten ein wenig gerupft, haben neben diesem gärenden Wahn ihre kleine städtische Amselwelt aufgebaut und picken Gewürm und „zivilisatorischen“ Abfall. Und. Ich wundere mich über die unterschiedlichen Gewichte, mit denen Menschen das Gleiche wiegen und erwägen. Eine Verabredung, eine Begegnung, auf die ich mich so gefreut hatte, dass ich in meinem trüben Dasein neben der unvermeidlichen Mülltonne im Lande Überfluss eine ganze Woche lang nur von dieser Freude zehren konnte, kann für jemanden anders sehr viel weniger Bedeutung haben, ja, nur so ein austauschbares, bedeutungsloses Ereignis unter vielen vielen anderen sein. Und während ich das inmitten des Lärms, des Gestankes und der wandelnden Angst in mir bewege, erahne ich. Wieder einmal. Aus welchem psychischen Stoff das Elend wohl gewebt ist, das so viele Menschen eingesponnen hat.