Bei F!XMBR hat Chris die interessante Frage aufgeworfen, was dieses Bloggen eigentlich ist.

Das ist keine einfache Frage, denn es geht bei einem einigermaßen genießbaren Blog doch um deutlich mehr als um einen technischen Vorgang. Statt einer langatmigen Erklärung mag ich die Frage lieber mit einigen kurzen Stichpunkten beantworten — und ich hoffe, dass diese auch manchmal ein bisschen sticheln.

Bloggen ist, wenn ein Mensch zum Blogger wird, wenn er in allen Begegnungen, Ereignissen, Träumen und Gedanken auch etwas sieht, worüber es sich schreiben lässt, wenn er damit beginnt, die Dinge zu hinterfragen, um seinem Schreiben eine Substanz zu geben, die über die spontane und unreflektierte persönliche Reaktion hinaus geht und damit zu einem ernsthaften Akt der Kommunikation wird. Das Schreiben geht in diesem Prozess manchmal wie nebenbei. Und. Das Geschriebene wird manchmal eher wirr, unstrukturiert und belanglos, ohne aber für immer darin zu verbleiben.

Bloggen ist, wenn das regelmäßige Be-Schreiben des Erlebten, Gedachten, Geträumten zu einer von anderen Menschen beachteten Stimme wird, statt in der sumpfigen Privatheit des Freundeskreises oder des Stammtisches zu verhallen. Die Stimme wird dabei beinahe von allein kultivierter, so sie mit einem Hauch Empathie verbunden ist und der Blogger bemerkt, dass sich die wenigsten Menschen freiwillig belügen, anbrüllen, beschimpfen lassen wollen.

Bloggen ist der Ausfluss einer Persönlichkeit. Auch ein Mensch ohne Persönlichkeit kann ein Blog führen, ja, sogar ein schlechter Journalist, aber ein solches Blog ist etwa so attraktiv wie ein Testbild im Fernsehen; es ist kein eigentliches Blog, sondern es trägt den Charakter eines technischen Selbstzwecks mit sich herum.

Bloggen ist, wenn der Blogger auch andere Blogs regelmäßig zu lesen beginnt, andere Auffassungen als die Seinigen kennenlernt, anderer Blogger regelmäßiges Schreiben trotz gelegentlichen Unverständnisses zu respektieren, wertzuschätzen lernt. Das Leben als Blogger kann dabei zu einem beachtlichen Maß verantwortungsvoller Ausgewogenheit führen. Einen richtigen Blogger, der niemals andere Blogs liest, gibt es nicht.

Bloggen ist die Kommentarfunktion; und ein Blog ohne die Möglichkeit eines Kommentares ist kastriert. Die einfache Möglichkeit für jeden Menschen, zu allem Geschriebenen relativ unmittelbar einen erweiternden oder widersprechenden Standpunkt zu äußern, gibt dem Blog einen wichtigen Mehrwert, nimmt der gebloggten Betrachtung ihren Frontalcharakter und ist für den Blogger zuweilen sehr nervig. Zuweilen wird ein Artikel oder gar ein ganzes Blog erst durch sein Kommentare wertvoll.

Bloggen ist aber auch, wenn immer wieder irgendwelche SEO-Spammer keinen anderen Wert in einem Blog sehen als den einer Litfaßsäule, dass ihnen nichts Besseres einfällt, als einen idiotischen Kommentar von lochhafter Leere mit einem Link zur Manipulation der Suchmaschinen zu kombinieren. Ach! Wie viele Kommentatoren doch so „hübsche“ Namen wie „Telefontarife“, „Poker“, „Software“ oder gar „Google-Ranking“ von ihrer Mutter bekommen haben!

Bloggen ist wesentlich besser als Webforen. Jedes Blog ist erkennbar die persönliche Sphäre eines anderen Menschen, und das hält von überdummer Trollerei in den Kommentaren ab — zumindest einen Blogger. Was noch an Trollerei verbleibt, macht keine so großen Probleme wie die Moderation eines Forums, das alle als einen „gemeinsamen Raum“ betrachten und das sehr viele aus diesem Grund nicht besonders pfleglich behandeln. Auch Wohngemeinschaften scheitern oft am Klo und an der Küche.

Bloggen ist aber auch, wenn man als Blogger immer wieder über Websites stolpert, die durch die chronologische Ordnung der Veröffentlichung zwar in einem technischen Sinne ein Blog sind, aber nicht der menschlichen Mitteilung dienen, sondern zur reinen, von aufdringlicher Reklame vergällten Selbstdarstellung und Klickbespaßung verkommen sind. Nach solchem Stolpern steht ein Blogger wieder auf, so er überhaupt hinfiel, und geht weiter in die ursprünglich eingeschlagene Richtung, ohne diesem Stolperstein allzu viel weitere Beachtung zu schenken.

Bloggen ist, wenn einem Blogger sein Blog manchmal wie eine Last am Leben hängt, wenn sich eine Dynamik entwickelt, die anfangs gar nicht absehbar war, wenn manche Woche die Einträge eher kurz und widerwillig werden, wenn das Schreiben zu einem K(r)ampf wird. Und. Wenn solche Zeiten zusammen mit dem Blog durchgestanden werden. Ja! Wenn das Blog an das Leben anwächst.

Bloggen ist, wenn das Blog durch ein Leben mit allen Höhen und Tiefen mitgetragen wird und zum Spiegelbild dieses Lebens wird.

Bloggen ist nichts, was jemand nebenbei betreiben könnte. Aber es findet auch nicht in einem Paralleluniversum neben dem eigenen Leben statt. Es ist eine Haltung wie Fotografieren: „Da ist ein hübsches Motiv, das versuche ich einzufangen.“ Nicht jeder hat Talent, gute Fotos zu machen; und nicht jeder hat Talent, ein gutes Blog zu schreiben. Aber jeder, der das möchte, kann es in beiden Bereichen auch mit einem Minimum an Talent zu beachtlichen Fähigkeiten bringen, wenn er die damit verbundene Mühe nicht scheut. Wer Mühelosigkeit sucht, sollte kein Blog führen, sondern lieber fernsehen.

Bloggen ist keine technische Spielerei, und niemand besucht ein Blog regelmäßig wegen „cooler Widgets“ und einem „tollen Design“. Ein Blog wird in erster Linie wegen seiner Inhalte regelmäßig besucht und gelesen, und wer bloggen will, tut gut daran, das zu wissen, seinen technischen Spieltrieb in einem angemessenen Rahmen zu halten und sich um Inhalte zu bemühen.

Bloggen ist Text. Wer nicht gern liest und schreibt, sollte davon absehen. Fotos sind besser in einer speziellen Galerie-Software aufgehoben.

Bloggen ist überschätzt. Es erreicht nicht Millionen von Lesern, es ist kein Ersatz für individuelle Kultur und Bildung, es kann nicht die Gesellschaft verändern. Es ist schon gar kein „neuer Journalismus“, so sehr man sich einen solchen angesichts des derzeitig existierenden auch wünschen mag. Und. Es ist ein sehr schlechtes Geschäftsmodell — wer Geld machen will, sollte besser in kalter Haltung „Inhalte“ zur Bespaßung der Massen anbieten. Wer dennoch bloggen will, muss damit leben, dass die Wirklichkeit anders aussieht als die trendbesoffene Berichterstattung an sich netzferner Medien.

Bloggen ist eine späte, durch spezielle Software gegebene Erfüllung des Versprechens, dass sich jeder Mensch mit geringem Aufwand eine Stimme im Internet verschaffen kann. Es erfüllt aber nicht die Hoffnung, dass auch jeder Mensch mit einer solchen Stimme etwas mitzuteilen hätte. Immerhin gibt es neben etlichen Sammlungen des Nichtigen und Belanglosen viele lesenswerte Blogs.

Bloggen ist mit dem Nachteil behaftet, dass viele Leser nach dem jeweils aktuellen Beitrag im Blog schauen und den oft im Blog erkennbaren Kontext, in dem dieser Beitrag geschrieben wurde, völlig aus den Augen verlieren. Es ist als Publikationsform nicht gut für Texte geeignet, die einen eher bleibenden Wert haben.

Bloggen ist vergleichsweise unwichtig. Wenn es. Mit dem wirklichen Leben verglichen wird.

Bloggen ist vergleichsweise wichtig. Wenn es. Mit jenen etablierten, zentral organisierten Massenmedien verglichen wird, die so viel wirkliches Leben marginalisieren.

Bloggen ist und bleibt das, was wir Bloggenden daraus machen. Jeder Versuch, es präzise zu greifen, ist zum Scheitern verurteilt. Jede scheinbar sachliche Definition geht an der Sache vorbei. Die Frage, was dieses Bloggen eigentlich ist, sie ist genau so schwierig wie die Frage, was so eine menschliche Persönlichkeit eigentlich ist.

Aktueller Nachtrag: F!XMBR ist jetzt schon seit mehreren Stunden offline, und der Hinweis auf der Platzhalterseite spricht von Wartungsarbeiten. Weiß jemand genaueres darüber, was da los ist? Angesichts der Neigung von Webhostern in der BR Deutschland, nach meudalistischer Gutsherrenart durch willkürliches Sperren und Kündigen „Wohlverhalten“ von ihren Kunden zu erzwingen, habe ich kein besonders gutes Gefühl bei dieser Angelegenheit  — und ich würde F!XMBR wirklich vermissen, wenn es verschwände.

Nachtrag zum Nachtrag: F!XMBR ist wieder da, es war „nur“ ein Serverumzug…

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